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Ausgabe 4/05


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Die Gedenkdienst-Stelle am Institut Theresienstädter Initiative (ITI) in Prag

Seit 1996 entsendet der Verein GE­DENKDIENST Zivilersatzdienstleistende an das Prager Institut Theresienstädter In­itiative, das zu dieser Zeit vom bekannten tschechischen Historiker Miroslav Kárný geleitet wurde. Damit ist es einer der äl­testen und best ausgebauten Stellen. Derzeit sind zwei Gedenkdienstleistende am Institut angestellt: Einer davon beschäf­tigt sich hauptsächlich mit der Korrektur von Texten („Lektoratsstelle"), der ande­re mit informationstechnischen Bereichen („Computerstelle").

 

Das Institut wurde 1993 von der The­resienstädter Initiative, einer internatio­nalen Vereinigung ehemaliger Häftlinge des Theresienstädter Ghettos, gegründet. Beide Institutionen befinden sich seit drei Jahren im Zentrum Prags in unmittelbarer Nähe der Maiselsynagoge. Das Gebäu­de, das die beiden Organisationen beher­bergt, diente bis 1942 als jüdische Schule, anschließend bis 1945 als Archiv für das jüdische Zentralmuseum der NS-Okkupanten.

 

Das Institut beschäftigt sich sowohl mit der Geschichte des Holocausts in Böhmen und Mähren im Allgemeinen, sowie mit der einzigartigen Geschichte des ehemaligen Ghettos in Theresienstadt im Speziellen. Zu diesem Zwecke gibt es Kooperationen mit diversen Organisationen in Israel, USA, den Niederlanden, Deutschland und natür­lich Österreich.

 

Einerseits betreut das ITI neben der eigenen Homepage (http://www.terezin-studies.cz) auch die Seite „http://www.ho-locaust.cz" auf der wöchentlich in tsche­chischer Sprache Neuigkeiten, Buchrezensionen und Fachartikel präsentiert werden. Für diesen Bereich ist unsere Kollegin Tereza Štěpková die Hauptverantwortliche, den technischen Teil der Aktualisierung übernimmt der Gedenkdienstleistende an der „Computerstelle".

 

In gedruckter Form werden jedes Jahr die Theresienstädter Studien und Doku­mente publiziert, welche seit 1994 auf Deutsch und seit 1996 auch auf Tsche­chisch erscheinen. In dieser Buchreihe veröffentlichen internationale Historiker Beiträge mit den neuesten, Wissenschaftlichen Erkenntnissen über Theresienstadt und den Holocaust in den böhmischen Ländern. Die deutschen Texte werden vom Gedenkdienstleistenden an der „Lektorats­stelle" auf Grammatik-, Auslassungs- und Rechtschreibfehler überprüft. Vor allem werden die übersetzten Texte hierbei sti­listisch verbessert. Außerdem werden die Anmerkungen der einzelnen Texte einheit­lich formatiert. Danach werden die Texte in Zusammenarbeit mit PhDr. Jaroslava Milotová, seit 2001 Direktorin des Instituts und Herausgeberin der Studien und Do­kumente, auf Plausibilität und historische Richtigkeit überprüft.

 

Ein weiteres Projekt ist die Digitalisie­rung der Tagesbefehle, die zu Protekto­ratszeiten das Leben und den Alltag der Häftlinge im Theresienstadter Ghetto bis ins kleinste Detail regeln sollten. Der Älte­stenrat, der dem Ghetto offiziell vorstand, veröffentlichte beinahe täglich solche An­ordnungen. Diese betrafen beispielsweise den Wäscheturnus, die Durchschleusung der Transporte sowie allgemeine Verbote. Des Weiteren wurden auch Urteile des Ghettostrafgerichts. Geburten. Todesfälle usw. in den Tagesbefehlen bekannt gege­ben. Die überlieferten Tagesbefehle sollen m Buchform publiziert werden, wobei der Gedenkdienstleistende die noch nicht er­fassten Dokumente digitalisiert und erste Korrekturen vornimmt.

 

Das Institut verfügt über eine umfang­reiche Datenbank mit Informationen zu sämtlichen Häftlingen Theresienstadts. Der Gedenkdienstleistende verknüpft die in den Tagesbefehlen genannten Per­sonen mit der Datenbank. Dies zeugt davon, dass sich die Datenbank ständig verändert und verbessert. Ziel der Daten­bank ist es, Informationen über alle The­resienstädter Inhaftierte bereitzustellen: Name, Geburtsdatum. Deportation nach Theresienstadt oder weiter in ein anderes Lager, Schicksal (Ort und Tag des Todes in Theresienstadt oder anderen Lagern, Deportation aus Theresienstadt, Ort der Befreiung uva.). Die Daten werden laufend mit anderen Forschungseinrichtungen ab­geglichen und die Applikation zum Webzu­griff weiterentwickelt. Die Datenbank soll in weiterer Folge auch anderen Institutionen zugänglich gemacht werden. Für die Da­tenbank sowie andere IT-Angelegenheiten des Instituts ist Michal Frankl zuständig, der dabei vom Gedenkdienstleistenden der „Computerstelle" unterstützt wird.

 

Im Rahmen des Projektes „Teresinské Album" wird die Datenbasis um digitali­sierte, personenbezogene Dokumente wie Reisepässe oder Leumundszeugnisse, die meist zwecks Auswanderung beantragt wurden, erweitert. Den in der Datenbank enthaltenen Personen werden die entspre­chenden Akten der Zeiträume 1931-1940 und 1941-1950 des Polizeibestandes des Prager Staatsarchivs zugeordnet. Das In­stitut hat zwei Mitarbeiterinnen eingestellt, die den Bestand des Archivs durchfor­sten, um für das Projekt relevante Doku­mente für die Digitalisierung aus wählen zu können. Ziel dieses Projektes ist es, einen persönlicheren Zugang zu den Ein­zelschicksalen und Persönlichkeiten der Opfer zu ermöglichen sowie die Auskunfts­möglichkeiten des Instituts für Angehörige zu verbessern.

 

Die Datenbank bildet auch die Grundla­ge für weitere Publikationen, wie etwa die Theresienstädter Gedenkbücher. Hierbei handelt es sich um Bücher, die unter an­derem Verzeichnisse mit grundlegenden

 

Informationen (Name, Geburtsdatum, Schicksal, Transport) zu den Opfern des Theresienstädter Ghettos enthalten. Bis­her erschienen drei Ausgaben, mit tsche­chischen, deutschen und österreichischen Opfern. Der letzte Band, gemeinsam mit dem Dokumentationsarchiv des Österrei­chischen Widerstands vorbereitet, wurde im Oktober 2005 bei einer Pressekonfe­renz im österreichischen Kulturforum in Prag präsentiert.

 

Das Institut arbeitet auch an einem An­ne Frank Projekt mit. Dieses geht vom Anne Frank Haus in Amsterdam aus und wird in Zusammenarbeit mit Tschechien, Österreich, Deutschland, Italien und Groß­britannien realisiert. Ziel ist die Erstellung einer interaktiven Homepage für Schüle­rinnen und Studentlnnen, die neben der Geschichte von Anne Frank die landes­spezifische Geschichte des Holocausts beinhalten soll. Zu diesem Zwecke durch­suchte unsere Kollegin Tereza Štěpková die Zeitungssammlung im Prager Staats­archiv, um geeignete Dokumente zu digi­talisieren.

 

Ein weiteres, langfristiges Projekt des Instituts hat jüdische Flüchtlinge in die und aus den böhmischen Ländern zwischen 1933 und 1945 zum Inhalt. Die Bereiche Flüchtlingspolitik, Hilfsorganisationen, Emigration sowie generell die Situation jüdischer Flüchtlinge sollen genauer be­arbeitet werden. Dazu werden neben Li­teratur und anderen gedruckten Quellen wie Zeitungsberichten auch Zeugnisse Überlebender sowie Archivbestände he­rangezogen. Die Veröffentlichung der For­schungsergebnisse ist für das Jahr 2006 geplant.

 

Außerdem verfügt das Institut über eine Bibliothek mit etwa 4500 Büchern in ver­schiedenen Sprachen zur Thematik des Holocausts, des Antisemitismus und des Faschismus. Neben unserer Bibliothekarin Frau Dušková arbeitet auch unsere Se­kretärin Frau Hlasová dort. Das Büro der Direktorin und die Arbeitsstätte sonstiger am Institut beschäftigter Personen und Gedenkdienstleistenden befinden sich in einem abgetrennten Raum gegenüber der Bibliothek.

 

Die räumliche Nähe und organisato­rische Integration erleichtert die Zusam­menarbeit zwischen den Mitarbeitern des Instituts und den Gedenkdienstleistenden. Die Kommunikation wird auch dadurch er­leichtert, dass die meisten Angestellten am ITI fließend Deutsch sprechen. Die angenehme Atmosphäre ist auch durch mehrere ehemalige Gedenkdienstleisten­de ersichtlich, die den Kontakt zum Institut und deren Mitarbeiter über Jahre hinweg aufrechterhalten.

 

Jeden Montag findet ein österreichisch-deutsch-tschechischer Stammtischen statt, der meist durch Michal Frankl vom ITI organisiert wird. Dort kommen Mitar­beiter und Freunde des Instituts, meist Hi­storiker, aber auch immer wieder ehema­lige Gedenkdienstleistende aus Prag oder Theresienstadt zusammen, was nicht nur einen regen fachlichen Austausch mit sich bringt, sondern auch hilft, rasch Freunde und Bekannte zu finden und schneller Tschechisch zu lernen.

 

Stefan Lasser und Markus Rief,

Gedenkdienstleistende am Institut Theresienstädter Initiative in Prag seit Sommer 2005