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Ausgabe 1/06


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Clash of Narratives

 

Eine Historikerdebatte aus den 1980er Jahren erlebt in Israel seit dem Ausbruch der Alaksa-lntifada eine unvermutete Neuauflage. Der nationale Konsens wird dabei in Zeiten äußerer Bedrohung und rechter Parlamentsmehrheiten wesent­lich aggressiver verteidigt als noch vor fünfzehn Jahren.

 

Ilan Pappe, Professor an der Universi­tät Haifa, nennt die Jahre 1993 bis 2000 die „postzionistische Periode" in der Ge­schichte des jüdischen Staates. Und er lässt wenig Zweifel daran aufkommen, dass er diese Ära für die goldenen Jah­re des israelischen Geisteslebens hält. In dieser Zeit, so Pappe, „blühte an den israelischen Universitäten, besonders in den Sozialwissenschaften, der Pluralis­mus auf wie nie zuvor. Wissenschaftler, aber auch Kulturschaffende aus Theater, Film, Medien, Literatur, Poesie und Bildung experimentierten mit der Sichtweise der Anderen' und entwickelten langsam ein kritisches Verhältnis zu Vergangenheit und Gegenwart."1

 

 

Die „New Historians"

 

Vorbedingung für diese intellektuelle Gründerzeit war nach Pappe eine Debatte, die Mitte der 1980er Jahre von einer Hand­voll junger Wissenschaftlerinnen ausgelöst worden war. Die „New Historians", wie sie sich selbst nannten, hatten es sich zur Aufgabe gemacht, das in Israel hegemoniale zionistische Geschichtsbild einer kri­tischen Revision zu unterziehen. Zu den ursprünglich zentralen Figuren wie Benny Morris, llan Pappe, Avi Shlaim, Tom Segev oder Amnon Raz-Krakotzkin stießen in den folgenden Jahren auch Wissenschaftlerlnnen und Intellektuelle aus anderen Disziplinen, etwa die Soziologen Baruch Kimmerling und Uri Ram. Die meisten von ihnen studierten nicht in Israel sondern an Universitäten im angelsächsischen Raum, darunter an renommierten Kaderschmie­den wie Oxford, Cambridge oder Harvard. Das dort gelernte postmoderne Theorien- und Methodenset, speziell die Diskursa­nalyse, brachten sie bei ihrer Rückkehr in den israelischen Wissenschaftsbetrieb ein. Unter den bereits Etablierten stießen die - übrigens durchgehend nach dem Holocaust geborenen - jungen Wilden auf wenig Gegenliebe. Einerseits wurden sie wohl als Bedrohung für den eigenen Status erlebt und angefeindet, andererseits wurde ihnen aber auch von Anfang an der Vorwurf gemacht, nicht Wissenschaft zu betreiben, sondern lediglich unter deren Mäntelchen politische Agitation zu verbergen. Dabei wurde wiederholt auf den ausländischen wissenschaftlichen Background der Grup­pe um Morris Bezug genommen und ge­argwöhnt, es handle sich bei den „New Historians" um die fünfte Kolonne des Antizionismus.

 

 

„Unabhängigkeitskrieg" versus „Nakba": Der Streit um die Ursache des Flüchtlingsproblems

 

Grund für diese harsche Verdächtigung war vornehmlich die Themenwahl ihrer Erstlingswerke, zumeist Dissertationen an ausländischen Universitäten, denn die „New Historians" wandten sich zunächst vor allem den Ereignissen des Jahres 1948 zu. Bis dahin hatte über das Jahr der Staatsgründung im historischen Bewusst­sein der meisten Israelis ein klares Bild existiert: 1947 war ein UN-Teilungsplan, der sowohl einen jüdischen als auch einen arabischen Staat auf dem Gebiet des da­mals britischen Mandatsgebietes vorsah, von jüdischer Seite akzeptiert, von arabi­scher aber verworfen worden. Nach dem Abzug der Briten hatte der Yishuv, wie sich die jüdische Gemeinschaft in Palästi­na selbst nannte, einen eigenen Staat auf Basis des UN-Teilungsplanes proklamiert, und die arabischen Staaten hätten umge­hend versucht, das junge Israel militärisch von der Landkarte zu tilgen. Obwohl man es mit einer Übermacht von fünf Invasi­onsarmeen zu tun bekommen hätte, sei der Judenstaat wie einst David gegen Go­liath siegreich geblieben. Vor Ausbruch der Kampfhandlungen hätten die arabischen Führer die arabische Zivilbevölkerung Pa­lästinas aufgefordert, ihre Heimat zu ver­lassen, um mit den siegreichen arabischen Armeen wieder zu kehren. Hier sei auch die Ursache für den Exodus von 700.000 Palästinenserinnen zu suchen.

 

Konträr dazu das - in der israelischen Öffentlichkeit bis dahin freilich kaum prä­sente - palästinensische Narrativ, in dem 1948 als „Nakba", als Urkatastrophe mit Massakern und großflächigen Vertreibun­gen firmierte.

 

Mit den „New Historians" näherten sich erstmals israelische Wissenschaftler der palästinensischen Perspektive an. Benny Morris löste mit seinem ersten Buch „The Birth of the Palestinian Refugee Problem 1947-1949"2 einen Schock in der israe­lischen Öffentlichkeit aus. Zwar konnte Morris nicht die Existenz eines vorgefass­ten israelischen Planes zur Vertreibung der autochthonen arabischen Bevölkerung zweifelsfrei belegen, etwa in Form eines eindeutigen Befehls. Doch er wies nach, dass es 1948 in mehreren Fällen zu Ver­treibungen und Massakern an palästinen­sischen Zivilistinnen gekommen war.

 

Die Debatte um das Buch von Morris ging sehr schnell über den wissenschaftli­chen Rahmen hinaus - wie in allen weite­ren Streitpunkten wurden die israelischen Medien zur Arena, in der die unterschied­lichen Sichtweisen aufeinander prallten. Das entsprach durchaus dem Wunsch der „New Historians", durch eine öffentliche Reflexion der israelischen Position ein ge­sellschaftliches Klima zu erzeugen, das ei­nen Dialog mit der palästinensischen Seite erlauben würde. Politisch entscheidend war auch das Entsetzen über die Vorgän­ge während des Libanonkrieges 1982 und über die israelische Besatzungspolitik in jenen Gebieten, die im Zuge des Sechsta­gekrieges 1967 erobert worden waren. So saß Benny Morris im Jahr, als sein Buch erschien, eine Haftstrafe ab, weil er als Angehöriger der Streitkräfte den Einsatz in der Westbank verweigerte.

 

Während Morris nicht so weit gegangen war, von einem 1948 existierenden Plan zur Vertreibung der Palästinenserinnen zu sprechen, zog in weiterer Folge llan Pap­pe, der stilistisch schärfste und politisch exponierteste „New Historian" sehr wohl diesen Schluss. Unter anderem verglich er die zionistische Bewegung mit zwei ande­ren Siedlungsbewegungen, den Templern und der Baseler Mission, und argumentier­te, innerhalb der Eliten des Yishuvs habe die sogenannte „Transfer-Lösung", also die Vertreibung der ansässigen arabischen Bevölkerung, immer eine wichtige Rolle gespielt. Ja, sie sei im „mischkolonialistischen" Gedankengebäude des Zionismus von vornherein logisch angelegt und in­nerhalb der Jewish Agency weitgehend Konsens gewesen.3

 

 

Der Angriff auf die zionistische Historiographie: Die Dekonstruktion des „Wunders von 1948"

 

Neben dem Ursprung des Flüchtlings­problems zogen die New Historians eine Reihe weiterer Behauptungen in Zweifel, die bis dahin für das israelische Selbst­verständnis im Hinblick auf 1948 von zentraler Bedeutung gewesen waren: So hätte nicht der jüdische Untergrundkampf gegen die Mandatsbehörden den Abzug der Briten zur Folge gehabt, sondern viel­mehr wäre weder die Besiedlung noch die Staatsgründung ohne die wohlwollende Unterstützung der Briten jemals möglich gewesen. Die Führung des Yishuvs hätte von vornherein nicht die Absicht gehabt sich an den von der Peel-Kommission erarbeiteten Teilungsplan zu halten und daher sogar mit einer gewissen Erleichte­rung auf die arabische Aggression reagiert. Auch die Ursache für den Sieg über die arabischen Armeen sei keineswegs ein „Wunder" gewesen, sondern vielmehr die mangelnde arabische Koordination und die vergleichsweise bessere Bewaffnung des Yishuvs. Gerade was die Erforschung der Rolle der israelischen Seite betraf, kamen den New Historians die vergleichsweise liberalen israelischen Sperrfristen für Archivalien zupass. Keine vierzig Jahre nach dem Krieg von 1948 waren viele Quellen in den 1980er Jahren bereits zugänglich. „Bis dahin hatten wir keine Israelische Geschichtsschreibung, sondern Mythen, Ideologie und einen Haufen staatliche Indoktrination", kommentiert Tom Segev4 und korrigiert das Attribut, mit dem er und seine Kolleginnen versehen wurden: Sie seien nicht „neue", sie seien „die ersten"

 

Historikerinnen Israels gewesen:'

 

 

Kritik der israelischen Identität: Die Deutung der Diaspora und des Holocaust

 

Der New Historian Tom Segev legte eine vieldiskutierte Analyse des Umgangs der Israelischen Gesellschaft mit dem Ho­locaust nach 1945 vor6. Seine Kernthesen: Den Zionistlnnen sei es nicht gelungen, ihr wichtigstes Versprechen wahr zu machen und die jüdische Bevölkerung auf der Welt zu schützen. Dies war nach Segev nicht zuletzt der Tatsache zuzuschreiben, dass die Führung des Yishuvs den .Holocaust allein unter dem Gesichtspunkt der Nütz­lichkeit für das Projekt der Staatengrün­dung betrachtete. Auch die Verachtung für die „alten", „schwachen" Juden und Jüdin­nen in der Diaspora seien Ursachen dafür gewesen, dass der Yishuv nicht alle ihm zu Gebote stehenden Mittel ausgeschöpft habe, um die jüdischen Verfolgten in Eur­opa zu retten. Auf den Überlebenden der Tragödie hätte daher in den ersten Jahren nach der Staatsgründung ein starker Druck gelastet, ihre Geschichte nicht zu thematisieren. Erst der Eichmann-Prozess und die arabische Propaganda im Vorfeld des Sechstagekrieges von 1967 hätten diesen Zustand beendet. Seither sei der Holo­caust sukzessive zu einem der, wenn nicht überhaupt zum zentralsten Bestandteil der israelischen Identität geworden - nachdem nämlich das zionistische Establishment entdeckt hätte, dass sich der Holocaust auch im Sinne der Staatsdoktrin deuten ließ. Auf die Spitze getrieben habe diese Einsicht laut Tom Segev der erste Pre­mierminister des Likud, Menachem Begin. Dieser habe seinen Kampf gegen die PLO in der Öffentlichkeit permanent mit Holocaust-Metaphern zu legitimieren versucht, indem er die PLO mit der SS und Yassir Arafat folgerichtig mit Hitler gleichsetzte. Als die Invasion des Libanons begann, teil­te Begin in einem Schreiben US-Präsident Ronald Reagan die Kriegsziele mit den Worten mit: „Ich entsende die Israelische Armee mit dem Auftrag nach Beirut, dort Adolf Hitler aus seinem Bunker zu holen."

 

 

Die Wende seit 2001

 

Erstaunlich schnell setzten sich die New Historians im wissenschaftlichen wie im öffentlichen Diskurs Israels mit vielen ihrer Kritikpunkte durch. Die Rahmenbedingun­gen waren im Vorfeld der Osloer Verhand­lungen günstig. Ein selbstkritisches Ge­schichtsbild zu vertreten gehörte, erinnert sich Pappe, bis zur Ermordung Yitzhak Rabins und dem darauf folgenden Wahl­sieg des Likud-Kandidaten Benjamin Netanjahu zum guten Ton. In Netanjahu, vor allem aber in Ariel Sharon stand den „New Historians" jedoch eine neozionistische Strömung gegenüber, die von Selbstkritik wenig hielt. Im Gegenteil war man sich der potentiell problematischen Auswirkungen auf die nationale Mobilisierung bewusst und daher intensiv bemüht, jegliche Kri­tik an Staat und zionistischer Staatsdokt­rin als antisemitisch zu brandmarken. So nannte Ariel Sharon vor seiner Wahl zum Premierminister als vordringliches Ziel des israelischen Bildungswesens: „die Kindern müssen [wieder] die Geschichte des Vol­kes und des Landes Israel studieren ... man soll den Kindern jüdisch-zionistische Werte vermitteln, die [Ergebnisse der] New Historians dürfen nicht mehr gelehrt wer­den.1^ An heftigen Attacken durch Expo­nenten der politischen Rechten mangelte es schon seit Mitte der 1990er Jahre nicht, nach der Bildung der Regierung Sharon im Februar 2001 wurde noch ein Zahn zuge­legt: die neue Unterrichtsministerin im Ka­binett Sharon, Limor Livnat setzte es sich gar öffentlich zum Ziel, den israelischen Wissenschaftsbetrieb, in dem einige der New Historians mittlerweile Fuß gefasst hatten, von selbigen zu „befreien". Kon­krete Schritte wurden in dieser Richtung bis zu den Wahlen im Frühjahr 2006 zwar kaum gesetzt. Doch die zeitweise errunge­ne Hegemonie im Diskurs haben die New Historians in vielen Bereichen wieder klar verloren. Das Ergebnis der jüngsten Wah­len wird aller Voraussicht nach eine große Koalition sein, in der das Unterrichtsministerium wohl einer der kleineren - und vermutlich religiösen - Parteien zufallen wird, die es zur Beschaffung einer stabilen Mehrheit trotzdem braucht. So ist auch das Match zwischen „alter" und „neuer" Historiografie auf institutioneller Ebene noch keineswegs entschieden.

 

 

Florian Wenninger

 

Leistete 1998/99 Gedenkdienst in Yad Vashem, Jerusalem

 

1  Die Offenheit und der Pluralismus sind in Israel ver­schwunden": llan Pappe im Interview mit Max Möhnel, Telepolis, 19.06.02.

 

2 Morris, Benny 1988: The Birth of the Palestinian Refu-gee Problem 1947-1949, Cambridge.

 

3 Pappe, llan 2000: Der Zionismus als Kolonialismus - ein vergleichender Blick auf Mischformen von Koloni­alismus in Asien und Afrika, in: Schäfer, Barbara (Hgin) 2000: Historikerstreit in Israel. Die „neuen" Historiker zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, Frankfurt-New York, S. 63-94.

 

4 Israeli National Identity, Conversation with Tom Segev, interviewed by Harry Kreisler, Berkley University Talks, April 8th 2004.

 

5 Ebenda.

 

6 Segev, Tom 1995: Die Siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung, Hamburg.

 

7 Zitiert nach: Shiaim, Avi 2004: The War of the Israeli Historians, in: Annales, 59:1, 161-167, 167.