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Ausgabe 4/04


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„Kärnten? Das dauert noch 20-30 Jahre bis da was normal wird, wenn überhaupt..."

Impressionen einer Studienfahrt in den Süden

 

Zum zweiten Mal veranstaltete GEDENKDIENST rund um den Kärntner Landesfeiertag am 10. Oktober eine Parti­sanenwanderung ins zweisprachige Gebiet Kärntens/Koroskas; 20 Wienerinnen und einige Kärntnerinnen nahmen daran teil.

 

Auch heuer geriet die Fahrt in den son­nigen Süden Österreichs, wo man angeb­lich „Urlaub bei Freunden" macht, zu einer Reise in die tiefen Abgründe der Kärnten Seele. Für einen Rest-Österreicher ist die Weltanschauung vieler Kärntnerinnen nicht nachvollziehbar. Mit der Fahrt über die Pack wird eine Zone fremder Menta­lität betreten.

 

Wie letztes Jahr „pendelten" wir zwi­schen Programmpunkten, die die Ge­schichte des Landes sowohl aus „deutsch-kärntner" Sicht (Abwehrkampf Museum in Völkermarkt, 10. Oktober Feier in Völker­markt) als auch aus der Sicht der slowe­nischen Minderheit (Partisanen Museum Persmanhof, Zeitzeugengespräch mit ehe­maligen Partisaninnen) beleuchteten. Der Besuch des ehemaligen KZ Loiblpass auf Kärntner und Slowenischer Seite rundete das Programm ab.

 

Ergebnis der dreitägigen Reise: Nicht nur das Land Kärnten auch die Kärntnerinnen selbst sind in sich nicht nur einmal sondern mehrfach „gespalten." Von einer gemeinsamen Deutung der Geschichte der letzten 100 Jahre ist man weit entfernt. Gerne wird verschwiegen, dass die Kärnt­ner Volksabstimmung 1920 nur deswegen gewonnen wurde, weil das demokratische Kärnten den Slowenen die Reglung der kulturellen, sprachlichen und politischen Fragen nach Schweizer Vorbild anbot. Diese Versprechungen hat man aber bald wieder vergessen, stattdessen prägte ein zunehmend aggressiver werdender Deutschnationalismus die politische Land­schaft Kärntens in der ersten Republik. Regelung der Minderheitenrechte nach Schweizer Vorbild? Mitnichten.

 

Dafür regelten dann die Kärntner Nazis die Sache auf die ihnen eigentümliche Art nach 1941: Anschluss weiter Teile Slowe­niens bis hinunter nach Lublijana an den „Reichsgau" Kärnten. Auslöschung der slowenischen topographischen Bezeich­nungen, aggressive Germanisierung der slowenischen Bevölkerung. Deportation so genannter „Nationalslowenen" in Ar­beitslager und/oder Konzentrationslager. Auslöschung slowenischer Inschriften auf Gedenktafeln, Gräbern, etc.

 

Und dann wundern sich die „Deutsch-Kärntner", dass viele Slowenen die Parti­sanen unterstützten und zwischen 1941 und 1945 für eine Abspaltung Südkärntens an Jugoslawien kämpften?

 

Nach 1945 wiederholte sich die Ge­schichte von 1920: Wieder Versprechun­gen, diesmal sogar völkerrechtlich im Ar­tikel 7 des Staatsvertrags verankert. Doch auch das kümmerte das demokratische

 

Kärnten wenig. War der Staatsvertrag ein­mal unterzeichnet und die fremden Trup­pen aus Österreich abgezogen, vergaß man auch schnell den Inhalt des Artikel 7. Da hilft auch kein Verfassungsgerichthof. „Für was brauch ma die Wiener Verfas­sung", tönt es bei so mancher 10.-Oktober­feier im Land, „Wir regeln das auf unsere Art, nämlich demokratisch." Das klingt fast wie eine Drohung.

 

Fazit: In Kärnten gilt nicht die Verfas­sung, hier gilt nicht der Staatsvertrag, hier gilt nicht der Rechtsstaat, hier gilt die Will­kür des Stärkeren und ganz Österreich - Bundesregierung und Öffentlichkeit -schaut zu.

 

Wie regeln das nun die Kärnterlnnen? Oft macht man die Erfahrung, dass gera­de jene Kärntnerinnen, deren Großeltern meist noch Angehörige der slowenischen Volksgruppe waren und ganz selbstverständlich slowenisch gesprochen haben, heute diejenigen sind, die am schärfsten gegen mehr zweisprachige Ortstaffeln, ge­gen zweisprachigen Unterricht und für die Förderung der slowenischen Kultur sind. Dabei verrät der Familienname allein, dass das Gegenüber aus einer slowenischen Familie gestammt.

 

Der Druck auf die Slowenen Kärntens ihre Sprache und Kultur aufzugeben und ins Deutsche hinüber zu wechseln ist seit Jahrzehnten enorm. Wer da nicht mit macht, der wird als verbohrt, als sloweni­scher Nationalist, Partisan, Verräter der Heimat oder „einfach ehrlich" als Tschusch diffamiert.

 

Das Slowenische hat in Kärnten ein negatives Image. Es gilt nicht als „Kultur­sprache". Deswegen wehren sich auch deutschsprachige Eltern dagegen, dass ihre Kinder in zweisprachigen Klassen un­terrichtet werden. Hingegen findet niemand etwas dabei, wenn in der gleichen Schule vermeintlich „wertvollere" „Kultursprachen" wie Englisch, Italienisch oder Französisch unterrichtet werden.

 

Aber Slowenisch in der Schule, im Kindergarten? Niemals! Das - so die fest verankerte Meinung - gefährde die Ent­wicklung des Kindes. Wer in der Schule slowenisch lernt, der bleibe, in anderen Fächern zurück, lerne schlechter lesen, langsamer schreiben, kann schlechter Kopfrechnen etc. Dass diese Argumentati­on nicht logisch ist, kümmert niemanden.

 

Für das Sozialprestige unter den Deutschsprachigen ist es nicht ratsam - weder im Dorf noch in der Stadt - in die Nähe des Slowenischen gerückt zu wer­den. Erfolgreich ist es den rechtsgerich­teten Organisationen in Kärnten gelungen das Slowenische an sich in den Geruch des Landesverrats zu rücken. Den „schlechten" Slowenen wird dabei immer das Gegenbild des guten germanisierungsbereiten „Windischen" gegenübergestellt.

 

Jahrzehnte wurde das Zerrbild des jugoslawischen Fuchs mit Titomütze ge­prägt, der nach „deutschem" Kärntnerblut lechzend über die Karawanken blickt. Das war ein beliebtes Aufmachersujet für die Kampfblatt des Kärntner Heimatdienstes „Ruf der Heimat" (jetzt „Der Kärntner"). Dem Kärntner Heimatdienst ist es auch zu verdanken, dass der slowenische Kü­chengeräte Hersteller Gorenje kein Werk mit hunderten Arbeitsplätzen in der Nähe von Bleiburg in den 70er Jahren errichten konnte. Er initiierte damals eine erfolg­reiche Kampagne gegen die drohende „Slowenisierung" Kärntens. Die sloweni­sche Wirtschaft hat mittlerweile bewiesen dass sie „europareif" ist, was man von der Kärntner Mentalität leider nicht behaupten kann.

 

Wer weiß, vielleicht wird es sich aber in 20, 30 Jahren ändern. Schon heute pen­deln mehr Kärntner nach Slowenien als Slowenen nach Kärnten um dort zu arbei­ten. Geht der ökonomische Niedergang Kärntens in den nächsten Jahren ebenso weiter, wie der ökonomische Aufstiegs Sloweniens, werden die „deutschkärntner" Kinder einmal ihren Eltern unangenehme Fragen stellen z.B. warum sie nicht die Chance bekommen haben in der Jugend - noch dazu gratis - die Sprache des Nach­barn oder die Sprache der eigenen Vorfah­ren zu erlernen?

 

Wie heißt es schön: Wer nicht lernt, den bestraft das Leben.

 

Christian Klösch

 

Historiker, leistete 1996-97 Gedenkdienst am Leo Baeck Institute in New York