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Ausgabe 4/05


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Österreichische Jüdinnen und Juden in Theresienstadt

Der neue Band des Theresienstädter Gedenkbuches

 

Insgesamt 18 166 Namen von Jü­dinnen und Juden werden in dem Ende 2005 erschienenen Band des Theresien­städter Gedenkbuches verzeichnet. Alle wurden im Ghetto Theresienstadt inhaf­tiert und alle stammten aus Österreich oder wurden aus Österreich deportiert. Das neue Gedenkbuch ist ein Ergebnis des langjährigen Forschungsprojekts des Instituts Theresienstädter Initiative in Prag und des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands in Wien. Dank der großen Anzahl der für die Erforschung und Verifizierung der Daten ausgewer­teten Quellen, bietet das Gedenkbuch eine wesentlich bessere Dokumentation der Schicksale der Theresienstädter Häftlinge aus Österreich als die zwei früher in Österreich herausgegebene Bände. Das arbeitsaufwendige Vergleichen der Listen sowie das Eintragen in die Datenbank wä­re auch ohne die Hilfe mehrerer Gedenk­dienstleistender, die im Institut Theresien­städter Initiative arbeiteten, nicht möglich gewesen. Der neue Band des Theresien­städter Gedenkbuches ist deswegen auch ein greifbares Ergebnis der Aktivitäten von Gedenkdienst.

 

Das Gedenkbuch dokumentiert Namen und Schicksale von drei Opfergruppen. Die erste und weitgehend zahlreichste enthält diejenigen Häftlinge, die mit Transporten angeführt werden in diesem Gedenkbuch die Namen und Schicksale derjenigen un­garischen Juden, die aus anderen Lagern und Richtungen in den letzten Kriegstagen nach Theresienstadt verschleppt wurden.) Viele österreichische Jüdinnen und Juden suchten in der Emigration einen Ausweg vor der nationalsozialistischen Verfolgung, nicht wenige von ihnen wurden jedoch in anderen Teilen des besetzten Europas von den deutschen Machthabern eingeholt und aus Österreich (meistens aus Wien) nach Theresienstadt kamen. Die zweite Gruppe bilden ungarische Jüdinnen und Juden, die in den letzten Kriegsmonaten (im März und April 1945) aus der Umgebung Wiens nach Theresienstadt verschleppt wurden. (Nicht deportiert. Viele von diesen wurden auch nach Theresienstadt eingeliefert, sie stel­len die dritte Gruppe der österreichischen Häftlinge dar. Die Aufsätze im ersten Teil des Gedenkbuchs sollen die Geschichte Theresienstadts, das alltägliche Leben der Häftlinge im Ghetto und auch Fragen nach den Theresienstädter Kommandanten (al­le drei stammten aus Österreich) sowie der Nachkriegsjustiz näher bringen.

 

Auf den ersten Blick ist ein Gedenk­buch lediglich eine Liste der Opfer der NS-Verfolgung, die Auskunft über Namen und Schicksale der ins Konzentrationslager und Ghettos Deportierten gibt. Im Fall des Theresienstädter Gedenkbuches erfahren wir neben den Namen und Geburtsdaten der Häftlinge auch woher und wann sie nach Theresienstadt verschleppt wurden und - typisch - wann sie in Theresienstadt starben bzw. wann sie aus dem Ghetto in die Vernichtungslager weiterdeportiert wurden. Ein Gedenkbuch ist aber viel mehr als nur eine historische Dokumentation. Es ist vor allem ein Bestandteil des aktiven Gedenkens an die Opfer. Das Buch wird von Überlebenden und den Familien der Opfer verwendet und die Einträge über ein­zelne Deportierte sind nicht nur als Daten­quelle, sondern auch als ein symbolisches Denkmal oder als Grabstein zu verstehen. Die Veröffentlichung des Gedenkbuches sollte auch dazu beitragen, die Verfolgung der jüdischen Minderheit in das kollektive Gedächtnis als einen integralen Bestand­teil der eigenen (also österreichischen und tschechischen) Geschichte einzuprägen.

 

 

Kollektives Gedächtnis

 

Die Bewältigung der Thematik des Ho­locausts ist in Österreich und in Tschechien (bzw. früher in der Tschechoslowakei) ein schwieriger und bis heute nicht beendeter Prozess. In beiden Ländern wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die Verfolgung der Juden als Thema vernachlässigt und war nur ein marginales Element des öffent­lichen Diskurses. In beiden Ländern wur­de die Geschichte des politischen Wider­standes bevorzugt und der Widerstand ge­genüber der deutschen Besatzung betont. Im Folgenden sollte kurz die Entwicklung der Erinnerung an die Shoah in Tschechien skizziert werden.

 

In Theresienstadt wurde (vor allem in den 1950er- und 1970er-Jahren) die Verfol­gung der Kommunisten als Thema bevor­zugt, so dass die Geschichte des jüdischen Ghettos verdrängt wurde. In der Zeit der so genannten Normalisierung (in den 1970er-und 1980er-Jahren) wurde auch das be­eindruckende Holocaust-Denkmal in der Pinkas Synagoge in Prag unzugänglich - offiziell wegen des schlechten Zustands des Gebäudes, vor allem aber wegen der ablehnenden Haltung der kommuni­stischen Stellen die Synagoge restaurieren zu lassen. Als Beispiel für Erinnerung an die Shoah in der sozialistischen Tsche­choslowakei kann auch der Umgang mit der Anzahl der Opfer der Besatzung des Landes während des Zweiten Weltkrieges dienen: Während die Gesamtanzahl der tschechoslowakischen Opfer - 360 000 - in den Schulbüchern sowie in der Öf­fentlichkeit ständig wiederholt wurde, blieb die Tatsache, dass mindestens zwei Drittel dieser Gruppe Jüdinnen und Juden waren, unbeachtet.

 

Erst Anfang der 1990er-Jahre, nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes,    konnten sich die ehemaliger Häftlinge des Theresienstädter Ghettos erstmals frei treffen, organisieren und der Erinnerung an die Opfer öffentlich Aus­druck verleihen. Auch die Gedenkstätte Theresienstadt wurde in dieser Zeit reformiert, die Ausstellungen umgeändert und innerhalb der pädagogischen Tätigkeit wurden neue Akzente gesetzt, so dass auch die Geschichte des Ghettos und der Shoah berücksichtigt wurden. Mitte de 1990er-Jahren wurde dann auch das renovierte Denkmal in der Pinkas Synagoge eröffnet. Zur gleichen Zeit erschienen die ersten zwei Bände des Theresienstadter Gedenkbuchs, in welchen die Namen um Schicksale der Opfer aus den böhmische Ländern dokumentiert wurden.

 

Die Reihe der Theresienstädter Gedenkbücher wurde von der Theresien­städter Initiative, der Vereinigung der Überlebenden, initiiert Die umfangreichen Recherchen wurden von Miroslav Kárný geleitet. Der ehemalige Theresienstädter Häftling und Historiker Kárný sowie seine Frau Margita wurden selbst ein Beweis der mangelnden Reflexion des Themas Ho­locaust in der tschechischen Historiogra­phie: Ihre Wohnung, in einem der Platten­bauten am Rande Prags gelegen, wurde mit Büchern, Kopien der Dokumente und Karteien überfüllt, wodurch die Kárnýs des­wegen de facto offizielle historiographische Stellen ersetzten. Um die Gedenkbücher vorbereiten und veröffentlichen zu kön­nen, gründete Kárný die Stiftung (heute Institut) Theresienstädter Initiative, eine kleine nichtstaatliche Forschungsorga­nisation, die neben den Gedenkbüchern weitere wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht. Darüber hinaus betreibt es eine Anzahl an Forschungsprojekten. Im Jahre 2000 ist ein weiterer Band des The­resienstädter Gedenkbuches erschienen, in dem die Schicksale der Deportierten aus Deutschland dokumentiert wurden.

 

Seit 1989 konnte eine allgemeine Er­innerung an die Shoah und die jüdischen Opfer des Zweiten Weltkrieges in Tsche­chien etabliert werden, was die zahlreichen Schulprojekte, lokale Denkmäler sowie die Aufmerksamkeit der Medien beweisen. Als viel schwieriger erscheint es aber, die Ge­schichte und Verfolgung der jüdischen Min­derheit in den Narrativen der eigenen („na­tionalen") Geschichte zu integrieren und die eingeprägten nationalen Geschichts­bilder zu modifizieren.

 

Michal Frankl,

Historiker, arbeitet am Institut Theresienstädter Initiative und lehrt an der New York University in Prague