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Ausgabe 1/04


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Die nicht erfolgte Remigration

Warum kehrte die überwiegende Mehr­heit der von den Nationalsozialistinnen vertriebenen Österreicherinnen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht in ihre alte Heimat zurück? Und wenn, wa­rum dann nur auf Besuch? Es gibt wahr­scheinlich so viele Erklärungen wie ver­triebene Menschen. Dennoch werde ich versuchen, mithilfe von einigen wenigen Auszügen aus lebensgeschichtlichen In­erviews1 mit in Buenos Aires lebenden Emigrantinnen einige ihrer Hauptargu­mente darzustellen.

 

„Einen  zweiten Abschied  halt  ich nicht aus"

 

Die Entscheidung zur Remigration nach Österreich fiel nicht leicht, selbst wenn ausnahmsweise eine Einladung von ös­terreichischer Seite ausgesprochen wur­de. So erzählt etwa Hanne Liese Q., dass ihr Vater, der bereits in den 1920er Jahren in der österreichischen Sozialdemokratie tätig gewesen war, im Jahre 1947 von der SPÖ eingeladen wurde, mit seiner Fami­lie nach Wien zurückzukehren. Doch der Vater konnte sich nicht zu diesem Schritt entscheiden, da er mit seiner Tochter nicht „von einem Land des Übermaßes in ein Land, wo noch Hunger herrscht" zu­rückfahren wolle.

 

Die Mutter von Liselotte E. wiederum kam sehr wohl kurz nach Kriegsende nach Österreich zurück, um ihre Verwandten zu besuchen. „Aber das war ihr Ende. Weil sie hat sich so aufgeregt, die ganzen Grä­ber und die zerschossenen Städte, wie das eben nach einem Krieg so ist und ist kurz darauf selbst gestorben."

 

Für viele war aber selbst die Rückkehr in das später wiederaufgebaute Österreich unmöglich. Im Jahr 1974, lud die SPÖ Hanne Liese Q.s Vater ein zweites Mal ein. Diesmal konnte er sich nicht ein­mal zu einer Urlaubsreise entschließen. „Er hat mir gesagt: Entweder ich bleib da oder ich fahr zurück. Einen zweiten Ab­schied halt ich nicht aus. Trotz allem ist er sehr, sehr an der Heimat gehangen. Er hat sich hier sehr eingewöhnt. Hat sehr viele gute Freunde gehabt. Aber sein Herz war doch ziemlich stark drüben. Er hat gesagt, er kann das nicht machen." Quasi als Ver­tretung fuhr schließlich seine Tochter. „Ich hab mich irgendwie wie zu Hause gefühlt, aber nicht so richtig. Wie kann ich sagen? Irgendwo hab ich mich wohl gefühlt, aber nicht gefühlt, dass es meine Heimat war, mir gedacht, hier möcht ich bleiben, hier bin ich zu Hause. (...) In gewissem Maße habe ich mich hier mehr eingewöhnt. Ich hab das Gefühl, die haben mich rausge­schmissen, die haben gesagt, entweder wir bringen dich um oder du gehst weg und hier haben sie mich mit offenen Ar­men empfangen. So habe ich mich hier irgendwie besser eingewöhnt."

 

Von Österreich enttäuscht

 

Vor allem diejenigen, die als Kinder mit ihren Eltern emigriert waren, verband nur mehr sehr wenig mit ihrem Geburtsort, den sie eigentlich nur mehr aus Erzählun­gen kannten. Bei Besuchen trafen dann diese Vorstellungen auf eine andere Wirk­lichkeit, was nicht selten zu Enttäuschun­gen führte. Liselotte E. erzählt von ihrer Österreichreise: „Na ja, ich war eigent­lich, ich weiß nicht, ob ich sagen soll ent­täuscht, weil ich hab immer von meinen Eltern gehört, dass dort alles perfekt ist und hier alles schrecklich ist. Sie haben es uns hier sehr verteufelt, dummerweise, weil das hat nicht sehr viel gebracht, das hat nur Sehnsucht nach dort gebracht, aber wenn man dann dort war, dann war das eigentlich nicht alles so, wie man das so geschildert bekommen hat. Ich hab mir das alles angesehen, aber so, wie wenn ich eine Fremde war."

 

„Sind sowieso viel zu viele zurück­gekommen"

 

Enttäuschung und Befremdung ist aber noch das Geringste, was viele Emigran­tinnen bei ihren Besuchen empfunden haben. Schlimmer schon waren Erfah­rungen mit dem im Nachkriegsösterreich immer noch vorherrschenden Antisemitis­mus. Hans H. berichtet davon, wie seine schwangere Tochter mit der dreijährigen Enkelin und der 71-jährigen Tante in den 1980er Jahren in eine voll besetzte „Tramway" in Wien einstieg. „Und diese Tante, die hat Haare auf der Zunge gehabt, die hat zu ihr gesagt, auf deutsch: ,lch weiß nicht, aber wenn man in Argentinien in ein Verkehrsmittel einsteigt und sieht eine ältere Person und eine Schwangere mit einem Kind an der Hand, irgendjemand steht auf.' Antwort von irgendjemandem: ,Wenn's dir bei uns nicht passt, fahr' doch nach Argentinien zurück. Sind sowieso viel zu viele Juden zurückgekommen und viel zu wenig sind vergast worden.' Ich mein', Resultat: ein Weinkrampf, ausstei­gen und wochenlang nicht verdauen. (...) Ein Erlebnis, das natürlich weh tut." Und ein Erlebnis, das Hans H. in seiner Ent­scheidung bestärkte, nicht zurückgekehrt zu sein.

 

„Emotionally involved"

 

Schwer wiegen auch die oftmals verdräng­ten Erinnerungen an Diskriminierung und Verfolgung, die sich quasi an jedem Hau­seck, in jeder Straße, auf jedem Platz in Wien erneut in das Bewusstsein drängen. Paul S. erzählt von seinem Bezirk:

 

"Dort wo früher diese Tabaktrafik war, von der ich erzählt hab, ist ziemlich neu aufgemacht ein koscherer Fleischer. Sa­krament, was macht dieser ukrainische Jude in Wien? Hab ihn gefragt, ob er sich wohl fühlt? Ja, ja, fühlt sich sehr wohl. Jetzt kommt aber das richtige Problem: Er ist, da brauch ich sogar ein englisches Wort dafür, he is not emotionally involved, verstehen Sie das? Ich weiß gar nicht, wie ich das auf deutsch sagen soll? Er hat nichts von der Geschichte mitbekommen, für ihn ist das vielleicht ein Platz, der viel besser ist, als die Ukraine und der Rest ist ihm auch vollkommen wurscht. Für mich ist das nicht irgendein Platz. Ich seh unten an der Ecke, wo das war, im März 38, war unten auf der Straße aufgemalt: ,Wählt für ein freies Österreich!' und da­mals haben sie die jüdischen Frauen aus den Wohnungen rausgeholt, die mussten das mit den Fingern abkratzen. Das seh ich noch vor mir. Ich seh noch das Spieß­rutenlaufen auf derselben Straße vor mir. Es ist irgendwie so, dass jeder Teil dort eine Bedeutung hat. Wenn ich beim Ho­tel Imperial vorbeigeh, seh ich den Hitler reinkommen. Ich bin nämlich dort gewe­sen, wie der Hitler reingekommen ist. Wenn ich beim Helios-Kino vorbeikomm, seh ich noch im Unterbewusstsein das Schildl: Juden ist der Eintritt verboten.' Wenn ich eine Bank seh im Augarten, erinner ich mich: ,Nur für Arier.' Es is scho vorbei, aber es bedeutet mir noch etwas. Verstehen Sie das jetzt? Hingegen dem anderen, von dem ich Ihnen erzählt hab, na, wahrscheinlich ist bei ihm in der Ukraine noch mehr passiert oder so was, aber für mich ist das ein Teil von meiner Geschichte."

 

„Wozu? Es wäre nicht sinnvoll."

 

Es ist also durchaus so, dass sich auch die nicht zurückgekehrten Emigrantinnen sehr intensiv mit dem Thema „Österreich und Remigration" beschäftigten und ernstliche Überlegungen oder zumindest Gedankenspiele über eine eventuelle Rückkehr anstellten. Auf meine dies­bezüglichen Fragen erhielt ich jeweils lange Antworten, in denen das Für und Wider, persönliche Argumente und Erleb­nisse geschildert wurden. Die kürzeste und prägnanteste Antwort auf die Frage nach der Rückkehr erhielt ich allerdings von meinem Interviewpartner Hans A.: "Wozu? Ich musste so oft von vorne an­fangen im Leben, mutwillig von vorne anfangen im Leben, wozu? (...) Es wäre nicht sinnvoll."

 

 

Philipp Mettauer

 

Historiker

 

Gedenkdienstleistender an der Fundaciò de la Memoria del Holocausto in Buenos Aires 2001/02

 

 

1 in diesem Artikel zitierte Interviews wurden im Zeitraum von 2003/04 im Rahmen des DÖW-Projekts „ÖsterreicherInnen im Exil1938-45: Argentinien“ von Regula Nigg und Philipp Mettauer geführt