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Ausgabe 3/04


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Flucht über den Atlantik

Zwischen dem „Anschluss" im März 1938 und dem generellen Auswanderungs­verbot Ende Oktober 1941 wurden ca. 150.000 großteils jüdische Menschen aus Österreich vertrieben. Etwa 30.000 davon fanden in den USA Zuflucht, zwischen 2.500 und 4.000 in Argentinien. Der fol­gende Text bringt Auszüge aus einem Vortrag von Philipp Mettauer und Martin Horváth, für die Veranstaltungsreihe „Geh Denken!", über die unterschiedlichen Er­fahrungen der Vertriebenen in den beiden Metropolen New York und Buenos Aires.

 

Amerika, Nord oder Süd, das war für jene, die in der „Ostmark" in Lebensge­fahr schwebten und diese auf schnellstem Wege verlassen mussten, zunächst ein­mal nebensächlich. Argentinien war zwar bis in die dreißiger Jahre ein klassisches Einwanderungsland, unter dem Eindruck der Flüchtlingswellen einerseits aus Na­zideutschland, andererseits aus der be­siegten Spanischen Republik, verschärfte die konservativ-klerikale Führungsschicht Argentiniens allerdings schrittweise ihre Einwanderungsbestimmungen. Eine Auf­enthaltsbewilligung war 1938/39 praktisch nur mehr unter dem Titel der Familienzu­sammenführung zu erlangen. Daneben existierte zwar noch die Möglichkeit der Einreise mit einem Arbeitsvisum, vor allem für die Landwirtschaft, jedoch die wenigsten konnten dieses erlangen. Glücklicherweise gab es eine Reihe von Tricks zur Umgehung der Gesetze. Zum einen existierte die Möglich­keit mit einem Touristenvisum einzureisen, wobei allerdings beträchtliche Geldmittel vorgewiesen werden mussten. Zum anderen gelangte ein nicht klei­ner Teil der Emigrantinnen mit einem Transitvisum mit end­gültigem Ziel Bolivien, Uruguay oder Paraguay, das leichter erhältlich war, nach Argentinien. Einmal im Land kontrollierte niemand mehr, ob man einen gültigen Aufenthaltstitel vorwei­sen konnte.

 

Die ursprünglich liberale Einwanderungsgesetzgebung der USA basierte seit 1921 auf einem Quotensystem, durch das geregelt wurde, wie viele Menschen pro Jahr aus | den verschiedenen Ländern einwandern durften. Die Quoten für Deutschland und Österreich waren relativ niedrig, und daran änderte sich auch l angesichts der prekären Lage in Europa Ende der dreißiger Jahre nichts. Im Gegenteil: Mit Ausnahme der Jahre '39 und '40 wurden nicht einmal die Quo­ten erfüllt, von '42 bis '45 wurden sie nur zu 10% genützt. Die Hauptschuld für die restriktive Handhabung der Einwanderungsbestimmungen ist beim State Departement zu suchen. Außenminister Cordeil Hull und Unterstaatssekretär Breckinridge Long wussten sich dabei jedoch in weitgehender Übereinstimmung mit der öffentlichen Meinung: 1938 sprachen sich bei verschiedenen Umfragen zwischen 70 und 85% der US-Bevölkerung gegen eine Erhöhung der Einwanderungsquoten aus, 65% traten für einen völligen Aufnahmestopp ein. Diese Stimmung war auch der Grund dafür, dass Präsident Roosevelt das State Departement weitgehend gewähren ließ. Einzig und allein bei der Umwandlung Tausender Besuchervisa in ständige Aufenthaltsberechtigungen er­wies man sich als großzügig.

 

Wo der Staat ausließ, sprangen zahlrei­che Privatinitiativen ein: Es gab eine Fülle an jüdischen und nicht-jüdischen Organi­sationen, die alles in ihrer Macht stehen­de unternahmen, den verfolgten Österreicherinnen zu helfen. Darüber hinaus gab es die Bemühungen einiger Institutionen, den Intellektuellen unter den Vertriebenen adäquate Möglichkeiten zur Betätigung zu bieten. Diese Hilfestellung geschah nicht immer aus rein altruistischen Moti­ven, sondern man sah durchaus auch das Talent, das in vielen der Vertriebenen lag. Und das war - und ist bis heute - ein Spezifikum der amerikanischen Gesellschaft, dass sie es nämlich besser als die meis­ten anderen Gesellschaften versteht, das vielfältige Potenzial der Eingewanderten zu beiderseitigem Vorteil zu nutzen.

 

Der größte Teil der in die USA emigrier­ten Österreicherinnen ist über Frankreich dorthin gelangt. Als von Frankreich aus kriegsbedingt keine Schiffe mehr fuhren, führte der Weg über Spanien und Portugal. Manche mussten jedoch noch wesentlich größere Umwege durch wesentlich exoti­schere Länder wie Siam, Belgisch-Kongo, Liberia oder Mauritius in Kauf nehmen, bevor sie schließlich in den USA Zuflucht fanden. Wieder andere waren monatelang auf Schiffen unterwegs, die nirgendwo an Land gehen durften.

 

Argentinien entwickelte sich durch die vor allem italienische und spanische Ein­wanderung zu einem der „europäischs­ten" Länder Lateinamerikas, Buenos Aires wurde seiner Architektur wegen auch das „Paris Südamerikas" genannt. Die Vorstel­lungen von Stadt und Land waren unter den österreichischen Emigrantinnen vor der Ankunft geteilt. Entweder man hatte gar keine, oder es herrschten einerseits die Vorurteile vom wilden, unzivilisierten, rückständigen Südamerika oder anderer­seits vom reichen Amerika, von der Neuen Welt der unbegrenzten Möglichkeiten vor. Charlotte Koppmanns (Pseudonym) Vater fragte sie zwar einerseits, ob sie denn wirklich nach Argentinien gehen wolle, „wo die Affen noch auf den Bäumen klettern", andererseits meinte er aber, sie solle ih­ren Mann vorfahren lassen und warten, „bis er schon ein ,reicher Mann' geworden ist" und erst dann nachkommen.

Nach der Ankunft in Buenos Aires wa­ren die meisten erstaunt über die Moder­nität und Offenheit der Hafen- und Milli­onenmetropole mit ihrer multikulturellen Gesellschaft, wie z.B. Friedrich Leist in ei­nem Brief im Juni '39 einem Freund nach Wien berichtet. Gleichzeitig sorgte er sich aber über die „starke Nazi-Infiltration" und darüber, dass „man auch schon bei der Polizei nach der Religion fragt, was früher unbekannt war. Ebenso ist es unmöglich, bei deutschen Firmen unterzukommen, wenn man das „J" im Pass hat."

 

Dass die Vorstellung von den USA der Realität nicht immer standhielten, zeigt auf amüsante Art das Beispiel Harry Ashers, der 1941 in New York ankam. „Was mich am meisten überrascht hat, das waren die gelben Taxis. Ich hab' ja viele amerikani­sche Filme gesehen in Europa, aber die waren natürlich alle black-and-white. Wie sollte einer auf die Idee kommen, dass die Taxis gelb waren ..."

Ein paar weitere erste Eindrücke: „Um halb acht Uhr Früh sahen wir die Skyline, das Wolkenkratzerprofil New Yorks, eigentlich der Insel Manhattan", schreibt Willi Schlamm, ebenfalls aus Wien stam­mend, über seine Ankunft in den USA. „Man kommt mit einem Male in eine Stadt hinein, die so ist, wie man sie sich vorge­stellt hat, nämlich unvorstellbar." Oder Lily Hull, die über die Türkei in die USA gelangte: „Also diese viele Werbung, die war schon furchtbar ordinär." Eine weitere, oft gemachte Beobachtung: die überraschen­de Freundlichkeit der Einwanderungsbe­amten. Das war für die dem Nazi-Regime Entflohenen, für die bis dahin jede Uni­form Gefahr oder zumindest Demütigung bedeutet hatte, eine wichtige Erfahrung.

 

Die drastische Änderung der Wohnsi­tuation stellte eine Gemeinsamkeit aller in Buenos Aires Neuankommenden dar. Von der bürgerlichen Wohnung in Wien in einen der typischen conventillos - Armenunterkünfte, in denen pro Zimmer je eine Partei wohnte - zu kommen, war für alle ein Schock. Selbst diejenigen, die von Angehörigen empfangen und aufge­nommen wurden, litten in der ersten Zeit unter den beengten Platzverhältnissen. Liselotte Ellmann erzählt im Interview von ihrer ersten Unterkunft in Buenos Aires: „Das war ein furchtbares Milieu. Dort wa­ren Messerstechereien, vis-à-vis, weil da war nur ein Wasserhahn für so und so viele Menschen und da sind sie mit diesen Schnappmessern aufeinander losgegan­gen, weil sie Wasser wollten."

 

Nachdem der Großteil der Vertriebenen völlig mittellos in den USA ankam, spielten sich die ersten Wohnerfahrungen meist in so genannten rooming-houses ab, billi­gen, oft nicht sehr sauberen Pensionen, in denen man auf engstem Raum lebte und Bad und Toilette mit anderen teilen muss­te. Viele davon lagen an verkehrsreichen Straßen oder, typisch für das New York der dreißiger und vierziger Jahre, an den so genannten „L's", den elevated trains oder Hochbahnen, die laut rumpelnd an den Zimmern vorbeirauschten.

 

Die Männer, oft akademisch gebildet, mussten anfangs als Botengänger, Ver­treter, Chauffeure oder Aufzugswarte ar­beiten. Oft waren es die Frauen, die leich­ter Arbeit bekamen und auf diese Art zu einem neuen Selbstbewusstsein fanden - womit die Männer allerdings nicht immer umzugehen wussten. „Es ist das auch hier so, dass die Frauen viel leichter arbeiten können als die Männer", schreibt Julie Hohenberg 1940 an Stella Leist in Buenos Aires. „Es ist mehr, dass so ein Mannsbild eine Beschäftigung braucht, um sich gut zu fühlen."

Wer genug verdiente, um sich eine ei­gene Wohnung leisten zu können, fand sie am ehesten in dem im Norden Manhattans gelegenen Stadtviertel Washington Heights. Wegen der vielen Flüchtlinge aus dem Dritten Reich bekam der Stadtteil bald den Spitznamen The Fourth Reich verpasst.

 

Die wenigsten österreichischen Emi­grantinnen nahmen die argentinische Staatsbürgerschaft an, partizipierten an Wahlen oder engagierten sich sonst in der argentinischen Innenpolitik. Denn unter den zahlreichen autoritären Re­gimes, die in Argentinien im Laufe des 20. Jahrhunderts immer wieder die Macht übernahmen, war Vorsicht geboten. Ar­gentinien erklärte erst im März 1945 Nazi-Deutschland den Krieg, die Regierung Perón leistete aktive Fluchthilfe für nati­onalsozialistische Kriegsverbrecher. Der dem Peronismus innewohnende Nationa­lismus, Antisemitismus und Populismus mit seinen Massenveranstaltungen erin­nerte die österreichischen Emigrantinnen an die NS-Zeit. „Es war, wie Erbrochenes noch einmal zu essen", formulierte es ein Emigrant pointiert im Interview.

Während der letzten argentinischen Mi­litärdiktatur von 1976-'83 „verschwanden" an die 30.000 Oppositionelle, sie wurden verhaftet, gefoltert und ermordet. Auch hier wurden den Emigrantinnen Parallelen zu einer Zeit bewusst, die sie schon längst vergessen glaubten. Lizzy Lobstein, die wegen der Gefahr, „auch ins Gefängnis zu kommen" nicht auf die Straße ging und „Nieder mit der Militärregierung!" rief, prägte auch ihren Kindern ein, zu schweigen. Lisa Seiden, die 1982 gegen den Falkland Krieg protestieren wollte, wurde von ihren Bekannten gewarnt und mit den Argumenten, „dann wirst du hier hinausgeworfen. Dann musst du hier weg­gehen", zurechtgewiesen. Diese Erfah­rungen verbanden sich unweigerlich mit den während des Nationalsozialismus ge­machten traumatischen Erlebnissen und stellen Gründe dafür dar, warum sich die wenigsten österreichischen Emigrantin­nen mit Argentinien identifizierten.

 

Eine wichtige Erfahrung für etwa 3.500 Österreicher war der Dienst in der US-Armee. Viele der Männer wurden in Spezialeinheiten eingesetzt, manche erlebten schließlich auch als Angehörige der Besatzungsmacht die ersten Nachkriegsjahre in Europa. „Ich sah keinen Ausweg, die Naziherrschaft zu beenden, als durch Krieg", antwortet der aus Wien stammen­de Leo Glueckselig auf die Frage, warum er sich 1943 als Freiwilliger zur US-Armee meldete. „Der ist ohne mein Zutun gekommen. Aber dass ich einfach nichts dazu mache, war mir unvorstellbar. Ich hatte furchtbare Schuldgefühle, dass ich in Amerika lebte, während dieser dau­ernde Niederbruch des ganzen Europa stattfand, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte." Nach der Landung in der Normandie bestand seine Hauptaufgabe darin, gefangene Wehrmachtsangehörige zu verhören und auf diese Art wertvolle Informationen über den Gegner zu erhalten. Mehr als einmal geriet er dabei in Versuchung, Gefangene in einem unbeo­bachteten Moment zu erschießen. „Aber Ich hab' gewusst, wenn ich das tu, dann hat Hitler über mich gesiegt. Dann bin ich selber nicht besser als die."

 

Auf die Frage nach einer nationalen oder religiösen Identität der aus Öster­reich Vertriebenen gibt es keine eindeu­tigen Antworten. Das Verhältnis zu Öster­reich ist - verständlicherweise - gestört. Dies nicht nur wegen der Verfolgungen während der NS-Zeit, sondern auch weil die Zweite Republik „nie eine Geste gemacht" habe, um die Vertriebenen zurück­zuholen, wie Felix Friedenbach empfindet und resümiert: „Die sind froh, dass sie uns losgeworden sind."

Erst die in Argentinien geborenen Kin­der der Emigrantinnen entwickelten ein nationales Zugehörigkeitsgefühl. Paul Simko erinnert sich daran, dass er und seine Familie an der Rezeption eines Wie­ner Hotels gefragt wurden, ob sie Argen­tinier seien: „Daraufhin hat mein vierjähri­ger Bub gesagt: ,Na, des san foische, l bin da anzig richtige.'"

Auch die Gefühle dem Staat Israel ge­genüber sind durchaus ambivalent. Erwin Schlesinger etwa, der zwar ganz und gar nicht mit der Politik Arie! Sharons einver­standen ist, verteidigt Israel trotzdem und sieht in ihm seinen Schutz und den seiner Nachkommen, denn: „Solange es Israel gibt, gibt's keine zweite Shoa."

 

Auch bei den in die USA emigrierten Österreicherinnen ist das Thema Identität ein überaus komplexes Kapitel. Trotz der Vielfalt an Positionen kann man aber von einer mehrheitlich positiven Identifikation mit dem Gastland sprechen. Im Gegen­satz zu Argentinien nahmen in den USA fast alle vertriebenen Österreicherinnen die Staatsbürgerschaft an und erwarben damit natürlich auch das Wahlrecht. „Ich gehöre dazu, ich gehöre hierher", sagt die in Wien geborene Gertrud Kurth beim Interview in New York. „Haben wir denn in Österreich je gewählt? Ich hab' ja eine Verantwortung hier als citizen. Irgendwie hat das meinem Selbstgefühl und meiner Selbstachtung geholfen."

„Ich bin Amerikanerin und l'm Jewish", antwortet dieselbe Gertrud Kurth auf die Frage nach ihrer Identität. „Ich bin Jude, l am American. Ich bin Amerikaner mit österreichischen Wurzeln. Na, was heißt österreichisch. Mit wienerischem und tschechischem background." So sieht es Harry Asher. Und Leo Glueckselig: „Den Großteil meines Lebens lebe ich jetzt in Amerika. Aber ich war immer im Exil. Ich bin bis in die tiefste Faser ein Österrei­cher."

Die Antworten zum Thema Identität sind nicht nur extrem unterschiedlich, sie schließen auch zahlreiche Widersprüche in sich selbst ein. Mit diesen Widersprü­chen zu leben gehörte und gehört zu den schwierigsten Herausforderungen eines Flüchtlingsschicksals. Wie viele Menschen an dieser Herausforderung gescheitert sind, wird man wohl nie wissen.

 

Philipp Mettauer

ist Historiker und arbeitet zur Zeit am DÖW-Projekt „Österreicherinnen im Exil: Die Rio de la Plata Staaten Argentinien und Uruguay 1938-45"

 

Martin Horváth

ist Autor und Übersetzer, Mitinitiator der Austrian Heritage Collection am New Yorker Leo Baeck Institute