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Ausgabe 1/06


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Zu Besuch bei Frau Müller und Frau Cohen

Im Eingangsbereich hängt eine große, glänzende Namenstafel, im Speisesaal ein leicht verblasstes Portrait einer Frau - ein Jugendbildnis der Frau Anitta Müller aus dem Jahr 1916. Wir sind zu Besuch im Anita-Mueller-Cohen-Elternheim in Ramat Chen/lsrael, das sich seit seiner Er­öffnung am 28.3.1966 großer Beliebtheit bei Einwanderinnen aus Österreich und den Gebieten der ehemaligen Habsburgermonarchie erfreut. Aus diesem Grunde wurde es immer wieder erweitert und um­gebaut. Heute leben mehr als 100 Per­sonen in dem Elternheim, das auch über eine Kranken- und Pflegeabteilung verfügt. Die Einwohnerinnen verbringen hier ihre letzten Lebensjahre in einer Umgebung und Atmosphäre, die sie an ihre Kindheit und Familie in Österreich vor der Shoa erinnert. Gleichzeitig erinnert das Haus auch an Anitta Müller-Cohen, an eine aus Österreich kommende Frau, die in ihrem Herkunftsland, wo sie einst sehr prominent war, in Vergessenheit geraten ist.

 

Anitta Müller-Cohen war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der bekanntesten jüdischen Frauen in Wien. Sie wurde am 6. Juni 1890 als Tochter der wohlhabenden, assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie Rosenzweig in Wien geboren. Bereits früh interessierte sie sich für Sozialarbeit und die bürgerliche Frauenbewegung. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs gründete sie die „Soziale Hilfsgemeinschaft Anitta Müller". Im Rahmen dieser Organisation half sie in den folgenden Jahren Tausen­den, vor allem jüdischen Flüchtlingen durch die Errichtung von Tee- und Sup­penanstalten, Fürsorgeeinrichtungen für Mütter und Kinder, etc. Bald avancierte die „Soziale Hilfsgemeinschaft" zu einer der größten privaten jüdischen Hilfsorganisati­onen Wiens. In diesen Jahren wurde Anitta Müller-Cohen auch Zionistin, betätigte sich politisch und arbeitete als Journalistin Sie engagierte sich in der Jüdischnationalen Partei, war 1918/19 Abgeordnete zum Wie­ner Gemeinderat und schrieb zahlreiche Artikel in jüdischen sowie nichtjüdischen Zeitungen. Seit November 1918 arbeitete sie auch als Leiterin des Sozialressorts im „Jüdischen Nationalrat für Deutsch-Österreich", der sich als nationale Vertretungsbehörde aller Juden in Österreich verstand. Anitta Müller-Cohen organisierte im Rah­men des Jüdischen Nationalrates und ihrer Sozialen Hilfsgemeinschaft umfangreiche Hilfstätigkeiten. So arbeitete sie auch mit dem American Jewish Joint Distribution Committee zusammen. Sie beschränkte sich jedoch nicht auf Sozialarbeit. In ihrer Tätigkeit verknüpfte sie Sozialarbeit mit politischem Engagement. Wir haben es also mit einer Frau zu tun, der Sozialarbeit als treibende Kraft für politische und gesellschaftliche Ziele diente.

 

In den 1920er Jahren widmete sie sich vor allem der Kinderfürsorge und der jüdi­schen Frauenbewegung. In diesen Jahren wurde sie auch religiös und erzog vier Kin­der aus zwei Ehen (erste Ehe mit Arnold Müller, zweite Ehe mit Samuel Cohen), d.h. sie war mit der Doppelbelastung von Arbeit und Familie konfrontiert. Mit ihrem Enga­gement konnte sich Anitta Müller-Cohen in den 1920er Jahren auch auf internationaler Ebene etablieren. Dies erreichte sie durch die Teilnahme an den Jüdischen Welthilfskonferenzen in Karlsbad 1920 und 1924, dem Zionisten Weltkongress in Wien 1925, und den Weltkongressen Jüdischer Frauen in Wien 1923 und Hamburg 1929. Auf letz­terem wurde sie zur Vizepräsidentin des Weltbundes jüdischer Frauen gewählt. Als Zionistin reiste sie immer wieder nach Palästina/Erez Israel, wo sie 1934 schließlich mit ihrer Familie einwanderte und in Tel Aviv niederließ. Hier gründete sie u.a. den „Sozialen Frauendienst" und engagierte sich für die Revisionisten bzw. später für die von Menachem Begin gegründete „Herut-Partei". Anitta Müller-Cohen starb am 29. Juni 1962 in Tel Aviv.

 

Ihre Arbeit in Palästina/Eretz Israel bzw. in Israel hatte stets auch einen (kritischen) Bezug zu Österreich. Anitta Müller-Cohen war viele Jahre lang Vorsitzende der Or­ganisation der Einwanderinnen aus Ös­terreich, der Hitachdut Olej Austria (HOA). In dieser Funktion organisierte sie Hilfs­maßnahmen für Einwanderinnen und setzte sich für Reparationszahlungen der Republik Österreich an Überlebende ein. Das Engagement von Anitta Müller-Cohen und ihrer Kolleginnen in der HOA wurde von Seiten Österreichs nicht geschätzt. So berichtete auch der erste österreichi­sche Generalkonsul in Tel Aviv, Karl Hartl, negativ über Anitta Müller-Cohen und die HOA nach Wien. Hartl war einerseits ein vehementer Gegner des Nationalsozialis­mus und Widerstandskämpfer gewesen, andererseits nahm er, wie auch andere österreichische Politiker, die das NS-Regime verfolgt hatte, gegenüber Juden eine ambivalente Haltung ein. Dies kam in ver­schiedenen antisemitischen Äußerungen immer wieder zum Ausdruck. Die Beto­nung der Opferthese und die Ausblendung von Antisemitismus und der Mitschuld vie­ler Österreicherinnen an der Shoa war für österreichische Politiker und Diplomaten in diesen Jahren eine Selbstverständlichkeit.

 

Das zynische Verhalten der Republik Österreich bzw. ihrer Vertreter in Bezug auf Entschädigungszahlungen und im Um­gang mit ihren ehemaligen Bürgerinnen zeigte sich auch bei der Eröffnung des Anita-Mueller-Cohen-Elternheims im Jahr 1966. Walther Peinsipp, der österreichi­sche Botschafter, vereinnahmte in seiner Rede Anitta Müller-Cohen, um das Leben und Wirken von Juden und Nichtjuden in Österreich zu preisen. Gleichzeitig blen­dete er die Kritik Anitta Müller-Cohens und der HOA an Österreich und seinem Um­gang mit der nationalsozialistischen Ver­gangenheit aus: „[...] denn Anitta Müller war ja auch meine Landsmännin, eine gu­te, tapfere und vorbildliche österreichische Patriotin im besten Sinne des Begriffes." (Mitteilungsblatt, 15. April 1966, 4f.)

 

Uns Anita Mueller Cohen Elternheim erfreut sich auch heute großer Beliebt­heit bei österreichischen Politikerinnen, Botschaftsangehörigen und Künstlerin­nen. Wer Israel besucht, stattet dem El­ternheim einen Besuch ab und lässt sich von den Einwohnerinnen danken. Dabei finden kleine Gastgeschenke in rot-weiß-rot immer großen Anklang - Aufmerksam­keiten, die einen schönen Nachmittag be­scheren. Aufmerksamkeiten, die im Leben von 80 und 90jährigen Menschen wichtig sind. Doch die schönen Reden und klei­nen Geschenke verblassen schnell, wenn der Alltag zurückkehrt, die Besucherinnen wieder daheim in Österreich sind und kei­ne Taten folgen. Jahrzehntelanges Ver­drängen und Verschweigen wirken weiter und können weder ungeschehen gemacht noch vergessen werden. In diesen Kontext gehört auch die sehr verdienstvolle Arbeit von österreichischen Organisationen wie dem Nationalfonds der Republik Öster­reich. Denn für viele Überlebende kommen solche Initiativen zu spät. Und kritische Bemerkungen von Seiten der Opfer zur Republik Österreich bzw. zum Verhalten von Österreicherinnen werden heute ge­nauso wie vor 50 Jahren zurückgewiesen, ignoriert und schöngeredet.

 

Der Großteil der Einwohnerinnen ist heute in Israel daheim, in Ramat Chen (Name der ersten Nummer der Zeitung des Elternheimes 1992). Doch Österreich steht weiterhin für ihre positiven und negativen Kindheits- und Jugenderfahrungen sowie für die Shoa. Ihre Beziehungen zu Öster­reich haben sich oft durch Besuche nach 1945 und/oder altersbedingt verändert. Meistens bleibt ein zwiespältiges Verhält­nis, dessen Oberfläche von der Liebe zur Kultur und Sprache bestimmt wird. Prägen­de Elemente in ihrem Österreichbild sind aber nach wie vor der Antisemitismus und der Umgang der Republik Österreich mit ih­ren ehemaligen jüdischen Einwohnerinnen nach 1945. Viele Juden und Jüdinnen aus Österreich in Israel setzen ihre Hoffnungen auf die jüngeren Generationen in Österreich, aber auch auf ihre eigenen Kinder Viele reisten mit ihren Kindern bzw, Enkelkindern nach Österreich oder ermöglichten diesen eine Reise. Doch auch das Verhältnis der zweiten bzw. dritten Generation zu Österreich kennzeichnet sich durch seine Ambivalenz. Es ist durch das Schicksal ihrer Eltern, Großeltern und Verwandten in der Shoa geprägt. Die positiven Kindheits­ bzw. Jungenderfahrungen der Eltern und Großeltern fehlen ihnen. Während ihrer Aufenthalte in Österreich begeistern sie sich für Architektur und Landschaft. Private Kontakte mit nichtjüdischen Österreiche­rinnen sind dagegen selten und meistens von kurzer Dauer - zu verschieden ist der Alltag.

 

Ob sich die Hoffnungen österreichischer Shoa-Überlebender in Israel erfüllen wer­den, hängt letztendlich von den individu­ellen, vor allem aber von den öffentlichen Bemühungen zur Aufarbeitung der Verbre­chen des Nationalsozialismus in Österreich ab. Ein wichtiger Teil dieser Aufarbeitung ist die Erinnerung an Juden und Jüdinnen in Österreich im öffentlichen Bereich. Eini­ge Initiativen, wie Servitengasse, Volkertplatz und Schottenfeldgasse, haben dazu in letzter Zeit wichtige Beiträge geleistet. Leben und Werk von Anitta Müller-Cohen sind in Österreich aber noch weitgehend eine Leerstelle.

 

Dieter J. Hecht

 

Leistete 1995/96 Gedenkdienst in Yad Vashem, Jerusalem

 

Weiterführende Literatur:

 

Evelyn Adunka, Exil in der Heimat Über die Östorroi eher in Israel, Innsbruck 2002

 

Helga Embacher/Margit Reiter, Gratwandomngen Die Beziehungen /wischen Österreich und Israel im Schatten der Vergangenheit, Wien 1998

 

Dieter J. Hecht, Anitta Müller-Cohen (1890-1962). So­zialarbeiterin, Feministin, Politikerin, Zionistin und Journalistin. Ein Beitrag zur jüdischen Frauenge­schichte in Österreich 1914-1929, unveröffentlichte Diss., Universität Wien 2002.

 

Dieter J. Hecht, Mutterland - Vatersprache. Eine Doku mentation des Schicksals ehemaliger östorrmchüi Innen in Israel, od. Zentralkomitee der Judon aus Österreich in Israel, Tel Aviv 2005