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Ausgabe 1/06


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Gedenkdienst am Anita Mueller-Cohen Elternheim in Tel Aviv

Seit gut acht Monaten bin ich als Ge­denkdienstleistender am Anita Mueller-Cohen Elternheim in Tel Aviv im Bereich der Altenpflege tätig. Der Großteil der Einwohner sind Emigrantinnen und Holocaust-Überlebende aus dem Gebiet der ehemaligen Donaumonarchie.

 

Meine Arbeit an der Stelle kann man grob in zwei Bereiche unterteilen. Einer­seits betreue ich pflegebedürftige Per­sonen indem ich ihnen beim Einnehmen der Mahlzeiten und bei der Körperpflege behilflich bin und ihnen auch ermögliche Spaziergänge zu unternehmen.

 

Andererseits bin ich auch mit jenen Einwohnern in Kontakt, die noch weitge­hend selbstständig, in der so genannten „unabhängigen Abteilung" des Heims wohnen. Hier konzentriert sich meine Ar­beit vor allem auf das Erledigen von Ein­käufen, die Begleitung zu Arztterminen, aber auch die Hilfe bei der Bedienung technischer Geräte, wie beispielsweise das des Videorecorders.

 

In beiden Fällen befindet man sich aber auch in der Rolle eines Gesprächs­partners und wird in vielen Fällen auch zur Vertrauensperson.

 

Da der Verein Gedenkdienst schon seit 1996 junge Österreicher nach Tel Aviv schickt, hat die Arbeit der Gedenkdienstleistenden hier schon eine gewis­se Tradition und wird von der Leitung, wie auch von den Einwohnern sehr geschätzt. Es wird versucht einem die Eingewöhnung in das anfangs neue Ar­beitsumfeld leicht zu machen und es wird einem eine große Hilfsbereitschaft bei auftretenden Problemen zu Teil.

 

Selbstverständlich wird man als Ver­treter einer Generation junger Österrei­cherinnen angesehen und obwohl der Bezug zu Österreichs für die Mehrheit der Bewohner mit schmerzlichen Erin­nerungen negativ belastet ist, wird man dennoch nicht von vornherein abgelehnt. Die meisten Einwohner sind sogar interessiert etwas über die aktuellen Bege­benheiten aus erster Hand zu erfahren und sind oft erstaunlich gut über die Vor­gänge in Österreich der vergangenen Jahre informiert. Auch das kulturelle An­gebot des Heims, wo der Schwerpunkt auf klassische, österreichische Kultur gelegt wird, zeigt, dass man sich auch nach all dem Geschehenen noch mit Österreich auf irgendeine Art und Weise identifiziert.

 

Im Arbeitsalltag ist eine gewisse Sensibilität für den Umgang mit alten Menschen gefordert und manchmal wird einem sehr viel Geduld abverlangt. Gerade in der Pflegeabteilung gibt es für die meisten Patienten wenig Aussicht auf Besserung und davon ist die Stim­mung bei der Arbeit häufig geprägt. Als junger Mensch, der noch sein ganzes Leben vor sich hat und überlegt, was er mit seinem Leben anfangen möchte, ist es oft niederschmetternd zu sehen, wie ein Lebensabend aussehen kann. In den wenigsten Fällen sieht man, dass sich Zustände verbessern, meist ist das Gegenteil der Fall. Tagtäglich wird man mit Menschen konfrontiert, die einem Geschichten über ihre Jugend und ihr Berufsleben erzählen und für die heute jede Aktivität eine mit Schmerzen ver­bundene Anstrengung bedeutet. Dieser Umstand jedoch bekräftigt einen tagtäg­lich, dass man hier eine Arbeit leistet, die geschätzt wird und es gibt einem das Gefühl am richtigen Platz zu sein und etwas sinnvolles zu leisten, auch wenn man letztendlich nur dazu beitra­gen kann, dass der Alltag etwas erträgli­cher wird. Wichtig ist es daher, dass man sich einen Ausgleich gegenüber dieser belastenden Arbeit sucht, um zeitweise abschalten zu können.

 

Das Land Israel bietet für einen Euro­päer zahlreiche interessante Phänomene. Alleine die große Anzahl verschiedener Kulturen auf so engem Raum ist faszinie­rend und das Leben in diesem jüdischen Staat ermöglicht auch einen tiefen Ein­blick in die Kultur des Judentums, und bringt die Chance mit sich die hebräische Sprache ansatzweise zu erlernen, zeigt aber auch die Differenzen zwischen or­thodoxen und säkularen Juden auf.

 

Einen Vorteil den man als Außenste­hender hat, ist, dass man viele Vorgänge in diesem Land aus der Distanz betrach­ten kann und sich eine weniger vorbelas­tete Meinung dadurch bilden kann. Des­halb glaube ich, dass man die Möglich­keit nicht auslassen sollte sich kritisch mit dem Nahostkonflikt auseinander zu setzen und sich ein Bild über die Lage in den Palästinensergebieten zu machen. Denn in Tel Aviv bekommt man von den Spannungen zwischen Juden und Ara­bern in diesem Land nicht allzu viel mit und das Leben hier ist dem Leben in Westeuropa in Vielem ähnlich. Wie al­lerdings das Leben im Westjordanland aussieht und welche Perspektivenlosigkeit dort vorherrscht, darüber kann man sich nur vor Ort ein Bild machen.

 

Julian Zechner,

 

Gedenkdienstleistender in Tel Aviv am Anita Mueller Cohen Eltern heim 2005/06