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Ausgabe 2/04


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Die Geschichtspolitik des Austrofaschismus

Der Begriff „Geschichtspolitik" ist nicht mit Instrumentalisierung oder gar Fälschung von Geschichte, also mit einer Unterschei­dung zwischen historischer Wahrheit und ihrer Verschleierung, deckungsgleich. Ge­schichte lässt sich nicht im Sinne eines „wie es wirklich gewesen ist" erforschen, die Darstellung von Geschichte geschieht immer perspektivisch, von einem Stand­punkt aus. Wir können uns historischen Ereignissen und Personen nicht losgelöst von Deutungen und Bedeutungszuschrei-bungen annähern. Politik wiederum ist geprägt von Kämpfen um Deutungen und Bedeutungszuschreibungen. Diese sind nicht die bloße Oberfläche von Sach- oder Machtpolitik, es geht im politischen Feld stets um die Durchsetzung der jeweils eigenen Konzepte von Identität und vom Eigenen und Fremden. Geschichtspolitik findet daher auf vielen Ebenen statt, in politischen Debatten ebenso wie in der In­szenierung von Feiertagen oder in Schul­büchern.

Geschichtspolitik war ein zentrales Ele­ment der Propaganda des austrofaschis-tischen Regimes. Die „Legitimation durch die Vergangenheit" (Pierre Nora) hatte hohen Anteil an der Selbstrepräsentation des (laut seiner Selbstbezeichnung) „Stän­destaates". Die „Legitimation durch die Zukunft" spielte ebenfalls eine Rolle, das Versprechen der Arbeitsplatzbeschaffung und die Inszenierung ökonomischen und technischen Fortschritts sind hinsichtlich ihrer Bedeutung für das Selbstverständnis des Dollfuß-Schuschnigg-Regimes nicht zu unterschätzen. Aber angesichts der geringen Erfolge und der spektakuläreren Propaganda des Dritten Reichs auf die­sem Gebiet erlangte die Geschichtspolitik besondere Wichtigkeit zur Kompensation der sozialen und ökonomischen Defizite. Das austrofaschistische Regime führte einen Kampf um die Deutungsmacht hin­sichtlich der österreichischen Geschichte. Sein Hauptgegner war der Nationalsozi­alismus, mit der Sozialdemokratie wurde diese identitätspolitische Auseinanderset­zung in geringerer Intensität geführt.

Den drei Lagern der Ersten Repub­lik - dem christlich-konservativen, dem sozialdemokratischen und dem deutsch­nationalen - war die Auffassung von der Zugehörigkeit der ÖsterreicherInnen zur deutschen Nation gemeinsam gewesen.

Die Errichtung der Diktatur ermöglichte nun die Durchsetzung der christlich-konservati­ven „Erzählung" von österreichischer Iden­tität. Das Ziel der Geschichtspolitik des Regimes war der Nachweis, dass die ka­tholischen ÖsterreicherInnen die besseren Deutschen seien. Im Vordergrund stand dabei die Herstellung von Differenz ge­genüber dem nationalsozialistischen Deut­schen Reich sowie im Inneren gegenüber der laizistischen Sozialdemokratie, ohne dass dabei ein nicht-deutsches Konzept des Österreichischen verfolgt wurde. Das österreichische kollektive Gedächtnis wur­de als Teil einer gemeinsamen deutschen Erinnerung formuliert. Der Kampf um die Deutungshegemonie basierte darauf, dass Preußen als zum Österreichischen anta­gonistisches Prinzip vorgestellt wurde.

Das nationale, protestantische Deutsch­tum gehe von Preußen aus, dessen Nach­folger das nationalsozialistische Dritte Reich sei. Die Vorstellung von einer ös­terreichischen Nation wurde hingegen von Dollfuß, Schuschnigg und anderen führenden Repräsentanten des Regimes wiederholt zurückgewiesen, die Auseinan­dersetzung mit dem Nationalsozialismus um Positionen innerhalb des Deutschtums geführt: Wir sind deutsch, so selbstver­ständlich deutsch, dass es uns überflüsig vorkommt, dies eigens zu betonen", erklärte Bundeskanzler Dollfuß in seiner Trabrennplatzrede vom 11. September 1933. Laut Verfassung vom 1. Mai 1934 war Österreich ein „christlicher, deutscher Bundesstaat auf ständischer Grundlage". Auch das Dollfuß-Lied zu Ehren des er­mordeten „Märtyrerkanzlers" machte die Untrennbarkeit österreichischer und deut­scher Identität unmissverständlich klar: Er gab für Österreich sein Blut, ein wahrer deutscher Mann".

Offizielle Darstellungen legten ein Ras­ter über die Geschichte, das die besonde­ren Verdienste des katholischen Deutsch­tums der ÖsterreicherInnen nachweisen sollte: „Österreich schirmt das christlich­deutsche Kulturideal, das man im Dritten Reiche verfolgt, bewahrt den Sinn der gesamtdeutschen Geschichte, den man entstellt und hütet die heiligen Reichsklein­odien als Sinnbilder großer Vergangen­heit, die Recht und Hoffnung gibt auf eine glückliche Zukunft. Das freie und unabhägige Österreich muß seine Selbständigkeit gegen jedermann verteidigen, will es seine geschichtlichen Aufgaben erfüllen - zum Wohle des Gesamtdeutschtums, zum Heil Europas!"1

Brücke und Bollwerk - die „österreichische Mission"

Die besondere Rolle des österreichischen Deutschtums fokussierte in der Vorstellung von der „österreichischen Mission" oder „Sendung". Diese wurde den Motiven des Bollwerks und der Brücke bestimmt: Viel­mehr wurde unser Heimatboden ein Teil des großen deutschen Siedlungsraumes, er wurde der südöstlichste Pfeiler des sich in Mitteleuropa bildenden Deutschen Rei­ches; seine Bewohner mussten die Völker­ströme des Ostens auffangen und ihnen die Segnungen höherer Kultur vermitteln, sie mussten zugleich Verteidiger und Ver­mittlerdeutschen Geistes sein."2 Vor allem gegen den Osten und Südosten Europas wurde Österreich, die Ostmark, als Bollwerk imaginiert, insbesondere die Türken galten als Antithese zu Deutschtum und Abendland. Dieser Gegensatz legitimierte auch die Niederschlagung der Sozialde­mokratie, denn der Bolschewismus wurde als aktuelle Variante des Feindes aus dem Osten angesehen. So ist vom „Kreuz, das heute in Wien [...] aufgerichtet wird [...] gegen den Sowjetstern und wie vor 250 Jahren gegen den siegreich vorstürmen­den Halbmond" die Rede3. Im „Goldenen Buch der Vaterländischen Geschichte" heißt es über die Februarkämpfe und den Naziputsch 1934: Wie einst vor den Tür­ken, hat Wien heute Europa vor dem Ein­bruch des internationalen und nationalen Bolschewismus bewahrt und als Eckpfeiler abendländischer Kultur wieder seine euro­päische Sendung erwiesen. "4

Das Motiv der Brücke wiederum war von kulturellem Kolonialismus geprägt. Die „österreichische Mission" bestand in der deutschen Besiedlung des (Süd-)Ostens sowie in der Verbreitung von Christentum und deutsch-abendländischer Kultur. Da­bei war das Bild vom paternalistischen Verhältnis der „Deutschösterreicher" zu den gleichsam schutzbefohlenen Völkern kennzeichnend: Am Aufschwung der Monarchie gewannen besonders die sla­wischen Völker, die unter der Obhut des österreichischen Staates erst zu Kulturna­tionen wurden."5 Oder: Auch die Provinzen Bosnien und Herzegowina erfuhren den Segen ostmärkischen Kolonisations-geistes.6 Für diese kulturmissionarische Leistung seien die ÖsterreicherInnen, die als Deutsche jahrhundertelang in einem übernationalen Staatswesen gelebt hät­ten,  besonders  prädestiniert.   Mit dieser Argumentation wurde ein Gegensatz zum Nazi-Reich hergestellt, das wegen seines ethnisch-rassischen Verständnisses von Deutschtum im Widerspruch zu dessen religiös-kultureller Definition im Austrofa-schismus stand. Die Vaterländische Front propagierte die Tradition des übernatio­nalen Heiligen Römischen Reiches des Mittelalters, dessen Fortsetzung die Habs­burgermonarchie gewesen sei, und ver­focht gleichzeitig die Auffassung von der deutschen Kultur als deren Leitkultur. Auf der Konstruktion dieser Kontinuität beruh­te die Ablehnung der Ersten Republik. Die Kontinuität österreichischer Geschichte sei 1918 mit dem Ende der Habsburgermon­archie unterbrochen worden. Die Erste Re­publik mit der relativ starken Position der Sozialdemokratie galt somit als fremd und unösterreichisch, die Beseitigung der De­mokratie 1933 konnte als patriotischer Akt legitimiert werden, der die Kontinuität zur österreichischen Geschichte bis 1918 wie­der herstellte. Die Botschaft lautete, dass nur die Diktatur, nur der Austrofaschismus wahres Österreichertum vertrete.

Die Antideutschen nach 1945

Die Identitätspolitik der frühen Zweiten Re­publik unterschied sich von der des austrofaschistischen Regimes insbesondere in der Definition der ÖsterreicherInnen als Nicht-Deutsche. Geschichtspolitik soll­te nun nachweisen, dass Österreich sich entweder aus der deutschen Geschichte und Kultur herausgelöst habe oder dass es nie wirklich deutsch gewesen sei. War das Geschichtsbild der autoritären Re­gierungen Dollfuß und Schuschnigg an­tipreußisch, so wurde es nun generell antideutsch umgedeutet. Hand in Hand damit ging die Auffassung von Österreich als Nation, wie sie zunächst von ÖVP und KPÖ formuliert wurde. Bundeskanzler Le­opold Figl (ÖVP) brachte das neue Para­digma auf den Punkt, indem er feststellte, das österreichische Wesen sei eine Tat­sache, die in unserer geschichtlichen und kulturellen Entwicklung begründet ist und die ihren tiefsten Sinn darin findet, daß wir ein eigenes Volk sind, das nur zufällig die gleiche Sprache spricht wie die Nachbarn in Norden"7. Der Kampf gegen die „Ost­mark-Legende" führte dazu, dass histo­rische Personen und Ereignisse aus der Zeit vor 1938 neue Deutungen erfuhren und auch neue Eckpunkte österreichischer Geschichte propagiert wurden. Charakte­ristisch ist der Bedeutungsverlust der ka-rolingischen Ostmark als Geburtsstunde Österreichs - im Gegensatz zur Zeit vor 1938 - und die Aufwertung der Ostarrichi-Urkunde von 996, die als Beginn einer ei­genständigen österreichischen Geschichte präsentiert wurde. Schon 1946 stand die österreichweite Erinnerung an „950 Jah­re Ostarrichi" im Zeichen der Feier eines Gründungsdatums Österreichs.

Ein weiteres Merkmal der Geschichts­politik nach 1945 war klarerweise der Pluralismus der Geschichtskonzeptionen, der in der Diktatur nicht möglich war. Iden­titätspolitisch aktiv im Sinne einer österreichischen Nation waren dabei vor allem ÖVP und KPÖ, während der VdU offensiv die Zugehörigkeit Österreichs zur deut­schen Kulturnation vertrat. Die SPÖ, die in den späten 1940er und den 1950er Jahren das Konzept der österreichischen Nati­on weitgehend als konservative, mit dem Katholizismus verbundene Idee auffasste und in der die Vorstellung von einer deut­schen (kulturellen) Identität Österreichs noch stark verankert war, hielt sich aus den identitätspolitischen Debatten weitge­hend heraus.

Das Motiv der Brücke eignete sich auch nach 1945 zur Begründung einer öster­reichischen Identität und erfuhr eine ent­sprechende, den Gegebenheiten nach dem Zweiten Weltkrieg angepasste Bedeutung. Es war vor allem im Sinne der Opfertheo­rie verwendbar. Österreich, so wurde argu­mentiert, hatte in seiner Geschichte immer Verbindendes im Sinn, ganz im Gegensatz zum Deutschen Reich. Die übernationale Habsburgermonarchie diente in diesem Kontext als Nachweis, dass die Österrei­cherInnen gegen den ethnisch-rassischen Nationalismus Nazi-Deutschlands durch ihre Geschichte immunisiert seien. Die spätere Zustimmung zur Neutralität basiert auch auf dem Angebot eines solchen kon­zilianten Selbstbildes.

Die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik zeigt aber letztlich, dass Ge­schichtspolitik durch erfolgreiche Legiti­mation durch die Zukunft begleitet sein muss. Die Akzeptanz des nicht-deutschen Paradigmas der österreichischen Identität beruht in hohem Maße auf der Erfahrung, dass das selbstständige Österreich auf der Grundlage ökonomischer Prosperität und Leistungsfähigkeit existenzfähig ist.

Werner Suppanz

Historiker an der Abteilung Zeitgeschichte des Instituts

für Geschichte fer Universität Graz und Mitarbeiter

des Spezialforschungsbereichs „Moderne -Wien und

Zentraleuropa um 1900"

1     Österreichs deutsche Sendung, in: Wiener Front 1

(April 1937), S. 4.

2     Vaterlandskunde.   Geschichte,   Geographie   und

Bürgerkunde Österreichs für die achte Klasse der

Mittelschulen, verfaßt von Dr. Alois Hinner, Dr. Os­

kar Kende, Dr. Heinrich Montzka und Dr. Mathilde

Uhlirz, Wien 1938, S. 48.

3     Nikolaus Heinrich:  Krise des deutschen  Katho­

lizismus,   in:   Der   Christliche   Ständestaat,   1/6

(28.1.1934), S. 15.

4     Joseph August Lux: Das Goldene Buch der Vater­

ländischen Geschichte für Jugend und Volk, Wien

1934, S. 11.

5     Fritz Herndl: Österreich. Seine Geschichte für Ju­

gend und Volk, Innsbruck-Wien-München 1934, S.

186.

6     Ebenda, S. 198.

7     Leopold Figl: Was ist Österreich?, in: Österreichi­

sche Monatshefte 1 (1945/46), S. 90.