AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/04


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Zur Instrumentalisierung von Schule und Bildung im Austrofaschismus

Um die Bildungspolitik zur Zeit des Aus­trofaschismus verstehen zu können, muss die Betrachtung schon 1918 ansetzen: Die Erste Republik ist als Voraussetzung zu verstehen, als Ausgangsbasis für Entwick­lungen, die im Austrofaschismus kulminier­ten, so dass die Zeit von 1918 bis 1938 als Kontinuum gesehen werden kann.

 

Nach Ende des Ersten Weltkriegs und der Gründung der Ersten Republik erfuhr die Erziehungs- und so auch die Schul­politik eine neue Relevanz, durchdrungen von den weltanschaulichen Prämissen der politischen Lager. Die Sozialdemokraten (Austromarxisten) wollten nicht nach der Revolution stürmen, sondern sahen in den bürgerlichen Idealen der Aufklärung das geeignete Mittel, den Traum der klassenlosen Gesellschaft auch im Wachzustand erleben zu können.

 

Der aktuelle österreichische National­ratpräsident wärmte altphilologisches auf: die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit1 und die Wahrheit dieser Zeit formulierte sich in dem Schlachtruf (und als solcher ist er fast wortwörtlich zu verstehen) „Wer die Jun­gen hat, hat die Zukunft".

Nicht nur die Austromarxisten folgten diesem romantischen Wahlspruch, und so ist die bildungspolitische Diskussion in den zwanziger Jahren geprägt durch die Konfrontation verschiedener weltanschau­licher Lager: Die Kompromisspolitik wurde aufgegeben, das Mittel Koalition diente dem Zweck des Ausschlusses anderer; die durchgehend christlichen Regierungen verstanden sich ausnahmslos als streng antimarxistisch.

Den Wahlkampf zur Nationalratswahl 1927 dominierten Bildungsagenden. Zu dieserZeit ist das Schulsystem Österreichs als „dualistisch" zu verstehen. Während in den Bundesländern christlich-katholische Ideen unverändert die Schulpolitik be­stimmten, folgt das „rote" Wien einer neu­en Schulkultur: Eine bis heute wirkende Schulreform wurde nach 1918 vom Prä­sidenten des Wiener Stadtschulrates Otto Glöckel eingeleitet. Allen Kindern ohne Un­terschied des Geschlechts und der sozia­len Lage sollte eine optimale Bildungsent­faltung gesichert werden. 1927 wurde die Hauptschule eingeführt, die Pflichtschule für die 10-bis 14-jährigen.

 

So ist der Streit um den so genannten Glöckel-Erlass durchaus beispielhaft für den Graben, der die beiden Lagern trenn­te und in der Bildungspolitik sichtbar wur­de: Am 10. April 1919 verabschiedete der dann zum Staatsminister für Bildung und Soziales beförderte Otto Glöckel, einen Erlass betreffend den Religionsunterrichts in Schulen. Mit diesem Erlass wurden reli­giöse Übungen nicht als Zweck der Schule angesehen, § 1 RVG (Reichsvolkschulge­setz) widersprechend, nachdem die Schule u.a. „sittlich- religiöse" Erziehung zu leisten habe: Der Zorn des katholischen Lagers war den Sozialdemokraten sicher. Und so hob die christlich-katholische  Regierungam 10. April 1933 den Glöckel-Erlass auf - als eine ihrer ersten Handlungen.

 

Die Lehrerschaft selbst war bis 1933 in Lehrervereinen verschiedener Couleurs organisiert, deren Beitritt auf freiwilliger Basis erfolgte: der sozialdemokratische Lehrerverein war der an Mitgliedern ärms­te, mehr Mitglieder konnte der christlich­katholische Verband aufweisen (ohne da­bei Grundschullehrer zuzulassen), und der mitgliederstärkste Lehrerverein war der deutsch-nationale.

Ab der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre ergaben die vehementen Sparmaß­nahmen der Regierung eine materiell un­gesicherte Situation für alle Lehrer. Eine der Sanierungsmaßnahmen resultierte im so genannte „Lehrerinnenzölibat": zur Bekämpfung des Doppelverdienertums mussten Lehrerinnen im Falle der Ehe­schließung den Schuldienst verlassen. 1930/31 verschlechterte die Weltwirt­schaftskrise die Lage noch mehr, so wurde Lehrern der Lohn in drei Etappen ausbe­zahlt.

Das einigende Band zwischen den (bildungs-)politischen Lagern stellte der Wunsch des Anschlusses an das Deutsche Reich dar; so wurde der Deutschunterricht auf Deutschland ausgerichtet. Die Stimmung im Land beruhte auf der Einstellung, dass die Demokratie als Kon­zept ihre Chancen verspielt hatte, so rief vor allem die Jugend nach einer Entschei­dung jenseits der Demokratie. Österreich­spezifisch war diese Meinung keineswegs, in vielen Ländern Europas formten sich diktatorische Regime.

Am 10. April 1933 wurde der Glöckel-Erlass mit dem Ziel aufgehoben, den „Revolutionsschutt" im Bildungswesen fortzuräumen, einhergehend mit einer Re-konfessionalisierung und Betonung „vater­ländischer Erziehung". Mit dem 1. Juli 1933 trat ein neues Dienstrecht für Lehrer in Kraft: ab nun solle die Erziehung in den Schulen in sittlich-re­ligiösem, vaterländisch-österreichischem Sinne verlaufen. Unterstützend wirkten die Einführung neuer Lehrbücher; ein Er-lass, der Lehrer aufforderte, der Vaterlän­dischen Front beizutreten; und verstärkte Disziplinierungsbemühungen gegenüber den nationalen Schichten führten zu ei­nem Teilnahmeverbot an parteipolitischen Demonstrationen seit 10. März 1933. (An­gemerkt sei, dass die Mehrheit der Schüler und Lehrer dem Deutschnationalen Lager zuzurechnen waren und diese Maßnahme den Nationalsozialisten entgegenwirken sollte.)

 

In diesem Sinne und mit diesen Mitteln hoffte die Regierung frühere Machtverhält­nisse wiederherstellen zu können. Dazu erhoffte man sich von den sittlich-religiös, vaterländisch-österreichisch Erzogenen eine Legitimation für den neuen Regie­rungskurs. So lässt sich die These formu­lieren: Je schwächer die Position ist, in der sich ein Regime befindet, desto restriktiver wird selbiges gegenüber dem Bildungsbe­reich agieren.

 

Als gelungen kann man diese Politik nicht bezeichnen - so kam es 1934 zum Bürgerkrieg, als dessen Auswirkung die ohnehin streng beäugte Bildungspolitik noch restriktiver gestaltet wurde. Konkret: Zahlreiche Umbesetzungen (v. a. in Wien, 102 von 500 Stellen waren betroffen), schärfere Trennung zwischen Haupt- und Mittelschulen, die Mai-Verfassung hob die oben genannte Erziehungsweise teilweise in einen Verfassungsrang.

Neue Lehrpläne und Schulbücher spie­gelten das Weltbild des Regimes wider: der Österreicher, deutscher Wurzel, aber historisch eigenständig, war durchaus re­ligiös-sittlich erzogen, vaterländisch-öster­reichisch denkend, und sozial-volkstreu handelnd. Um das in jedem Österreicher steckende Typische zu fördern, waren in den Erziehungsplänen Elemente vormi­litärischer Erziehung, hin zu Führertum und Wehrhaftigkeit zu finden, so wie Va­terlandskunde in der 8. Klasse Mittelschule den Österreicher sich als Österreicher de­finieren ließ.

Die konkrete Umsetzung des neuen Er­ziehungsauftrages erfolgte durch hetero­gene Aufnahme bei der Lehrerschaft, die überwiegend nicht-katholisch segmentiert war: die sozialistischen Lehrer reagier­ten ablehnend, die Deutsch-Nationalen zögernd zunächst, unterstützten aber ab dem Juli-Abkommen 1936 diesen Kurs zu­nehmend. Mit Sanktionen wurde die Disziplinierung der Schüler versucht: So werden 1933/34, 1.340 Schüler wegen NS-Betätigung regis­triert, 49 wegen „linker Ambitionen".

 

Eine außerschulische Jugenddiszipli-nierung wurde mit der Gründung des ös­terreichischen Jungvolks forciert und stand als Monopol neben weiter bestehenden katholischen Jugendorganisationen. Im österreichischen Jungvolk wurde Wert auf eine gediegene Feier- und Fest­kultur gelegt, etwa in Form von Kundge­bungen, Appellen oder Türkenfeiern. Prin­zipiell wurde eine Kopie der erfolgreichen HJ bzw. der italienischen Balilla versucht, also die Schaffung quasimilitärischer, uni­former Hierarchien, gespickt mit einer gu­ten Portion Führerverehrung.

Andere Erziehungskonzepte wurden ausgeschlossen und so eine monistische Erziehung gewährleistet, die zwangsläufig einer ebenso wenig diversifizierten Kultur den Unterbau bereiten sollte. Und genau dieses Faktum ist ein Kennzeichen diktato­rischer Regime: Während eine Demokratie immer wieder Konflikte hervorbringt, gibt es immer ein (wenn auch) unausgespro­chenes Gemeinsames. Wenn aber eine Kulturidee alle anderen ausschließt bzw. verbietet, kann nur mehr von Diktatur die Rede sein.

Reinhard Handler

Derzeit Gedenkdienstleistender an der Anne Frank Stichting, Amsterdam

(nach einem Tagungsvortrag von Herbert Dachs)

1 Walter Benjamin schrieb im Passagenwerk: „Die Wahrheit ist eher eine Rüsche am Kleid, als eine Idee."

Weiterführende LIteratur:

Dachs, Herbert: Schule und Politik. Die politische Er­ziehung an den österreichischen Schulen 1918 bis 1938. Wien/ München: Jugend und Volk 1982.