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Ausgabe 1/04


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„… noch drei vier Kränze niederlegen“

Studienfahrten nach Auschwitz 2004

 

 

Vom 2. - 6. April fand die alljährliche Studienfahrt nach Auschwitz statt - unter den 19 Teilnehmerinnen war auch Gedenk­dienstmitarbeiterin Juliane Urban. Kurze Zeit später ist Florian Druckenthaner - er wird ab 15. Juli Gedenkdienst im Anne Frank Zentrum Berlin leisten -mit einer belgischen Gruppe ebenfalls nach Auschwitz gefahren. Über den Ort, die gewonnenen Eindrücke und die Unterschiedlichkeit der beiden Gruppen haben Juliane und Florian das folgende Gespräch geführt.

 

Juliane: Es bedarf ein wenig Überwindung über Auschwitz zu reden. Ich bin keine Historikerin, und alles was ich sage Bescheid, wer ich bin und woher ich komme. Das hat sich dann aber geklärt und ich habe mich der belgischen Gruppe anschließen können; ca. 80 Personen, Schüler, Lehrer, Zeitzeugen die dort auch auf Studienreise waren. Am ersten Abend bin ich mit zwei Freiwilligen und ein paar Flamen in ein Lokal gegangen. Ich hatte gar nicht mehr das Gefühl in Auschwitz zu sein, wir redeten über das Schulsystem in Flandern und anderes.

 

Juliane: Bei uns wurde abends auch nicht mehr über Auschwitz geredet. Jeder hatte einen ähnlichen Eindruck und es war anscheinend gar nicht so nötig oder möglich sich darüber noch groß auszu scheint mir auf den ersten Blick über­flüssig oder unangebracht. Ich hatte aber auch nicht den Eindruck in Auschwitz, mit der „Moralkeule" empfangen zu wer­den. Wir hatten eine „bequeme" Bahn-Direktverbindung Wien-Auschwitz, was ja auch ein eigenartiges Gefühl ver­mittelt. Das Wetter war schön und die Sonne schien. Ich dachte, wir fahren nach Auschwitz und da muss es dann regnen. Der Eingang in die Gedenkstätte präsentierte sich mit einem bunten Kiosk, Werbeplakate, Linienbusse und ein bisschen Müll auf der Straße. Ich habe mich gefragt: was ist noch übrig von damals?

 

Ich hatte den „Horrorfilm Auschwitz" erwartet und hörte dann Vögel singen. Das war eine unerwartete Ankunft. Irgendwie war ich beruhigt, dass Oswiecim auch eine ganz normale polni­sche Kleinstadt ist.

 

Florian: Als ich allein in Auschwitz ankam war es schon dunkel. Niemand wusste tauschen. Wenn man tagsüber so inten­siv mit der Thematik konfrontiert wird, dann ist abends das Bedürfnis nach Ablenkung offensichtlich sehr groß.

 

Durchorganisiertes Gedenken

 

Florian: Am nächsten Tag machten wir die Führung durch Auschwitz Birkenau. Es war eisig kalt, es hat geregnet und die Zeitzeugen meinten gleich, dass es genau das richtige Wetter sei, um Auschwitz anzusehen. Ich denke man bekommt mehr mit, wenn man bei einem Wetter dort ist, wo man nicht friert und ständig daran denken muss, wie kalt es ist.

 

Wir sind sechs sieben Stunden draußen gewesen. Eine ältere Dame berichte­te uns sehr kalt und trocken von den Ereignissen in Birkenau - sie sprach sehr abgestumpft. Dann haben die Zeitzeugen noch einige Episoden aus dem Lagerleben erzählt. Die unter­schiedlichen Persönlichkeiten der sieben Zeitzeugen sind dabei sehr stark zum Ausdruck gekommen. Jeder wollte, mit Recht natürlich, seine ganze Geschichte erzählen. Mir kam vor, es ging jedem darum mehr Zuhörer zu haben als die anderen. Es wurde viel von den Belgiern fotografiert, die Gaskammern, die Latrinen. Bei einer Kranzniederlegung von den Belgiern wurde extra darauf geachtet, dass alle ein Foto machen konnten. Am Nachmittag haben wir in Birkenau und im Stammlager noch drei vier Kränze niedergelegt. Dann bekam jeder eine Rose, um sie an einem selbst gewählten Ort hinzulegen. Dazu wurden Schweigeminuten eingelegt, die dauer­ten wegen des dichten Programms aber nur 10 Sekunden. Es gab eine genaue Abfolge wie viele Kränze wo und wann niedergelegt wurden. Mir kam es vor, ich wäre in irgendei­ner Touristengruppe, die irgendetwas besichtigt.

 

Juliane: Schweigeminuten hielten wir nicht, aber fotografiert wurde bei uns auch. Es wurden aber nie Portraits oder Nahaufnahmen gemacht, sondern nur Versuche die triste Stimmung einzufangen. Wir hatten auch eine sehr gute Führung gehabt, wo uns alles sehr einfühl­sam erklärte wurde. Der Guide mach­te selbst immer wieder den Eindruck sehr gerührt zu sein. Den Erwartungen entsprechend, ziemlich deprimiert, gin­gen wir zu unserer Unterkunft in der Jugendbegegnungsstätte. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einem Supermarkt vorbei - makaber, aber dafür echt. Hier leben normale Menschen. Noch paradoxer war für uns der Österreich Pavillon: „Österreich, ers­tes Opfer der Nationalsozialisten." Das schlägt den Besucher ja gleich am Eingang der Ausstellung ins Gesicht. Da konnten wir uns endlich mal produktiv kritisch äußern, der gesamte Pavillon gab ein ziemlich unzureichendes Bild von Österreich im Nationalsozialismus.

 

Florian: Ich war froh, dass die Belgier den Österreich Pavillon nicht gesehen haben, das hat sie gar nicht interessiert. Nach den Bekenntnissen der Politiker in den 90ern hätte ich mir das nicht erwartet.

 

Am nächsten Tag veranstalteten wir eine Diskussion über die Weimarer Republik. Wir stellten uns die Frage, wie die Shoah überhaupt passieren konnte, wie in einem so modernen, kulturellen Staat wie Deutschland eine Partei so viel Macht erhalten konnte. Die Belgier meinten, so was könnte in jedem Land

 

sie könnten behaupten, die Deutschen und die Österreicher sind „böse". Die Schlussfolgerung lautete aber, gera­de weil Deutschland so modern war, konnte es in diesem Ausmaß passieren. Wir sind dann während der Diskussion schnell auf den Vlaamsblok gekommen, der ja in Flandern derzeit die größ­te Fraktion darstellt. Es wurden viele Vorträge gehalten, viel Information. Das hat sich eben weniger auf einer emotio­nalen Ebene abgespielt. Da hab ich mir gedacht, die haben einen anderen Zugang in Belgien. Die waren einfach viel lockerer und haben gesagt was sie sich dachten, ohne darüber nachzudenken, ob das vielleicht in dem Moment unangepasst wäre. Ständig hat irgendwer gesprochen.

 

Juliane: Du warst der einzige Österreicher in der Gruppe. Hattest Du den Eindruck, dass Dich die Belgier für das was da geschehen ist mehr verantwortlich machen, als sie sich selbst? Klar, heute ist kein junger Mensch dafür verantwort­lich, aber es gibt immer dieses unbeschreibbare Gefühl der Schuld, diese Unsicherheit, wenn man einem gegen­übersitzt, der in Auschwitz war. Was haben die Belgier gesagt?

 

Florian: Ich wurde einmal auf unse­re Regierung angesprochen, das fällt anscheinend in deren Medien sehr auf. Ansonsten gab es keine Vorkommnisse. Vielleicht habe ich mir manchmal selbst eingeredet, dass mich mehr Schuld trifft als sie.

 

Juliane: Ich kann jetzt viel leichter über Auschwitz reden, der Ort für mich sozu­sagen entmystifiziert, wenngleich mich die bittere Bestätigung dessen, was man ja ohnehin nie bezweifelt hat, sehr getroffen hat.

 

Florian: So eine Bestätigung habe ich nicht gebraucht. Ich habe bevor ich dort war viele Bücher von Zeitzeugen gelesen. Da wurde beschrieben wie es dort aussieht, wie es dort abgelaufen ist. Es war für mich sehr belastend, das zu lesen. Da ich mich schon vorher mit dem Ort beschäftigt hatte, sah ich nichts uner­wartetes, sondern genau das, wovon ich schon ein Bild in meinem Kopf hatte, das dann Realität geworden ist. Man fährt meiner Meinung nach Auschwitz um der Opfer zu gedenken ...

 

Florian Druckenthaner

 

Gedenkdienstleistender am Anne Frank Zentrum in Berlin ab Juli 2004

 

Juliane Urban

 

Gedenkdienstbüro Wien