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Ausgabe 1/04


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Orpheus im Exil

Der Verein „Orpheus Trust - Verein zur Er­forschung und Veröffentlichung vertriebe­ner und vergessener Kunst" wurde im Mai 1996 von Dr. Primavera Gruber initiiert mit dem Ziel, der vom NS-Regime vertriebenen Musik den ihr gebührenden Raum wieder­zugeben.

 

Mit dem „Tausendjährigen Reich" setzte eine in der Geschichte beispiellose Verfol­gung ein. Künstlerinnen, Interpretinnen und Wissenschafterinnen aus Österreich wurden aus politischen oder „rassischen" Gründen gefoltert, getötet oder mussten ihre Heimat und ihr geistiges Umfeld verlassen.

 

Das erste veröffentlichte Buch („Orpheus im Exil", Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1995), das einen kleinen Überblick mit Na­men aus Österreich vertriebener Musikschaf­fender gibt, beinhaltet ca. 600 Namen. Etwa 50 Komponistinnen sind einem besonders interessierten Publikum heute bekannt.

 

Dazu gehören Ernst Krenek, Erwin Schul­hoff, Viktor Ullman oder Alexander Zemlinsky. Primavera Gruber hat vor, beziehungs­weise zur Zeit der Gründung des Vereins selbst nicht einschätzen können, wie viele Musikschaffende Österreich oder die ehe­malige Donaumonarchie zur Heimat hatten. Heute umfasst die Datenbank über 5.000 Namen, der Orpheus Trust ist zu einer der wichtigsten Beratungsstellen für Musiker, Musikveranstalter und Forscher geworden.

 

„Für Musik braucht es immer einen Ver­mittler - den Interpreten" meint Primavera Gruber. „Es nützt nichts, nur ein Archiv zu haben. Musik muss man hören". Seit dem Gründungskonzert 1996 im Wiener Konzert­haus fanden ca. 250 Konzerte statt, davon ca. 100 Uraufführungen und sehr viele ös­terreichische Erstaufführungen. (Vorträge, Workshops, Symposien und Masterclasses in Kooperation mit Veranstaltern in ganz

 

Österreich). Grundlage aller Aktivitäten ist die Erforschung und Dokumentation von Leben und Werk der verfolgten und/oder aus Österreich vertriebenen Musikschaffenden, worunter Komponistinnen sowie Interpretin­nen, Musikwissenschaftlerinnen und Musik­publizistinnen zählen.

 

Musikalische Remigration

 

In der Werkdatenbank sind mittlerweile über 11.000 Werke aufgelistet. „Wir wissen, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist", so Pri­mavera Gruber. Die Kompositionen werden wieder aufgeführt, sie werden - so könnte man sagen - „remigriert". Nach 1945 war die Rückkehr der Komponistinnen selbst aller­dings in den meisten Fällen unerwünscht. Einige Musikschaffende wie Marcel Rubin, Gerhard Bronner, Hilde Zadek und Erwin Weiss sind dennoch zurückgekommen. Sie gehören zu den ca. 5% der tatsächlich Remigrierten. Gerhard Bronner war sehr jung, als er 1948 aus Palästina zurückkam, er sagte selbst, er hatte jahrzehntelang die Er­innerung an seine Flucht und dem Schicksal seiner Familie verdrängt, sonst hätte er nicht hier sein können. Nun hat der mittlerweile 82 jährige Bronner seine Autobiographie veröffentlicht.

 

Die Verdrängung und Ignoranz, die nach der Beseitigung des Nazi-Regimes im deutschsprachigen Raum einsetzte, die Un­achtsamkeit, mit der Archive jahrzehntelang wichtige künstlerische Dokumente behandelten, und schließlich die Zeit selbst haben eine umfassende dokumentarische Aufar­beitung lange verhindert.

 

„Wo Musikerinnen 1938 entlassen oder zwangspensioniert wurden, sei es bei den Wiener Philharmonikern, Symphonikern oder in der damaligen Musikakademie, wa­ren die neu eingestellten Musikerinnen nach

 

dem Krieg nicht besonders daran interes­siert, ihre Posten wieder aufzugeben", so erklärt Primavera Gruber.

 

Es gab zwar eine kurze Phase der Aufar­beitung, in welcher der Kulturstadtrat Viktor Matejka einzelne Exilantlnnen eingeladen hatte. Erwin Weiss etwa kam zurück und hatte als überzeugter Sozialdemokrat das Bedürfnis, dieses Land wieder mit aufzubau­en. Marcel Rubin ist aus Mexiko zurückge­kommen, wurde Präsident der AKM (Gesell­schaft der Autoren, Komponisten und Mu­sikverleger) und spielte wieder eine wichtige Rolle im Musikleben. Aber auch sie spürten den „unausgesprochenen Antisemitismus" nach 1945 in Österreich.

 

Die allermeisten sind nicht zurückgekom­men, einige hatten in den USA manchmal Möglichkeiten, die sie hier in den traditionel­len Strukturen gar nicht vorgefunden hätten. Bei anderen, wie z.B. Alexander Zemlinsky oder Erich Zeisl, hat das Exil zu einem Bruch im musikalischen Schaffen geführt.

 

„Niemand hat sich wirklich darum bemüht die Vertriebenen wieder zurückzuholen. Wohnungen, Jobs, die gab keiner gerne wie­der her. Das hat fünfzig Jahre gedauert".

 

Heute kann Primavera Gruber stolz auf die letzten Jahre zurückblicken.

 

2003 wurde der Orpheus Trust mit einem Preis der Dr.-Karl-Renner-Stiftung für sei­ne Aktivitäten im Jahr 2001 ausgezeichnet. Heute besteht der Verein aus über 500 Mit­gliedern.

 

Mehr Informationen über Veranstaltungen des Verein Orpheustrust findet man auf www.orpheustrust.at

 

Juliane Urban

 

Gedenkdienstleistende in Wien