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Ausgabe 2/04


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Vorschläge zur Umgestaltung des (Bildungs)Programms von GEDENKDIENST

Veränderungsbedarf?

Im Mai dieses Jahres begaben sich die Mitglieder des Vereinsvorstands, darun­ter auch meine Wenigkeit, auf Klausur ins Waldviertel, um abseits der Routine allwö­chentlicher Sitzungen eineinhalb Tage lang über die Zukunft von GEDENKDIENST nachzudenken. Die Harmonie eines recht friedfertigen Vorstandsteams, kulinarisch hochstehendes Essen in einem angeneh­men Ambiente, die beruhigende Gleichmä­ßigkeit hartnäckigen Dauerregens hätten satte Zufriedenheit bei der Reflexion über GEDENKDIENST nahe gelegt.

Tatsächlich bewegt sich die Vereinsar­beit in eingespielten Bahnen: Mittwochs­treffen, eine wissenschaftliche Tagung im Frühling, Studienfahrten, Vorbereitungs­seminar, etc. sind fest etablierte Elemen­te des Gedenkdienstjahres. Mit dem Büro bestehend aus der jeweiligen EVS-Freiwil-ligen und John Evers verfügen wir über ein solides administratives Rückgrat. Wer GE­DENKDIENST geleistet hat, sei es als Zi­vilersatzdienst oder im Rahmen von EVS, blickt auf seine/ihre Tätigkeit in der Regel als sehr positive Erfahrung zurück. Viele sind sogar begeistert.

Bewährte Strukturen haben freilich ihre Kehrseite: Entstanden in einem bestimm­ten Moment der Organisationsentwicklung, adäquat für einen bestimmten politischen und gesellschaftlichen Kontext, tendieren sie zu ihrer Fortschreibung, selbst wenn sie den Bedürfnissen der Gegenwart und einer sich abzeichnenden Zukunft nicht mehr angemessen sind. Soweit ist GE­DENKDIENST, ein in mehrfacher Hinsicht junger Verein, unseres Erachtens zwar noch nicht. Sehr wohl sind wir aber an ei­nem Punkt angelangt, an dem wir uns fra­gen sollten, ob so manches Erbstück der

Vereinsgeschichte noch jene Funktionen erfüllt, die ihm einige Jahre früher zuge­dacht waren.

Ein Beispiel für unsere Diagnose: die Mittwochstreffen

Betrachten wir die Mittwochstreffen: Ihr Ursprung ist für die derzeitigen Vorstands­mitglieder nicht mehr auszumachen. Wer weiß schon, warum die Treffen am Mitt­woch sind und wie es zu dieser Instituti­on überhaupt gekommen ist. Die Wissen­slücke wäre nicht weiter tragisch, aber leider sind auch die Akzeptanz und die Nutzung durch die Mitglieder nur mehr in beschränktem Maß gegeben. Noch in der unmittelbaren Post-Maislinger-Zeit waren die Mittwochstreffen eine Art politisches Wohnzimmer für alle möglichen Leute rund um GEDENKDIENST. Wöchentlich fanden sich bei dieser Gelegenheit ehemalige wie zukünftige Gedenkdienstleistende ein, oft eine größere Zahl von Leuten - vielleicht hat es auch nach mehr ausgesehen, weil die Räumlichkeiten in derTreitlstraße recht beengt waren. Die Inhalte waren improvi­siert, die Diskussion aber rege.

Mittlerweile nehmen an den Mittwochs­treffen ausschließlich diejenigen teil, die GEDENKDIENST machen wollen und in Wien leben - eine reduzierte Gruppe von heuer 10 Leuten; ein zu kleines Reservoir, um z. B. damit rechnen zu können, dass ein Vortragender/eine Vortragende auch ein Publikum bekommt, das mehr als bloß vier, fünf Personen umfasst. Wer jedoch GEDENKDIENST absolviert hat, verspürt anscheinend keine Lust, wieder zu Mitt­wochstreffen zu gehen - es sei denn, um seine einstige Stelle Neuinteressierten vorzustellen, und das ist naturgemäß ein einmaliger Event.

Was ist anders als früher?

Bei Beschäftigung mit dieser Frage drän­gen sich drei Antworten auf: Erstens ver­fügen wir heute über Verwaltungsstruktu­ren von einer gewissen Professionalität. Das begünstigt aber auch Passivität von Seiten neu Hinzukommender. Früher war GEDENKDIENST auf den ersten Blick als eine etwas chaotische Baustelle erkenn­bar. Am Bedarf von Engagement gab es nur einen Zweifel: ob man sich die Arbeit antun wollte.

Zweitens haben sich Funktionen stär­ker ausdifferenziert. Während die Mitt­wochstreffen zu einem Programm für zu­künftige Gedenkdienstleistende geworden sind, frequentieren die Ehemaligen den GedenkTisch. Heute gibt es ein eigenes „Auswahlseminar", bei dem sich die an GEDENKDIENST Interessierten bewer­ben. Früher fand einfach ein Seminar im November statt, das Generalversamm­lung, inhaltliches Programm und die Aus­wahl von zukünftigen Gedenkdienstleis-tenden mischte.

Da die Möglichkeit, den Zivildienst aufzu­schieben, nicht mehr existiert, sind drittens die Interessenten immer häufiger Schüler oder Studenten in Anfangsemestern, wäh­rend es früher eher Studenten in Endse­mestern waren. Das zeitigt verschiedene Konsequenzen: Erst relativ kurz vor dem Auswahlseminar mit dem Verein in Kontakt zu kommen war noch vor einigen Jahren die Ausnahme, heute wird es zunehmend zur Regel. Zwischen Vorständlern und üb­rigen GDlern gab es vor ein paar Jahren meist keinen Altersunterschied; dieser ist mittlerweile erheblich.

Um auf die skizzierten Entwicklungen zu reagieren, möchten wir zwei Programm­schienen aufbauen: eine Schiene, die klar

auf die Vorbereitung der zukünftigen Ge-denkdienstleistenden fokussiert - „GE­DENKDIENST als Entsendeorganisation" -und eine zweite, die wir „GEDENKDIENST als Plattform" genannt haben. Damit ist der Versuch gemeint, eine an unseren Themen interessierte Öffentlichkeit zu gewinnen, dadurch zugleich aber wieder für unseren eigenen „Dunstkreis" attraktiver zu wer­den, der den Verein vermutlich als zu sehr auf das Organisieren von Zivilersatzdienst beschränkt wahrnimmt.

GEDENKDIENST als Entsendeorganisation

Abstrakt gesprochen sind zwei Prinzipien bei der Gestaltung dieses Feldes zu be­achten: Erstens wollen wir den zukünftigen Gedenkdienstleistenden Instrumente für eine gezielte Vorbereitung auf ihren Dienst an die Hand geben. Zweitens aber sol­len sie in diesem Prozess nicht bloß eine passiv rezipierende Rolle spielen. Es müs­sen ihnen Räume offen stehen, damit sie sich als aktive Mitgestalter von GEDENK­DIENST erleben können. Schließlich sind wir ein Verein mit gesellschaftspolitischem Anspruch und keine Dienstleistungsorga­nisation; wir wollen daher ein Forum der Auseinandersetzung bieten und nicht An­bieter von gut abgehangenem Wissen zum Thema Holocaust sein.

Konkret haben wir an drei Wochen­endseminare (im Februar, im April und Ende Juni/Anfang Juli) als Fixpunkte für die zukünftigen Gedenkdienstleistenden gedacht. Die Grundidee für den Ablauf der Seminare ist: Vom ersten zum dritten Termin soll der Anteil steigen, den die Ge­denkdienstleistenden an der Festlegung und Erarbeitung von Themen überneh­men. Sie sollen also immer aktiver einge­bunden werden.

GEDENKDIENST als Plattform - Geh denken!"

In diesem Bereich hat ein Projekt schon konkrete Formen angenommen: das Vor­haben einer Veranstaltungsreihe, mit der wir eine für GEDENKDIENST charakte­ristische Herangehensweise an zeitge­schichtliche Themen markieren wollen. Der Zyklus soll Platz bieten für die un­terschiedlichsten Formen der Auseinan­dersetzung, ob es sich nun um Vorträge, Filmvorführungen, Lesungen, Exkursio­nen, etc. handelt. Wir haben den Zyklus „Geh denken!" genannt, um das aktive Moment zu unterstreichen - wir wollen nicht fertige Bauelemente für die politisch korrekte StaatsbürgerIn bieten, sondern zur Diskussion auffordern. Die feierliche Betroffenheit, mit der Gedenken oft genug abgewickelt wird und die stets die Gefahr eines Abrutschens in kultivierte Gleichgül­tigkeit birgt, darf unsere Sache nicht sein. Diese Forderung aufzustellen ist freilich leichter als sie zu realisieren: Die Ver­anstaltungsreihe soll uns daher auch als Vehikel dienen, Standpunkte in der Ausei­nandersetzung zu schärfen.

Für das Wintersemester 2004/05 ha­ben wir mittlerweile ein Programm fixiert (siehe die nebenstehenden Ankündigun­gen!). Wir beginnen im Oktober mit einer „Partisanenwanderung". Bereits letztes Jahr fand unter diesem Titel ein höchst aufschlussreicher Lokalaugenschein im „wilden Kärnten" statt. Sehr zu empfehlen nicht aus rein ethnologischem Interesse, sondern um sich z.B. der deutschnatio­nalen Fallen bewusst zu werden, die in Kärnten besonders klar zu Tage treten, die aber der österreichischen nationalen Identität nicht nur in diesem südlichen Bundesland eingeschrieben sind.

Wir möchten mit unserem Programm sowohl eine interessierte Öffentlichkeit abseits unseres Vereins ansprechen als auch Mitglieder mobilisieren, die der­zeit kaum an Aktivitäten von GEDENK­DIENST teilnehmen. Von Seite der Orga-nisatorInnen/Beitragenden betrachtet, soll die Etablierung der Veranstaltungsreihe Andockmöglichkeiten vor allem auch für ehemalige Gedenkdienstleistende bieten, die sich inhaltlich engagieren wollen. Für das Sommersemester hoffen wir, dass sich der Zyklus inhaltlich und organisato­risch vom Vorstand emanzipiert, ihn also Mitglieder unseres Vereins als Instrument ihres Engagements aufgreifen.

Die Verknüpfung beider Schienen

Indem wir zwischen „Plattform" und „Ent­sendeorganisation" unterscheiden, wollen wir natürlich keine unüberwindliche Barri­ere zwischen beiden Strängen einziehen, sondern Raum für unterschiedliche He­rangehensweisen an GEDENKDIENST schaffen, die einander wechselseitig be­fruchten sollen. Nur als Beispiel: Über „Geh denken!" könnten z.B. Themen vertieft werden, die sich in den Vorberei­tungsseminaren als besonders brennen­de Fragen herauskristallisiert haben.

Insgesamt gilt aber: Die Überlegungen, die wir im Vorstand entwickeln, sind nur soweit von Belang, als sie von den Mitglie­dern angenommen und getragen werden. Auch der vorliegende Text ist daher nicht als Präsentation eines GD-Fertigmenüs zu lesen, das wir unseren Mitgliedern nach dem Muster „Take it or leave it" vorsetzen wollen, sondern als Aufforderung, sich in die Vereinsarbeit einzuschalten und mit uns über die Entwicklungsmöglichkeiten von GEDENKDIENST nachzudenken.

Oliver Kühschelm

Historiker, leistete 2000/2001 Gedenkdienst an

der Fundación Memoria del Holocausto in Buenos

Aires, seit Herbst 2003 Vorstandsmitglied