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Ausgabe 2/04


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Die Inszenierung des Austrofaschismus in Wien

Nach Ausschaltung der Demokratie in Ös­terreich und dem Verbot sämtlicher opposi­tioneller Parteien und Organisationen, war das noch immer „sehr rote" Wien dem aus-trofaschistischen Regime ein großer Dorn im Auge. Es galt an alte, christlich-soziale „Traditionen" anzuknüpfen und sozialdemo­kratische Einrichtungen neu zu definieren. Um dies zu erreichen arbeitete das Regime sehr stark mit symbolischen Demütigun­gen. Man inszenierte den Triumph über die Sozialdemokratie durch Großkundgebun­gen am 1. Mai und Jugendweihespiele der katholischen Jugend im Wiener Stadion. Der Karl-Marx Hof wurde zum Emil-Fey Hof umbenannt - nach dem Innenminis­ter, der die „sozialdemokratische Revolte" im Februar 1934 niedergeschlagen hat. Eine doppelte Demütigung, da in diesem Fall der Namensgeber noch am Leben und politisch aktiv war. Am Kultursektor wurden Bibliotheken, Theater und Cabarets von sozialdemokratischen Künstlern gesäu­bert, Volksheime und Sportvereine (Arbei­terclubs) aufgelöst. Ständeumzüge in his­torischen Kostümen mittelalterlicher Zünfte sollten die Wienerinnen und Wiener vom kulturellen Reichtum des Austrofaschis­mus überzeugen, wurden jedoch eher als Belustigung und Event (miss)verstanden, da den Zusehern jegliche Identifikation mit dem Dargebotenen fehlte. Die Verherrli­chung des Landlebens machte auch vor Wien nicht Halt. „Tage der Täler", Entwürfe für ein österreichisches Einheitsdirndl und Hochhaltung bäuerlicher Ideale sollten dem Regime denselben Zuspruch sichern, den es in den Bundesländern erhielt. Wie­der erreichten die Bemühungen nicht das gewünschte Ziel. Überhaupt ist festzustel­len, dass es der Austrofaschismus in Wien wesentlich schwerer hatte, eine Massenbasis zu erreichen als in den Bundeslän­dern. Denn in ländlichen Gebieten waren Werte wie Tradition und Ständedenken etabliert und natürliche Eliten (z.B. Staat und Kirche) etwas selbstverständliches. Für den Austrofaschismus war es daher ein Leichtes an diese bestehenden, au­toritären Strukturen anzuknüpfen. In der Großstadt Wien hingegen gab es eine konstante Opposition (die zunehmend von Nationalsozialisten untermauert wurde) und der Staat hatte nicht die Autorität, die die Regierungen Dollfuß und Schuschnigg gerne gesehen hätten. Es gab zwar Groß­kundgebungen und Massenaufläufe der Vaterländischen Front - diese gelangen wohl; auffällig ist aber, dass das austro-faschistische Regime kaum versucht hat einen bleibenden Eindruck im Stadtbild zu hinterlassen. Die Bautätigkeit in Wien kam in den Jahren 1934-1938 - mit Ausnahme einiger weniger sakraler Bauprojekte - fast völlig zum Erliegen.

Alles in allem ist festzustellen, dass die Inszenierung des Austrofaschismus in Wien eher schlecht und diletantisch war und mit der Professionalität der Inszenie­rungen anderer faschistischer Systeme (Nazi-Deutschland, Italien) nicht zu verglei­chen ist. Mangelndes Engagement bei der Inszenierung des „totalen Ständestaates" - vielleicht ein entscheidender Mitgrund für den relativ raschen Untergang des Austro­faschismus und seine reibungslose Ablöse durch den Nationalsozialismus.

Florian Druckenthaner

derzeit Gedenkdienstleistender am Anne Frank Zentrum in Berlin