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Ausgabe 2/04


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Interpretations- und Erinnerungsvarianten über Österreich

Wissenschaftliche Studien aber auch alltägliche Meinungsäußerungen sind voll von ganz unterschiedlichen Erklärungsmodellen, warum das fünfjährige Regime in Österreich zwischen März 1933 und März 1938 wie genannt werden sollte, Dollfuß-Schuschnigg-Regime nach den beiden Bundeskanzlern und Führerpersönlichkeiten, autoritärer Ständestaat nach der Selbstbeschreibung und unvollendeten politischen Zielvorstellungen, Diktatur in Österreich nach einer konzisen Analyse der Zerstörung des parlamentarischen Systems, Klerikalfaschismus nach der bedeutendsten ideologischen Legitimationsinstanz, der Katholischen Kirche, Kon­kurrenzfaschismus nach seiner Position zwischen NS-Deutschland und faschistischem Italien oder aber Austrofaschismus, je nach Anerkennung der Zulässigkeit eines generalisierenden Faschismusmodells und je nach Einschätzung der Übereinstimmung der österreichischen Variante mit diesem Modell mit oder ohne Anführungszeichen.

Jede dieser Begriffsbildungen kann als das Ergebnis eines unterschiedlichen Zugangs zur Lösung des Problems gesehen werden, warum und in welcher Weise sich das politische System in Österreich seit den frühen dreißiger Jahren gewandelt, und wer für die politische Praktiken dieses Regimes die Verantwortung zu tragen habe. Das kann als bloß akademischer Streitfall abgetan werden. Aber die ganze Geschichte der unmittelbaren Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bis weit hin in die siebziger Jahre zeigt im Gegensatz zu dieser Auffassung, dass mit der Wahl eines der Begriffe nicht nur das Wesen des Regimes angesprochen werden soll, sondern in klarer Intention ein Urteil damit verbunden war, wer nämlich die Verantwortung für den Untergang der ersten Republik durch die nationalsozialistische Machtübernahme in Österreich zu tragen habe. Schon die zeitgenössische Debatte schied die politischen Kräfte klar, die oppositionellen Sozialdemokraten bevorzugten die klare Zuordnung zum Faschismus und nicht erst am 22. September 1933, als das sozialdemokratische Presseorgan „Gleichheit" in ihrer Schlagzeile die rhetorische Frage „Faschismus oder Ständestaat?" stellte, und sie auch prompt dergestalt antwortete, dass Ständestaat eben nur ein anderer Begriff für Faschismus sei1. Das Regierungslager betonte dagegen in seiner Selbstdarstellung eher den Begriff des Autoritären, der damals in den dreißiger Jahren ja nicht so eindeutig pejorativ konotierte wie etwa in den Jahren nach dem Ende des Krieges oder gar nach 1968.

Diese Interpretationsvarianten und ihre Bedeutung in der öffentlichen Meinung Österreichs folgten aber zudem den sich wandelnden Linien der politischen Machtausübung in Österreich nach der Niederwerfung des NS-Regime, ein wenig auch, aber wie ich meine sehr viel weniger als den Interessen der Politik und sehr viel langsamer, der sich entwickelnden Forschung der Zeitgeschichte und ihrer Nachbardisziplinen, die in bestimmten Perioden manchmal mehr, manchmal weniger eng miteinander verflochten waren. Norbert Lesers These von der geteilten Schuld von Christlichsozialen und Sozialdemokraten korrespondiert mit der Periode der Großen Koalition von ÖVP und SPÖ in Österreich. Die These Gottfried Karl Kindermanns vom Staatswiderstand gegen das nationalsozialistische Regime wurde auf der anderen Seite ein weithin sichtbares Signal für die wiedererwachende Macht des Konservativismus in Österreich und seinen steigenden Einfluss. Die heutige Unsicherheit in der Beurteilung des österreichischen Regimes geht so weit, dass unlängst erst ein junger Forscher resigniert feststellte, „dass es unmöglich scheint, die Phase 1934 bis 1938 auf einen Begriff zu reduzieren."2, während ein anderer zum Problem einer „wirklich treffenden Kennzeichnung" des Regimes, wie er sagt, lakonisch konstatiert, das „interessiert heute die Zeitgeschichteforschung in Österreich ganz offensichtlich nicht mehr."3

Dennoch blieb das Vorläuferregime zum Nationalsozialismus in Österreich immer auch seinetwegen im Gespräch, um Verantwortung zuzuschreiben oder zu teilen. Österreich habe als einziges Land in Europa vor 1938 dem Nationalsozialismus Widerstand geleistet und sei von den Großmächten schmählich im Stich gelassen worden. Das sagen die einen, während die anderen erwidern: Gerade durch die Zerschlagung der Arbeiterbewegung im Bürgerkrieg von 1934 hätten sich die österreichischen Bundesregierungen des wirksamsten Bündnispartners im Kampf gegen das NS-Deutschland entledigt.

Lesers Variante von der geteilten Schuld entsprach dem Harmonisierungsbedürfnis in Österreich in Politik und Gesellschaft nach dem Krieg, Gottfried Karl Kindermann vorgetragene These vom österreichischen Staatswiderstand gegen das nationalsozialistische Deutschland entsprach dem Rechtfertigungsbedürfnis der österreichi­schen Konservativen. Beide aber dienten der Untermauerung der lange geschichtsmächtigen Auffassung von der Opferrolle Österreichs und der Österreicher, das eine Mal schicksalshaft unausweichlich, das andere Mal in voller Unschuld interpretiert. Dagegen blieben Interpretationenvarianten in generalisierender Absicht in den siebziger Jahren weniger gesellschaftlich wirksam. Daneben entwickelte sich aber eine Forschungslinie in empirisch-pragmatischer Absicht, die in kühler Analyse der Dokumente und gelegentlicher wichtiger Aktenfunde die These von den so-zioökonomischen und politstrategischen Gründen des Übergangs zur Diktatur in Österreich ausarbeiteten. Ohne Notwendigkeit, das Regime direkt faschistisch zu benennen ermittelte zuerst Peter Huemer in seiner Arbeit über Sektionschef Hecht den Strategen des Übergangs, zeichnete dann Manfred Hahn den Übergang von der Demokratie zur Diktatur auf politischem Feld Schritt für Schritt nach und ermittelte Karl Haas die Interessenslage der Industrievertreter.

Diese Arbeiten entwickelten sich, wie auch jene vorgegangenen von Gerhard Botz, in einer nächsten Phase im Umfeld der Diskussion, die vor allem in dervon den beiden Großparteien gegründeten Wissenschaftlichen Kommission zur Erforschung dieser kritischen Zeitspanne und ihrer Vorgeschichte geführt wurde. Mögen manche Interpretationsvorschläge auch nur als Apercus stehen geblieben und nicht weiter ausformuliert worden sein, sie reizten zum Widerspruch oder verlangten Aufmerksamkeit: die autoritäre Demokratie, als die der spätere ÖVP-Handelsminister und Vize­kanzler Fritz Bock das Regime gerne sehen wollte, in dem er früher tätig gewesen war; oder die Auffassung Adam Wandruszkas, des bedeutenden Gelehrten des Hauses Habsburgs und des italienischen Risorgimentos, es müsse der Rückgriff auf neoabsolutistische Herrschaftsformen der Habsburgermonarchie sehr viel mehr beachtet werden. Immerhin, Wandruszkas Zugang könnte mit dem Instrumentarium Silvio Trentins, des italienischen Staatsrechtlers und Giellisten, weiterentwickelt werden, der in seiner Analyse die Verselbttändigung des Verwaltungs- gegenüber dem Verfassungsstaat als treibende Kraft hin zum Faschismus ermittelte. Gewiss, das brächte nur eine Teilerklärung des Charakters des Regimes, denn sie müsste durch eine Theorie der tatsächlichen, teilweisen, aber immer beabsichtigten Kontrolle der Massenbewegungen in den modernen Gesellschaft ergänzt werden.

Auf der Suche nach dem Wesen des österreichischen Regimes sind jedenfalls mehrere Felder aufzuspüren, seine Einrichtung, seine Mittel der Aufrechterhaltung der Herrschaft nach innen und nach außen, dann aber stellt sich unausweichlich die Frage nach den Ursachen seines

Reihe ungelöster, ja vielleicht unlösbarer Fragen stoßen, in der einen oder anderen Weise werden auch Varianten von Antworten zu liefern sein.

Was meint denn autoritär in der Benennung des österreichischen Regierungssystems nach 1933, und in welcher Weise unterscheidet es sich vom politischen System davor. Das ist eine einfache und auch häufig gestellte Frage, und eine erste Antwort kann nur lauten: Autoritär war nicht nur das Regime, autoritär war damals die ganze Gesellschaft - auch davor. Der gesamte Verwaltungsstaat war nicht demokratisch strukturiert. Auch die Mentalität der Menschen hatte sich seit den Tagen der Monarchie und ihrem hierarchisch ausgebildeten politischen System vor allem auf lokaler und regionaler Ebene nicht so rasch geändert. Allgemeine politische Partizipationsmöglichkeit an der Gestaltung des Landes war nicht nur lange Zeit auf regionaler und lokaler Ebene beschränkt gewesen, auch die Frauen hatten das Wahlrecht erst 1919 zugestanden erhalten.

So blieben viele politische und soziale Felder auch in der Phase der parlamentarischen Demokratie von dieser unberührt. Dazu kam die Bereitschaft oder der Zwang, die Rechte des Parlaments gegebenenfalls einzuschränken, wie das schon vor 1933 geschehen war. So z.B. im Zusammenhang mit der Sanierung der Staatsfinanzen in den zwanziger Jahren, als die Völkerbundkontrolle ganz erhebliche Einschränkungen parlamentarischer Macht mit sich brachte; damals allerdings mit Zustimmung der Sozialdemokraten und nicht durch die Regierung allein, sondern durch einen außerordentlichen Kabinettsrat, ausgestattet mit Sondervollmachten. Die Verfassungsreform von 1929 verstärkte noch den Einfluss von Bundespräsidenten, Regierung und Verwaltungskörperschaften und ermöglichte der Polizei mit Verordnungen regulierend direkt in das gesellschaftliche Leben einzugreifen, ein Instrument, das, nebenbei bemerkt, die Staatsgewalt noch in den achtziger Jahren in der Auseinandersetzung mit der ökologischen Bewegung in Anspruch nahm.

Und der Einsatz von Gewalt gegen den politischen Gegner war nicht nur nicht verpönt, sondern alltäglich, stand auf der Tagesordnung. Unzählige Male ist das österreichische Bundesheer gegen streikende oder demonstrierende Arbeiter zugunsten der konservativen Lokal- oder Regionalregierungen eingeschritten. Individuelle und kollektive Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung ist, wie Gerhard Botz in einer unglaublichen Vielzahl von Fällen ermittelte, aus der Vorgeschichte der Diktatur in Österreich nicht wegzudenken.

Aber in einigen Fällen wird auch der bruchlose Übergang exekutiver Macht am Verhältnis zu Minderheitengruppen deutlich, besonders den Roma/Zigeunern. Als die Regierung Schuschnigg 1935 die allgemeine Ausweispflicht einführte, um die Kontrolle der Bevölkerung und aller ihrer Bewegungen sicherzustellen, waren Roma schon seit Jahrzehnten, auch ohne straffällig geworden zu sein, routinemäßig durch die Polizei wie Verbrecher fotografiert und daktyloskopiert worden. Und als im Jahre 1933 die führenden Regionalpolitiker und Verwaltungsbeamten des Burgenlandes zusammenkamen, um ihre Politik gegenüber den Zigeunern zu besprechen, die in ihrer großen Mehrzahl in Österreich östlichstem Bundesland lebten, da waren schon  alle  Verfolgungsmaßnahmen  des späteren NS-Regimes in Österreich in den Köpfen gegenwärtig, nein: direkte Tötung noch nicht. Aber: Konzentrierung in Lagern, Sterilisierung oder Vertreibung auf eine Insel im Stillen Ozean.

Gewöhnlich werden die Ereignisse des 4. März 1933 als Ausgangs- und Bezugspunkt zur Erklärung des Bruchs zwischen parlamentarischer Demokratie und Diktatur genommen. Aber lange Zeit, und gelegentlich auch heute noch, herrscht bis weit in die Schulbücher und die Tagespublizistik gewaltige terminologische Verwirrung, indem von der so genannten Selbstausschaltung des Parlaments gesprochen wird, und nicht in jedem Fall, das muss man hinzufügen, um die Aktionen der Regierung zu rechtfertigen oder zu verharmlosen, oder sogar so etwas wie eine Zwangslage für sie zu erfinden, sondern aus purer Unwissenheit oder Schlamperei. Denn an der Tatsache des Verfassungsbruchs der Regierung Dollfuß im Bündnis mit den Heimwehren besteht überhaupt kein Zweifel, und nicht nur die wissenschaftliche Forschung besteht mit Recht darauf, dass es sich weder um eine Selbstausschaltung noch um eine solche des Parlaments gehandelt habe. Nur das Plenum der ersten Kammer des Parlaments, das Plenum des Nationalrates, war aufgrund eines Geschäftsordnungsmangels aktionsunfähig geworden. Und es hätte eine ganze Anzahl von verfassungstreuen Möglichkeiten gegeben, es wieder in Gang zu setzen, wenn es die Regierung und der christlichsoziale Bundespräsident nur gewollt hätten.

Sie wollten es aber nicht. Wenn auch die Ausschaltung des Parlaments im eigentlichen Sinne nicht geplant, sondern die passende Gelegenheit genutzt war, so langfristig und vielfach war sie gewünscht, gefordert und geplant worden. Nicht nur von den Heimwehren, die schon Anfang der zwanziger Jahre gemeinsam mit ungarischen Revisionisten und deutschen Freikorps ein Wiedereroberungsprogramm Ostmitteleuropas planten und sich dann, finanziert von österreichischer Industrie und politisch gestützt durch die Christlichsozialen in die Arme Mussolinis warfen, nein, auch konservative Wirtschaftstheoretiker sahen den Weg aus der Krise nur in der Diktatur.4 Und schließlich verlangte der Industriellenverband schon im Jahr vor dem Verfassungsbruch für die Regierung Buresch außerordentliche Vollmachten zur Senkung der Lohnkosten und allgemeinen Verbesserung der Kapitalverwertungsbedingungen, wie Karl Haas nachweisen konnte.

Ebenso wie als Beginn einer neuen Phase, nämlich des von Peter Huemer so treffend bezeichneten „Staatsstreichs auf Raten", kann daher der 4. März 1933 auch als Abschluss eines Prozesses gesehen werden, die Wende von der Planungsphase zur Durchführung im Übergang zur Diktatur markiert. Mit den Sozialdemokraten war das nicht zu haben. So waren alle Maßnahmen der Regierung gemeinsam mit der zur Hilfspolizei verstaatlichten Heimwehr auf die Ausschaltung der Sozialdemokratie gerichtet, zuerst ihrer politischen Manövrierfähigkeit, dann ihrer Organisation.

Die Wahlen 1930, die die Sozialdemokratie zur stärksten Partei gemacht hatten, und die Regionalwahlen von 1932, die den Aufstieg der Nationalsozialisten in Österreich ankündigten, hatten dem Regierungsbündnis schon gezeigt, dass die Macht mit der Waffe des Stimmzettels nicht zu halten war. Was schließlich am 7. März dann mit der Einschränkung der Grundrechte, der Pressefreiheit, Vereins- und Versammlungsfreiheit5, sogleich begann, setzte sich in der Lahmlegung der Obersten Gerichte fort und endete im Bürgerkrieg vom Februar 1934.

Die neue Verfassung war christlich, deutsch, autoritär-hierarchisch und tendenziell monarchisch. Ihr großes Versprechen bestand in der Versöhnung von Kapital und Arbeit in den Ständen. Aber weder die Versöhnung noch die Bildung der Stände gelang dem neuen Regime. Denn die Ziele der Umgestaltung des Staates sind direkt an der Sozialpolitik und an der Wirtschaftspolitik abzulesen. Oberstes Ziel blieb die Geldwertstabilität, Außenhandels- und Agrarpolitik hatten zum Schaden der Betroffenen diesen Vorrang anzuerkennen, der auch die Arbeitsmarktpolitik behinderte. Die Massenarbeitslosigkeit wurde nicht beseitigt, die Arbeitsbeschaffung verriet wenig innovatives Po­tential. So blieb es bei der Verwaltung der Armut und der sichtbaren Parallelität von Sozialabbau und Ausbau der staatlichen Machtmittel in Polizei und Militär.

Das hätte alles nicht ohne die Unterstützung des faschistischen Italiens geschehen können, aber es war nicht Mussolini, sondern Dollfuß, der die Diktatur errichtete. Die Zerschlagung der Arbeiterbewegung im Februar 1934 festigte das Bündnis zwischen Dollfuß und den Heimwehren, stärkte aber die Stellung des Regimes im Ausland. Frankreich, Großbritannien und Italien gaben Garantieerklärungen ab, mit Italien und Ungarn schloss Österreich ein Wirtschaftsbündnis. Wäre nicht NS-Deutschland und die aggressiven österreichischen Nationalsozialisten gewesen, mit denen er sich zuerst nicht arrangieren konnte und dann nicht mehr wollte, Dollfuß hätte selbst sein Regime zu einem Höhepunkt führen können. So starb er unter den Kugeln der Putschisten des Juli 1934.

Was seinem lebenden Körper versagt blieb, die Einheit des Österreichischen zu stiften, das sollte sein toter, gleichsam sakralisierter Leib erringen. Die Gestaltung des Gedenkens an ihn als den Märtyrerkanzler wurde Teil des ideologischen Erziehungsprogramms seines Nachfolgers Schuschnigg. Kirchen und Kapellen ehr­ten Dollfuß, Denkmäler erinnerten an ihn. So manches Dollfußbild ziert noch da und dort die alte Stube in Tirol. Und tatsächlich, blickt man auf das Foto der Gedenkfeier an Dollfuß auf dem Heldenplatz in Wien, man wähnt die Menschenmassen von 1938.

Die außenpolitische Sicherheit des Regimes, sie hielt nicht lange. Den italie-

nische Angriff auf Äthiopien überstand sie nicht. Eingebettet in Völkerbund und Sonderbeziehung zu Italien gelang ihm nichts, was beider Konflikt versöhnte. Ganz im Gegenteil, mehr und mehr wurde es in die Arme Deutschlands getrieben.

Die Massen hatte es durch die Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht gewinnen, die sie gewonnen durch die Österreich-Ideologie nicht halten können. Auch die Bündnispartner in den ökonomischen Führungsschichten wenden sich ab, als der erwartete Erfolg nicht eintritt und der deutsche Wirtschaftsaufschwung verführerisch Gewinn verspricht. Und da und dort, man weiß es ganz sicher erst später, wenden sich auch die Beamten, Militärs und Polizisten. Da ist der Staatspolizist, der für den illegalen Nachrichtendienst der SS arbeitet, später als Lagerleiter in Treblinka Karriere macht, dort ist der hohe Militär, der Staatsgeheimnisse an den deutschen Militärattaché liefert, und später mit dem Generalsrang belohnt wird.

Und die illegalen Nationalsozialisten konnten, finanziell unterstützt aus Deutschland, zunehmend aus ihren Tarnorganisationen, wie Deutschen Turnerbund oder Kärntner Heimatbund, heraus, sich direkt in die Organisationen der Vaterländischen Front, der Einheitsbewegung des österreichischen Staates eingliedern. Schon kamen auch die informellen Angebote, gemeinsam mit Ungarn und Deutschland, die Tschechoslowakei zu zerschlagen.

Anpassung oder Untergang, das war dann die Frage. Ob Österreich nazifiziert wie Danzig, formal aber selbständig bleiben würde, das war nicht abzusehen. Seit 1936 schritt jedenfalls die Anpassung an Deutschland kontinuierlich voran, die Abkommen erhöhten den Aktionsraum der Nationalsozialisten in Österreich, ihre führenden Funktionäre nahmen Posten ein, die wie z.B. Seyss-Inquart immer stärker die ganze Kontrolle der Macht versprachen.

Der deutsche Überfallen auf Österreich am 11./12. März 1938 verlief nach den Regeln klassischer Interventionsstrategie: deutsches Ultimatum auf Absage der Volksabstimmung und Rücktritt Schuschniggs, ohne dass er einen Einsatzbefehl an das Militär gegeben hätte; Staatsstreich des Sicherheitsministers in Verbindung mit der illegalen NSDAP und deren angeschlossenen Organisationen; Bitte Seyss-Inquarts im Namen einer nicht existenten provisorischen österreichischen Regierung um Entsendung deutscher Truppen nach Österreich. Nur Bundespräsident Miklas blieb vorerst standhaft. Erst als er Österreich außenpolitisch und sich selbst völlig isoliert sah, trieb ihn das Gespenst des Bolschewismus, der allein als Retter der österreichischen Unabhängigkeit auftreten könne, in die Illusion, Österreich könne seine Eigenart auch in einer losen Verbindung mit Deutschland retten. Knapp nach Mitternacht unterwarf sich Miklas dem Zwang des deutschen Ultimatums und ernannte Seyss-Inquart zum neuen Bundeskanzler. Schuschnigg ging als Prominentenhäftling ins Konzentrationslager, viele Funktionäre seines Regimes folgten ihm unter weniger günstigen Umständen.

Nach dem Kriege war die vornazistische Diktatur kein Thema. Zwar hatte der erste Befehl der Österreich befreienden Roten Armee noch die Maiverfassung 1934 wiederherstellen wollen, aber die wiedererrichteten demokratischen Parteien kehrten bald zur Verfassung von 1929 zurück. Auch die in Wien 1946 gezeigte antifaschistische Ausstellung „Niemals vergessen" verzichtete entgegen den ursprünglichen Absichten auf die Darstellung der Diktatur seit 1933/346. Karl Klambauer wird in Kürze in einer ausführlichen Studie über das 1948 errichtete Opferdenkmal auf dem Zentralfriedhof in Wien zeigen, wie sich das Gedenken an die Opfer der Diktaturen seit 1933/34 bis in die Symbolik des Denkmals auf die sieben Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich reduzierte. So mangelhaft die Entnazifizierung in Österreich durchgeführt worden sein mag, für die Diktatur davor ist niemand zur Verantwortung gezogen worden. Wer weiß, vielleicht hängt das Bild von Dollfuß auch heute noch im Parlamentsklub der ÖVP in Wien. Nur in den Rückstellungsgesetzen über die durch die Diktatur entzogenem Eigentum und die damit zusammenhängenden Entschädigungen gaben sich die österreichischen Abgeordneten sehr viel großzügiger als gegenüber den Naziopfern.

Auch die Sozialdemokratie vergaß von Mal zu Mal, was ihr geschehen. Nur das Gedenken an die Februaropfer blieb. So kann es nur als magische Beschwörung verstanden werden, dass in der Zeit der kleinen Koalition von SPÖ und FPÖ der freiheitliche Verteidigungsminister mit Zustimmung der sozialdemokratischen Stadtverwaltung ein halbes Jahrhundert nach den Kämpfen die Vereidigung des österreichischen Bundesheeres in den Karl-Marx-Hof verlegte. Was die einen als versöhnliche Geste feierten, die eine neue Form der Harmonisierung der Geschichte vorantrieb, erfuhren andere als neue, wenngleich nur symbolische Gewalt der Besetzung der Ikone der Arbeiterbewegung. Die Wiener Polizei, auch sie damals überwiegend sozialdemokratisch, sah kein Problem, die zur Manifestation Berechtigten von den Unberechtigten zu unterscheiden, diese zu schützen und jene auch mit Gewalt zu vertreiben.

Danach ist es ruhig geworden. Kindermanns Thesen, vom ÖVP-Außenminister in Form einer Ausstellung in die Welt hinausgesandt, konnten selbst in Rom nicht überzeugen. Dann aber trat die noch mehr abgesperrte Vergangenheit unaufhaltsam hervor, das NS-Regime mit seinen Kriegs und Gewaltverbrechen und der österreichischen Beteiligung an ihnen.

Die Diskussion um den Charakter des Regimes zwischen 1934 und 1938 ist seither nicht viel weitergekommen. Der Ständestaat hat seine Anführungszeichen erhalten, aber sie sind ebenso hilflos wie jene des Austrofaschismus.

Wenn wir also von Leuten absehen, die grundsätzlich Generalisierungen ablehnen, wenngleich sie Staat, Kolonialismus, Kapitalismus und Krieg in genereller Weise gebrauchen, obgleich diese doch geschichtlich immer nur in Varianten aufzutreten belieben, was sind dann die Einwände, dass das österreichische Regime nicht faschistisch genannt werden könnte. Da ist zum einen der Einwand der mangelnden charismatischen Führerpersönlichkeit. Nun Dollfuß ist nicht Hitler und Schuschnigg noch viel weniger. Aber Charisma scheint mir doch eine Frage der Zuschreibung in der Phase des Erfolgs zu sein. Letztlich war aber kein faschistisches Regime erfolgreich. Dann der Einwand der fehlenden Massenbasis. Nun die Massenbasis kommt und geht. Die Herrschaftsstabilisierung in Österreich ist Schuschnigg nur für kurze Frist gelungen. Es ist fraglich, ob die österreichischen Nationalsozialisten aus eigener Kraft das Regime hätten stürzen können.

Zuletzt der Einwand der Art der Ausübung von Gewalt. Das ist der eigentliche Punkt der Diskussion. Nicht dass es keine Gewalt gegeben hätte, wir brauchen nur an den Februar 1934 zu denken. Aber die eigentliche Frage ist, um welche Form und welche Intensität von Gewaltausübung es geht, und dann: was hat die Leute zurückgehalten, die in der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 die jüdischen Geschäfte und Wohnungen zu plündern begannen, es schon vorher zu tun?

 

Karl Stuhlpfarrer

Dekan der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Klagenfurt

 

1     Werner Sulzgruber: Wiener Neustadt in den Jah­

ren 1933 bis 1938. Entwicklungen und Strukturen

in Politik, Wirtschaft und Kirche (einschließlich der

jüdischen Gemeinde). Diss. Wien 2000, S. 102

2     Ebd.,S. 104, Anm. 457

3     Gerhard   Melinz:   „Christlicher  Ständestaat"   und

„autoritäre Sozialpolitik". In: Historicum Nr. 60, Linz

Frühling 1999

4     Roman Sandgruber: „Ständestaat" und Wirtschaft.

In: Historicum Nr. 60, Linz Frühling 1999, S. 10

5     Gerhard Botz: Gewalt in der Politik. Attentate, Zu­

sammenstöße, Putschversuche, Unruhen in Öster­

reich 1918 bis 1938. München 1983, S. 211

6     Wolfgang Kos: Eigenheim Österreich. Zu Politik,

Kultur und Alltag nach 1945. Wien 1994