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Ausgabe 4/04


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Verfolgung von Schwulen und Lesben in Österreich im Nationalsozialismus und in der Zweiten Republik

Den Beschluss des Landesgerich­tes Innsbruck, Abt. 5 vom 4. März 1946 betreffend die Zurückweisung meines Ansuchens um Tilgung der Verurteilung habe ich zur Kenntnis genommen. Ich hätte gedacht, dass das mir vom frühe­ren Regime, bzw. vom Reichsführer SS zugefügte schwere Unrecht der erlitte­nen 5jährigen Haft in einem staatlichen Konzentrationslager als Schutzhäftling - §175 bis zur Befreiung durch amerikani­sche Truppen - in Verletzung des §5 des Staatsgrundgesetzes   vom   27.10.1862, RGBI No 87 zum Schütze der persönli­chen Freiheit, des Art. 19 Abs 1 u Art.1 der Bundesverfassung von  1934 sowie des §225 StG - reichlich Grund gewesen wäre, das Ansuchen zu befürworten.1

 

Die Verfolgung homosexueller Männer und Frauen verlief in Österreich von 1852 bis 1971 ohne Unterbrechung nach dem gleichen Gesetz, dem § 129 l b, der „Un­zucht wider die Natur mit Personen glei­chen Geschlechtes" unter Strafe stellte. Die Intensität der Verfolgung wurde eben­so wie das Ausmaß der darauf ausgesetz­ten Strafen immer den Wertmaßstäben der jeweiligen Zeit angepasst. 1971, als die Zeitumstände den Gesetzgeber zwan­gen, das Totalverbot für Homosexualität aufzugeben, wurden neue Paragraphen gefunden, um das Leben homosexueller Menschen zumindest einzuschränken und ins Verborgene abzudrängen. Das „Werbe"-Verbot und das Vereins- und Versammlungsverbot waren klare Aus­sagen gegenüber der homosexuellen Bevölkerung. Der bis 2002 bestehende § 209, der sexuelle Beziehungen von über 18jährigen Männern mit unter 18jährigen Männern unter Strafe stellte, war letztes Relikt einer anachronistischen pseudo­wissenschaftlichen Verderbungsidee des 19. Jahrhunderts.

 

Aus ähnlicher geistiger Haltung her­aus ist es wohl zu erklären, dass der Gesetzgeber ex negativo immer noch ausdrückt, dass Homosexuelle zu Recht in Konzentrationslagern interniert wurden - als NS-Opfer werden die ehemaligen KZ-lnsassen nämlich bis heute nicht an­erkannt. Der Gesetzestext änderte sich nicht durch die Verwandlung Österreichs in die Ostmark, durch den „Anschluss" an das Dritte Reich im März 1938. Es kamen jedoch wesentlich mehr Fälle von Homosexualität vor Gericht, und es wurden schließlich durch die national­sozialistischen Richter auch wesentlich härtere Urteile gefällt als davor und da­nach. Neben der gerichtlichen Verfolgung existierte parallel und in Zusammenarbeit mit den judikativen Behörden die polizei­liche Verfolgung Homosexueller. Durch die polizeiliche Bespitzelungsarbeit (die auf breiter Ebene von der zivilen natio­nalsozialistischen Bevölkerungsmehrheit in Österreich mitgetragen und durch De­nunziation gefördert wurde) wurden viele Fälle erst vor Gericht gebracht. Die Aus­einandersetzung der Polizei mit Homose­xuellen endete jedoch keineswegs mit der Übergabe der Verfolgten an die Gerichte. In vielen Fällen stellten Kriminalpolizei und Gestapo sogenannte „Rückstellungs­anträge", denen zufolge die Verfolgten nach der gerichtlichen Verurteilung (oder nach dem Verbüßen der gerichtlich ver­hängten Haft) an die Polizeigefängnisse übergeben werden mussten. In diesen Gefängnissen begann für die Betroffenen ein Albtraum, den die Nationalsozialisten offiziell „Schutzhaft" oder „Vorbeugehaft" nannten. Die Opfer hatten keine rechtli­chen Mittel, dagegen anzukämpfen, die Haft war keiner zeitlichen Beschränkung unterworfen. Im Rahmen dieser Haft wur­den die Gefangenen gequält, gefoltert, verstümmelt und in vielen Fällen auch in Konzentrationslager deportiert, in denen die meisten von ihnen ermordet wurden. In anderen Fällen schaltete sich die Me­dizin in die Verfolgung und Vernichtung Homosexueller ein. Zum einen schlu­gen nationalsozialistische Mediziner (die durchwegs die Folgewirkungen leugne­ten) Kastrationen vor, die den Sexualtrieb zum Erliegen bringen sollten und damit eine trieb- und willenlose Arbeitskraft für den Nationalsozialismus retten sollten. Die Opfer dieser Verstümmelungen wa­ren in den meisten Fällen nachher nicht nur nicht arbeitsfähig, sondern starben an Folgeerkrankungen oder nahmen sich nach dieser „psychischen Hinrichtung" selbst das Leben. Andere nationalsozialistische Ärzte verwendeten Homose­xuelle als lebendes Forschungsmaterial auf der Suche nach einer medizinischen „Heilung" der Homosexualität. Auch diese Experimente endeten für die meisten Ver­suchspersonen mit dem Tod.

 

Durch die Nichtanerkennung als Opfer in der Zweiten Republik, durch das an­dauernde sogenannte „Totalverbot" der Homosexualität wurden homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus dazu ge­drängt die Vergangenheit zu verbergen, um sich so weit wie möglich in die öster­reichische Nachkriegsgesellschaft einzugliedern. Doch vielfach war dies nicht möglich. Heinz Heger schreibt darüber in seinem Buch „Die Männer mit dem rosa Winkel":

 

„In der ersten Zeit nach meiner Heim­kehr tuschelte und raunte zwar die Nach­barschaft über mich „warmen" KZler, aber da ich sehr zurückgezogen lebte und nie in eine homosexuelle Affäre ver­wickelt wurde, ließ man mich in Ruhe meiner Arbeit nachgehen, kam mir aber auch menschlich nie näher. Zuerst war mir dies ganz recht, denn ich hatte in der ersten Zeit nach meiner Heimkehr gar kein Bedürfnis nach einer Ausspra­che mit anderen Menschen. Später war mir dieses Zurückweichen vor mir schon recht peinlich und betrüblich. (...) Für Ge­waltverbrechen wie Mord und Raubmord hat man die Todesstrafe aus Mensch­lichkeit abgeschafft, dagegen ist nichts einzuwenden; aber warum bleibt man uns Homosexuellen gegenüber so un­menschlich, warum werden wir noch im­mer weiter verfolgt und von den Gerich­ten eingesperrt wie zu Hitlers Zeiten? (...) So aber müssen wir Homosexuelle noch immer im Schatten der Gesellschaft le­ben und ein recht menschenunwürdiges Dasein fristen."2

 

Der Punkt, den hier Heinz Heger an­führt, ist jener des Tuscheins und Raunens in der Nachbarschaft - und die Nachbarn hatten auch eine ganze Men­ge zu besprechen, schließlich waren die intimsten Details des Lebens einzelner Homosexueller im Rahmen ihrer Ver­folgung öffentlich gemacht worden. Die Polizei hatte bei Hausdurchsuchungen Briefe und Fotos, Notizen und Adressbü­cher mitgenommen, hatte die intimsten Liebesbriefe bei Verhandlungen vor der Öffentlichkeit verlesen. Verfolgte wurden gezwungen, im Rahmen der Verhandlun­gen ihr Sexualleben bis ins kleinste De­tail in erniedrigendster Art und Weise zu erklären. Der soziale Druck, unter dem Schwule und Lesben schließlich nach ihrer Rückkehr aus Haft und Verfolgung bei der Wiedereingliederung in die Bevöl­kerung litten, ist kaum vorzustellen. Für das erlebte Inferno waren sie angehal­ten, sich zu schämen. Und sie taten es auch. Kaum einer, der überhaupt einen Antrag auf „Wiedergutmachung" oder auf die Anerkennung als Opfer des National­sozialismus stellte! Kaum einer, der da­mit in welcher Form auch immer an die Öffentlichkeit ging! Dies hielt viele Jahre, ja im Grunde bis heute an. Auch wenn anzunehmen ist, dass ein gar nicht so kleiner Teil jener, die von den National­sozialisten (den nationalsozialistischen Österreichern) verfolgt, verurteilt und verstümmelt wurden, heute noch leben - nach wie vor werden sie im Opferfürsor­gegesetz nicht einmal als Opfer des Re­gimes anerkannt. (Der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Natio­nalsozialismus stellt hier eine Ausnahme dar: Er anerkennt Menschen, die wegen ihrer Homosexualität oder auch aufgrund des baren Vorwurfes der Homosexualität verfolgt wurden, als Opfer.)

 

Niko Wahl

 

leistete 1998/99 Gedenkdienst am Leo Baeck Institute in New York

 

aus: LG Ibk, Vr 1378/38. Paul L. an das Landes­gericht Innsbruck, 13.3.1946. aus: HEGER, Heinz: Die Männer mit dem rosa Winkel: der Bericht eines Homosexuellen über seine KZ-Haft 1939-1945 (1972), S. 168 f.