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Ausgabe 2/04


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Anmerkungen zum Verhältnis zwischen austrofaschistischem Regime und illegalem Nationalsozialismus

Das Diktum, man müsse Hitler „überhitlern", prägten Vertreter der Heimwehren Mitte 1933. Der Heimwehrideologe Neustädter-Stürmer wollte damit zu Ausdruck bringen, dass man -wie Hitler in Deutschland - den „Vernichtungskampf gegen den Marxismus „rücksichtslos" führen müsse, nur so könne man den Nazis in Österreich den Wind aus den Segeln nehmen. Und Bundeskanzler Dollfuß verkündete Ende März 1933 vor der christlichsozialen Parlamentsfraktion, die „braune Welle" sei nur aufzuhalten, „wenn wir das, was die Nazis versprechen und in Deutschland getan haben, ... selber machen".

 

Bürgerliche,   katholisch-nationale Netzwerke

 

Um das zwischen 1933 und 1938 ständig zwischen den Polen Anziehung und Abstoßung oszillierende Verhältnis von Austrofaschisten und Nationalsozialisten zu verstehen, muss man berücksichtigen, dass führende Vertreter beider Regime nur allzu oft in dieselben politisch-ideologischen Netzwerke eingebunden waren, sich nicht selten durch Jahrzehnte persönlich gekannt und häufig ähnliche, übereinstimmende politische Überzeugungen vertreten hatten.

Das beste Beispiel dafür ist Engelbert Dollfuß selbst. Als der Agrarexperte und Landwirtschaftsminister 1932 Bundeskanzler wurde, galt er als Angehöriger des katholisch-nationalen Flügels der Christlichsozialen Partei. Dollfuß war Mitglied der bis 1930 bestehenden „Deutschen Gemeinschaft", einer Geheimgesellschaft, deren Ziel die Förderung des „Anschlussgedankens" sowie die Schaffung einer katholisch-nationalen Basis gegen „Bolschewismus", „Freimaurertum" und „Judentum" war. Mitglieder waren neben Persönlichkeiten wie den Großdeutschen Dinghofer, Langoth und Foppa, dem Feldmarschall Bardolff, dem späteren christlichsozialen Parteichef Czermak oder dem ideologische Vordenker des Ständestaates, Othmar Spann, auch der Wiener Rechtsanwalt Arthur Seyss-Inquart, der als Kurzzeit-Kanzler Österreich ins Dritte Reich führen sollte, sowie Hermann Neubacher, später NS-Bürgermeister von Wien. Daneben war Engelbert Dollfuß noch führendes Mitglied des landwirtschaftlichen Fachausschusses der „Deutsch-österreichischen Arbeitsgemeinschaft", einer Gesellschaft, die als Zielsetzung ebenfalls den „Anschluss" hatte.

 

Diese und ähnliche Netzwerke zerrissen auch 1933 und später nicht. Dollfuß und Schuschnigg hielten die Kontakte zu österreichischen Nationalen und NS-Sympathisanten, die aus dieser katholisch-nationalen Tradition stammten, durchwegs aufrecht oder erneuerten sie zu gegebenem Anlass.

 

Die Phase der Eskalation: vom Verbot im Juni 1933 bis zum Juliputsch 1934

 

 

In den ersten Monaten des Jahres 1933 wurden die Aktionen der durch die „Machtergreifung" in Deutschland beflügelten österreichischen NSDAP zunehmend gewalttätiger. Als am 19. Juni 1933 SA-Leute einen Handgranatenanschlag auf eine regierungsnahe Wehrformation verübten, wurde noch am selben Tag die NSDAP verboten. Die Terroranschläge der nunmehr illegalen Nazis und der Gegenterror der Regierung gingen ungebrochen weiter.

 

Trotzdem gab es laufend Versuche der Regierungsseite, zu einem Ausgleich mit den Nationalsozialisten zu gelangen. Jeder wesentliche Vertreter des austrofaschistischen Regimes scheint versucht zu haben, sich insgeheim den Nazis anzudienen und für sich und seine Leute den bestmöglichen Deal herauszuschlagen. Gleichzeitig wurde eifersüchtig darüber gewacht, Vertreter anderer Fraktionen im austrofaschistischen Regime daran zu hindern, ihrerseits mit den Nationalsozialisten ins Gespräch zu kommen. Auf NS-Seite lieferten sich die Fraktionen um Landesinspekteur Habicht und SA-Führer Reschny erbitterte Kämpfe und bemühten sich eifrig, die Putschpläne der anderen zu hintertreiben.

 

Am 12. Februar 1934 beendeten die Nationalsozialisten schlagartig alle Aktionen. Objektiv gesehen half die illegale NSDAP mit diesem Stillhalten der Regierung, die Sozialdemokratie in aller Ruhe auszuschalten. Ab März brach dann aber wieder eine gewaltige Terrorwelle der Illegalen los. Das Regime verschärfte die Gangart gegen die Nationalsozialisten sukzessive - bis hin zur Todesstrafe auf den bloßen Besitz von Sprengstoff.

 

Höhe- und Endpunkt der ersten Phase war der 25. Juli 1934. Bundeskanzler Dollfuß kam ums Leben, der Putsch und der damit verbundene SA-Aufstand wurde aber blutig niedergeschlagen. Der Hauptgrund für den vorläufigen Sieg der Regierungsseite war, dass Mussolini durch den Aufmarsch mehrerer Regimenter am Brenner signalisiert hatte, eine Einmischung Deutschlands nicht zu dulden und das österreichische Regime zu stützen.

 

 

Die Phase des Nachgebens: vom Juliputsch 1934 zum Juliabkommen 1936

 

 

Nun schlug die Stunde des katholisch-nationalen Netzwerkes: Hitler setzte den Rechtskatholiken Franz von Papen als Gesandten in Österreich ein und löste die Landesleitung der österreichischen NSDAP in München auf. Der „Anschluss" sollte fortan auf „evolutionärem" Weg betrieben werden.

 

Der neue Bundeskanzler, Kurt Schuschnigg, bemühte sich weiter um einen Ausgleich mit den Nationalsozialisten und konnte dabei an Kontakte anknüpfen, die Dollfuß bis unmittelbar vor dem Putsch gepflogen hatte. Zentralfigur einer nach dem Putsch gestarteten ersten Befriedungsaktion war der NS-Bauernführer Anton Reinthaller, ein ehemaliger Landbündler. Geplant war, die Nationalsozialisten in Form einer „nationalen Einheitsfront" in die Vaterländische Front einzugliedern. Diese „Aktion Reinthaller" scheiterte allerdings nach wenigen Monaten.

 

Die kommenden Jahre sollten bei den illegalen Nationalsozialisten von zwei gegensätzlichen Gruppen geprägt sein: Da waren zum einen die so genannten „gemäßigten"  Nationalsozialisten,  die den „evolutionären Kurs" verfolgten. Zu ihnen gehörten hauptsächlich Vertreter des katholisch-nationalen, national-rechtskonservativen Dunstkreises. Auf der anderen Seite standen die auf Konfrontation setzenden radikalen Nationalsozialisten um den NS-Landesleiter Josef Leopold.

 

Mit dem italienischen Einfall in Abessinien im Oktober 1935 änderten sich die diplomatischen Konstellationen in Euro­pa grundlegend. Deutschland stellte sich auf die Seite Italiens, während der Völ­kerbund Sanktionen gegen den Aggressor verhängte. Mussolini konnte so seine Rol­le als Schutzherr Österreichs nicht mehr aufrechterhalten und drängte das austro-faschistische Regime zu einer Verständi­gung mit Hitler.

 

In der schließlich am 11. Juli 1936 ge­schlossenen Vereinbarung („Juliabkom­men") anerkannte und bekräftigte die deut­sche Reichsregierung die volle Souveräni­tät Österreichs. Nicht veröffentlich wurde ein geheimes Zusatzabkommen, das für Österreich wesentlich ungünstiger waren als der Wortlaut des offiziellen Kommu­niqués. Unter anderem verpflichtete sich Österreich zu einer weitreichenden politi­schen Amnestie sowie dazu, „nationale" Persönlichkeiten zur Mitwirkung an der politischen Verantwortung heranzuziehen. Dadurch wurde unter anderem der Militär­historiker Edmund Glaise-Horstenau zum Minister ohne Portefeuille.

Die Phase der Kapitulation: vom Juliabkommen 1936 bis zum Anschluss" 1938

 

Die Bemühungen um „Befriedung" gingen weiter. Anfang 1937 verhandelte Kanzler Schuschnigg mit dem illegalen NS-Landesleiter Josef Leopold. Allerdings verlor Leo­pold parteiintern zunehmend an Einfluss, während die Gruppe der „Gemäßigten" immer stärker wurde. Im Sommer 1937 schuf die Regierung das Volkspolitische Referat, das die Mitarbeit der Nationalen im Staat erreichen und diese in die Vaterländische Front einbinden sollte. Die Landesstellen dieses Volkspolitischen Referates wurden schließlich zu den eigentlichen Instanzen des „Anschlusses von innen".

 

Anfang 1938 erhöhte sich der Druck aus Deutschland enorm. Mittlerweile war Görings Wirtschaftsberater Wilhelm Keppler zum Koordinator in der Österreich-Frage gemacht worden. Das verweist auch auf einen wesentlichen Grund für die Beschleunigung der Ereignisse, nämlich die prekäre wirtschaftliche Situation des hochrüstenden Nazi-Reiches. Am 12. Februar 1938 wurde Bundeskanzler Schuschnigg auf den Obersalzberg zitiert. Die Folge der offenen Drohungen Hitlers war das Berchtesgadener Abkommen. Aufgrund dieser Vereinbarung wurde Arthur Seyss-Inquart, die Zentralfigur des katholisch-nationalen Netzwerks, zum Innen- und Sicherheitsminister bestellt und die NSDAP praktisch legalisiert.

Die folgenden chaotischen, fieberhaften Wochen bis zum 11. März 1938 können als Doppelherrschaft beschrieben werden. Letztlich kapitulierte das austrofaschistische Regime sang-, klang- und kampflos vor den Nationalsozialisten.

 

 

Kehrseiten der Medaille

 

 

Ein bürgerlich-rechtskonservatives, katholisch-nationales Netzwerk ebnete den Weg in den „Anschluss". Allerdings: Es waren vielfältige, weit zurückreichende und tief greifende Strömungen in der österreichischen Gesellschaft, die auf den Nationalsozialismus verweisen. Die politische Religion Nationalsozialismus trat als Modernisierungsverkünder auf, als soziale Bewegung („Volksgemeinschaft"). Wäre der Nationalsozialismus nichts als ein bigotter, nationalistischer Herrenclub gewesen, so hätte er niemals geschichtsmächtig werden und die Macht usurpieren können. Aber die Träger dieses Netzwerkes, die Mitglieder dieses Clubs waren in den Jahren von 1933 bis 1938 in die wichtigsten Positionen gehievt worden - und konnte so den Gang der Ereignisse entscheidend beeinflussen.

 

Austrofaschismus und Nationalsozialismus erwiesen sich letztlich als Kehrseiten ein und derselben Medaille. Die wahre Gegenposition zur Überhitlerung nahmen zwischen 1933 und 1938 die vom austro-faschistischen Regime in den Untergrund gedrängten Linken - Revolutionäre Sozialisten, Kommunisten, illegale Gewerkschaften - demokratisch gesinnte Christlichsoziale des Arbeitnehmerflügels sowie die in Österreich stets verschwindend kleine Gruppe bürgerlich-demokratischer Liberaler ein.

 

Kurt Bauer

Historiker, hat zuletzt das Buch "Kurt Bauer Elementar-Ereignis"

Die österreichischen Nationalsozialisten und der

Juliputsch 1934

400 Seiten, Hardcover, Euro 29,50

ISBN 3-7076-0164-1

Czernin Verlag, Wien 2003

veröffentlicht