AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/04


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Die Konzeption der „Dollfuß-Straße" im Austrofaschismus am Beispiel der Packstraße

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Verlust der Untersteiermark und dem kärntnerischen Miesstal an Jugoslawien war die direkte Straßen- und Eisenbahn­verbindung über Maribor/Marburg und Dravograd/Unterdrauburg zwischen Graz und Klagenfurt/Celovec gekappt. Die Ver­kehrsverbindung Graz-Klagenfurt/Celovec über österreichisches Gebiet war katastro­phal. Die einzige wintersichere Verbindung führte über lange 213 Kilometer von Graz über Bruck an der Mur, Unzmarkt und den Neumarkter Sattel nach Kärnten. Die di­rektere Verbindung von Graz über den Packsattel ins Lavanttal war zwar um über 60 km kürzer, jedoch vom Spätherbst bis Spätfrühling praktisch unpassierbar. Mitte der 20er Jahre begannen die Planungen für den Ausbau der Packstraße. Mit dem Bau wurde 1930 - vor der Regierung Doll­fuß - begonnen, abgeschlossen wurden die Bauarbeiten im November 1935 - über ein Jahr nach dem Tode Dollfuß'. Dennoch standen die offiziellen Eröffnungsfeier­lichkeiten am Pfingstsamstag des Jahres 1936 im Zeichen des toten Kanzlers und gerieten zu einer Propagandaveranstal­tung des Austrofaschismus.

Auf der Dollfuß-Straße zur inneren Befriedung des Landes...

Zu Pfingsten 1936 waren die Steiermark und Kärnten in sich gespaltene Länder. Der Sozialdemokratische Aufstandsver­such im Februar 1934 war in der Ober-und Weststeiermark noch nicht vergessen. Die Folgen des Juliputsches in den süd­lichen Bundesländern, der hier den Charakter eines nationalsozialistischen Volksaufstandes hatte, waren noch deutlich spürbar. Der Austrfaschismus war im Süden Österreichs in der Bevölkerung schwach veran­kert, ein Großteil der Bevölkerung stand ihm passiv oder ablehnend gegenüber. Die Eröffnung der Packerbundes­straße war daher ein willkommenes Ereignis, um gute Stim­mung für den österreichischen Staat zu machen. Das geschah zunächst einmal durch äußere Zeichen. Die Packstraße wurde zu einer Art Via Dolorosa für Engel­bert Dollfuß umfunktioniert. Es gab wohl keinen Ort entlang der Straße, wo nicht ein Dollfußplatz, eine Dollfuß-Kapelle oder eine Erinnerungsbüste errichtet wurde.

 

Am Pfingstsamstag 1936 selbst wurde auf der Pack, an der Grenze zwischen der Steiermark und Kärnten feierlich ein acht Meter hohes Steinkreuz geweiht, das den Namen „Dollfußkreuz" erhielt. Auf den Querbalken prangte in großen Lettern: „Christus regnat" („Christus herrscht", Anm.d.A.). Und auf der Tafel am Fuß des Kreuzes konnte man lesen: Dieses Kreuz soll an Bundeskanzler Dr. Engelbert Doll­fuß erinnern, der Österreich in diesem Zei­chen erneuern wollte und dafür eines bit­tereren einsamen Todes sterben musste. Seine Tatkraft verdankt auch diese Straße ihre Vollendung. Im treuen Gedenken an ihn wollen wir in Liebe und Gerechtigkeit für die steirische Heimat und das öster­reichische Vaterland unsere Pflicht tun."

Bei der Einweihung des Kreuzes sagte der Grazer Fürstbischof Pawlikowski: Wer zu diesem Kreuze hinaufblickt, möge neu ermutigt daran schreiten, alles zu tun, dass doch wieder ein großes ganzes Volk von wirklich sich verstehenden Brüdern und Schwestern werde, die Rücksicht nehmen aufeinander und getragen und erfüllt sind von jenem Geist, an den das Kreuz uns erinnere, denn es ist kein Heil außer im Namen dessen, den wir da Hochloben in Ewigkeit. Christus regnat!"

 

Der Bischof formulierte hier den Füh­rungsanspruch der katholischen Kirche und machte klar, dass eine Aussöhnung des Volkes nur durch das Bekenntnis zum Katholizismus erreicht werden konn­te. „Denn es ist kein Heil außer Christus", sollte wohl meinen: Es gibt kein „Heil Hit­ler" und kein „Heil Moskau", nur ein „Heil Christus"...

 

Auch Vizekanzler Baar-Barenfels schlug bei seiner Rede auf der Pack in die gleiche Kerbe und benutzte das Bild vom Straßen­bau als Sinnbild zum Aufbau des neuen Österreich: So wie beim Bau einer Straße alle zusammenwirken müssen, jeder Bau­meister, jeder Ingenieur, jeder Arbeiter auf dem richtigen Platz, so kann auch das neue Österreich nur dann gebaut werden, wenn alle wehrhaften Österreicher,  verbunden durch die Liebe zur Heimat, (..) demütig zusammenstehen und jeder einzelne mit gutem Willen und seinen besten Kräften am Wiederaufbau der Heimat mitwirkt."

 

Für Bundespräsident Miklas stand die völkerverbindende Mission Österreichs im Vordergrund: Alle Völker, die miteinander von Süden nach Norden, von Norden nach Süden, von Westen nach Osten, von Os­ten nach Westen in Verkehr treten wollen, führt der Weg über dieses Herzstück Eu­ropas, über die Österreicher, die daher die Mission haben, alle Völker zu verbinden."

Aber Österreich baute offensichtlich nicht nur die Wege, die die Völker mitein­ander verbinden, das austrofaschistische Österreich baute auch Straßen als „Wege zum Selbst". Die Dollfuß-Strasse war wohl auch als Weg zum inneren und äußeren Frieden konzipiert. So brachte es der da­malige Landeshauptmann der Steiermark Stepan auf den Punkt: Auf diesen Stra­ßen wird manch ein Mensch wandern und manch ein Mensch seinen Weg finden. Möge er von der ganzen weiten Gottes­welt, die uns hier umgibt, den Frieden mit­nehmen, der in dieser Welt atmet. So ist nicht nur der Friede durch das Naturerleb­nis auf der Packstraße möglich. Nein die Packstraße wird zur Friedensstraße durch, mit und in Dollfuß." Dollfuß wird bei Stepan schlussendlich zum österreichischen Mär­tyrer und Fürsprecher bei Gott: Es ist Bun­deskanzler Dr. Dollfuß, der für diesen Frie­den gestorben ist und der uns allen diesen Frieden erbitten und erwirken möge."

Selbst Wirtschaftminister Stockinger verwendet das Motiv der Dollfuß-Strasse nicht nur als Metapher für den Lebensweg des Einzelnen, sondern auch für den Weg des Staates: Das neue Österreich hat es sich zur Aufgabe gemacht, immer auf der Dollfuß-Straße zu bleiben. Diese Aufgabe beinhaltet nicht nur ein politisches, son­dern auch ein wirtschaftliches Programm. Damit ist die Packerstraße ein Teil dieser Dollfuß-Strasse."

 

Überregionalen Aspekt gewannen die­se Reden dadurch, dass die Festfeier über die Sender der RAVAG in ganz Österreich live übertragen wurde und die Wochen­schau mitdrehte.

 

Dollfuß-Straße versus Hitler-Straße: Aussichtsstraße versus Reichsau­tobahn

 

Im Austrofaschismus wurde Österreich das Land der Aussichtsstraßen. Im Vergleich mit dem nationalsozialistischen Deutschland überrascht die österreichi­sche Besessenheit, Aussichtstrasse an Aussichtstrasse zu reihen. Georg Riegle listet in seinem Buch „Die Grossglockner Hochalpenstraße" folgende Straßenbauten dieses Typs auf: Die Geisbergstraße, die Glocknerstraße, die Wiener Höhenstraße, die Straße auf die Hohe Wand, die Groß­almstraße, die Straße Attersee-Traunsee, die Drachenwandstraße, die „Kärntner Abstimmungsstraße" und die Salzburger Dolomitenstraße. Bei keiner durfte natür­lich ein Denkmal, ein Marterl oder gar eine eigens in Erinnerung an Dollfuß errichtete Kirche fehlen.

 

Als Beispiele seien hier nur die Wiener Höhenstrasse (Marterl für den heiligen Engelbert), die Großglocknerhochalpen-strasse (Gedenktafel) und die Straße auf die hohe Wand (Dollfusskirche) erwähnt. Der Straßenbau sowohl im austrofaschis-tischen Österreich als auch im nationalso­zialistischen Deutschland geht weit über den profanen wirtschaftlichen Aspekt von heutigen Straßenbauten hinaus. Das nati­onalsozialistische Deutschland baute kei­ne Aussichtsstraßen, es baute die Reich­autobahn.

 

Bis Kriegsanfang waren rund 3.500 km fertig gestellt. Am 8. April 1938, zwei Tage vor der NS-Volksabstimmung über den „Anschluss" Österreichs ans Drit­te Reich, nahm Hitler am Walserberg an der Bayrisch-Salzburgischen Grenze den Spatenstich zum Bau der Reichsautobahn in der Ostmark vor. In Klagenfurt machte im April 1938 die Wanderausstellung „Die Straßen des Führers" Station. In der Zei­tung Kärntner Grenzruf hieß es damals: Das Reich wird durch die Straßen des Führers innerlich gründlicher, als es die bisherigen Verkehrsmittel vermochten, erschlossen. Entfernungen werden im Durcheilen prächtiger Landschaftsräume überwunden, Länder, Gaue, Volksstämme und Landschaften werden enger miteinan­der verbunden (..) Die Reichsautobahnen sind ein Denkmal des Glaubens, ein Sym­bol einer geschlossenen Kraft eines ge­einten Volkes. Sie sind uns Beispiel einer neuen nationalsozialistischen Auffassung von Technik, die nicht mehr im Dienste des Einzelnen oder im Dienste von Wirtschaft und Kapital steht, das nationalsozialisti­sche Werk der Technik steht im Dienst der Allgemeinheit. (..) Die Straßen Adolf Hit­lers sind Wirklichkeit gewordene Gedan­ken unseres Führers."

Die „Dollfuß-Straße" hatte im Gegen­satz zur „Hitler-Straße" nicht das Ziel, den schnellsten Weg von A nach B zu finden, die „Dollfuß-Straße" war auch gedacht als eine Straße der inneren Einkehr und Um­kehr, um den motorisierten, entwurzelten Städter, der durch den Geist des Materi­alismus und Liberalismus von Land, Volk und Katholizismus entfremdet wurde, wie­der auf den rechten Weg zu bringen. Zur Harmonie mit der Natur durch das Natur-und Landschaftserlebnis, zur Harmonie mit sich selbst durch Bekanntschaft mit der Lebensweise und Kultur der ländlichen Bevölkerung. So wurde der Fremdenver­kehr im Austrofaschismus ein ideologi­sches Werkzeug zur Gesundung der Ge­sellschaft. Der Bau der Reichsautobahn hingegen diente dem Nationalsozialismus neben der paramilitärischen Motorisierung der Nation auch dem Zusammenschwei­ßen der unterschiedlichsten „deutschen Volksstämme" zu einem Volk, einem Reich unter einem Führer - und das möglichst auf schnellstem Wege.

Kein Wunder also, dass die Nazis nur Spott und Hohn für die „kurvenreichen" Dollfuß-Straßen übrig hatten. Ganz in die­sem Sinne schrieb die Zeitung Kärntner Grenzruf über die Packstraße im Juli 1939: Werim Dollfuß-Österreich als Geschäfts­reisender, auf der Reise ins Landesgericht oder nach Wöllersdorf, die berühmten Dollfuß-Straßen (die bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert waren) zu befahren das zweifelhafte Vergnügen hatte und froh war, ohne Achsenbruch und ohne her­ausgebeutelte Seele das Ziel erreicht zu haben, der wusste genau, dass er keine Vergnügungsfahrt auf diesen Straßen ma­chen werde, selbst wenn er die Mittel dazu gehabt hätte. (...) Mit diesem Bau wollte die Bundesregierung den nach Österreich gekommen Gläubigervertretern und päpst­lichen Ratgebern zeigen, dass Österreich etwas anderes als Autobahnen bauen köne."

Christian Klösch

Historiker

leistete 1996/1997 Gedenkdienst am Leo Baeck Institute in New York