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Ausgabe 4/04


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Haben Sie Mauthausen schon bei Nacht gesehen....

haben Sie das schon erlebt? Falls nicht, wird ihnen vielleicht schon bald geholfen. Zumindest wenn es nach den Machern von „Letters to the Stars" l + II geht. Beschau einer allgemein verträglichen Geschichtsinszenierung in Episoden.

 

Im Jahr 2001 gebar der News-Mitarbeiter Andreas Kuba mit seinem Kollegen, Josef Neumayr aus der Redaktion der Bar­bara Karlich-Show, die Idee einer themati­schen Erweiterung des eigenen Wirkungsradius. Nicht mehr Diskussionen über das Pro und Contra von Sodomie mit dem Familienmeerschweinchen oder die dreihunderttausend wichtigsten Österreicher, son­dern das Schicksal der österreichischen Naziopfer sollte diesmal Aufmerksamkeit und Sponsoren erregen. Und zwar im Rahmen eines alle Stückeln spielenden Mega­Projektes, Aufarbeitung, Riesenevent und rührende Medienbilder inklusive.

 

Dabei kamen Kuba und Neumayr einige Umstände zupass: Erstens das beinahe völlige Fehlen von Projektangeboten zur Förderung der zeitgeschichtlichen Ver­mittlungsarbeit an Schulen; Zweitens die bereitwillige Unterstützung durch mehrere renommierte Institutionen wie das Doku­mentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes oder Organisationen wie den ÖGB, die froh und bereitwillig jedwe­de antifaschistische Arbeit nach Kräften fördern; Drittens der Umstand, dass auch diverse Unternehmen für Möglichkeiten dankbar waren, im Bereich Geschichtsaufarbeitung das eigene (tlw. zwischen 38 und 45 ramponierte) Image etwas auffet­ten zu können.

 

Zudem dürften beide Initiatoren im Zuge ihrer journalistischen Arbeit ein gewisses Gespür dafür entwickelt haben, was hierzulande "reingeht" und, im Fall Zeitgeschich­te vermutlich wichtiger, was nicht. Die Be­schäftigung mit dem Naziregime ist, spät genug, inzwischen gesellschaftlich weit­gehend anerkannt. Allerdings nur mit ge­wissen Auflagen: Der Judenmord war eine unschöne Sache, wiewohl das Werk weni­ger. Die Thematisierung von KZ-Gräuel ist dementsprechend in Ordnung, der Spaß aber schon beim kleinsten Versuch einer Kontextualisierung vorbei. Alles, was eine breite Verwicklung der Großelterngenera­tion (und damit, etwa auf dem Umweg arisierter Vermögenswerte, auch der eigenen Generation) vermuten ließe, führt ebenso unweigerlich zu hitzigen Konfrontationen wie Auseinandersetzungen mit der Frage nach dem woher und wohin des Faschis­mus als solchem. Aus der Geschichte für die Zukunft zu lernen ist ein omnipräsenter Stehsatz, beliebt ob seiner Beliebigkeit.

 

Wie also sieht ein Projekt aus, dessen Macher um die Untiefen der Täterkinder­seelen Bescheid wissen und von vornher­ein nicht anecken, sondern gefallen wol­len?

 

A letter to the Stars was born

 

Das Drehbuch zum ersten „A letter to the Stars" -Plot (ausgestattet mit dem jugendlich-fetzigen Kürzel „L2tS"): Jede/r am Pro­jekt teilnehmende Schülerin recherchiert die Geschichte eines der österreichischen Nazi-Opfer und schreibt ihm/ ihr anschlie­ßend einen Brief. Die Briefe werden ge­sammelt, kopiert und im Rahmen eines Mega-Events am Heldenplatz an 80.000 weißen Luftballonen befestigt und steigen mit diesen zum Himmel. Es gibt kein päda­gogisches Begleitkonzept, es werden kei­ne lästigen Fragen gestellt oder gar beant­wortet, das ganze ist selbsterklärend. Für die Zukunft aus der Vergangenheit lernen. Aufrütteln. Betroffen machen. „Wir können all diese Menschen nicht wieder lebendig machen, aber wir können ihnen ihre Na­men, ihr Gesicht, ihre Würde zurückge­ben."1 Herr Karl grunzt zustimmend. So lange es nix kostet, geben wir gerne zu­rück, wenn's wollen auch Würde.

 

Den Herren Karls nicht allzu nahe zu treten war generell Programm von L2tS. Kuba auf die Frage, weshalb Antisemitis­mus im Projekt kaum thematisiert werde: „Wir sind nicht gegen etwas, sondern für etwas. ... Wir verurteilen nicht, das ist nicht unsere Aufgabe."2 Soviel Offenheit beein­druckte selbst Zwangsarbeiterbescheftiger Siemens, der alsbald als Sponsor gewon­nen ward.

 

Weder Projektbetreiber noch Sponso­ren oder politisch Verantwortliche küm­merte es, dass in Recherchearbeit uner­fahrene Lehrkräfte mit ihren Schülerinnen alleine gelassen wurden und der Erkennt­nisgewinn des angeblichen „Forschungs­projektes" daher minimal blieb. Vom Lerneffekt für die Schülerinnen erst gar nicht zu reden. Niemand schien sich an der vorbehaltloser, unreflektierten Identi-fikation der Täterenkel mit den Opfern zu stoßen. Keiner der Beteiligten scheint sich der Problematik verordneter Betroffenheit bewusst zu sein, wie sie in den Briefen der Jugendlichen durchgehend zum Aus­druck kommt und auf deren Gefahr schon Horkheimer hingewiesen hat.3 Was soll auch ein/e Vierzehnjährige/r wozu einem Menschen brieflich mitteilen, der vor 60 Jahren ermordet wurde? Die meisten der offensichtlich etwas ratlosen Jugendlichen erklärten sicherheitshalber, es sich reich­lich unschön vorzustellen, umgebracht zu werden „obwohl die meisten gar nichts getan haben."4 Weil weder die Frage nach den Tätern selbst noch nach den Motiven ihres Handelns Gegenstand des Projekts war, machten sich einige der Schülerinnen selbst Gedanken - unter anderem las sich das in einem der Briefe dann so: „Er [Hit­ler, Anm.] hatte gute Ideen doch er setzte sie falsch ein ... Mir kam zu Ohren, dass seine Eltern bei einer Operation ums Le­ben kamen und deren Arzt war ein Jude. Daraus sollte die Wut entstanden sein."5 Die Schüler sind allerdings die letzten, denen ihre Unwissenheit und mangeln­de Sensibilität vorzuhalten ist. Verglichen mit der Aufforderung des Eventsponsors Post Telecom an die zum Abschlußevent am Heldenplatz versammelten Jugendli­chen, nicht nur Briefe, sondern vermittels eingerichtetem Sonderservice (und zu er­höhten Tarifen) auch „SMS to the Stars" zu verschicken, nahmen sich die meisten brieflichen Ungustiösitäten noch harmlos aus. Der Telecomslogan zum Tag lautete übrigens (unter dem Bild eines ermordeten Mädchens): „Von unserer Vergangenheit für die Zukunft lernen: Wir bleiben dran."

 

... und weil's so schön war...

 

Von den zunächst meist noch wohl­meinend geäußerten Bedenken und Rat­schlägen ließen sich die Veranstalter nicht ankränkeln. Aufgrund des großen Erfolgs von Teil l lief ein halbes Jahr später die zweite „L2tS"-Stafel an. Diesmal sollten die Schülerinnen die Geschichte der Holocaust-Überlebenden recherchieren - und die betreffenden Personen brieflich kon­taktieren. Keinesfalls würden dabei Da­tensätze von Personen weitergegeben, die nicht kontaktiert werden wollten, ließ der von Kuba/Neumayr betriebene „Verein Lernen aus der Zeitgeschichte" wissen. Impliziert wurde damit, dass die Überle­benden vorab wo schon nicht ausdrücklich um ihr Einverständnis gebeten, so doch zumindest informiert worden seien. Schon bald stellte sich heraus, dass dem nicht so war. Erneut wurden in der Arbeit mit Zeitzeuginnen weitestgehend unerfahrene Pädagoginnen auf halber Strecke alleine weitergeschickt - und diesmal erreichten die Briefe tatsächlich Menschen.

 

Manche, vielleicht sogar die Mehrheit dieser Leute wird sich gewundert oder ge­freut haben, Post von ihnen unbekannten österreichischen Jugendlichen zu bekommen. Aber was war mit jenen, die keinen Kontakt wünschten? Was mit denen, die vor bestimmten Formulierungen in dem an sie gerichteten Brief zurückprallten? Wer kümmerte sich um diejenigen, die antworteten? Und wen interessierte, was die Schülerinnen bei all dem empfanden? Die Antworten von Kuba/ Neumayr auf all diese Fragen waren stereotyp: „... Sache der engagierten Pädagoginnen... geht uns nichts an (!)... wir bieten ausschließlich ein Package, alles weitere bleibt den Projekt­partnern und teilnehmenden Schulen über­lassen..."6 Neben den Datensätzen der Überlebenden enthielt dieses „Package" auch jetzt vor allem medial bestens ver­wertbare Bilder. Diesmal im Zentrum des Geschehens: Das Konzentrationslager Mauthausen. Als dort Gäste aus aller Welt sich zu den Befreiungsfeiern einfanden, wurden sie auf dem Feld vor dem ehema­ligen Lager junger, ernsthafter bis gramge­beugter Menschen gewahr, die - wie dem Schilderwald am Rande des Feldes zu ent­nehmen war-„100.000 Sonnenblumensa­men für 100.000 Ermordete" aussäten. Auf Nachfrage berichteten sie recht freimütig, ihre momentane Tätigkeit sei „nur Show, morgen kommt der Bauer und macht des mit'm Traktor, händisch wirst da ja zum Schwammerl" - stimmt vermutlich und ist auch gleichgültig. Das Bild „jedem Opfer seine Blume" saß. Ebenso wie die weißen Tauben, die als Höhepunkt der Feier flie­gen gelassen wurden. Wem der Symbolgehalt von weißen Luftballons 2003 und weißen Tauben 2004 verborgen geblieben war, konnte auf der L2tS-Homepage seine Wissenslücke schließen: „Die Farbe Weiß bedeutet im jüdischen Kulturverständnis „dem Vergessen entreißen". Eine Behaup­tung, die der gesamte jüdische Bekannten­kreis des Autors ebenso wenig bestätigen wollte wie der Betreiber des Internetportals www.juedische.at, Samuel Laster.7

 

... gleich nocheinmal

 

Es war schon länger absehbar, dass auch das heurige Gedenkjahr kaum ohne einen Beitrag von Kuba/Neumayr auskommen würde. Und tatsächlich erlebte ihre bereits zweimal verbratene Idee „Schülerinnen schreiben Geschichte" eine dritte Auflage. Diesmal auf dem Programm: ein Monat in den 60 Jahren der Zweiten Republik. Die teilnehmenden Schülerinnen „dokumentie­ren das Zeitgeschehen, den Alltag und das Lebensgefühl dieser Tage. So entsteht die „Österreich Zeitung", die stärkste Zeitung der Welt, die mehr aussagt als jedes Ge­schichtsbuch...."8 Auch die Nuancen schei­nen etwas verschoben, nun soll offenbar demonstriert werden, „dass die Jugend bereit ist, aus der Geschichte zu lernen und sich engagiert der Zukunft zu stellen"9 - seit jeher hervorstechendstes Merkmal österreichischer Identitätsfindungsprozesse, also gehört's auch einmal gesagt.

 

Den Beweis, wie sehr unsere Jugend aus der Vergangenheit zu lernen bereit ist, wollen Neumayr und Kuba heuer wieder in Mauthausen erbringen. Und inzwischen hat man schon fast aufgehört, sich über sinnentleerte Symbolik und artifizieller Be­troffenheitsriten zu wundern: Jugendliche sollen im Umfeld der Befreiungsfeier am 8. Mai im Rahmen einer „Nacht des Schwei­gens" mit einer brennenden Kerze vor sich eine Nacht auf dem Gelände des ehemali­gen Konzentrationslagers ausharren - feel the spirit of Shoa. Über Vorhaben für 2006 wurde noch nichts verlautbart, man darf also gespannt sein. Wie wäre es mit Me­morialgymnastik auf der Todesstiege?

 

Florian Wenninger

 

Leistete 1998/99 Gedenkdienst in Yad Vashem, Jerusalem

 

1     www.lettertothestars.at per 12. März 2005

 

2    Im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Verein Gedenkdienst am 15. März 2004

 

3    siehe etwa Horkheimers Briefwechsel mit Klaus von Dohnanyi, in MH 1996: Gesammelte Schrif­ten, Bd. 18, Frankfurt/ Main, S. 548 ff

 

4     www.lettertothestars.at per 16. März 04

 

5    ebenda

 

6    Im Rahmen der o. g. Podiumsdiskussion im Verein Gedenkdienst am 15. März 2004

 

7    vgl.: Köchl, Sylvia 2004: Fly over Mauthausen. Letters to the Stars und die "Demokratisierung" des Opferstatus, in: MALMOE Nr. 20/04

 

8    Nachzulesen ist die gesamte Beschreibung des Projektes auf www.oe2005.at

 

9    ebenda