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Ausgabe 2/04


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Gedanken zur Diskussion über den Austrofaschismus

Ein Wochenschaubild ist mir von der Gedenkdienst-Tagung besonders im Gedächtnis geblieben: Schuschnigg auf Besuch beim Duce in Venedig. Der Bundeskanzler hebt die Hand zum faschistischen Gruß, um sich anschließend – noch im Zug derselben Bewegung – durch den Scheitel zu streichen; die Hand befand sich nun schon mal beim Kopf. Der Gegensatz zwischen dem siegesbewussten Faschistengruß und einer Verlegenheitsgeste ist voll unfreiwilliger Komik. Betrachtet man die austrofaschistischen Wochenschauen, so hat man viel Grund zu lachen: Die Unprofessionalität ihrer filmischen Machart steht in bestem Einklang mit der allgemein oft unbeholfenen Selbstinszenierung des Regimes und garantiert der heutigen BetrachterIn gute Unterhaltung.

 

Von der Wirkung der schauspielerischen Technik des Slapstick auf das Publikum ist uns bekannt, dass neben Schadenfreude gerne die Zuneigung für den ungeschickten Helden tritt. In dem uns interessierenden Fall erhebt sich jedoch die Frage: Macht Ungeschicklichkeit einen Diktator sympathischer, sind einem autoritären Regime seine Unzulänglichkeiten als „mildernde Umstände" anzurechnen? Gerhard Botz forderte vor kurzem Empathie für den schwitzenden Dollfuß am Strand von Riccione; (Der Standard, 18.2.2004) der korrekt bekleidete „Millimetternich" neben dem Kraftmenschen Mussolini in der Badehose – ein weiteres lächerliches Bild. Mitgefühl erheischt eher das grausame Ende des Engelbert Dollfuß, der im Kanzleramt verblutete und dem die Putschisten selbst noch den Priester verweigerten.

 

Jedoch: Was ändert dieser Tod daran, dass Dollfuß die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie anführte, dass er zwar den Kompromiss mit der Sozialdemokratie ablehnte und den Aufstand im Februar blutig niederschlagen ließ, sich andererseits aber durchaus bemühte, einen modus vivendi mit den Nationalsozialisten zu finden? Letzteres gelang ihm nicht, zu einem Widerstandshelden gegen den Nationalsozialismus wird er indes nur, wenn man die historischen Fakten gehörig verdreht.

 

Vielleicht ist aber die Bewertung von Dollfuß wie der von ihm etablierten Diktatur ohnehin eine bedeutungslose Nebenlinie der politischen Diskussion. Wen kratzt heute noch der Austrofaschismus? Sicherlich eine dunkle Vergangenheit; dunkel freilich auch in einem anderen Sinne: Die überwiegende Mehrheit der ÖsterreicherInnen hat keine lebensgeschichtlichen Erinnerungen an diese Zeit, die dem kommunikativen Gedächtnis allmählich entschwindet. Und war nicht der Nationalsozialismus eine Barbarei ganz anderer Dimension?

 

Wenn schon in der Vergangenheit wühlen, dann gleich dort, wo millionenfach gemordet wurde. In der Tat konzentrierte sich die Zeitgeschichtsforschung in den letzten zwanzig Jahren auf die NS-Herrschaft. Immer wieder kam bei unserer Tagung die Sprache darauf, dass dem 1984 von Wolfgang Neugebauer und Emmerich Tálos herausgegebenen Sammelband („Austrofaschismus". Beiträge über Politik, Ökonomie und Kultur 1934-1938) erstaunlich wenig hinzugefügt wurde. Veränderungen im politischen Klima, die sich seit den Neunzigerjahren vollziehen, legen es indes nahe, die Auseinandersetzung mit dem Austrofaschismus wieder zu intensivieren. Unvermeidlich legt der Blick auf diesen Abschnitt österreichischer Geschichte manche Parallele zur Gegenwart frei. Man denke nur an den prononcierten Katholizismus der Christlichsozialen, der im Widerspruch zu einer zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft stand; oder an eine Wirtschaftspolitik, die das ausgeglichene Budget zu ihrem Mantra machte und dafür hohe soziale Kosten in Kauf nahm. Glücklicherweise trennen uns von den Dreißigerjahren auch enorme Unterschiede. Die vergleichende Betrachtung behauptet aber ohnedies nicht eine Identität, sondern stellt bloß Ähnlichkeiten fest.

 

Oliver Kühschelm

Historiker, leistete 2000/2001 Gedenkdienst an der Fundación Memoria del Holocausto in Buenos Aires