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Ausgabe 4/04


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Welcome Anja

Anja Mertinkat ist EVS-Freiwillige im Gedenkdienstbüro

 

Warum hast du dich für freiwilliges Jahr bei Gedenkdienst entschieden?

 

Ursprünglich wollte ich nicht nach Ös­terreich, ich dachte das ist eigentlich nur Deutschland im Kleinformat.

 

Abgesehen von der Beteiligung einer rechtsextremen Partei an der Regierung 2001 wird Österreich und das politische Geschehen hier eigentlich nicht richtig wahrgenommen.

 

In Deutschland glaubt man, quasi die Alleinschuld an den NS-Verbrechen ge­pachtet zu haben, Österreich ist in der Be­trachtung zweitrangig. Natürlich weiß jeder, dass Hitler Österreicher war. Trotzdem hat mich überrascht, wie selbstverständlich hier von vielen Österreichs als erstes Op­fer des Nationalsozialismus gesehen wird. Auch über den „Anschluss" hier nach dem Motto: „Heim ins Reich, jetzt lasst uns loslegen!" wusste ich praktisch nichts, bevor ich zu Gedenkdienst kam.

 

Das heißt, du bist in Deutschland schon mit der Geschichte des Nationalsozialis­mus konfrontiert gewesen?

 

Ich bin im Osten Deutschlands auf­gewachsen, wo es auch ein Problem mit rechtsextremen Gruppierungen gibt; in­sofern war der Nationalsozialismus als Unterrichtsthema im Deutsch- und Geschichteunterricht immer präsent. Wir wa­ren auf Exkursion in Ravensbrück, in der zehnten Klasse in Auschwitz.

 

Was qualifiziert dich für die Arbeit bei Gedenkdienst?

 

In Deutschland habe ich mich bei einer Organisation engagiert, die Schüleraus­tauschprogramme organisiert. Ich war selbst schon im Ausland, in Wisconsin, auf Schüleraustausch. Ich kenne also die Erfahrungen und Schwierigkeiten, die ein

 

längerer Auslandsaufenthalt mit sich brin­gen kann. In Wisconsin habe ich in einem Reservat gelebt, hatte eigentlich nur Kon­takt mit Native Americans. Ich habe dort angefangen Basketball zu spielen. Bei Auswärtsspielen unserer Mannschaft war ich plötzlich mit dem Rassismus konfron­tiert, der Native Americans entgegenge­bracht wird, den ich so nicht kannte und als Teil der Mannschaft auch selbst zu spüren bekam.

 

Hat es für deine Gasteltern eine Rolle gespielt, dass du Deutsche bist?

 

Das hat eigentlich keine Rolle gespielt. Sie wussten wahrscheinlich auch nur we­nig über Deutschlands nationalsozialisti­sche Vergangenheit, im Unterricht haben wir das Thema in drei Wochen abgehandelt und eigentlich nur über das Kriegs­geschehen gere­det.

 

Wie verbringst du nun deine Zeit bei Gedenk­dienst?

 

Ich organisie­re Treffen mit den Mitgliedern zum inhaltlichen Aus­tausch, bin die Ansprechperson für Neuinteres­senten und den ausgewählten Jahrgang, neh­me an den Vor­standssitzungen teil und verbrin­ge viel Zeit mit Email-Verkehr und dem Gestalten der Homepage. Ansonsten sehe ich mich als Teil des Jahrgangs, besuche die Vorbereitungsseminare und inhaltlichen Aktivitäten des Vereins. Da sage ich in Diskussionen auch gern mal etwas Provo­kantes, damit ein Gespräch überhaupt in Gang kommt. Das schadet hin und wieder auch nicht.

 

Anja Mertinkat

 

arbeitet seit September 2004 bei Gedenkdienst.

 

Das Interview führte Florian Huber, lebt immer noch zumeist in Wien.