AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 1/06


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Österreichisch-lsraelisches Dialogforum 2001-2006 -eine Bilanz

Vor fünf Jahren gründete ich - bestärkt von Gideon Eckhaus (Tel Aviv) und llan Ben-Dov (Geschäftsträger der Botschaft nach der Rückbeorderung des Botschafters im Zuge der VP/FP-Regierungsbildung Anfang 2000) - mit Freunden das österreichisch­israelische Dialogforum als informellen Rah­men, in dem monatliche Diskussionsrunden zu aktuellen Themen rund um das österreichisch-israelische Beziehungsgeflecht stattgefunden haben. Unter der Bezeich­nung Österreichisches Dialogforum für Isra­el (www.israelforum.at) wurde der Diskussi­ons- und Begegnungsrahmen 2002 als Ver­ein institutionalisiert und das Programm in Richtung Veranstaltungsreihen mit längeren Intervallen transformiert. In diesen Tagen wird sich dieser Verein in die Österreichisch-Israelische Gesellschaft einbringen. Das Resümee des fünfjährigen Experiments ei­nes Diskussionsclubs über Israel in Wien lässt sich von persönlichen Impressionen und Motivationen nicht trennen.

 

Als ich 1994 gemeinsam mit Freunden von GEDENKDIENST (vor allem der da­malige Jahrgang und die Kandidatinnen für die kommenden Jahre) erstmals Israel besuchte, um an dem von den damaligen Gedenkdienstleistenden David Röthler und Brigitte Huemer organisierten „Holocaust-Seminar" teilzunehmen, fuhr ich mit der si­cheren Gewissheit nach Wien zurück, dass ich so rasch wohl nicht nach Israel zurück­kehren würde und wohl auch kein Interesse an einer sonstigen Auseinandersetzung mit Land, Gesellschaft oder gar der jüdischen Religion oder am Ende womöglich mit dem Israelisch-Arabischen Konflikt haben würde. Zu sehr war ich von der militärischen Omni­präsenz im Land (zur Zeit der ersten „Wel­le" von Sprengstoffattentaten in öffentlichen Bussen in Jerusalem) und den impertinenten Fragen der israelischen Flughafensi­cherheit bei der Ausreise enerviert.

 

Und doch sollte sich der jüdische Natio­nalstaat bald danach als Thema einstellen. Das wichtige und notwendige Reflektieren der eigenen Identität als Nachkommender der österreichischen Tätergesellschaft, wie bei GEDENKDIENST ab 1992 .institutiona­lisiert', war alleine auf Dauer nicht ausreichend und führte schließlich zum Kontakt mit früheren Opfern. Schon bald drängte sich die aus der historischen Symbiose der Judenverfolgung herrührende Beziehung zwischen den beiden nationalstaatlichen Gesellschaften als Thema auf, vor allem in den persönlichen Begegnungen mit jüdischen Überlebenden. Als ich schließlich kurze Zeit später mit einer gleichaltrigen Is­raeli eine Lebensgemeinschaft begründete, war eine weitere Entwicklung in der Ausei­nandersetzung erreicht: nicht mehr das von der nationalsozialistischen Judenverfolgung geprägte Täter-Opfer-Schema sondern die zeitgenössische Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Kulturkreisen Ös­terreicher und Israeli standen (und stehen noch immer) im Vordergrund.

 

Wenn ich zuvor die historische Symbi­ose zwischen Israelis und Österreichern erwähnt habe, wobei ich neben der Zäsur durch den Nationalsozialismus auch die fruchtbare Symbiose der Wiener Moderne anführen möchte, so bergen diese histori­schen Symbiosen das Potenzial der gegen­wartsbezogenen Auseinandersetzung mit und zwischen den beiden gegenwärtigen nationalstaatlichen Gesellschaften. Öster­reich und Israel haben viele Bezugspunk­te in der Gegenwart, die die historischen Klammern einerseits bereichern, anderer­seits auch einen Umgang mit den von NS-Verbrechen gegen die Menschheit belaste­ten historischen Beziehungen erleichtern, vielleicht sogar erst ermöglichen. Um nur einige der zeitgenössischen Bezugspunkte anzuführen: Beide Gesellschaften verste­hen sich als hegemoniale Gesellschaften, die sich mit der Integration von Immigranten mit anderer religiöser und kultureller Sozi­alisation schwer tun. Beide Staaten sehen sich zugleich einem Wandel dieser hegemonialen Gesellschaft gegenüber. Wobei, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, Israel aus seiner Identität als jüdischer Staat kein Geheimnis macht, während Österreich seine Identität als katholischer Staat eher subkutan aber im Alltag umso diskriminie­render versteht (es wäre eine interessante wissenschaftliche Fragestellung, etwa die Implikationen des österreichischen Kon­kordats mit dem Vatikan mit der Rolle der jüdischen Religion in der israelischen Ver­fassung bzw. den jeweiligen Anwendungen im Alltag zu vergleichen). Nicht zuletzt auch in diesem Zusammenhang stehend sei als weitere Gemeinsamkeit das Selbstverständnis beider Gesellschaften als demokratisch, sozialmarktwirtschaftlich und westlich ori­entiert angeführt. Andererseits stellen die vielfachen Missverständnisse und tradierten Stereotypen im wechselseitigen Verhältnis ein weiteres gemeinsames Merkmal dar.

 

Aus der bisherigen Skizze erschließt sich der säkulare Ansatz des österreichisch-israelischen Dialogforums, der Verständigung hinsichtlich religiöser Differenzen zwar nicht ausschließt, aber, im Gegensatz etwa zum Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, nicht anstrebt. Die große Klammer und das gemeinschaftliche Interesse der (zum Teil stark fluktuierenden) Beteiligten ist die Thematisierung des Israel-Bildes in Österreich, sei es in Medien, Politik oder persönlichen Begegnungen. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, wonach sich das Israel-Bild in Österreich aus allen möglichen, kaum aber aus faktischen Fak­toren zusammensetzen würde. Kurze Zeit später wurde die Relevanz dieses Ansatzes durch eine abstruse Buchveröffentlichung einer anerkannten und erfolgreichen ka­tholischen Journalistin bestätigt. Sie ver­mengte etwa in der Erzählung von ihren Begegnungen in Israel die Vorstellung eines nationalsozialistischen Handlangers mit der Wahrnehmung eines heutigen israelischen Soldaten, der gegen Araber bzw. Palästi­nenser eingesetzt wird.

 

Auf internationaler Ebene bildete 2001 die Entschließung von 3000 Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen im Rahmen der UN-Konferenz von Durban (Südafrika) ge­gen Israel als „rassistischer Apartheidstaat", der systematisch rassistische Verbrechen, Taten mit dem Ziel des Völkermordes und der ethnischen Säuberung begehe (zit. nach Rauscher: Israel, Europa und der neue An­tisemitismus, Molden 2004, S. 49), eine Antithese zum Dialogforum. Diese - wieder­holte - Brüskierung Israels durch die UN bei gleichzeitiger Unfähigkeit oder Unwilligkeit, den von der UN-Vollversammlung verab­schiedeten Teilungsplan von 1947 gegenü­ber den beteiligten Arabern/Palästinensern (Resolution 181) durchzusetzen und damit eine friedliche Koexistenz für beide Völker zu garantieren, bildete den Diskursrahmen, auf den sich auch in Österreich der israelkri­tische Diskurs bezieht.

 

Zu den monatlichen Zusammentref­fen in Wiener Kaffeehäusern (anfangs im Spielzimmer des Cafe Rathaus) trat jeweils ein Referent auf, dessen Vortrag die Grundlage für eine nachfolgende Dis­kussion bildete. Die Referentinnen kamen aus allen akademischen und außeruniversitären Disziplinen. Gleich in der Anfangs­zeit präsentierte Margit Reiter ihr Buch über den linken Antisemitismus, hielt der bekannt Israel-kritische John Bunzl ei­nen umstrittenen Vortrag und ließen sich Journalisten auf eine Debatte mit uns ein (Gudrun Harrer, Der Standard; Christian Ultsch, Die Presse). Nach diesen ersten Abenden stellte sich bei den Teilnehme­rinnen Unzufriedenheit darüber ein, dass nicht mehr unternommen würde (öffentlichkeitswirksame Aktionen wie Leserbrief­kampagnen) und (damit) schneller eine Änderung des Israel-Bildes in Österreich bewirkt werden könnte. Um diese Zeit kam die Idee einer Vereinsgründung auf. Bei den darauffolgenden Diskussionen um Inhalt und Name des Vereins votierte ei­ne überwiegende Mehrheit (gegen meine ursprüngliche Konzeption) für die oben angeführte Bezeichnung Österreichisches Dialogforum für Israel und eine klare Po­sitionierung zugunsten des Staates Israel. Dieser konzeptionelle Wandel stand, wie bereits kurz angeführt, im Kontext äußerst Israel-kritischer Positionen in der ganzen Welt und auf allen Ebenen.

 

Bereits im Vorfeld der Vereinsgrün­dung stand eine Beteiligung an der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft (ÖIG) als auch im Umfeld der Gesellschaft be­grüßte Option im Raum. Die ÖIG erschien zu diesem Zeitpunkt aber zu schwerfällig und als „Honoratiorenverein" wenig adä­quat für ein spontanes und inhaltlich durchaus ,wildes' Diskussionsforum. Mit der am 11. März 2006 verstorbenen Elfriede Sturm (1924-2006) hatte die ÖIG zudem eine ehrenamtliche Generalsekretärin, die bei allen ihren Verdiensten um die Sache, eine doch einengende Perspektive einge­nommen hatte und die sowohl von ihrer Weltanschauung wie Sprache ein zeitge­nössisches Dialogforum nicht akzeptieren konnte. Im Zusammenhang mit ihrem Tod ist bemerkenswert, dass mit Ausnahme ei­ner Presseaussendung durch die Wiener Rathauskorrespondenz und zweier Noti­zen des früheren Bezirksvorstehers Innere Stadt und ÖIG-Vorstandsmitglieds, Richard Schmitz, auf den Internetseiten des Koordi­nierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der ÖIG selbst keine Nachrufe veröffentlicht worden sind. Dabei war Sturm fast 30 Jahre lang Generalsekre­tärin und muss als solche den einschlägig spezialisierten Journalistinnen bekannt ge­wesen sein. Diese Beobachtung und die Ab­wesenheit der ÖIG im öffentlichen Diskurs über Israel bestätigen erneut die Einseitig­keit der österreichischen Israel-Perzeption, die konkret darin zum Ausdruck kommt, dass etwa bei ORF-Diskussionen über die Nahostfriedensperspektive zwar wiederholt der Vertreter der Österreichisch-Arabischen Gesellschaft (der unsagbare Fritz Edlinger), nicht aber der ÖIG eingeladen waren - wo­mit wir erneut bei der zentralen Gründungs­motivation für das österreichisch-israelische Dialogforum gelandet sind.

 

Das rund fünfjährige Experiment des Di­alogforums ist sowohl geglückt wie gescheitert. Ersteres aufgrund des noch immer re­gen Interesses an den Veranstaltungen, letzteres weil der Diskussionszirkel nicht organisch gewachsen ist: kaum verirrten sich unter-40-jährige in Dialogforums-Veranstaltungen. Inhaltlich ist die Evaluation weniger zwiespältig: vor allem die Referen­ten der Veranstaltungsserien stießen auf reges Publikums- und Medieninteresse. Da ich mich als Initiator des Dialogforums mit GEDENKDIENST intellektuell, persönlich, weltanschaulich verbunden fühle, ja die Gründungsmotivation von dieser ,Schule' ableite, war mir die über die meiste Zeit zu beobachtende Abwesenheit von Gedenkdienstlern stets aufs Neue eine Überra­schung.

 

 

Anton Legerer

 

Leistete 1993/94 Gedenkdienst am Holocaust Memorial Museum in Washington