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Ausgabe 1/04


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Die Woche dreht sich um den Mittwoch...

Aus Anlass des 90. Geburtstags von Gaby Glückselig, der Gastgeberin des "Stammtischs" in New York 515 East 89th Street, New York - das ist die Adresse, die sich die frisch gebackenen Gedenkdienstleistenden von Anfang an einprägen. Hier trifft sich seit etlichen Jahren in Gaby Glückseligs gemütlicher Garconniere in der Upper East Side der „Stammtisch". Dieser, auch unter dem Namen „Oskar Maria Graf Stammtisch" bekannt, wurde Anfang der 1940er Jahre von Emigranten gegründet, die aufgrund religiös oder politisch bedingter Verfolgung Österreich und Deutschland verlassen mussten. Graf, dessen Werk in Europa lan­ge Zeit unbekannt blieb, wurde mit einem Protestaufruf berühmt: „Verbrennt mich!" (So kommentierte er in zynischem Ton die Liste der verbotenen Bücher der Nationalsozialisten). Um ihn herum versammelten sich in der "Kleinen Konditorei" und später in der „Blauen Donau" im deutschen Viertel auf der Upper East Side deutschsprachige Schriftsteller, um über Literatur zu disku­tieren. War Deutsch als Sprache bei vie­len anderen der aus Europa Geflohenen zu stark mit den furchtbaren Erfahrungen verbunden, wollten die Schriftstellerinnen vor allem der Liebe zu ihrer Sprache we­gen, die ja auch ihren Beruf begründete, weiterhin Deutsch praktizieren und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. So weigerte sich Oskar Maria Graf hartnäckig bis zu seinem Tod im Jahre 1967, ein Wort

 

Englisch bei diesen Zusammenkünften zu akzeptieren.

 

Die öffentlich zugänglichen Orte, an denen in New York Deutsch gesprochen wurde, verschwanden im Laufe der Zeit, weil viele der Emigranten in die unzähligen Vororte übersiedelten. Und so wanderte die Runde in ein privates Apartment, um zu ei­ner fixen Einrichtung zu werden: Ohne Un­terbrechung trifft man sich seit nun über 60 Jahren jeden Mittwoch, und nach wie vor wird nur in Ausnahmefällen Englisch gesprochen. Lediglich die Zusammensetzung der Gruppe hat sich langsam verändert, und sich die Anzahl der Teilnehmer durch das fortschreitende Alter leider oft verrin­gert. In den letzten 15 Jahren ergaben sich auch essentiel­le Veränderungen: Junge Historikerin­nen begannen sich für die Menschen des Stammtisches und ihre bewegten Lebensgeschichten zu interessieren. Sie besuchten den Stammtisch, um „die Alten auszufragen", wie es Leo Glück­selig formulierte. Durch die Forschun­gen wurden viele Medien neugierig, und so erreichte der Stammtisch enorme Bekanntheit in Ös­terreich und Deutschland. Mitte der 90er Jahre wurde in unzähligen Zeitungen be­richtet und in „Boulevard Bio", einer der populärsten TV Magazine in Deutschland, wurden drei Stammtischmitglieder einem Millionenpublikum vorgestellt. Dadurch ka­men auch ganz unbekannte Gesichter als Gäste zum Stammtisch, Schaulustige, und Gaby erinnert sich, dass sie sich vorkam, „wie ein Affe im Zoo" - wobei Gäste grund­sätzlich sehr erwünscht waren und sind, doch es wurde immer Wert darauf gelegt, dass sie von einem Teilnehmer in die Run­de eingeführt wurden.

 

Seit dem Jahr 1996, als erstmals Ge­denkdienstleistende am Leo Baeck Institut in New York ihren Dienst antraten, sind auch sie fixer Bestandteil des Stammti­sches. Ermöglicht wurde der Kontakt durch Gaby Glückselig selbst, die nach wie vor dreimal die Woche als Voluntärin im Leo Baeck Institut die Fotosammlung betreut. Anfangs war die Öffnung der vertrauten Runde für Jüngere noch heiß diskutiert worden, doch mittlerweile ist ihr Kommen sehr willkommen und selbstverständ­lich - auch wegen der Ungewissheit und Sorge um die Zukunft, die viele in sich tragen. Leo Glückselig, der diesen Mai seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte, ver­starb vor einem Jahr, und John Heining, der sich letztes Jahr noch fragte, wie es mit dem „Stammtisch einmal weitergehen wird", liegt seit wenigen Monaten wegen eines Schlaganfalls im Spital. Zu den Jun­gen haben sich bald tiefe Freundschaften entwickelt, schön zu sehen auch daran, dass manche auch nach all den Jahren wöchentlich telefonieren, und die vielen Österreich und Deutschland Besuche fin­den nicht zuletzt auch deswegen statt, um diese Freundschaften zu pflegen und sich wiederzusehen.

 

War in den ersten Jahrzehnten „der Stammtisch der ruhende Punkt in der Er­scheinung der Flucht" (wie es Alex Olsen bezeichnete, der vor wenigen Jahren ge­storben ist. Er war Trotzkist, und deswegen in Deutschland verfolgt worden, konnte aber nach Mexiko fliehen und Trotzki per­sönlich als „Mädchen für alles" behilflich sein), wurde er immer stärker auch als „Familie" wahrgenommen. Viele finden hier eine Geborgenheit, die sie erst durch den Verlust ihres ursprünglichen Zuhauses, und in späteren Jahren durch den Tod ihrer Lebenspartner verloren hatten. Der Groß­teil ist noch dazu kinderlos. Die Jungen wiederum sind ohne ihre Familie und ohne großen Freundeskreis in einer für sie neu­en Stadt. Der inhaltliche Schwerpunkt der Diskussionen, die am Stammtisch stattfin­den, hat sich wegen der Interessenslage neuerer Teilnehmer auch von Literatur hin zu Politik und Kunst verlagert. Neben den oft emotional geführten Diskussionen, und der familiären Atmosphäre, war auch das leibliche Wohl stets von Bedeutung. Nach einer kurzen Aufwärmphase folgt auch jedesmal bald Gabys Aufforderung: „Kinder, nehmt euch was zu essen und redet nicht alle durcheinander!", worauf hin sich al­le dankbar aufs Büffet besinnen und sich dann um den großen runden Tisch nieder­lassen. Durch das entspannte Essen und Trinken entwickeln sich dann die Themen, die die Menschen beschäftigen - momen­tan steht die kommende Präsidentschafts­wahl im Mittelpunkt. Seit Jahren hat der Stammtisch bei politischen Diskussionen eine gewisse politische Ausrichtung, und alle republikanisch Gesinnten, bekommen das zu spüren und „werden aus der Runde rausgeekelt".

 

Gaby definiert den Stammtisch folglich als ein „Zusammentreffen von Menschen aller Generationen, die an Politik und Kunst interessiert sind" - eigentlich ist das gera­de für uns Gedenkdienstleistende ein wun­dersamer Ausspruch - keine Rede davon, dass wir aus den Ländern kommen, die für die Vertreibung verantwortlich waren. Denn das war zweifellos unser Gedanke und Bezugspunkt, als wir den Stammtisch das erste Mal besuchten. Diese Erinnerungen aus der NS-Zeit kommen auch manchmal zur Sprache, allerdings mehr in Form von lebenslang unbeantwortet gebliebenen Fragen, wie die nach den Gründen von Antisemitismus und Verfolgung. Doch Ga­by, sonst immer ausgeglichen und sanft, wird bei diesem Thema auch etwas aufge­bracht, wohl weil die Verbindung zu Holocaust und Verfolgung von Außenstehenden und den unzähligen Berichten in den Medien immer hervorgehoben wurde: „Wir sind nicht rückwärts gerichtet, das ist kei­ne ,Holocaust-Geschichte'. Es war nie ein Treffen von Überlebenden, auch Religion hat keine Rolle gespielt".

 

Ende April wurde sie anlässlich ihres 90. Geburtstag eine Woche lang gebüh­rend gefeiert, zunächst im Leo Baeck Insti­tut, dann beim mittwöchlichen Stammtisch, und schlussendlich bei einer Geburtstags­feier unter ihren besten Freunden, wo sie seit Jahren wieder einmal das Tanzbein schwang. Sie fühlte sich sichtlich wunder­bar, und verglich sich selbstironisch mit der "Königin von England", die auch stets eine ganze Woche lang gefeiert wird. Doch auf die Frage, wie man sich denn mit 90 fühle, antwortete sie schlicht mit einer angewi­derten Grimasse: „Boeehh!". Wir bewun­dern ihre Lebenskraft und -Freude, und wünschen ihr und „ihrem" Stammtisch von Herzen alles Gute!

 

Philipp Haydn, Ronny Eppel

 

Gedenkdienstleistende am Leo Baeck Institute New York, 2003/04

 

Zum Weiterlesen:

 

Ein Artikel von Gabriele Glückselig über ihr Leben und ihren Mann, den Schriftsteller Fritz Bergammer, er­schien in der in Wien herausgegebenen „Zwischenwelt" (Ausgabe vom Oktober 2001, Nr.3).