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Ausgabe 3/04


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Jenseits von Schuld und Sühne?

Versuch über die Identität von GEDENKDIENST

 

 

Der folgende Text von Anton Legerer ist eine Zusammenfassung und Weiterfüh­rung des Vortrages „Kontinuitäten und Brüche der 'Sühnergeneration': pro-aktive Gedenkkultur(en) in Deutschland und Ös­terreich in Gestalt von Aktion Sühnezei­chen/Friedensdienste und Gedenkdienst" vom 28. Oktober 2004 für die Veranstal­tungsreihe „Geh Denken!".

 

 

„Schuld" ist das große Tabu von GE­DENKDIENST. Von Schuld wollen wir nicht reden - von Schuld distanzieren wir uns; „Verantwortung" - was immer das auch heißen mag - lassen wir noch eher gelten. „Sühne" kommt im Gedenkdienstvokabular als Begriff erst gar nicht vor. Was bleibt dann noch? Zeitgenössisches politisches Bewusstsein - gegen Rassismen, gegen Xenophobien, gegen Diskriminierungen, gegen Antisemitismus? Und auf der Hand­lungsebene zeithistorische Aufarbeitung? Gibt es dann noch einen Unterschied zu Amnesty International oder anderen ein­schlägigen Organisationen? Im Folgenden sei kurz an die Wurzeln von GEDENKDIENST erinnert, an die deutsche Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste, ihre reli­giöse - im Wesentlichen protestantische - und zugleich gesellschaftspolitische Identität und daran anknüpfend sei die Frage nach dem „Überbau" von GEDENK­DIENST gestellt.

 

 

Religiöses Vorbild: Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste

 

Die institutionelle Begründung der heuti­gen Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste erfolgte vor dem Plenum der gesamtdeut­schen Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland 1958 in Berlin über einen außerhalb des Programms vorgetragenen Aufruf mit der Überschrift „Wir bitten um Frieden" des damaligen Präses der Provinzialsächsischen Kirche, zugleich Präses der Generalsynode der Evangelischen Kir­che der Union1, Lothar Kreyssig2. Kreyssig, der in der kirchlichen Hierarchie am oberen Rand und damit auch eine Person von gesellschaftspolitischer Bedeutung war, hatte bereits sechs Jahre vorher in ei­nem Schreiben an Paul Yorck von Warten­burg, Bruder des wegen seiner Beteiligung am 20. Juli 1944 hingerichteten Peter, Überlegungen zur Aktion Sühnezeichen angestellt. Tatsächlich dauerte es weitere sechs Jahre, bis Kreyssig mit seinem Vor­stoß innerhalb der Evangelischen Kirche Deutschlands, die er als Hauptadressat hinsichtlich der theologisch-weltanschaulichen Begründung seiner Initiative betrach­tete, auf ausreichenden positiven Widerhall stieß. Eingebunden in die Diskussion um die Konzeption der Aktion Sühnezeichen waren bei aller religiöser Motivation und späterer religiöser Ritualisierung zahlrei­che Personen außerhalb der Kirche bzw. Personen an der Schnittstelle zwischen Kirche und Politik - es bestand also von Beginn an ein zumindest gleichwertiges gesellschaftspolitisches Interesse und Be­wusstsein.

 

 

Die Umsetzung der Aktion Sühnezei­chen blieb im kirchlichen Raum anfangs vor allem dem Netzwerk der Bekennen­den Kirche vorbehalten, deren Vertreter ebenso wie Synodale aus der DDR den Aufruf überproportional unterzeichnet hat­ten. Dieses Netzwerk war gesellschaftlich gut verankert: so zählten der zweimali­ge Minister und spätere Bundespräsident Gustav Heinemann, der langjährige Be­vollmächtigte der Evangelischen Kirche bei der Bundesregierung und Militärbischof Hermann Kunst sowie sämtliche Kirchen­führer der Evangelischen Kirche der Uni­on zu den Potentaten von Sühnezeichen. Die Bekenntnisbrüder Kurt Scharf, Berlin und Ernst Wilm, Bielefeld, zählten ebenso dazu wie der spätberufene so genannte „Stacheldrahtchrist" Erich Müller-Gangloff, Gründer und Leiter der Evangelischen Akademie, die als think tank für Sühnezei­chen bis in die 1980er Jahre diente. Ne­ben kirchlichem Geld - über Kollekten und kirchlichen Budgetmittel - kam das Geld von Einzelspenden und - über Vermittlung des Regierungsdirektors Gotthard Kutzner vom Bundesvertriebenenministerium (!) - auch von öffentlichen Quellen. Drei miteinander verwobene Netzwerke waren an der Umsetzung von Sühnezeichen beteiligt: die - ehemaligen - Bruderschaften aus der Bekennenden Kirche, Vertriebe­ne sowie Widerstandskämpfer bzw. deren Hinterbliebene und Angehörige.

 

 

Worum ging bzw. geht es bei der Aktion Sühnezeichen im Sinne Lothar Kreyssigs? - „Wir Deutsche haben den zweiten Welt­krieg begonnen und schon damit mehr als andere unmessbares Leiden der Mensch­heit verschuldet. Deutsche haben in frevle­rischem Aufstand gegen Gott Millionen von Juden umgebracht. Wer von uns Überlebenden das nicht gewollt hat, der hat nicht genug getan, es zu verhindern.", so Kreyssig in seinem Aufruf. Kreyssigs Konzep­tion, die er zuerst unter der Bezeichnung Aktion Versöhnungszeichen vorstellte, sah vor, dass deutsche Freiwillige zunächst in Russland, Polen und Israel bauliche Zeichen errichten sollten - symbolische Zeichen der Versöhnung mit vormaligen Kriegsgegnern und mit Israel. Der gesellschaftspolitischen Verwirklichung lag ein theologischer Anspruch zur moralischen Rehabilitierung zugrunde: Unbewältigte ei­gene Schuld gegenüber Verfolgten des Na­tionalsozialismus und Kriegsgegnern und unbewältigte fremde Schuld an Deutschen sollten einbekannt und folgend vergeben werden, um Verständigung zwischen ehe­maligen Kriegsgegnern, Verfolgern und Verfolgten zu ermöglichen. Im Aufruf heißt es dazu: „... noch können wir... der Selbst­rechtfertigung, der Bitterkeit und dem Hass eine Kraft entgegensetzen, wenn wir selbst wirklich vergeben, Vergebung erbitten und diese Gesinnung praktizieren."

 

 

Kreyssigs Appell: „Wir bitten die Re­gierungen Polens, der UdSSR und Isra­els, den Dienst, wie viele sich immer dazu bereit finden möchten, nicht als eine ir­gendwie beträchtliche Hilfe oder Wieder­gutmachung, aber als Bitte um Vergebung und Frieden anzunehmen und zu helfen, dass der Dienst zustande kommt.", dieser Appell blieb wegen der Verbindung eigener mit fremder Schuld zunächst ohne positi­ves Feedback. Weder die - im Aufruf als „Russland" bezeichnete - Sowjetunion, noch die Volksrepublik Polen oder gar der Staat Israel konnten oder wollten dieser Logik folgen, ebenso wenig die DDR als präsumtiver Entsendestaat. Die ersten Ein­sätze erfolgten schließlich in den westli­chen Ländern Niederlande, Norwegen und Frankreich mit jeweils christlichen Projektpartnern.

 

 

Zu Beginn der Aktion Sühnezeichen stand die Errichtung von Sühne- oder Frie­denszeichen im Vordergrund - konkrete Bauwerke für gemeinnützige Zwecke. Schon in den frühen 1960er Jahren wan­delte sich das Aufgabengebiet, weil die Empfängerländer seltener Bedarf an Bauwerken anmeldeten. Die Tätigkeit der Freiwilligen nahm soziale wie gesellschafts­politische Dimensionen an, sie umfasste die Arbeit in Alters-, Kinder- und Behinder­tenheimen, Archivarbeit, gewerkschaftliche Arbeit, Restaurierungsarbeiten in ehemali­gen Konzentrationslagern. Das letzte unter Arbeitseinsatz von Sühnezeichen-Freiwilligen errichtete Bauwerk wurde 1967 in Rotterdam eingeweiht. Die Internationale Begegnungsstätte in Auschwitz, Mitte der 1980er Jahre eingeweiht, und das heuer eröffnete Gästehaus in Jerusalem wurden einerseits nicht mehr von Sühnezeichen-Freiwilligen selbst gebaut, andererseits auch nicht mehr für andere Begünstigte. Beide Gebäude werden statt dessen direkt oder indirekt von Sühnezeichen selbst als Begegnungs- und Studienhäuser betrie­ben.

 

 

Eine gesellschaftlich bedeutende, sogar tragende Rolle spielte die Aktion Sühnezei­chen in der deutschen Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre. Das christlich­pazifistische KnowHow, in Verbindung mit Vergangenheitsbewusstsein, gepaart mit den kirchlichen Netzwerken, ließ die Akti­on Sühnezeichen einen inhaltlichen wie in der öffentlichen Meinung reflektierten Auf­schwung erleben. Aktion Sühnezeichen, seit 1968 mit dem Zusatz Friedensdienste firmierend, publizierte in einem eigenen Verlag Anleitungen, Handreichungen, Broschüren und Bücher rund um Frieden, Auf- und Abrüstung.

 

 

Gedenkdienste in Österreich

 

Damit will ich zu den Sühnezeichen-Töchtern oder Stiefschwestern in Österreich, den Gedenkdiensten, überleiten, die als größten Unterschied zur deutschen Aktion Sühnezeichen - einen gänzlich säkularen Zugang haben oder jedenfalls keine Anlei­hen an theologischem Denken und religi­öse Rituale nehmen. Die österreichischen Gedenkdienste gehen alle auf die Freiwilligentätigkeit des Politikwissenschafters An­dreas Maislinger zurück, der nach seiner Promotion an der Salzburger Universität als Österreicher Anfang der 1980er Jahre im Polenreferat der Aktion Sühnezeichen arbeitete und post festum ebenso bemüht wie erfolglos versuchte, diese Arbeit als Ersatzzivildienst anerkennen zu lassen. Rund zehn Jahre versuchte er in der Folge, über seinen eigenen Fall hinausgehend, ei­ne generelle Regelung durchzusetzen und das Projekt Sühnezeichen unter der von ihm später gewählten Bezeichnung „Ge­denkdienst" nach Österreich zu bringen. Ende 1991 kam es - selbst für Maislinger überraschend, aber unzweifelhaft auf sei­ne langjährige Überzeugungstätigkeit zurückgehend - zur Verabschiedung eines Gesetzes, das einen Ersatzzivildienst im Ausland ermöglichte, wobei diesem ersten Gesetzestext nicht ohne weiteres die ge­setzliche Rahmenbedingung für den Ge­denkdienst zu entnehmen war, während Sozial- und Friedensdienste, die ebenfalls mit dieser Zivildienstgesetzesnovelle als Ersatzzivildienste ermöglicht worden sind, wenigstens angedeutet waren. Inhaltlich stand (steht?) vor allem die öffentliche sym­bolische Anerkennung der österreichischen Täterrolle im Vordergrund - als Antithese zur im Wesentlichen bis in die Gegenwart tradierten Opferthese. Der in Konkurrenz zu Maislinger 1994 gegründete gewerk­schaftsnahe Verein „Niemals Vergessen" vereinfachte den Gesetzestext auf seiner Homepage: „Du kannst und darfst ,Auslandszivildienst' leisten und dieser gilt als Ersatz für den ,normalen' Zivildienst und darum gibt es diesen Verein."

 

 

Nationaler „Gedenkdienst" 1967

 

Andreas Maislinger war nicht der erste, der die Aktion Sühnezeichen nach Österreich bzw. Österreicher in die deutsche Aktion Sühnezeichen bringen wollte - ein ähnli­ches Vorhaben aus dem Evangelischen Jugendwerk in Österreich war bereits seit 1965 im Gespräch gewesen. Die sich über zwei Jahre erstreckenden Überlegungen und Verhandlungen fanden ein jähes En­de. Ende August 1967 sollten die Öster­reicher an einem Sühnezeichen-Einsatz in der Tschechoslowakei teilnehmen. Zwei Tage nach einer entsprechenden Informati­on durch die Westberliner Aktion Sühnezei­chen sagten die österreichischen Partner unter Verwendung eines selbst gebastelten Briefkopfs „Aktion Sühnezeichen Ost, Ev. Jugendwerk in Österreich" ihre Beteiligung an dem Einsatz ab, weil unmittelbar vor dem geplanten Einsatz in der ČSSR ein Zwischenfall an der tschechoslowakisch­österreichischen Grenze berichtet worden war, bei dem tschechoslowakische Grenz­schützer Flüchtlingen auf österreichisches Gebiet gefolgt und Flüchtende getötet wor­den waren. Die präsumtiven Sühner aus Österreich übten sich in Staatsräson und schrieben der Berliner Zentrale:

 

 

„.. .diese Zwischenfälle, bei denen die österreichische Souveränität so gröblich missachtet wurde, machen uns - wie Ihr sicher einsehen werdet - die Reise in die ČSSR und die Teil­nahme an einem Einsatz dort zum gegenwärtigen Zeitpunkt vor einer befriedigenden Klärung der erwähn­ten Vorfälle unmöglich. Wir sind der festen Überzeugung, dass der Dienst der Versöhnung von dem Bewusstsein auszugehen hat, dass der andere als Geschöpf Got­tes allen Anspruch auf Respekt und Achtung hat - oder um es nicht-theo­logisch zu sagen - dass im Anderen der Mensch gleichen Rechtes geach­tet wird. Diese Haltung muss aber insbe­sondere dann mit allem Nachdruck von beiden Seiten gefordert wer­den, wenn - wie zur Zeit die ČSSR - eine Seite die Achtung zwar ein­fordert, sie selbst aber nicht zu üben bereit zu sein scheint."

 

 

Der auszugsweise zitierte, von der Akti­on Sühnezeichen entgegnete Brief belegt, dass die evangelische Komponente, der evangelische Zugang zum Sühnezeichen in dieser Korrespondenz zwischen der evangelischen Organisation Sühnezeichen und dem Evangelischen Jugendwerk weni­ger ausschlaggebend war, als der nationale Zugang (vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und aus nicht-theologischer Per­spektive). Der Kreyssig'sche Ansatz des zunächst selbst Vergebens und dann den anderen um Vergebung zu bitten, hat hier kein Verständnis, jedenfalls keine Nachah­mung gefunden. Wesentliche Differenz ist auch, dass sich die Österreicher scheinbar von Außen - von den Tschechoslowaken - gefordert sahen, während sich die Aktion Sühnezeichen aus einer inneren Überzeu­gung der Gründer herleitete. Unter Berück­sichtigung dieses österreich-spezifischen Verständnisses des Zusammenhangs von nationalsozialistischer Vergangenheit und der damaligen Gegenwart des Kalten Krieges ist es also kein Zufall gewesen, dass der 1992 erfolgreiche Begründer der Gedenkdienste in Österreich Politikwis­senschafter ist und nicht evangelischer Jugendpfarrer wie beim gescheiterten Ver­such 25 Jahre davor.

 

 

Neben den signifikanten Unterschieden zwischen der Aktion Sühnezeichen und den Gedenkdiensten hinsichtlich des Junk­tims der gesetzlichen Bedingtheit des Ge­denkdienstes als Zivilersatzdienst (anstelle eines freiwilligen Dienstes, wie er bei der Aktion Sühnezeichen bis 1970 ausschließ­lich möglich war und wie er, wenn auch in geringerem Umfang, bis in die Gegenwart gepflogen wird), der zeitlichen Verspä­tung bei der Umsetzung, ist festzuhalten, dass die deutsche Aktion Sühnezeichen mit einer Ausnahme in der Gedenkstät­te des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen über all die Jahre nicht in Österreich gearbeitet hat, Österreich also nicht zu den zu begünstigenden ehemali­gen Feindesländern zählte, während alle österreichischen Gedenkdienste Stellen in Deutschland beschicken. Dieses Faktum ist denn doch erstaunlich und verdiente eine eigene Diskussion. Eine Erklärung könnte darin bestehen, dass der österreichische Gedenkdienst-Aufmarsch in Deutschland - jenes Land, mit der größten Anzahl von Gedenkdienstleistenden - die heimische historische Lüge vom ausschließlichen Opferstatus Österreichs vor dem Hintergrund der alleinigen Täterschaft Deutschlands zu kompensieren sucht. Eine öffentliche Diskussion darüber ist mir ebenso wenig bekannt wie eine interne.

 

 

Die Frage nach der Essenz

 

Die mangelnde Reflexion und Verschrift­lichung über die eigene Existenz sind die größten Probleme der Gedenkdienste Was haben etwa um obige Anmerkung weiterzuführen - Österreicher in Deutsch­land zu „andenken"? Noch dazu ohne Reziprokität? Warum ist bislang eine österreichisch-deutsche Verständigung über die gemeinsame Verbrechensgeschichte nicht möglich gewesen? Darüber hinaus gehend: Worin besteht die Essenz der Gedenkdienst (außer der Logistik für Ersatzzivildienstleistende)? Woraus speist sich der institutionelle „Überbau“? Woraus bzw. worin besteht die Motivation jedes/r Einzelnen? Impliziert ist auch die Frage nach dem Wesen der immerhin bald 13 Jahre währenden Kontinuität. Werden diese Fragen (weiterhin) nicht (ausreichend) gestellt, dann verharren und erstarren die Gedenkdienste in der Funktion als bloßer Auslandszivildienst mit für den Einzelnen insgesamt angenehmeren Nebenwirkungen als der inländische Zivildienst. Dann haben aber auch die Trägerorganisationen nicht mehr Bedeutung als ein Administrationsbüro, das die Logistik des inhaltlich unreflektiert bleibenden, letztlich sinnlosen Treibens betreut. Wenn nämlich der Überbau, die theoretischen Grundlagen nicht thematisiert und wenigstens im Ansatz definiert werden, dann kann es auf der Handlungsebene des Gedenkdienst-Kollektivs zu keinen langfristig sinnvollen Aktivitäten kommen – dieser Punkt ist womöglich bald erreicht. Die vielen wertvollen Einzelerfahrungen, die Gedenkdienstleistende vor Ort machen, bleiben abgekapselt und sozusagen Privatangelegenheit – und in manchen Fällen emotional unbewältigt, weil ohne kollektives Referenzsystem unbewältigbar. Und tatsächlich, fühlen sich nicht viele Gedenkdienstler mit ihren Erfahrungen alleine gelassen und auf althergebrachte, untaugliche Referenzsysteme angewiesen?

 

 

Im institutionell säkularen Umfeld der Gedenkdienst lässt sich schwerlich religiös argumentieren – im Gegensatz zur historischen Wurzel der Aktion Sühnezeichen mit ihrem religiösen Überbau. Nun ist aber die schuldhafte Verwicklung von Österrei­cherinnen in Nationalsozialismus und Ho­locaust und ihre öffentliche Anerkennung ursächlich für die Existenz der Gedenk­dienste. Schuld steht also im - zeithisto­rischen - Diskursraum von Gedenkdienst; dem allerdings die kommunikative Struk­tur und die Denkformen zur Manifestation fehlt. Es geht dabei um die Überbrückung der Kluft zwischen der faktischen persönli­chen Schuldlosigkeit der Gedenkdienstler an den nationalsozialistischen Verbrechen und der faktischen kollektiven primären Schuld von Österreichern als Täterinnen, Mitläuferinnen und WegschauerInnen ei­nerseits und der sekundären Schuld von Nachkommen, Stillhaltern und restitutionsverweigernden Besitzstandswahrern andererseits. Es fehlt am geistigen wie emotionalen Referenzsystem, diese ge­sellschaftlichen Gegebenheiten und eigene Einsichten und Erfahrungen in eine konstruktive Handlungsanleitung, die weiter reicht als die jeweilige gesetzliche Dauer des Zivilersatzdienstes, zu transferieren. Deshalb das Diskursvakuum, das sogar die Primärstufe der Reflexion, die simple Deskription mit einschließt. Wie weit dieser Mangel eines Referenzsystems reicht, zeigte sich, als bei einem Treffen ehema­liger Gedenkdienstleistender vor fünf Jahren der Vorschlag einer Trauerminute für die Opfer des Holocaust auf heftige Oppo­sition stieß, man wollte sich im Gedenken nicht an ein vorgegebenes Zeremoniell binden lassen. Ist nun GEDENKDIENST eine postrnoderne Erscheinung, bei der Nicht-Diskurs zum Diskurs wird und das Nicht-Ritual zum Ritual?

 

 

GEDENKDIENST hat meiner Überzeu­gung nach das Potenzial, gesellschaftliche Erneuerung zu bewirken - und das heißt in diesem Land in diesem Kontext zum Los­lösen von anhaltenden nationalsozialisti­schen Ideen und Maßnahmen beizutragen. Das betrifft die vielen latenten und mani­festen Ebenen in der Gesellschaft, in den gesellschaftlichen Strukturen. Nun möchte ich nicht das Wort reden für die Gründung einer Gedenkdienst-Partei, auch wenn vie­le Gedenkdienstler über gesellschaftliches Engagement zu GEDENKDIENST finden und auch als Absolventen gesellschaftspo­litisch tätig bleiben. Und GEDENKDIENST sollte sich auch als Institution wesentlich mit gesellschaftlichen Diskurs- und Hand­lungsräumen in Bezug auf Österreichs na­tionalsozialistische Geschichte befassen. Aber: das zweifelsfrei reichlich vorhandene know-how von GEDENKDIENST - Wis­sen, Empathie, Netzwerk - kann erst durch eine theoretisch diskutierte und damit fun­dierte Grundlage wirksam werden. Erst die Überwindung des eigenen Diskurs- und Ritualdefizits - selbst die bewusste Akzep­tanz dieser Defizite als solche - kann den Weg öffnen zur Überwindung des Diskurs­vakuums auf gesellschaftlicher Ebene.

 

 

Anton Legerer

ist Psychologe und Doktorand am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Er leistete 1993/94 Gedenkdienst am United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C.

 

1     Das Amt des Präses bzw. Präsidenten einer Lan­deskirche ist vergleichbar mit dem Leiter einer Diö­zese. Diese Funktion ist für administrative, profane Leitungsaufgaben zuständig - die geistlichen Auf­gaben obliegen dem jeweiligen Bischof. Die evan­gelische Kirche der Union wiederum ist ein Zusam­menschluss von mehreren Landeskirchen die dem unierten Bekenntnis angehören - der zweite große Zusammenschluss der deutschen evangelischen Kirchen ist jener der lutherischen Landeskirchen.

 

2    Kreyssig, Lothar, geb. 1898 in Sachsen, gestorben 1986 in Bergisch Gladbach., Jurist, während des Nationalsozialismus zwangspensioniert, weil er das „Euthanasie-Programm" in seinem Richteramt nicht mittragen wollte. Aktivist der oppositionellen evan­gelischen „Bekennenden Kirche", nach 1945 beklei­dete er hohe evangelische Kirchenfunktionen.