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Ausgabe 1/06


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Viele Offene Fragen

Ein Gespräch mit Frank Stern über Erinnerungskulturen in Israel

 

 

Prof. Stern, Sie haben lange Jahre in Israel gelebt und sich mit der Geschichte der gesellschaftlichen Selbstthematisierung in Israel auch wissenschaftlich auseinandergesetzt. Wie lässt sich diese Geschichte darstellen?

 

 

Die Staatsgründung Israels 1948 be­deutete auch einen Übergang in den dominanten Geschichtsnarrativen. Die Zeit davor war geprägt von einem Narrativ, das sich auf Jahrtausende jüdischer Geschichte bezog, Begriffe wie Palästi­na, Eretz Israel, das versprochene Land verarbeitete. Es handelt sich also um ein Narrativ das versuchte, Stränge religiö­ser, biblischer Mythologie zu verbinden mit historischer Realität seit der Entwick­lung des europäischen Nationalismus im 19. Jahrhundert und dem Beginn der zionistischen Bewegung. In dieser Phase des Zionismus waren allerdings weniger die westeuropäischen oder Wiener Ten­denzen bestimmend, als osteuropäische, aus der zionistischen Arbeiterbewegung kommende, wie sich an der damaligen Bedeutung der Kibbuz-Bewegung als ein er sozialistischen Utopie ablesen lässt.

 

Was all diese einzelnen Narrative ver­bindet, auch die nicht-sozialistischen, war die Arbeit an einer Utopie. Eine Hoff­nung die Formen des Gemeinwesens, wie sie sich in Palästina unter dem Bri­tischen Mandat und vorher noch unter osmanischer Herrschaft entwickelt hat­ten, so zu verbinden, dass eine soziale Heimstatt zu einer staatlichen Heimstatt werden könne. Dabei war nicht von vorn­herein klar, welche Form dieser Staat annehmen würde.

 

 

Inwiefern veränderte die Erfahrung des Nationalsozialismus diese Konstellation?

 

 

Das, was schon in den Jahren vor 1945 über den Nationalsozialismus, die Vernichtungslager und die Vernichtungs­politik bekannt wurde, bewirkte rapide, dass der nationale zionistische Gedanke sehr viel stärker in den Vordergrund trat. Andere utopische Vorstellungen, wie die Schaffung einer neuen jüdischen Ge­sellschaft basierend auf sozialistischen Idealen, gerieten gegenüber dem natio­nalen, zionistischen Projekt in den Hin­tergrund. Geschaffen werden sollte nun ein bürgerlicher Staat als Fluchtstätte, als Ort, an dem ein für alle mal und auch künftig diejenigen, die vom Antisemitismus bedroht waren, Zuflucht finden konnten.

 

Dass der Staatsgedanke mit zuneh­mender Kenntnis der nationalsozialis­tischen Verbrechen immer stärker und dringender wurde, bedeutet allerdings nicht, dass der Staat Israel eine Folge der Shoah ist. Das wird sehr oft missver­standen. Der Staat Israel wäre auf jeden Fall entstanden, die Frage ist nur wann.

 

 

Wie lässt sich die Entwicklung, die mit der Staatsgründung einsetzt, beschrei­ben?

 

 

Ende der 1940er Jahre und in den 1950er Jahren, bis zum Eichmann Pro­zess, sind es zwei Erinnerungsstruktu­ren, die nebeneinander existieren, sich verzahnen. Die eine ist verbunden mit der Shoah. Der nichtjüdischen und der jüdischen Welt sollte gezeigt werden, dass es für Jüdinnen und Juden die Möglichkeit gibt, sicher zu sein, nicht unter Verfolgung und Diskriminierung leiden zu müssen, dass es eben dazu einen jüdischen Staat braucht. Auf der anderen Seite wurde aufgrund der de­mographisch relativ geringen Zahl von jüdischen Männern und Frauen, von jü­dischen Familien in Palästina die Ein­wanderung, insbesondere aus den nor­dafrikanischen und arabischen Ländern forciert. Diese Menschen brachten nun eine ganz andere geschichtliche Erinne­rung mit, die bis auf wenige Ausnahmen nicht verbunden war mit der europäi­schen Erfahrung der Shoah. Erst durch das Bildungssystem konnte eigentlich diese europäische Erfahrung verallgemeinert werden, wobei man bis heu­te im Grunde von keiner einheitlichen Erinnerung sprechen kann. Nationale Mythen sind nur selten identisch mit kol­lektiven Erfahrungen. Die Erinnerungen, die Politik der Erinnerung der jüdischen Familien aus den nordafrikanischen, den arabischen Ländern differieren nach wie vor. Das Bildungssystem mit all seinen heutigen Problemen versucht immer wieder hier eine Klammer herzustellen. Doch legt das auch die Gefahr einer Instrumentalisierung der Erinnerung an die Shoah nahe.

 

 

Diese Heterogenität scheint in der ver­engten Sicht von außen oft nicht wahr­genommen zu werden.

 

 

Sehr oft wird in Europa und in Öster­reich nicht verstanden, dass das heutige Israel nicht einfach eine Nachfolge der Überlebenden der Shoah ist. Die Bevöl­kerung Israels setzt sich im Grunde aus drei großen Gruppen zusammen, den europäischen und amerikanischen Ein­wanderern, den Einwanderern aus nordafrikanischen und arabischen Ländern und der nicht-jüdischen Bevölkerung. Nur wenn man sich vor Augen führt, dass dieser multi-ethnische Charakter auch in Generationen fortwirkt und im­mer wieder in Geschichtserzählungen aktualisiert werden kann, wird deutlich, warum Institutionen wie Yad Vashem in Israel sehr wichtig sind. Solche zentra­len Institutionen halten das mit Europa verbundene Narrativ, die Erfahrung der europäisch-jüdischen Bevölkerung mit

 

Faschismus und Nationalsozialismus wach und versuchen daraus ein zentra­les Bindeglied der israelischen Gesell­schaft zu machen.

 

Wenn man das vor Augen hat, wird zugleich ein Problem dieses Narratives klar. Es soll immer wieder integrierend wirken, indem es alle Geschehnisse, alle Entwicklungen, etwa die Bedro­hung durch die arabischen Staaten, die Kriegssituationen in einen Zusammen­hang mit der jüdischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts stellen soll. Das ist ein Problem. Man kann den Vom Kippur Krieg, den Krieg von '67, oder den Irak Krieg nicht ohne weiteres mit der Shoah in Zusammenhang bringen, aber im isra­elischen Geschichtsbewusstsein erfolgt das durchaus. Im Alltagsbewusstsein spielen subjektive Wahrnehmungen, Erfahrungen und Assoziationen ja eine große Rolle.

 

 

Wie weit verändert sich diese Landschaft dadurch, dass es seit den Neunzigern eine nicht zu vernachlässigende Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion gibt?

 

 

Mir scheint, dass sich seit der Ein­wanderung und der ersten Intifada - ich glaube man muss das zusammen neh­men - durchaus etwas verändert hat. Für die Mehrheit der russischen Ein­wanderer ist die Shoah kein Teil ihrer Familiengeschichte, sehr wohl aber der Antisemitismus, insofern lässt sich hier noch eine Verbindung schaffen mit der Erinnerung an die Shoah.

 

Die zweite Erfahrung ist, dass wie in einem historischen Spiegel, die eigenen nationalen Erfahrungen, die die Juden in Palästina seit den Zwanziger, Dreißiger-Jahren gesammelt haben, sich plötzlich in einer sehr militanten Situation auf Sei­ten der Palästinenser wiederholen. Im Grunde ist die Frage, wann es einen palästinensischen Staat geben wird, mit einer immensen zeitlichen Verzögerung dieselbe Frage wie die nach einem jüdi­schen Staat in den 1930ern. Allerdings haben die verschiedenen palästinensi­schen Institutionen in der Vergangen­heit und leider auch heute wesentlich weniger Gewicht auf die politische Seite gelegt. Für viele Menschen stellt der pa­lästinensische Terror eine Infragestel­lung des jüdischen Projekts dar, wobei nicht nachgefragt wird, ob die Politik der israelischen Regierung den humanisti­schen und utopischen Gedanken, der zumindest bei Martin Buber und ande­ren Denkern dem Zionismus zugrunde liegt, durch ihre Maßnahmen negiert. Die lange Fokussierung auf das Shoah-Narrativ bewirkt eben auch, dass jeder Terroranschlag, jede tragische Situation sofort damit in Verbindung gebracht werden kann und eine Spirale der Gewalt zu legitimieren scheint.

 

 

Wie wirkt sich diese Situation auf den jüngeren Teil der israelischen Gesellschaft aus?

 

 

Ein erheblicher Teil der jüngeren is­raelischen Generation nimmt die über­kommene oder offiziöse Ideologie des Zionismus als brüchig wahr. Bei einem Teil der jungen Soldaten kommt das Ge­fühl auf, nicht mehr Verteidiger zu sein, sondern Besatzer. Es ist nicht leicht, hier eine genaue Grenze zu ziehen. Von au­ßen ist es schwer nachzuvollziehen, was das für Familien bedeutet. Väter, die im Bewusstsein, das Land zu verteidigen, selbst in vergangenen Kriegen waren und wie selbstverständlich davon aus­gehen, dass ihre Kinder das wie sie als einen Ehrendienst verstehen, müssen feststellen, dass dem nicht so ist. Die po­litische Situation hat sich verändert, und das Militär hat sich verändert. Hier gibt es viele offene Fragen. Es ist kein Zufall, dass es Militärdienstverweigerer in Israel gibt (doch leider keinen dem Gedenkdienst analogen Zivildienst). Und es ist positiv zu betrachten, dass es so viele Nester einer demokratischen Zivilgesell­schaft in Israel gibt. Die großen Parteien können auf das Gefühl des Unbefriedigt­seins, einer elementaren Sinnsuche von Seiten der jüngeren Generationen keine Antwort geben.

 

Der Staat Israel befindet sich in einer Übergangsperiode. Hier sind viele Dinge im kollektiven Bewusstsein und Unter­bewusstsein unklar. Die Zwangssituati­onen von Krieg und Terror haben eine Konfrontation mit den Fragen nach den inneren Werten und den Perspektiven der israelischen Gesellschaft immer wie­der hinausgezögert. Die wirklichen Pro­bleme Israels liegen im Inneren, fordern von einer jüngeren Generation, einen Weg zu finden, der nicht durch die Poli­tiken der Sackgassen bestimmt ist. Der Zionismus des 19. Jahrhunderts passt nicht mehr ins 21. Jahrhundert, Utopien schon.

 

 

Welchen Stellenwert würden sie künst­lerischen Versuchen in dem breiten Feld gesellschaftlicher Auseinandersetzungen zuschreiben?

 

 

Israelische Künstler, Schriftsteller und Filmemacher versuchen ein kri­tisch realistisches Bild der israelischen Gesellschaft heute zu entwerfen und uns damit zu konfrontieren. Sie fordern uns auf, uns jenseits der Fernseh- und Printmedien mit künstlerisch kritischen Versuchen, die die Wirklichkeit zu verarbeiten, auseinanderzusetzen. Autoren und Filmemacher beschäftigen sich mit all diesen Themen eigentlich intensiver und in gewissem Sinne erfolgreicher als Politiker und auch intensiver als Wissenschaftler. Die künstlerischen Eingriffe, Filme, Romane, kulturelle Debatten sind wesentlich härter und schärfer, als etwa akademische Interventionen und wirken kritisch auf tradierte Geschichtserzählungen ein.

 

 

Frank Stern ist Professor für Zeitgeschichte mit dem Schwerpunkt visueller Zeit- und Kulturgeschichte an der Universität Wien. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen: „Dann bin ich um den Schlaf gebracht. Ein Jahrtausend jüdisch-deutsche Kulturgeschichte" (Aufbau 2002), „Durch Clios Brille. Kino als zeit- und kulturgeschichtliche Herausforderung" (Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, 1/2005)

 

 

Das Interview führte

 

Sebastian Markt

 

Leistete 2000/01 Gedenkdienst im Leo Baeck Institute in New York