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Ausgabe 1/04


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„Wir wollten uns den Himmel aufbauen."

Über die Remigration der Hannah Fischer

 

Hannah Fischer wurde 1925 geboren und verbrachte ihre Kindheit in Wien. Der Vater war Rabbiner, ihre Mutter Journalistin. Die war es auch, die die Zeichen der Zeit erkann­te und die damals 12-jährige gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder im September 1938 nach England schickte - glücklicherweise hatte sie Kontakte aus einem Vermittlungs­programm jüdischer Haushaltshilfen nutzen können. Der kleinen Hannah war schon damals klar, dass sie irgendwann zurück­kehren werde, sollte sich die Gelegenheit dazu ergeben. Und obwohl sie als Mädchen damals nicht fort wollte, ist sie heute froh und dankbar, dass sie das Glück hatte, den Krieg in England verbringen zu können und so einem sicheren Tod entronnen ist. Weiteren glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass sie mit einem Stipendium die Schule in England abschließen konnte.

 

Aus ihrem englischen Exil ist sie als ge­rade mal 20-jährige gemeinsam mit ein paar Freunden via Paris zurückgekehrt, während ihre Eltern in Palästina Zuflucht fanden und ihr Bruder nach Kanada auswanderte. Aben­teuerlich und anstrengend war diese Reise durch das Nachkriegseuropa. Voller Idealismus und Tatendrang nahm sie nicht nur diese Strapaze auf sich, schließlich „wollten wir uns hier den Himmel aufbauen".

 

Angekommen im zerbombten Wien, kam sie zunächst bei einer Freundin ihrer Mut­ter unter, später wohnte sie in Untermiete. Überhaupt dauerte es lange, bis sie sich ein eigenes Zuhause leisten konnte; in der Zwischenzeit musste sie sich unter ande­rem in Kellerräumen so gut es ging einrich­ten. Bis über Restitution, geschweige denn Wiedergutmachung geredet wurde, musste noch viel Zeit vergehen. Außerdem hatte sie wenig zu erwarten - sie stammt aus einer mittelständischen Familie. „In Wien herrschte zu dieser Zeit große Armut und wenig Solidarität." Um das zu illustrieren erzählt sie, dass die Stadtbahnwaggons so voll waren, dass es vorgekommen ist, dass einsteigende Leute diejenigen, die auf der anderen Seite der Plattform standen, hin­ausdrängten.

 

Auf die Frage, ob ihr das auch manchmal vorgeworfen wurde, dass sie das Privileg gehabt hatte den Krieg in England zu ver­bringen, antwortet sie nur, dass ihre Freunde ihr das nie vorgeworfen haben - von den anderen spricht sie nicht. Offenen Antise­mitismus hat es im Nachkriegs-Wien nicht gegeben: „Es gab ja keine Juden mehr".

 

„Eigentlich wollte ich immer Ärztin wer­den, allerdings kam dann alles ganz an­ders. In England arbeitete ich nach meinem Schulabschluss viel mit Kindern - zunächst bei einem Projekt der Anna Freud und dann in einem Kindergarten." - In dieser Zeit entdeckte sie Ihr Interesse für Pädago­gik. Zurück in Wien versuchte sie mit ihren englischen Referenzen eine Anstellung als Kindergärtnerin zu finden. Trotz der inten­siven und fortschrittlichen Ausbildung durch Anna Freud, musste sie erst eine Prüfung ablegen bevor sie in einem Kindergarten arbeiten durfte.

 

Neben der Arbeit begann Hannah Fi­scher zu studieren: Pädagogik, Psychologie, Philosophie und Englisch. Nach viereinhalb Jahren dissertierte sie bereits. Ihre Profes­sorin war damals nahtlos aus der Nazizeit

 

übernommen worden: „Was ich erst später erfahren habe, war Prof. Bayr-Klimpfinger Parteigenossin und für die Nazis als Gutach­terin tätig. Sie testete ,arisch' aussehende jüdische Kinder, bevor sie zur Adoption an deutsche Eltern freigegeben wurden. Wenn ich mir jetzt die damaligen Skripten und Mit­schriften ihrer Vorlesungen durchlese, wird mir so einiges klar...". Sie merkt auch an, dass das kein Einzelfall war. Auf allen Uni­versitäten und Hochschulen - selbst am Reinhardt-Seminar - gab es Nazis, die nach dem Krieg ihre Stelle behalten durften, ob­wohl sie durch die Nationalsozialisten einge­setzt worden waren.

 

Mit ihrem Doktortitel arbeitete sie noch Jahre lang als einfache Kindergärtnerin. Wie viele andere, kam sie als Kommunistin aus dem englischen Exil zurück, was den Weg in die höhere Magistratsverwaltung verbaute. „Damals wussten wir nicht um die Umstände in Russland. Wir waren ja alle große Idealisten. Die Ereignisse des Prager Frühlings öffneten mir die Augen und ich trat aus der kommunistischen Partei aus." Schließlich wurde sie an einer ihrer akade­mischen Ausbildung entsprechenden Stelle als Psychologin des Zentralkinderheimes der Stadt Wien eingesetzt, wo sie Praktiken wie der zwangsweisen Fütterung der Kinder ein Ende setzte und versuchte innovative, psychoanalytisch orientierte Erziehungskon­zepte umzusetzen. In Pension ging sie als Direktorin der Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik.

 

Auf die Frage, ob sie politische Parallelen zwischen den Jahren vor 1938 und heute sieht, antwortet sie, dass es leider immer wieder die gleichen Muster gibt: „Denn die Geltungssucht im Menschen ist eine nicht zu unterschätzende Kraft - und die ist nicht immer von edlen Motiven getragen."

 

In den letzten Jahren engagierte sich Hannah Fischer ehrenamtlich bei einem Ausbildungsprojekt saharauischer Frauen zu Kindergärtnerinnen. Den Kindern dort soll das Flüchtlingsdasein etwas erleichtert werden. Als man ihr unter der schwarz-blauen Regierung sagte, dass ein Anderer ihre Arbeit übernehmen solle, fühlte sie sich, als „wäre wieder etwas von mir ,arisieif wor­den". Nur könne man das heute nicht wirk­lich mit 1938 vergleichen.

 

Johannes Rumpfhuber

 

Gedenkdienstleistender an der Fundaciò de la Memoria del Holocausto in Buenos Aires ab 15. Juli 2004