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Ausgabe 2/04


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Frauenbild und Frauenpolitik im Austrofaschismus

Imaginationen von Weiblichkeit und Männlichkeit und jeweils zugeordnete ge­schlechtsspezifische Rollenkonzepte kön­nen als markante Indikatoren für gesell­schaftspolitische Vorstellungen insgesamt gelesen werden. Zugleich greifen jene Konstruktionen, die das aktuelle Frauen-und Männerbild prägen, auf tradierte Zu­schreibungen zurück. Vor dem Hintergrund jüngerer politischer Entwicklungen in Ös­terreich, die Frauenpolitik wieder einmal unter Familienpolitik subsumieren und auf eine neuerliche Festschreibung von Frau­en auf den Bereich der Familie abzielen1, ist es nicht nur aus einer genderpolitischen Perspektive interessant, danach zu fragen, inwiefern tradierte politische Kulturmuster strukturelle Ähnlichkeiten mit gegenwärti­gen gesellschaftspolitischen Diskussionen aufweisen. Eine konservative Restaurie­rung der gesellschaftlichen Rolle der Frau unter dem Deckmantel des Wohls der Familie war etwa auch für die Politik des autoritären Ständestaates charakteristisch und bedeutete die Zurückdrängung eman-zipatorischer frauenpolitischer Ansätze in der Ersten Republik.

 

(Austro)Faschistische Weiblichkeits­bilder, die eine klare Differenz zwischen Frauen und Männern konstruieren, knüp­fen an klassisch bürgerliche Vorstellungen des 19. Jahrhunderts an, die Weiblichkeit als komplementär zur aktiven und rationa­len männlichen Welt der Kultur konzipier­te und Frauen als passiv, emotional und naturnäher definierte. Mussolini meinte bereits 1925: Verlieren wir uns nicht in sinnlosen Diskussionen darüber, ob die Frau ein höheres oder ein niederes Wesen ist, wir stellen fest, dass sie anders ist"2. Die Maiverfassung des autoritären Stän­destaates schrieb die Ungleichheit der Ge­schlechter fest, indem sie deklarierte, das Prinzip gleicher Rechte und Pflichten für Frauen und Männer solle nur so weit gel­ten, als es nicht durch Gesetz anders be­stimmt sei3. Am 1. Mai 1934 hatte Dollfuß „Im Namen Gottes, des Allmächtigen" die neue Verfassung erlassen und damit end­gültig ein diktatorisches Regime errichtet. Die Auswahl des Zeitpunktes begründete er u.a. damit, dass der 1. Mai „den Beginn des der Muttergottes geweihten Monats kündet"4.

 

Der im Dollfußzitat angesprochene, mit dem katholischen Element des Austrofa­schismus verbundene, Marienkult spiegelt sich in einer Geschlechterkonstruktion, die Frauen eine seelische Konstitution zur Mütterlichkeit zuschrieb5: Frauen sollten ihre gottgegebene Rolle annehmen, sich „zu ihrem Wesen bekennen" und dement­sprechend mütterlich bei jeder Tätigkeit verhalten6. Die traditionell abhängige Ehe­frau, insbesondere jene der bürgerlichen Mittelschicht, wurde mittels symbolischer Überhöhung ihrer reproduktiven Fähigkei­ten scheinbar gesellschaftlich aufgewertet. Vor allem „wirtschaftlich stärkere Kreise" sollten auf ihre diesbezügliche Pflicht hin­gewiesen werden. Ausgehend vom „Grund­satz (...), dass man mit dem aus der Gosse karitativ aufgezogenen Nachwuchs nicht Österreich aufbauen kann"7 wurden etwa 1937 Prämien „für erwünschte Kinder"8 an Familienväter gezahlt, die dazugehöri­gen Mütter erhielten am Muttertag, der als nationales Fest inszeniert wurde, Diplome und Geschenke9. Im Unterschied zum Na­tionalsozialismus, der trotz Zentrierung auf das Ideal der deutschen Mutter angepasst an wirtschafts- und machtpolitische Inter­essen durchaus auch neue Freiräume für Frauen eröffnete und ein zum Teil moder­neres, jedenfalls aber flexibleres und am-bivalenteres Frauenbild „zwischen Opfer und Täterin"10 propagierte, beschränkte sich die austrofaschistische Ideologie weit­gehend auf das antimoderne Bild der ka­tholischen Hausfrau bzw. der Bäuerin als Hausmutter und „Hüterin des christlichen Familienideals"11. Im Vorwort zu einem Dollfußbuch aus dem Jahr 1935 wird des­sen Ehefrau Alwine dementsprechend als, „junge Bauerntochter, aufgewachsen wie er im Schollengeiste" charakterisiert12.

 

Sogar das Mädchenturnen wurde im Ständestaat als sittengefährdend einge­stuft13 und die Präsidentin der Katholischen Reichsfrauenorganisation Österreichs und spätere Leiterin des Frauenreferats der Vaterländischen Front, Fanny Starhem-berg sah eine wichtige Aufgabe der Frau darin, „gegen Auswüchse der modernen Zeit"14 aufzutreten. Zwar zeigen sich in den Frauenbildern und in der Frauenpolitik von Austrofaschismus und Nationalsozia­lismus durchaus Konvergenzen, letzterer ist aber nicht unbedingt durch eine Politik der Zurückdrängung von Frauen in traditi­onelle Familienstrukturen gekennzeichnet. Der „rückwärtsgewandten und katholisch imprägnierten Ideologie" des Austrofa­schismus hingegen entspricht ein „unüber­sehbarer Traditionalismus auch des Frau­enbildes"15.

 

In Einklang mit dem vom ständestaatli­chen Regime mit dem Vatikan abgeschlos­senen Konkordat16 wurde der „Kampf ge­gen die Liberalisierung gesellschaftlicher Normen"17, die Abtreibung und den - nach austrofaschistischer Lesart auf Egoismus und Pflichtvergessenheit von Frauen zu­rückzuführenden - Geburtenrückgang18 ausgerufen. Hausarbeit wurde ideologisch aufgewertet, Mütterschulen sollten der Professionalisierung dienen, der hauswirt­schaftliche Unterricht in den Pflichtschulen wurde erweitert19 und 1934 das Mutter­schutzwerk gegründet. Zugleich erschwer­te das Doppelverdienergesetz 1933 die Berufstätigkeit verheirateter Frauen20. Im selben Jahr wurde der Vertrieb empfäng­nisverhütender Mittel eingeschränkt21. 1934 wurden die Scheidungsgesetze und 1937 die Bestimmungen für den Schwan­gerschaftsabbruch verschärft22. Subven­tionen für Mädchenmittelschulen wurden hingegen gekürzt. Frauen sollten am bes­ten nur mehr in der Fürsorge bzw. der kari­tativen Sozialarbeit öffentlich aktiv sein23.

 

Selbst die Ideen der gemäßigten bür­gerlichen Frauenbewegung wurden vom autoritären Ständestaat und dem poli­tischen Katholizismus abgelehnt. En­gagierte Frauen, die emanzipatorische Ideen mit der katholischen Lehrmeinung verbinden wollten, wurden angefeindet und aus ihren Funktionen entfernt24. So scheiterte etwa der Versuch, Hausarbeit in den Status von Berufstätigkeit zu heben, damit eine berufsständische Körperschaft (Hauswirtschaftskammer) zu errichten und Frauen auf diesem Wege politische Mitspracherechte zu sichern25. Zwar lässt sich die Idee einer ständisch organisierten Volksgemeinschaft als „Brücke zwischen bürgerlichen und rechtskonservativen bis faschistischen Strömungen"26 sehr gut mit der Konstruktion getrennter Geschlechter­sphären verbinden27. Sobald es jedoch um politische Rechte für Frauen ging, half dies wenig, trotz der Ankündigung von Dollfuß, das neue österreichische Haus (...) über die Gegensätze des Geschlechtes, des Alters, des Berufes, des Besitzes oder der Bildung hinweg" bauen zu wollen28. Die Periode des Austrofaschismus kann als ein Rückschlag für die österreichische Frauenbewegung betrachtet werden: „Eine über die traditionellen Ressorts wie Haus­halt und Familie hinausgehende Mobilisie­rung der Frauen findet im Wesentlichen nicht statt"29.

 

Gegenwärtig haben Refamilialisierung von Frauen und damit konservative Zu­gänge zur Ordnung der Geschlechterver­hältnisse erneut Konjunktur. Ansätze dazu zeigten sich bereits vor dem Regierungs­wechsel im Jahr 2000. Bereits die vor­hergegangene SPÖ-ÖVP-Koalition ver­folgte im frauen- und familienpolitischen Bereich z.T. neokonservative Ansätze30. Die ÖVP-FPÖ-Regierung, die auch in an­deren Zusammenhängen gerne mit der Familienmetapher operiert (Regierung als Familie, Österreich als Familie), setzte mit der Einführung des Kindergeldes und der Abschaffung des Frauenministeriums eindeutige Signale. Wir vermitteln eine Familien- und Frauenpolitik à la katholi­sche Kirche light" kommentierte Kristina Edlinger-Ploier, Landesrätin für Bildung, Jugend und Wissenschaft in der Steiri­schen Landesregierung, die Haltung ihrer Partei31. Der führende ÖVP-Politiker und derzeitige Nationalratspräsident Andreas Khol meinte bereits 1996, es sei im wesentlich sympathischer, wenn sich ein paar Mütter zusammentun, bevor der Staat um 10.000,- Schilling einen Kindergartenplatz schaffe, denn dies würde zum einen die zwischenmenschliche Solidarität fördern, zum anderen sei es eine „schreiende Un­gerechtigkeit am Kind", wenn Kleinstkinder „wie die Milchkannen" in Kinderkrippen oder Horte gegeben würden"32

 

Rückgriffe auf gesellschaftliche Muster, die ständestaatliche Politik prägten, sind aber auch in altagskulturellen Zusam­menhängen zu bemerken, wie sich bei­spielsweise an der Schlagzeile „Mütter an der Macht/ Kindererziehung ist die größte Macht der Welt" der Postwurfsendung „Ihr Einkauf“ zeigt: Der von Elfriede Hammerl analysierte Kommentar plädiert für die Ab­lehnung außerhäuslicher Kinderbetreuung und Erziehung und die Verantwortung von Müttern für eine bessere Welt unter Ver­wendung altbekannter Argumente33.

Karin Liebhart

Politikwissenschafterin am Österreichischen Ost- und Südosteuropa Institut, Lektorin am Institut für Politik­wissenschaft der Universität Wien sowie Sekretärin der Gesellschaft für Politische Aufklärung,

1     Vgl. Karin Liebhart, Andrea Petö, Annemarie Schiff-

bänker, Rumiana Stoilova: Familienpolitische Maß­

nahmen in Österreich, Bulgarien und Ungarn. In:

ÖZP 2003/4 „Paradigmenwechsel des Politischen".

Baden-Baden. 417-427.

2     Zitiert nach Maria-Antonietta Macciochi: Jungfrau­

en, Mütter und ein Führer. Frauen im Faschismus.

Berlin 1976, S. 32

3     Irene Schöffmann: Frauenpolitik im Austrofaschis-

mus. In: Emmerich Tálos, Wolfgang Neugebauer

(Hg.): „Austrofaschismus".

Beiträge über Politik, Ökonomie und Kultur 1934-1928. Wien 1984, S. 333

4     Dollfuß zitiert nach Edmund Weber (Hg.): Dollfuß

an Österreich. Eines Mannes Wort und Ziel. Wien

1935, S. 233ff

5     vgl. Schöffmann 1984, S. 318

6     Ebd., S. 319

7     Zitiert nach ebd., S. 331

8     Ebd., S. 332

9     Ebd., S. 318 und 332

10       Judith Veichtlbauer: Fesche Dirndl. Zum Frauenbild

in der Österreichischen Wochenschau. In: Michael

Achenbach, Karin Moser (Hg.): Österreich in Bild

und Ton. Die Filmwochenschau des austrofaschis­

tischen Ständestaates.  Filmarchiv Austria. Wien

2002,S.260

11 ebd., S. 273; Schöffmann 1984, S. 317

12       Weber 1935, S. 6

13       Veichtlbauer 2002, S.262

14       Zitiert nach Schöffmann 1984, S. 317

15       Veichtbauer 2002, S. 273

16       Ebd., S. 264

17       Schöffmann 1984, S. 317

18       Ebd.,S. 321f

19       Ebd., S. 318

20       Ebd., S. 333

21       Christine Klusacek, Kurt Stimmer (Hg.): Dokumen­

tationen zur österreichischen Zeitgeschichte 1928-

1938. Wien-München 1982, S. 234

22       Veichtlbauer2002,S.264

23       Schöffmann 1984, S. 320 und 325

24       Ebd., S. 327

25       Ebd.,S. 328f

26   Veichtlbauer 2002, S.262

27   Vgl. auch Johanna Gehmacher: Völkische Frau­

enbewegung. Deutschnationale und nationalsozi­

alistische Geschlechterpolitik in Österreich. Wien

1998

28   Zitiert nach Weber 1935, S. 251

29   Veichtlbauer2002,S.266

30   Vgl. Liebhart, Petö, Schiffbänker, Stoilova 2003, S.

417-427

31       profil, 9.2.2004, S. 22

32       Renate Graber: „Die Kinder wie die Milchkannen

abgeben". Interview mit Andreas Khol. In: profil,

11.3.1996, S.42ff

33   profil, 24.5.2004, S. 43