AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 1/04


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

„ ... und der Emigrant kommt anders zurück."

Remigration nach Österreich

 

Man nehme Einen und mache glauben, er stehe für Viele. Über Jahrzehnte hinweg half die Darstellung der geglückten Remigration Bruno Kreiskys darüber hinweg zu täuschen, welchen Stellenwert durch den Austrofaschismus und Nationalsozialismus vertriebene Rückkehrerinnen in der österreichischen Nachkriegsöffentlichkeit tatsächlich hatten. Sie wurden als „Eindringlinge" betrachtet, die die Aufrechterhaltung des mühsam zurechtgelegten Opfermythos in Frage stellten. In materieller wie in moralischer Hinsicht. Sie sollten möglichst fern bleiben um die Erinnerung wie das Erinnert Werden im Exil zu halten.

 

Das „offizielle" Österreich richtete sich nach 1945 nicht auf die „Rückholung" oder zumindest Rückeinladung vertriebe­ner Personen ein. Es gab seitens des freien, demokratischen Österreichs keine offizielle Einladung an sie. Lediglich Personen, voranging aus der SPÖ und KPÖ, die aktive Parteiarbeit zum Wiederaufbau Österreichs leisten konnten (KPÖ) und wollten (SPÖ) versuchten teils mit Unterstützung der Alliierten, noch wäh­rend der Zeit der Einreisesperren (das Remigrationsverbot galt bis März 1946) wieder nach Österreich zurückzukommen, wie die „Rückholung" der ersten Remigranten, des Kommunisten Jenö Köstmann und des Sozialisten Oskar Pollak als Chefredakteur der „Arbeiter Zeitung" aus dem britischen Exil 1945 zeigt. Manche kamen als Alliierte Soldaten oder Korrespondentinnen, wie Hilde Spiel, die 1946 für den britischen „New Statesman" für kurze Zeit nach Wien zurückkam.

 

Innerhalb der drei politischen Parteien schien die Arbeit der zurückgekehrten Mitglieder erschwert. Waren es doch so viele, die „hier gewesen waren", und nun den ersehnten „Wiederaufbau" für sich beanspruchen wollten! Im Besonderen existierte ein gewisses Spannungsfeld zwischen KZ-Rückkehrerlnnen und Exil-Remigrantlnnen. Und zwar im Bezug darauf, wer nun „legitimierter", „authentischer" als Widerstandskämpfer sei, um dahingehend in der Parteiarbeit federführend zu sein - „Politische" waren beide Gruppen. Die Frage war, ob der Umstand im KZ gelitten zu haben „politischer" machte als jener, im Exil gewesen zu sein.

 

Wolfgang Neugebauer skizzierte in einem Vortrag die Situation für „politische" Rückkehrerinnen dahingehend, dass die immer wieder kehrende Annahme, Remigrantlnnen hätten „ihren Platz" in der Nachkriegs-KPÖ gefunden1 nur für die ersten Nachkriegsjahre stimmt. Diese Entwicklung lässt sich auf den baldigen Verlust des Regierungseinflusses zurückführen. In der SPÖ waren die Kräfte eher den „Verbliebenen" zugetan. Man wollte sich auf keinen zu linken, „jüdischen" Kurs einlassen, was am Beispiel von Otto Bauer und Julius Deutsch, der 1946 aus den USA zurückkehrte und 1951 als Leiter der sozialistischen Verlagsanstalten zurücktrat, sichtbar wurde. Otto Leichter kehrte unter anderem resigniert durch den Widerstand und den antijüdi­schen Kurs der Partei in sein früheres Exilland USA zurück. Bruno Kreisky bildet somit als einziger jüdischer Remigrant, der in der SPÖ Karriere machte die Ausnahme. Auch in der ÖVP gelang kaum einem Rückkehrer eine Nachkriegskarriere. Der allgemei­ne Plan für die Nachkriegspolitik im Sinne des „Lagerstraßen-Geistes" sollte ein Bild des Verzeihens zeichnen. Eine Vorstellung als Konzept für bestimmte Verfolgte - Remigrantlnnen waren dabei ausgeschlossen.

 

Jüdische Remigration

 

Zumindest für „politische" Remigrantlnnen lässt sich annehmen, dass ihre bloße Integration von öffentlicher Seite her nicht boy­kottiert wurde. Die Einstellung zu etwaigen Remigrationsbestre-bungen jüdischer Vertriebener war jedoch durchwegs negativ. Leopold Figls „Willkommensgruß" an alle Rückkehrenden ver­deutlicht diese Haltung in besonderer Weise: „Wir heißen alle Österreicher bei uns willkommen...aber als Österreicher, nicht als Juden."2 Im Jahr 1945 zählte die Israelitische Kultusgemeinde 253 Rückkehrerinnen, bis 1950 waren es 6514. 1430 meldeten sich aufgrund von Rückwanderung wieder ab. Jonny Moser gibt die Zahl der bis Ende 1945 aus den Konzentrationslagern zurückgekehrten Personen mit 822, der aus dem Ausland Zurückgekehrten mit 138 an.3 Für die jüdi­sche Remigration ist auch zu berücksich­tigen, dass sich viele und vor allem ältere Menschen gezwungen sahen wieder nach Österreich zurückzukehren, da sie sich erst sehr spät in politisch unsichere oder klima­tisch schwierige Exilländer wie beispielswei­se Shanghai oder Palästina4 hatten retten können.

 

Nach der Rückkehr

 

Was erwartete Remigrantlnnen nach Ihrer Rückkehr? Verständnis? Hilfestellung? Keineswegs. Remigrantlnnen wurden unter völliger außer acht Lassung der lebens­bedrohlichen Umstände oft bezichtigt, die „unsicheren Zeiten im Ausland abgewartet zu haben". Wieder war es das „offizielle Österreich", das sich ganz bewusst gegen Remigrantlnnen stellte und aktiv dabei mit half, Klischees aufrecht zu erhalten oder gar erst zu erzeugen. Bundesminister Helmer beispielsweise damit, dass Emigrantinnen lieber „in ihren sicheren Clubsesseln saßen, als für das Vaterland zu sterben".5 Hilde Zaloscers erste Rückkehr-Erfahrung mit „alten Freunden" war, dass sie „nicht mitreden könne", da sie (als zweifach Vertriebene!) nicht wie Gebliebene gelitten hätte.6 Sie emigrierte ein weiteres Mal. Diese und andere Zuschreibungen erschwerten Rückkehrerinnen ihre Integration und führ­ten dahin, dass Remigrantlnnen sich in der Öffentlichkeit nicht als solche zu erkennen gaben.

 

Rückkehr an die Hochschulen

 

Wie im Falle Bruno Kreiskys als „Aushängeschild einer remigrantlnnen-freundlichen" SPÖ, schien es Anreiz für die österreichischen Hochschulen zu sein, dem Anschein nach zurückzuberufen und dabei gleich doppelt zu profitieren. Zum Einen wollte man vorzugsweise nicht jüdi­sche Nobelpreisträger á la Schrödinger zurück haben, zum anderen wurde mit deren verständlicher Absage ein Beweis für „allgemeine Rückkehrunwilligkeit" gesucht. Im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens hätte es im Bereich der Hochschulen Versuche gegeben, eine organisierte Rückkehr vom Exil aus zu unterstützen. Die konservative „University League for the Reconstruction of Austrian Universities" bemühte sich bereits vor 1945 vom amerikanischen Exil aus um eine Neuordnung der österreichischen Hochschulen. Besonders sollten remigrierte Wissenschafterinnen nach dem Tag X an ihre alten Positionen zurückkehren oder durch Neubesetzung eingesetzt werden. Dem Sektionschef der österreichischen Hochschulen im Unterrichtsministerium sowie dem Dekanat und dem Rektorat der Universität Wien wurde im Jahre 1946 vom Chef der Erziehungsabteilung Listen mit in den USA. weilenden und in Frage kommen­den insgesamt 338 Personen übermittelt, die jedoch bei der Wiederbestellung von Universitätsangestellten nach 1945 keine Berücksichtigung fand. Statt dessen wur­den Nazis belassen, wieder eingestellt und Rückholung wurde bestenfalls bei Kollegen aus dem „Altreich" betrieben.7

 

Wiedergutmachungen und Staatsbürgerschaft

 

Die ersten Wiedergutmachungsgesetze benachteiligten Emigrantinnen und Remigrantlnnen in besonderer Weise. Da sich die Gesetze auf österreichische Staatsbürgerinnen, beziehungswei­se auf jene Personen beschränkten, die bis zum 13. März 1938 die österreichi­sche Staatsbürgerschaft besessen hatten (Staatsbügerschaftsüberleitungsgesetz vom 10. Juli 1945). Wer nach diesem Zeitpunkt das Land als österreichischeR Staatsbürgerin verlassen hatte, galt als staatenlos. In den meisten Fällen hatten Vertriebene die Staatsbürgerschaften der jeweiligen Aufnahmeländer angenommen, was sie vorerst ebenfalls von jeglichen Wiedergutmachungsleistungen ausschloss. Ein weiteres Problem stellten die kurzen Antragsfristen und die mehr als mangeln­den Verlautbarungen im Inland (durch das Amtsblatt der Wiener Zeitung), durch den „Mundfunk", wie Bundesminister Helmer 1947 vorschlug, sowie durch die Vertretungen im Ausland dar. Vielfach kam durch mangelnde Informationspolitik das bis 1949 geltende Staatsbürger-schaftsüberleitungsgesetz nicht mehr zur Anwendung. Durch zusätzliche, bewusst in Verfahren eingebaute bürokratische Stolpersteine und Verzögerungstaktiken kamen viele Anspruchsberechtigte in aller Welt und auch Remigrantlnnen Zeit ihres Lebens nicht mehr zu ihrem Recht auf Entschädigung. Der Ausspruch Helmers: „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen", kam in derartigen Verzögerungstaktiken in Hinblick auf die „natürliche Lösung" durch den Tod eines Anspruchsberechtigten zur Anwendung.8 Grund dieses intentionalen Ausspruches: Das ungeheure Ausmaß der Arisierung (60.000 Wohnungen in Wien, Immobilien, Großgrundbesitz, Kunstgegenstände, Schmuck, Bargeld in Milliardenhöhe, usw.9) schien auch ohne genaue Zahlen abschätzbar, dass dieser Ausschluss auch ohne „Ablebenslösungen" über Jahrzehnte hinweg durch die unzufrie­den stellende Wiedergutmachungsgesetz­gebung in Österreich funktioniert hat, zeigt unter anderem die hohe Zahl von Ansuchen beim Entschädigungsfonds der Republik Österreich. Erschwerend kam und kommt noch hinzu, dass Emi- wie Remigrantlnnen keine gesetzliche Vertretung hatten, die ihre Anliegen unterstützt und beschleunigt hätte.10

 

Wanderer zwischen den Welten

 

Ein wiederholt beschriebenes Phänomen ist jenes der Teil-Remigration. Vertriebene, die ihre neue Heimat nicht mehr verlassen und in ihre alte Heimat nicht mehr zurückkehren wollten oder konnten, begannen oft mit zunehmender Distanz oder gewisserma­ßen als „Versöhnung" mit ihrem Schicksal, zwischen ihren Lebenswelten hin- und her zu wandern. Teils wurde dieser Umstand dahingehend beschrieben, als man weder hier noch da „Heimat" zu haben glaub­te. Jegliches Bindungsgefühl und Identität waren aufgelöst. Friederike Wilder-Okladek prägte diesen Begriff in ihrer Studie zur jüdi­schen Remigration: „Zwischen der Ausreise und der Rückkehr liegt eine Periode, und der Emigrant kommt anders zurück. Oft wird dieses anders sein so auf das Vaterland angewandt, dass er sich nicht mehr Zuhause fühlt. Dabei wird, wenn der Beschluss der Rückkehr gefasst ist, das Vaterland idealisiert, so dass jeder weitere Erfolg der Anpassung schief geht. Erst recht ist er nun ein Staatenloser, ein Individuum, das zwischen zwei Welten hängt. Die Welt der Immigration, wo ihm der Anschluss missglückt, und die alte Welt, der er zum Teil entwachsen ist."11

 

Teils kehr(t)en diese „Wanderer" im hohen Alter ganz nach Österreich zurück, da sie durch hier erworbene Pensionsrechte und ein abgesichertes Gesundheitssystem sorgenfreier leben konnten und können als in ihrer „Exilheimat". Für Erwin Schrödinger war dies ein Hauptmotiv, um 1956 mit über 70 Jahren dann doch aus seinem Exilland Irland zurückzukehren.

 

„Wanderer zwischen den Welten" beeinflussten durch ihre partiel­le Präsenz das geistige und kulturelle Leben Österreichs aus ihrem, in diesem Fall sehr positiven Abstand heraus. Sie waren dem sich nach 1945 manifestiertem klerikalen Konservatismus ein Spiegel. Den Verdrängenden ständige Ermahnung. Nach wie vor sind sie es, die unermüdlich dafür eintreten, dass die Geschichte der Vertreibung, des Exils und die Problematik der Remigration zu einem Thema wird, das nicht nur innerhalb universitärer Einrichtungen seinen Platz hat.

 

Forschungsstand

 

Bis dato ist der Stand der Remigrationsforschung in Österreich äußerst lückenhaft. Einzelne Biographische Bearbeitungen und Arbeiten im Bereich der Wissenschaftsforschung geben nur teilweise Antworten darauf, inwieweit eine remigrierte Intelligenz die österreichische Nachkriegsöffentlichkeit beeinflusste. Für den Bereich des Privaten fehlt eine Aufarbeitung vollkommen. So scheint es, als ob die, die zwar wieder unter uns waren und sind trotz ihrer Präsenz immer noch nicht existent sind.

 

Barbara Holzheu

 

Historikerin

 

1    www.doew.at/thema/exil/exiloeid.htmWRemigration. Siehe auch: DOW (Hg), Jahrbuch „Exil", Wien 2003.

 

2    Robert Knight (Hg), Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen. Wortprotokolle der österreichischen Bundesregierung von 1945-1952 über die Entschädigung der Juden. Frankfurt 1988.

 

3    Schlussbericht der Österreichischen Historikerkomission, Wien 2003. S. 256.

 

4    Siehe dazu: Brigitte Bailer-Galanda, Wiedergutmachung - kein Thema. Wien. Österreich und die Opfer des Nationalsozialismus. Wien 1993.

 

5    Robert Knight (Hg), Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu

 

ziehen Wortprotokolle der österreichischen Bundesregierung von 1945-1952 über die Entschädigung der Juden. Frankfurt 1988.

 

6    Hilde Zaloscer, Eine Heimkehr gibt es nicht. Ein österreichi­sches Curriculum vitae. Wien 1988.

 

7    Zur  österreichischen   Hochschulpolitik   nach   1945   siehe: Christian Fleck, Autochthone Provinzialisierung. Universitäts - und Wissenschaftspolitik nach dem Ende der Nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich, in: ÖZG, (1998) 7/1.

 

8    Robert Knight (Hg), „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen".  Wortprotokolle  der österreichischen   Bundesregierung von 1945 bis 1952 über die Entschädigung der Juden   Frankfurt 1988.

 

9    Ich verweise an dieser Stelle auf den Schlussbericht der öster­reichischen Historikerkommission ..Vermögensentzug während der NS-Zeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in Österreich.   Zusammenfassungen   und   Einschätzungen." Wien/ München (Oldenbourg) 2004.

 

10  Die „Jewish Claims Conference" wurde erst 1950 einberufen.

 

11   Friederike Wilder-Okladek, Allgemeine und jüdische Migration nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

Mit Berücksichtigung der Juden Wiens. Univ. Diss. Wien 1977.

 

Editorial

 

 

Liebe Leserin! Lieber Leser!

 

 

Mit dieser Ausgabe - der ersten im Jahr 2004 - feiern wir ein kleines Jubiläum: GEDENKDIENST erscheint zum 25. Mal, worüber wir uns naturgemäß sehr freuen.

 

In Fortsetzung des Schwerpunktes der letzen Ausgabe zum Thema Asyl, widmet sich diese Nummer einem bisher wenig beachteten Thema der Remigration nach 1945.

 

Nach Kriegsende fand es das offi­zielle Österreich nicht der Mühe Wert, seine ehemaligen, vertriebe­nen Stastsbürgerlnnen einzuladen zurückzukehren. Im Gegenteil, die Emigrantinnen „störten" bei der Pflege des eben zurechtgelegten Opfermythos. Ihre Anwesenheit wurde als unange­nehm empfunden, nicht nur in mora­lischer sondern auch in materieller Hinsicht. Die diskreditierende Aussage des damaligen Innenministers, dass Emigrantinnen lieber in ihren siche­ren Clubsesseln saßen, als für das Vaterland zu sterben, passte gut zur damaligen Haltung der Republik, an der sich bis in die frühen 1990er Jahre nichts änderte.

 

Bei der Generalversammlung im März kam es bei GEDENKDIENST zu einen Generationenwechsel. Christian Klösch legte nach jahrelan­gem Engagement für den Verein sein Amt als Obmann zurück, zu seinem Nachfolger wurde Gregor Ribarov gewählt. Stefanie Lucas zieht ein (vor­läufiges) Resümee über Christians Tätigkeit im Verein und Gregor sei für die kommenden Aufgaben viel Freude und Energie beschieden.

 

Wir freuen uns weiters über den 90. Geburtstag von Gaby Glückselig - allen New Yorker Gedenkdienstleistenden und vielen anderen bestens durch den seit über 60 Jahren bestehenden Stammtisch bekannt - Philipp Haydn und Ronny Eppel berichten darüber aus New York.

 

Abgerundet wird diese Ausgabe durch eine Kritik von Florian Huber zum inzwi­schen mehrteiligen, angeblich größten zeitgeschichtlichen Schulprojekt, das Österreich jemals erleben musste.

 

Eine interessante Lektüre wünscht

 

Stephan Roth

 

Chefredakteur GEDENKDIENST