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Ausgabe 4/05


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Die Sudetendeutsche Heimatfront

Zu den umstrittensten Kapiteln der Ge­schichte der Deutschen in Böhmen und Mähren zählt die Sudetendeutsche Hei­matfront (SHF) bzw. Sudetendeutsche Partei (SdP).

 

Im Oktober 1933 gründete der sudeten­deutsche Turnlehrer Konrad Henlein die Sudetendeutsche Heimatfront. Konrad Henlein war seit 1931 Verbandsturnwart und damit „höchster mannschaftlicher Turner" des deutschen Turnverbands in der Tschechoslowakei.1 Schon in seiner Zeit im Deutschen Turnverband schloss er sich dem „Kameradschaftsbund" an, eine elitäre Gruppe innerhalb der Turner­schaft, die Anhänger der Lehren des öster­reichischen Gesellschaftswissenschaftler Othmar Spanns waren. Henlein formte den Deutschen Turnverband nach seinen Vorstellungen vom „Turnverband zu ei­ner volkspolitischen Bewegung" um. Nach dem Saazer Turnfest im Juli 1933 wech­selte Henlein in die Politik. Sein Ziel war die Gründung einer „sudetendeutschen Einheitsbewegung", mit deren Hilfe die Interessen der Deutschen in der tschecho­slowakischen Republik vertreten werden sollten.

 

Der Zeitpunkt der Gründung fiel jedoch fast zeitgleich mit der Selbstauflösung der Deutschen Nationalsozialistischen Par­tei (DNSAP) und der Deutschnationalen Partei (DNP) zusammen. Beide Parteien lösten sich am 28. September 1933 selbst auf und kamen so ihrem Verbot durch die Behörden zuvor. Daher kam der Ver­dacht auf, die SHF sei von vorneherein als Auffangbecken für die Anhänger dieser Parteien geplant gewesen und sei somit eine Nachfolgepartei der nationalsozia­listischen Parteien. Natürlich besaß die SHF für die Mitglieder der aufgelösten nationalsozialistischen Parteien eine hohe Anziehungskraft, unterschied sie sich in ihren Grundzügen durch ihren Antimarxismus, Antiliberalismus, Antiindividualsimus und Antikapitalismus und ihr Ziel, eine „alle Volksgenossen erfassende Volksgemein­schaft ohne Klassen- und Parteikonflikte" zu errichten nicht von der Ideologie der nationalsozialistischen Parteien.2

 

Dies ist auch eine der Ursachen für die verschiedene Wahrnehmung der Partei durch die Historikerinnen. Immer wieder wurde über den Charakter der SHF/SdP gestritten, zuletzt löste der Artikel von Bo­yer und Kučera eine heftige Diskussion um die Ideologie der SHF aus. Strittig ist, ob die SHF SdP schon 1933 eine originär nationalsozialistische Partei war oder dies erst Kurz vor „München" wurde, inwieweit de NSDAP aus Deutschland Einfluss auf die Entwicklung ausübte und ob die von Henlein versicherte Treue zur Demokratie und zum tschechoslowakischen Staat nur taktischem Kalkül entsprangen.3

 

 

Programm

 

Für Henlein bestand die SHF jedoch mehr als nur in einer Nachfolgepartei. Für ihn und die restliche Führungsspitze aus dem Kameradschaftsbund war weniger die Hitlerische Ausformung des National­sozialismus ausschlaggebend als viel­mehr die Lehren Othmar Spanns Das Ziel war der Aufbau eines ständisch orga­nisierten Sudetendeutschtums, weiches mit „einer Stimme" die Interessen der Su­detendeutschen gegenüber dem tschechoslowakischen Staat vertreten sollte. Ein Programm hatte die SHF/SdP nie, dies entsprach dem ihrem Anspruch, keine po­litische Partei im klassischen Sinne sein zu wollen. Einige Forderungen der SHF können jedoch durchaus als programma­tische Aussagen gewertet werden. In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1934 wird gefordert:

 

1.  Überwindung des Parteizwistes im Su­detendeutschen Volke zu Gunsten ei­ner geschlossenen, unter einheitlicher politischer Führung stehenden Volks­gemeinschaft.

2.  Aufbau dieser einheitlichen Volksge­meinschaft und Bekämpfung der so­zialen Not durch die Anwendung des ständischen   Gliederungsgedanken. durch den das Gesamtwohl wieder an die erste Stelle rückt und die be­rechtigten Teilinteressen der einzelnen Stände und Berufsschichten gerecht und sinnvoll vertreten werden können,

3.  Sachliche,  den gegebenen  Verhält­nissen entsprechende Realpolitik, die unter Anerkennung   unserer   schicksalhaften  Verbundenheit  mit  Boden und Raum unseren Staat bejaht, eine Verständigung mit dem tschechischen Volke anstrebt und unter Wahrung der sudetendeutschen Volksgüter zu einer aufrichtigen Mitarbeit im Staate bereit ist.4

 

Anhand dieser Forderungen erkennt man die Gründe für die Heterogenität der SHF: Die erste Forderung lässt den Alleinvertretungsanspruch der SHF erkennen und. eingeschränkt, das Führerprinzip, in der zweiten Forderung wird die Ideologie des Führungszirkels propagiert. a s Spannsche Idee vorn ständischen Volkswesen und die letzte Forderung betont das Bestreben, die staatliche Ordnung zu respektieren und zu einer Zusammenarbeit im Staat bereit zu sein.

 

 

Aufstieg

 

Mit diesem „Programm" hatte die SHF erstaunlichen Erfolg. Überall in den deutsch besiedelten Gebieten gründeten sich neue Ortsgruppen, der Mitgliederzulauf übertraf die höchsten Erwartungen und die SHF veranstaltete regelmäßig Großveranstal­tungen,5 auf denen mehrere zehntausend Menschen zusammenkamen, um Konrad Henlein zu hören. Das schnelle Wachstum und vor allem die großen Massenveran­staltungen weckten die Angst des Staates. Stimmen wurden laut, die SHF sei der sudetendeutsche Ableger der NSDAP und verfolge nur ein Ziel: den Anschluss an das deutsche Reich. Für die ersten Jahre der SHF kann diese Befürchtung jedoch nicht bestätigt werden. Die SHF ging weniger gegen den tschechischen Staat vor und propagierte auch nicht der Anschluss, ihr Wirken zielte vielmehr, gemäß ihrem „Pro­gramm", darauf ab, unter den Sudeten­deutschen Parteien die führende Position zu erlangen. Mit dem Bund der Landwirte und der Partei der Gewerbetreibenden wurden Verhandlungen geführt, diese in die SHF als jeweilige Ständeorganisati­on zu überführen, die Sozialdemokraten und Kommunisten wurden als „Feinde des Volks" bekämpft.

 

 

Wahlen

 

Auf die Wahlen im Mai 1935 bereitete sich die SHF intensiv vor. Alle Ortsgruppen erhielten genaue Order, wie vorzugehen sei. In der Hauptleitung der SHF wurde der Wahlkampf detailliert geplant, es wur­den Flugblätter gedruckt, die jede soziale Gruppe und jeden Berufsstand anspra­chen, sich der „Bewegung" anzuschließen und für die SHF zu stimmen. Besonderen Wert legte man auf die Person Konrad Henleins, zusätzlich zur Aufforderung, die SHF zu wählen, wurde auch immer aufgefordert, Konrad Henlein zu wählen. Henlein unterstützte dies noch, indem er auf eine Wahlkampfreise durch fast al­le kleineren und größeren Städte in den deutsch besiedelten Gebieten ging und überall eine Rede hielt. Allerdings kandi­dierte Henlein, gemäß seinem Anspruch, kein Politiker zu sein, gar nicht selbst. Er fungierte lediglich als Integrationsfigur. In diesem Punkt scheint ein Vergleich mit dem Personenkult um Hitler durchaus ge­rechtfertigt, jedoch unterscheidet sich der Wahlkampf der SHF sonst völlig von dem der NSDAP. Antisemitische Töne waren, im Gegensatz zu Deutschland sehr sel­ten und eine Terrorisierung der politischen Gegner durch den „Kampf auf der Straße", wie er am Ende der Weimarer Republik üblich war, fand in der Tschechoslowakei kaum statt.

 

Allerdings musste sich die SHF kurz vor der Wahl umbenennen, um einem Verbot zu entgehen. Sie nannte sich „Sudeten­deutsche Partei, Vorsitzender Konrad Henlein", auch hier wieder die Betonung der Person Henleins.

 

Trotz dieser Umbenennung gelang der SdP etwas, was der NSDAP trotz ihres Terrors in der Weimarer Republik ver­wehrt blieb: ein triumphaler Sieg. Die SdP schaffte es, 66% der sudetendeutschen Stimmen auf sich zu vereinigen. Hinzu kommt, dass sie, gemessen an absoluten Stimmen, stärkste Partei der Republik ge­worden war. Nun hatte die SdP nicht nur den Anspruch, sondern auch die Legiti­mation, als Vertretung aller Sudetendeut­schen aufzutreten.

 

 

Fazit

 

Viele Anhänger der 1933 aufgelösten nationalsozialistischen Parteien suchten ihre neue Heimat in der SHF, der Füh­rungszirkel folgte jedoch den Lehren Othmar Spanns. Es wurden also nicht nur Nationalsozialisten sondern auch „traditi­onelle" Volkstumspolitiker angesprochen. Dadurch tobte in der „Bewegung" ein Richtungskampf, der eine eindeutige ide­ologische Einordnung der Partei schwierig macht.

 

Womöglich machte diese „Uneindeutigkeit" aber auch den Erfolg der Partei aus. Solange kein eindeutiges politisches Profil bestand, blieb die „Bewegung" auch für jeden, mit Ausnahme der Kommunisten, wählbar. Zudem erschuf die „Bewegung" ein diffuses Zusammengehörigkeitsgefühl, das bisher angesichts der politischen und geografischen Zersplitterung der Deut­schen nicht gegeben war aber aufgrund der wirtschaftlichen Notlage begrüßt wur­de. In diesem Rahmen sprechen die Ver­sicherungen Henleins, demokratie- und staatstreu zu sein, nicht nur den Staat an, sondern auch die gemäßigten Schich­ten der Sudetendeutschen Bevölkerung. In der Wahrnehmung der Bürger nahm die SHF so immer eine andere Stellung ein, für die Nationalsozialisten waren die Versicherungen, Staatstreu zu sein, nur Taktik, die gemäßigten Schichten glaubten den Äußerungen der Parteiführung und betrachteten die radikaleren Nationalso­zialisten als „notwendiges Übel". Dies wä­re eine Möglichkeit, den überwältigenden Erfolg der SHF/SdP bei der Wahl 1935 erklären.

 

Bisher wurde in der Forschung über die Bedeutung der SHF/SdP oft über den Charakter dieser Partei diskutiert. Sie wur­de als „5. Kolonne" Hitlers gedeutet und diente beiden Seiten, sowohl der tsche­chischen als auch der deutschen als Argu­mentationshilfe für oder gegen die Verur­teilung der sudetendeutschen Politik in der ersten Republik und im Protektorat.

 

Wurde die NSDAP in ihrer Entwicklung mittlerweile bis in die kleinsten Details er­forscht, so fehlen für die SHF bzw. die SdP Studien zu den Einzelaspekten der Partei. So wurde z.B. nie untersucht, wie die Entwicklung der SHF in der Provinz aufgenommen wurde oder wie es die SHF geschafft hat, in das sozialdemokratisch geprägte Arbeiterlager einzubrechen. Hat der Antisemitismus tatsächlich keine Rolle gespielt bzw. welche Rolle nahm er im „Volkstumskampf" der 30er-Jahre ein? Auch der Wahlkampf der SHF selbst ist bisher nicht einer genaueren Untersu­chung unterzogen worden. Diese Lücken in der Forschung sollten gefüllt werden, be­vor der erneute Versuch gemacht wird, den Charakter der SHF/SdP zu bestimmen.

 

Marco Zimmermann,

Historiker, schreibt seine Magisterarbeit über die Sudetendeutsche Heimatfront in Düsseldorf und Prag

 

1   Luh, Andreas, Der deutsche Turnverband in der ersten tschechoslowakischen Republik, München 1988, S.182.

2   Boyer, C., Kučera, J., Die Deutschen in Böhmen, die Sudetendeutsche Partei und der Nationalso­zialismus, in: Möller, Horst, Wirsching, Andreas, Ziegler, Walter, (Hrsg.), Nationalsozialismus in der Region, München 1996, S. 276/277.

3   Ausführlich ist diese Diskussion abgedruckt in: Bohemia 38, 1997, S. 357 - 385. und Bohemia 39, 1998, S. 97- 109.

4   Vom Wesen und Werden der Sudetendeutschen Heimatfront, Karlsbad 1934, S. 26.

5   Z.B. die Versammlung in Böhmisch - Leipa am 21. Oktober 1934, an der ca. 20 000 Menschen teilnahmen.