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Ausgabe 1/04


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„Geh, frag Lilly"

„Ein einmaliges Bild, so traurig und so schön zugleich. (...) Überlebende, die in Israel eine neue Heimat gefun­den haben, legen auf jenem Balkon, auf dem Hitler 1938 den »Anschluss« verkündete, Steine für ihre ermordeten Familienangehörigen nieder."1

 

Am 5. Mai 2003 passiert, „was Josef, der Idealist, sich erträumt und Andreas, der Realist, für eher unmöglich gehalten hat".

 

Junge Menschen zwischen 12 und 18 Jahren, die im Rahmen der Aktion A Letter To The Stars die Lebensgeschichten österreichischer Opfer des Nationalsozialismus recher­chierten, lassen am Wiener Heldenplatz zum Abschluss dieses „größten schuli­schen Forschungsprojekt(s) zum Thema Zeitgeschichte" an weißen Luftballons befestigte Briefe an die Ermordeten in den Himmel steigen.

 

Am 9. Mai 2004 fand dieses von den Journalisten Josef Neumayr und Andreas Kuba als „Living Memorial" kon­zipierte „würdige Fest des Gedenkens" im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen seine Fortsetzung.

 

Neben der Publikation der Ergebnisse der letztjährigen Gedenkkundgebung in Buchform ein Anlass, das Konzept dieser Veranstaltung unter der Schirmherrschaft von Alfred Worm, dem „wohl profiliertes­ten Journalist(en) des Landes", noch­mals kritisch zu betrachten.

 

„Am Anfang war die Liste (...) mit Daten der etwa 65.000 österreichischen jüdischen Holocaust-Opfer."

 

Am Anfang stehen viele unbeantwor­tete Fragen.

 

Erstens: Was motiviert junge Menschen zu einer Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus?

 

Zweitens: Wie kann eine angemesse­ne Auseinandersetzung mit Opfern und Tätern des NS-Regimes aussehen?

 

Drittens: Welchen Sinn hat eine sol­che Auseinandersetzung heute, mehr als fünfzig Jahre nach dem Holocaust?

 

Die Liste unbequemer Fragen, die sich ein Projekt anlässlich des Nationalen Gedenktages für die NS-Opfer am 5. Mai eines jeden Jahres gefallen lassen muss, ist lang, weshalb wir uns an dieser Stelle auf die genannten Beispielfragen beschränken wollen.

 

Schon bei diesen scheint ihre Komplexität der einfachen Beantwortung

 

- so wichtig eine solche erscheinen mag

 

- im Weg zu stehen.

 

Außer man fragt jemanden mit Kompetenz und Feingefühl, der „ganz genau (weiß), was wir wollen", der „das Projekt und den 5. Mai (versteht)".

 

Auch die Organisatoren von Letter To The Stars wissen um diese Schwierigkeit, wussten sich zu helfen und haben genau das getan, sie haben erfolgreich nachge­fragt bei einer, die es wissen muss, die Lilly heißt, sich am Projekt beteiligt und uns dadurch der Beantwortung unserer zweiten Frage ein gutes Stück näher gebracht hat.

 

In der Sprache von Kuba und Neumayr klingt diese Antwort so: „Und mit einem Mal ist der Holocaust in Lillys Kinderzimmer, hat einen Namen, ein Gesicht. Hat Träume, Ängste, setzt sich im Bauch fest. Kriecht mit in das Bett des 12-jährigen Mädchens aus Wien, ist

 

spürbar, als sie am Morgen aufsteht, ist gegenwärtig, als sie zur Schule geht und wenn sie am Nachmittag Robbie Williams hört, mischen sich immer öfter die längst verklungenen Partituren darunter, die vor nicht einmal einem Menschenleben, vor 65 Jahren, auf dem Klavier, das damals hier, in ihrem Zimmer stand, gespielt wurden."

 

Die kalkulierte Mischung aus Naivität, Kitsch, Pathos und Betroffenheit bedarf an dieser Stelle keiner weiteren Erläuterung.

 

Eine fundierte Antwort, das heißt ein andauerndes kritisches Hinterfragen der eigenen Positionen, ein offen thema­tisierter und thematisierbarer Prozess des Sprechenlernens über nationalso­zialistische Gewaltverbrechen, wird ver­weigert, schließlich soll niemand (man denke an die zahlreichen Sponsoren und Unterstützer des Projekts aus Wirtschaft und Politik) verärgert werden.

 

Das Ärgernis liegt dabei weniger in der offenkundigen Inkompetenz von Kuba und Neumayr als vielmehr in dem Umstand, dass sie diese durch das Nichtwissen und die Naivität ihrer Klientel zu kompensieren suchen. Die Beantwortung notwendig zu stellender und nicht immer leicht formulierbarer Fragen bleibt den Beteiligten überlas­sen, häufig reduziert auf das Verfassen eines „Brief(es) aus der Gegenwart an die Vergangenheit für die Zukunft".

 

Die Schülerinnen sind in ihrer Auseinandersetzung, die sich ja gerade nicht in einem Archivbesuch erschöpfen soll, mehr oder weniger auf sich gestellt (pädagogische Begleitangebote und entsprechende Schulungen für beteiligte Lehrerinnen sieht das Projekt nicht vor).

 

Hauptsache, man erhält schlussend­lich irgendwie präsentierbare und mög­lichst medienwirksame Resultate und das Thema kann im Lehrplan abgehakt werden.

 

Das Ziel (dritte Antwort!), „dass wir mehr als nackte biographische Daten über die NS-Opfer in Erfahrung brin­gen wollen (...), dass wir so all den Ermordeten wenigstens einen kleinen Teil ihrer Würde zurückgeben kön­nen" bleibt im Bereich einer bloßen Behauptung angesiedelt, die sich auch durch einen Gutteil der in Internet und Buchform wiedergegebenen Briefe nicht weiter untermauern lässt. Und für die noch ausständige erste Antwort und bei etwaigen kritischen Einwänden? Fragen Sie doch Lilly.

 

Flo Huber

 

lebt und scheitert an der Technik in Wien

 

Alle    Zitate    folgen    der    im    Text    erwähnten Publikation: A Letter To The Stars. Briefe in den Himmel, Verlag Verein Lernen aus der Zeitgeschichte, Wien 2003.