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Ausgabe 2/04


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Der Austrofaschismus – ein Klerikalfaschismus?

1. Sicherung von gesellschaftlicher und politischer Macht

Die katholische Kirche sah sich jahrhunder­telang als Teil des Staatsganzen und war es gewohnt, entsprechende Machtpositio­nen innezuhaben. Die hierarchische Aus­richtung der Monarchie hatte mit dem ka­tholischen Staatsverständnis und dem sich daraus ableitenden Gesellschaftsbild kor­respondiert. Mit dem Ende der Monarchie änderte sich das Verhältnis der Kirche zum Staat grundlegend. Sie war nun gezwun­gen, ihre Haltung in gesellschaftlichen Fra­gen zu rechtfertigen und ihre Standpunkte gegenüber anderen politischen Konzepten zu vertreten. Der Ersten Republik stand sie von Anfang an skeptisch gegenüber, was führende Repräsentanten der Kirche auch immer wieder betonten. Politische Gegner wurden von den Bischöfen wiederholt als „kirchenfeindlich" diffamiert. Aus diesem Grund nahmen die Bischöfe die Weichen­stellungen, die christlichsoziale Politiker in Richtung eines autoritären Staates vor­nahmen, mit Zustimmung zur Kenntnis. Sie erkannten darin jene Werte wieder, die ihrem Verständnis eines von oben gelenk­ten starken Staates entsprachen.

Der Allgemeine Deutsche Katholi­kentag 1933

1933 löschte Engelbert Dollfuß die Erste Republik in Österreich aus und errichtete eine faschistische Diktatur. Die katholi­sche Kirche unterstützte den autoritären Kurs des Dollfuß-Regimes. Der Allgemei­ne Deutsche Katholikentag im September 1933 bot eine willkommene Gelegenheit, den Schulterschluss von Austrofaschismus und Katholizismus einer breiten Öffentlich­keit zu demonstrieren. Während die Kirche bestrebt war, sich auf diesem Katholiken­tag als „geistige Weltmacht" zu präsentie­ren, nahm die austrofaschistische Führung die Gelegenheit wahr, ihr Staatsprogramm zu präsentieren. Engelbert Dollfuß hielt eine programmatische Rede, in der er sei­nen „sozialen, christlich-deutschen Staat auf ständischer Grundlage unter autoritä­rer Führung" vorstellte:

Ja, wir wollen einen christlich-deut­schen Staat in unserer Heimat errichten! Wir brauchen uns nur an die letzten En­zykliken des Heiligen Vaters zu halten; sie sind uns Wegweiser für die Gestaltung des Staatswesens in unserer Heimat. Die jet­zige Regierung ist einmütig entschlossen, im christlich-deutschen Geist die Erneue­rung von Staat und Wirtschaft in die Wege zu leiten. "1

 

  Dollfuß schloss seine Rede im Wiener Prater mit den Worten Gott will es". Dieser Ruf warderSchlachtruf der Kreuzfahrer, die unter diesem Motto Massaker an Juden und Muslimen mit dem Ziel der Errichtung einer christlichen Herrschaft verübt hatten. Auch das Kruckenkreuz, das Symbol der Vater­ländischen Front sollte den christ­lichen Charakter des Austrofaschis­mus unterstrei­chen. Es war das alte Symbol der Kreuzfahrer.

 

Dollfuß nahm in seiner Katholi­kentagsrede auf die Enzyklika Qua-dragesimo Anno von Papst Pius XI. aus dem Jahr 1931 Bezug, die den ständischen Aufbau der Ge­sellschaft empfahl. Pis XI. selbst sah die Enzyklika als Bild des faschistischen Korporationsstaa­tes mit sympathischen Zügen.2

 

Nicht zuletzt deshalb nahmen die ös­terreichischen Bischöfe die austrofaschis­tische Diktatur mit Genugtuung zur Kennt­nis. Die Bischöfe sahen in dieser-wie sie es nannten - „katholischen Regierung" den Garanten für die Wahrung ihrer Inte­ressen. Ihnen ging es um eine Rekatho-lisierung Österreichs. Dies brachten sie in ihrem Weihnachtshirtenbrief von 1933 deutlich zum Ausdruck. In Erinnerung an den Katholikentag heißt es darin:

 

Das Selbstbewusstsein Österreichs wurde gestärkt durch die Erinnerung an seine große geschichtliche Vergangenheit und durch die Gedächtnisfeier des Sieges über die Türken, den Erbfeind der Chris­tenheit. "3

 

Deutlich wiesen die Bischöfe auch dar­auf hin, dass sie für die Demokratie nicht die geringste Sympathie übrig hatten:

Die Phrase von der falsch verstande­nen Volkssouveränität ist nicht nur gedan­kenlos, sondern auch unchristlich, ja im tiefsten Grunde atheistisch, das heißt got­tesleugnerisch. "4

 

Demokratisierung, politischer Pluralis­mus und Mitspracherecht des Volkes wa­ren nicht im Sinne der Bischöfe.

Das Konkordat 1934

Am 1. Mai 1934 wurde in Rom das Konkor­dat, ein Staatsvertrag zwischen der austro-faschistischen Diktatur und dem Vatikan unterzeichnet. Damit war nicht nur die nati­onale Anerkennung für den Austrofaschis­mus durch die österreichischen Bischöfe gegeben, sondern auch die offizielle An­erkennung von höchster kirchlicher Seite. In den für sie zentralen Fragen der Ehege­setzgebung, des Religionsunterrichtes, in der Schulfrage sowie in vermögensrechtli­chen Fragen war es der Kirche gelungen, ihre Privilegien eindeutig festzuschreiben und wesentlichen gesellschaftlichen Ein-fluss geltend zu machen. Sowohl die katholische Kirche als auch die austrofaschistische Diktatur sahen darüber hinaus in der Ausschaltung der Sozialde­mokratie ein vorrangiges Ziel. Es war da­her kein Zufall, dass die Ratifizierung des Konkordates an diesem 1. Mai des Jahres 1934 erfolgte. Am selben Tag trat auch die neue ständestaatliche Verfassung in Kraft. Sie begann mit den Worten: „Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht, erhält das österreichische Volk für seinen christlich, deutschen Bun­desstaat diese Verfassung." Die Verfassung der Ersten Republik, der die Kirche so wenig Sympathie entge­gengebracht hatte, war damit Geschichte.

 

Die Kirche setzte voll auf die autoritäre Struktur des Ständestaates. Auch in den Februarkämpfen des Jahres 1934 stellte sie sich auf die Seite des Regimes. Kardi­nal Theodor Innitzer segnete die vor dem Wiener Rathaus aufgestellten Särge der „gefallenen Helden der Revolution". Für die Arbeiterschaft hatte die Kirche den Rat übrig, sich wieder der katholischen Kirche zuzuwenden.5

 

Die Struktur des Austrofaschismus mit seinem Einparteiensystem in Gestalt der Vaterländischen Front sowie mit der mili­tanten Heimwehr entsprach den Vorstel­lungen der Kirche. Dieses autoritäre und zugleich klerikal geprägte Regime, das vor allem den italienischen Faschismus zum Vorbild hatte, konnte sich des Wohlwollens der Kirche sicher sein. Auch nach innen nutzte die Kirche die Gelegenheit, um ihre eigenen Strukturen den neuen Verhältnis­sen anzupassen. So wurden zahlreiche Vereine aufgelöst, die Katholische Akti­on wurde hierarchietreu umgestaltet. Bei Sonntag für Sonntag stattfindenden Fah­nenweihen der Heimwehr brachten die örtlichen Pfarrer ihre Sympathie für den Austrofaschismus zum Ausdruck.

 

Engelbert Dollfuß wurde nach seiner Er­mordung im Juli 1934 zum Märtyrer hoch­stilisiert. Im ganzen Land wurden Dollfuß-Gedächtniskirchen errichtet, das Sterben des Kanzlers wurde mit dem Sterben Jesu gleichgesetzt. In Schulen wurden regelmä­ßige Totengedenkfeiern abgehalten, die der katholischen Heiligenverehrung ähn­lich gestaltet waren.

2. Der Austrofaschismus-ein Vorläufer?

Die bedingungslose Anerkennung des Austrofaschismus durch die Kirchenleitung legt nahe, dass sie alles daran setzte, um ihn nach Kräften an der Macht zu erhalten. Vordergründig war das auch der Fall. Dar­an änderte sich auch unter Kurt Schusch-nigg, dem Nachfolger des ermordeten Kanzlers Dollfuß, wenig.

Annäherung an den Nationalsozia­lismus

Es gab jedoch sowohl auf politischer Ebe­ne als auch innerhalb der Kirche eine andere Strömung, die sich zunehmend in den Vordergrund drängte. Führende Re­präsentanten des Austrofaschismus nä­herten sich dem Nationalsozialismus mehr und mehr an. Kurt Schuschnigg selbst war es, der mit dem Juli-Abkommen 1936 den Nationalsozialisten den Weg zur Machtü­bernahme in Österreich ebnete.

 

Und auch in der Kirche gab es Personen und Gruppierungen, die im Hintergrund die Annäherung an den Nationalsozialismus vorbereiteten. Geheimverhandlungen mit Repräsentanten des Nationalsozialismus hatten schon frühzeitig und von höchster Ebene autorisiert stattgefunden. Der Wie­ner Kardinal Theodor Innitzer hatte solche Gespräche in Auftrag gegeben.6 Einzel­personen wie etwa der in Rom lebende österreichische Bischof Alois Hudal, aber auch Gruppierungen, wie z.B. die „Arbeits­gemeinschaft für den religiösen Frieden", hatten es sich zur Aufgabe gemacht, Über­einstimmungen in der Ideologie von Katho­lizismus und Nationalsozialismus heraus­zuarbeiten und zu verbreiten.

 

Katholisch-nationale Politiker wie Ed­mund Glaise-Horstenau, mit dem Natio­nalsozialismus sympathisierende Bischöfe wie Alois Hudal, Kleriker und Theologen steuerten so die Kirche vom klerikal-fa­schistischen Ständestaat hin zum Natio­nalsozialismus. Die Kirche hatte einmal mehr begonnen, sich den verändernden Machtverhältnissen anzupassen. Dies zeigte sich auch im Verhalten der obers­ten Repräsentanten des österreichischen Katholizismus unmittelbar nach der Macht­übernahme der Nationalsozialisten. Der schon zitierte Weihnachtshirtenbrief der österreichischen Bischöfe von 1933 ist in diesem Zusammenhang äußerst auf­schlussreich, hatte er doch neben seiner bedingungslosen Anerkennung für den Faschismus österreichischer Prägung auch eine deutliche Verurteilung des Na­tionalsozialismus beinhaltet. Davon war im März 1938, also wenig mehr als vier Jahre später nicht mehr viel übrig.

Bis auf den zwischenzeitlich verstorbe­nen Salzburger Fürsterzbischof Ignatius Rieder unterzeichneten alle gemeinsam im März 1938 die Feierliche Erklärung, mit der sie den Anschluss begrüßten und die Katholiken dazu aufriefen, bei der Volks­abstimmung am 10. April mit „Ja" zu stim­men.

 

Der Wiener Kardinal Theodor Innitzer Innitzer unterschrieb den Begleitbrief zu dieser Feierlichen Erklärung handschrift­lich mit „Heil Hitler". Der steirische Fürstbischof Ferdinand Pawlikowski veranstaltete im Frühjahr 1938 in der Steiermark Pastoralkonferen­zen, um seine Priester zu instruieren, wie sie sich dem Nationalsozialismus gegenü­ber verhalten sollten. Er unterstrich dabei seine Hoffnung auf ein positives Verhältnis von Staat und Kirche und betonte, dass viele Anliegen des Nationalsozialismus aus Sicht der katholischen Kirche durch­aus fördernswert seien. Dazu gehörte für ihn beispielsweise die Unterdrückung des verderblichen Einflusses des Weltjuden­tums in Wirtschaft und Kultur. "7

 

Der Salzburger Fürsterzbischof Sigismund Waitz, 1933 noch apostolischer Administrator der Diözese Innsbruck -Feldkirch, legte Ende 1938 dem Untersu-chungsausschuss für Beamte in Salzburg einen Bericht über seine politische Tätig­keit vor. Erlegte darin dar, dass er zwar ein Anhänger des Austrofaschismus gewesen sei, zugleich habe er aber sowohl vor als auch während der Verbotszeit für Nationalsozialisten interveniert. In einem Fall, so hielt er in seinem Bericht fest, sei durch seine Intervention ein zum Tode verurteil­ter illegaler Nationalsozialist begnadigt worden.8

 

Der einzige, der seiner Gesinnung treu blieb, war Adam Hefter, der Fürstbischof von Klagenfurt. Den nationalsozialismusk­ritischen Hirtenbrief vom Dezember 1933 hatte er zwar mit unterzeichnet, in seiner Diözese aber nicht veröffentlicht. Im Zuge der Propaganda für die Volksabstimmung ließ er es sich nicht nehmen, Hitler bei sei­nem Besuch am 4. April 1938 in Klagenfurt in vollem Ornat zu begrüßen.

Die katholische Kirche hatte den von ihr selbst entscheidend mit geprägten Austro-faschismus hinter sich gelassen und sich den neuen Machtverhältnissen angepasst. Sie trug das ihre dazu bei, dass Wider­stand gegen die nun herrschenden Macht­verhältnisse kaum möglich war. Nach En­gelbert Dollfuß war es nun Hitler, dem nach Ansicht der Kirchenleitung die Loyalität der Katholiken zu gelten habe. Die Parole, mit der sich die Kirche den neuen Machtverhältnissen   anpasste,   lautete:  Ein   Volk - ein Reich - ein Führer - ein Herrgott. "9

Stefan Moritz

Historiker, hat 2002 das Buch „Grüß Gott und Heil Hitler. Katholische Kirche und Nationalsozialismus in Österreich" (Picus Verlag Wien, 2002) veröffentlicht

1     Allgemeiner Deutscher Katholikentag Wien 1933,

7. bis 12. September, Wien 1934, S. 55.

2     Karl-Heinz   Deschner:   Ein   Jahrhundert   Heilsge­

schichte, Die Politik der Päpste im Zeitalter der

Weltkriege, Köln 1982, S. 408.

3     Wiener Diözesanblatt, Nr. 12, 21. Dezember 1933,

71. Jahrgang, S. 99.

4     Ebd., S. 101.

5     Vgl. diverse Aufrufe in Wiener Pfarrblättern, so z.B.

in: Pfarr-Bote der Pfarre zur hl. Familie, 8. Jg. Nr. 3,

März 1934, S. 5.

6     Erika Weinzierl: Kirche und Politik, in: Dies. und

Kurt  Skalnik  (Hrsg.):   Österreich   1918 -   1938,

Geschichte der Ersten Republik, Bd. 1, Graz u.a.

1983, S. 468.

7     Oskar Veselsky: Bischof und Klerus der Diözese

Seckau   unter   nationalsozialistischer   Herrschaft,

Graz 1981,S.308f.

8     Bundesarchiv   Berlin   (BArch),   R5101/21701,   S.

23f.

9     Erdberger Pfarrblatt, 7. Jg., Nr. 8, Mai 1938, S. 6.