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Ausgabe 1/04


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Bulgarien und die Rettung seiner jüdischen Bevölkerung

Oder Hitlers eigenwilliger Verbündeter

 

 

Die Ereignisse in Bulgarien in den Jah­ren von 1940 bis 1944 werden heute als ein gelungener Versuch zur Rettung der jüdischen Bevölkerung interpretiert. Wei­te Teile der bulgarischen Bevölkerung protestierten vehement gegen die anti­semitische Stimmung und verwiesen auf den Verstoß gegen die Konstitution, der durch den Versuch zur Einschränkung der Menschenrechte für Juden gegeben war. In allen Schichten der Bevölkerung entwickelte sich Widerstand gegen diesen unmenschlichen Akt - mit Erfolg, die ca. 50.000 in Bulgarien lebenden Jüdinnen und Juden wurden gerettet.

 

Im Dezember 1940 beschloss das bulgarische Parlament nach deutschem Vorbild das Gesetz über den „Schutz der Nation", welches die Bürger jüdischer Ab­stammung isolierte. Im März 1941 trat die politische Führung Bulgariens den Achsenmächten bei. Die bulgarische pro-deutsche Regierung stieß auf star­ken Protest seitens der Bevölkerung. Die orthodoxe Kirche sprach sich gegen die Verfolgung der Juden aus, hinter sie stell­ten sich die Verbände der Schriftsteller und Journalisten, der Artisten und Künst­ler, der Anwälte, Ärzte, Arbeiter, diverse Handwerksvereine sowie einige Jugend­organisationen.

 

Die Regierung startete den ersten geheimen Versuch zur Deportation von Juden, der jedoch im letzten Moment ent­deckt wurde. Ministerpräsident Bogdan Filov schloss am 9. März 1943 ein Ge­heimabkommen mit Deutschland über die Deportation von 20.000 Juden nach Auschwitz ab. Dieser Vorhaben misslang auf Grund der Einmischung der bulgarischen Parlamentsabgeordneten Mihalev, Momchilov, Kurtev und Suihlizov. Sie infor­mierten Vizeprämierminister Dimitar Pesev über das Vorhaben, worauf dieser In­nenminister Gabrovski zwang den Befehl zur Deportation zurückzunehmen. Leider erreichte dieser Beschluss einige Städte mit Verspätung. In der Nacht vom 9. März wurden viele jüdische Familien aus ihren Wohnungen in Plovdiv verschleppt und in der jüdische Schule der Stadt interniert. Ohne von dem neuen Beschluss erfahren zu haben, bemühte sich die lokale bürgerliche Elite eigenständig gegen die Inter­nierung vorzugehen. Selbst der plovdiver Patriarch Kiril stellte sich gegen die Re­gierung und drohte damit, den Verfolgten in den Kirchenräumen Schutz zu bieten. Einige Stunden später traf der offizielle Befehl zur Freilassung der internierten Juden ein, woraufhin sie in ihre Häusern zurückkehren konnten.

 

Im Mai 1943 übte Deutschland erneut starken Druck auf die bulgarische Regie­rung aus, diesmal sollte die Deportati­on der gesamten jüdischen Bevölkerung durchgesetzt werden. Es wurden zwei Alternativpläne erarbeitet von denen ei­ner vom König Boris gutgeheißen werden musste. Er lehnte den ersten zur Deporta­tion aller Juden ab und entschied sich für den Zweiten zur Umsiedlung von 25.000 Jüdinnen und Juden am 20. Mai aus der Hauptstadt Sofia in die Provinz.

 

Am 27. Mai 1943 schickte die einfluss­reichste Persönlichkeit der bulgarischen Kirche, Patriarch Stefan eine Nachricht an alle Kirchen des Landes, um den Aus­gesiedelten Jüdinnen und Juden Schutz, Verpflegung und jegliche Unterstützung anzubieten. Dabei bot er den Ratsanfüh­renden Rabin seine eigene Gastfreund­schaft an.

 

Im August 1943 bemühten sich deut­sche Repräsentanten ein weiteres Mal um die Deportation der jüdischen Bevöl­kerung aus Bulgarien. Diesmal nahm der deutsche Botschafter selbst Stellung dazu und antwortete seiner Regierung, dass offensichtlich diese Versuche scheitern werden, da „keiner in der Lage sei die Bulgaren davon zu überzeugen die Juden zu hassen."

 

Kurz vor seinem Tot hatte König Bo­ris in einem Zusammentreffen mit Adolf Hitler, erneut die Entsendung von bulgarischen Truppen an die Ostfront und die Deportation von Juden abgelehnt. Im August 1943 wurde die aktive Verfolgung der Juden abgeschlossen, im Sommer 1944 wurde das Gesetz zum „Schutz der Nation" außer Kraft gesetzt.

 

Leon Levi, emeritierter Philosophiepro­fessor an der Universität Sofia, erinnert sich an diese Zeit.

 

Geboren 1927 in Sofia, stammt er aus einer Handwerkerfamilie, sein Vater nähte Steppdecken, seine Mutter war Hausfrau. Als das Gesetz zum „Schutz der Nation" beschlossen wurde, war Leon Levi 14 Jahre alt. Heute erzählt er was damals geschah:

 

„Wir, wie auch alle anderen jüdischen Familien, haben einen Brief von den Be­hörden bekommen in dem stand, dass wir aus der Hauptstadt ausgesiedelt werden und dass wir nur 30 Kilogramm Gepäck mitnehmen dürfen. Weiteres stand auch der genaue Termin, der sehr kurzfristig war, an dem wir am Hauptbahnhof zu erscheinen hatten. Wir mussten unser ge­samtes Eigentum für wenig Geld verkau­fen, da der Zeitdruck unter dem wir stan­den, allgemein bekannt war und uns die Verhandlungsmöglichkeiten nahm. Mein Vater hat seine Werkstatt aufgelöst und meine Mutter musste mit Tränen in den Augen das Familienerbe weggeben.

 

Die Wohlhabenden haben nach einer Möglichkeit gesucht in Sofia zu bleiben oder in die USA auszuwandern.

 

Am 3. Juli 1942 wurden wir mit vielen anderen Juden nach Schumen gebracht. Unsere Fahrscheine wurden vom Staat bezahlt, doch andere Entschädigungen bekamen wir nicht. In Schumen wurden wir zwar gut empfangen doch in einem, für uns eingerichteten Ghetto, einquar­tiert. Alle mussten einen Davidstern tra­gen und durften nur innerhalb des Ghettos verkehren, obwohl bei uns als Kindern wurde das nicht so genau kontrolliert. Als Kinder durften wir auch zur Schule gehen und gemeinsam mit den bulgarischen Kindern lernen. Ein bulgarischer Kaufmann hatte über seinen Sohn und mich eine Geschäftsbeziehung zu meinem Vater aufgebaut und Steppdecken bestellt. Die Übergabe habe ich gemacht, einmal wur­de ich dabei erwischt und verhaftet, glück­licherweise haben sich einige bulgarische Familien für mich eingesetzt und ich wur­de mit einer Verwarnung freigelassen.

 

Damals habe ich drei Freundschaften geschlossen die noch bis heute erhalten geblieben sind: Lino Rinter, Alfred Krispin und Josef Greenberg.

 

Rinter ist auch Universitätsprofessor geworden und unterrichtet Kybernetik, Krispin ist als Journalist, Korrespondent von BTA (Bulgarian Telegraph Agency) zur Zeit in London und Greenberg wurde nach seinem Jusstudium bulgarischer Re­präsentant bei der UNO.

 

In Schumen verbrachte ich mit meiner Familie zweieinhalb Jahre, nach dem 9. September 1944 fuhren wir zurück nach Sofia wo ich ein Studium in Philosophie absolvierte".

 

Stefan Stoev

 

gebürtiger Bulgare wird 2004/05 Gedenkdienst am USHMM in Washington leisten.

 

weiterführende Literatur:

 

Gabriele Nissim: Der Mann der Hitler stoppte, Di-mitar Pesev und die Rettung der bulgarischen Juden. Berlin 2000

 

HJ. Hoppe: Bulgarien, in: W. Benz (Hrsg.), Dimen­sionen des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. München 1993, S. 275-310