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Ausgabe 1/06


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Yad Vashem – Die Behörde zum Gedenken an die Märtyrer und Helden des Holocaust

Yad Vashem wurde 1953 durch einen Beschluss der Knesset, des israelischen Parlaments, gegründet. Die Idee zur Gründung einer nationalen Gedenkstätte im Andenken an die vernichtete jüdische Bevölkerung Europas existierte bereits vor dem Ende der Shoah als die ersten Berichte über die Massenvernichtungen Palästina erreichten. Nach Kriegsende begannen die jüdischen Institutionen in Palästina und der jüdische Weltkon­gress über Wege des Gedenkens an die Opfer der Shoah nachzudenken. Das Direktorat von Yad Vashem präsentierte 1947 einen Plan zur Errichtung einer Gedenkstätte auf dem Har Hazikaron (Berg des Gedenkens) in Jerusalem. Die Durchführung dieses Plans wurde jedoch in den darauffolgenden Jahren der Staatsgründung und des Unabhän­gigkeitskrieges verzögert bis der israe­lische Unterrichtsminister und Historiker Prof. Ben-Zion Dinur 1953 der Knesset das Yad Vashem - Gesetz vorlegte. Das Gesetz legt die verschiedenen Aufga­ben und Zuständigkeitsbereiche von Yad Vashem fest, sodass das Gedenken an die Opfer der Shoah zu einer staatlichen und nationalen Aufgabe erklärt wurde. Der Name dieser Einrichtung bezieht sich auf den Vers 56:5 aus dem Buch des Propheten Jesaja, wo es unter an­derem heißt: „...ihnen will ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denk­mal und einen Namen (auf Hebräisch: Yad Vashem) geben ... der nicht getilgt werden soll".

 

Heute besteht Yad Vashem aus verschiedenen Gedenkstätten und Denkmälern, die Aspekten der Verfolgung, Vernichtung und des Widerstan­des gewidmet sind, sowie aus Dokumentations-, Bildungs- und Forschungs­einrichtungen und mehreren Museen und Ausstellungsbereichen. Die zentra­len Aufgaben sind die Dokumentation der Geschichte des jüdischen Volkes in der Zeit der Shoah, die Bewahrung des Andenkens und der Geschichte eines je­den Einzelnen unter den sechs Millionen Opfern und die Vermittlung dieser Inhalte an die kommenden Generationen. Die verschiedenen Bestandteile des Kom­plexes sind im Laufe der Jahre entstan­den und verdeutlichen somit auch die Herangehensweisen an die Gedenkarbeit zu verschiedenen Zeitpunkten seit der Entstehung.

 

Das erste Monument das nach der Grundsteinlegung 1954 errichtet wur­de ist die „Halle des Gedenkens". Dieser Ort ist nach wie vor der Mittelpunkt von Zeremonien im Andenken an die Opfer der Shoah, was sich auch darin äußert, dass das Protokoll eines jeden Staatsbe­suches in Israel eine Kranzniederlegung durch den jeweiligen Staatsgast an die­ser Stelle vorsieht. Die „Halle des Ge­denkens" bezieht sich somit auf das Ge­denken an das Kollektiv der Opfer, was an dieser Stelle auch nicht überraschend scheint, aber auf eine Problematik ver­weist, die in den Anfangsjahren von Yad Vashem eine wichtige Rolle gespielt hat und dies nach wie vor tut. Die Frage war inwiefern das Gedenken an die Opfer als Kollektiv gestaltet werden sollte, be­ziehungsweise inwiefern der Repräsen­tation von individuellen Schicksalen auf verschiedenen Darstellungsebenen Yad Vashems Rechnung getragen werden konnte. Äußerungen dieser Problematik sind an verschiedenen Teilen des Gelän­des zu finden.

 

So existiert in Yad Vashem u. a. die „Gedenkhöhle", eine kleine Fels­nische, in der Gedenktafeln an einzel­ne Opfer der Shoah durch verwandte Überlebende angebracht wurden. Dieser Ort verdeutlicht sehr gut das Bedürf­nis der Überlebenden ihren ermordeten Verwandten an dem Ort, der es sich zur Aufgabe gemacht hat das Andenken an die sechs Millionen in der Shoah ermor­deten Juden zu bewahren, ein Denk­mal zu setzen. Dieser Ort verdeutlicht aber auch die begrenzten Möglichkeiten, wenn es darum geht dieses Bedürfnis auf gewissen Ebenen ganz zu erfüllen. Selbstverständlich steht die Dokumenta­tion, Darstellung und Vermittlung einzel­ner Schicksale, wie bereits erwähnt, im Mittelpunkt des Aufgabenbereiches von Yad Vashem, aber was die Gestaltung des Geländes und seiner Bestandteile angeht war der kollektive Gesichtspunkt anfänglich prädominant. Ein anderes Beispiel für diese Thematik ist die „Kin­dergedenkstätte". Sie ist den ca. 1,5 Mil­lionen Kindern, die der Shoah zum Opfer gefallen sind gewidmet. Die Mittel zur Errichtung stammen von dem Ehepaar Abe und Edita Spiegel, deren Sohn Uziel im Alter von zweieinhalb Jahren in Aus­chwitz ermordet wurde. Der ursprüngli­che Wunsch des Paares war es für ihren Sohn in Yad Vashem ein Denkmal zu er­richten, worauf aber nicht eingegangen werden konnte. Schließlich wurde ein Kompromiss gefunden, der vorsah, dass eine Gedenkstätte für alle ermordeten Kinder errichtet werden sollte, an deren Eingang Uziel durch eine kleine Steinta­fel, die sein Gesicht und seinen Namen darstellt, besonders gedacht wird.

 

Nachdem Yad Vashem Ende der 50er-Jahre die erste einfache historische Ausstellung eröffnete, der weitere Aus­stellungen folgten, wurde 1973 in dem bereits davor errichtetem Museumsge­bäude der Gedenkstätte eine große Dau­erausstellung eingeweiht, die erstmals versuchte systematisch und nachvoll­ziehbar die Geschichte der Shoah aus jüdischer Perspektive darzustellen. Auch hier bezog sich die Aufarbeitung mehr auf die kollektive Tragödie als auf die in­dividuelle Erfahrung. Museumstechnisch wurden hierfür vergrößerte Photographien und erklärende Texte, die an düs­teren schwarzen Wänden angebracht waren, verwendet. Im März 2005 wurde das neue historische Museum in Yad Vashem, das vom technischen Stand­punkt her revolutionär ist, aber auch auf der thematischen Ebene eine wichtige Wende markiert, eröffnet. Heute, knapp 61 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, kommen wir dem Zeitpunkt immer näher, an dem der Holocaust-Forschung keine Zeitzeuginnen mehr zur Verfügung stehen werden. Im Gegensatz zur bisherigen Herangehensweise steht somit das Individuum im Mittelpunkt des neuen Museums. Auf der großteils un­terirdischen Ausstellungsfläche wird die Geschichte der Shoah erzählt, wobei jeder Zeitabschnitt, jeder Ort und jedes Ereignis in dieser Geschichte von der Darstellung persönlicher Schicksale durch z. B. persönliche Gegenstände und Zeitzeugenaussagen begleitet wird. Bei der Darstellung wird auch viel auf die vorhandenen technischen Möglichkei­ten zurückgegriffen, so befinden sich im Museum u. a. zahlreiche Monitore, auf denen Überlebende über ihre Schick­sale Zeugnis ablegen. Darüberhinaus gibt es verschiedene Installationen, die gemeinsam, mit Originalgegenständen aus Ghettos, Konzentrationslagern und anderen Schauplätzen der Ereignisse ein Gesamtkonzept ergeben, das das Gedenken an die Shoah ins 21 Jhdt. bringen soll. Die Fokussierung auf das Individuum ist also das vorherrschende Anliegen des neuen Museums und reprä­sentiert verschiedene Anliegen. Vorerst erklärt Yad Vashem in Zusammenhang mit der Ausstellung, dass Geschichte nicht erzählt werden kann ohne nicht auch die Geschichten der Betroffenen zu berücksichtigen. Außerdem versucht Yad Vashem am Übergang von erlebter zu tradierter Geschichte mit all seinen Mitteln so gut wie möglich das Erbe der Überlebenden festzuhalten und es zu bewahren um es den nachkommenden Generationen weiterzugeben. Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren As­pekt in der zentralen Rolle des Indivi­duums. Wie auch in vorangehenden Ausstellungen wird die Shoah auch im neuen Museum aus jüdischer Perspek­tive dargestellt. Ein Problem in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass der überwiegende Großteil des Bildma­terials, das als Zeugnis über die Shoah dient, aus den Händen der Täter stammt und somit auch mit dem Festgehaltenen eine gewisse Perspektive transportiert. Um dem entgegenzuwirken wurde im neuen Museum darauf geachtet mög­lichst viele Aufzeichnungen, Photographien und schriftliche Zeugnisse der Betroffenen anzuführen, auch mit der Absicht die Juden nicht als Objekte in den Händen der Nationalsozialisten und ihrer Helfer darzustellen, sondern sich auf einzelne Schicksale und die Men­schen dahinter zu konzentrieren.

 

In das Museumsgebäude ist auch die neue „Halle der Namen" integriert, das Herzstück von Yad Vashem. In ihr be­finden sich die so genannten „Gedenk­blätter", symbolische Grabsteine für die Opfer der Shoah. Auf diesen „Gedenk­blättern" können Personen, die nähere Informationen zu Opfern besitzen, verschiedene Angaben über den betroffe­nen Menschen und dessen Schicksal in der Shoah machen. Meistens wird dies von überlebenden Verwandten oder Be­kannten getan, in manchen Fällen aber auch von Forscherinnen, die im Rahmen ihrer Arbeit auf bis dahin unbekannte Opfer gestoßen sind. Seit seinem Be­stehen sammelt Yad Vashem solche Blätter und versucht dadurch möglichst viele der Opfer der Anonymität zu ent­reißen und ihnen, wofür der Name der Einrichtung Programm ist, ihre Namen und somit ihre Identität als menschliche Individuen zurückzugeben. Bis zum heu­tigen Tage hat Yad Vashem in etwa 3,2 Millionen Namen gesammelt, davon ca. 2 Millionen durch die Methode der „Ge­denkblätter", der Rest wurde durch ver­schiedenes Archivmaterial ergänzt. Seit November 2004 sind sämtliche Informa­tionen online und für jeden Menschen mit Internetanschluss frei zugänglich.

 

Zwei weitere wichtige Bestandteile auf dem Gelände sind die internationale Schule für Holocaust-Studien („Internati­onal School for Holocaust Studies") und das Archiv. Diese beiden Einrichtungen befinden sich nebeneinander, was auch die verschiedenen Elemente der Arbeit von Yad Vashem und deren Verknüpfung symbolisiert. Auf der einen Seite die Dokumentation und historische For­schung des Archivs und auf der anderen die Vermittlung dieser Inhalte durch die Schule. In der Schule werden u. a. Unterrichtseinheiten für israelische Grup­pen, hauptsächlich Schülerinnen- und Soldatlnnenengruppen, und internatio­nale Teilnehmerinnen sowie weiterbil­dende Seminare für Lehrerinnen aus der ganzen Welt veranstaltet. Das Ar­chiv beinhaltet Material über die Shoah, die Zeit davor und danach und andere für Yad Vashem relevante Inhalte. Die umfangreichen Bestände des Archivs existieren in verschiedenen Formen, von Dokumenten über Zeugenaussagen bis zu photographischem und filmischem Material. Im selben Gebäude ist auch die Bibliothek untergebracht, die nach Möglichkeit alle veröffentlichten Publikationen über die Shoah und verwandte Themen beinhalten soll. Mit über 86 000 Buchtiteln und Artikeln und ca. 4000 Zei­tungen und Zeitschriften in zahlreichen Sprachen ist sie die weltweit größte Sammlung ihrer Art.

 

Wie die Bibliothek strebt auch das Archiv eine nach Möglichkeit vollständi­ge Sammlung an. Für diese Zielsetzung existieren Kooperationen mit Archiven, deren Bestände relevantes Material beinhalten. Solche Kooperationen exis­tieren z. B: auch mit dem österreichi­schem Staatsarchiv und dem Archiv cler Universität Wien. Die Aufgabe der Gedenkdienstleistenden in Yad Vashem ist es einerseits das relevante Material aus österreichischen Archiven, das in kopierter Form einlangt, in das Archiv einzuarbeiten und andererseits aus be­reits vorhandenen Beständen Dokumen­te auszuwählen, diese zu lesen und im elektronischen Katalog des Archivs zu registrieren und zu beschreiben, was die betreffenden Dokumente für Benutze­rinnen von Yad Vashem erst zugänglich macht. Der Umstand, dass große Teile des Materials noch nicht bearbeitet sind, hat es mir und anderen Gedenkdienst­leistenden erlaubt, relativ frei nach für uns interessanten Themen für unsere Arbeit zu suchen. Im Laufe meines Ge­denkdienstes war ich viel mit offiziellen Korrespondenzen von in der „Ostmark" befindlichen Körperschaften des natio­nalsozialistischen Staates beschäftigt. Durch die Bearbeitung dieser Materia­lien konnte ich u. a. viel Aufschluss über das Verhalten in der Gesellschaft gegen­über Juden in der Zeit des Nationalso­zialismus gewinnen. Da mir aber diese Inhalte bekannter waren als der Umgang mit Juden in Österreich in den Zeiten der Regierungen und des Regimes vor dem Anschluss, war ich sehr froh auch Dokumente aus den Jahren 1918 bis 1938 bearbeiten zu können. Durch diese Arbeit konnte ich verschiedene Aspekte des Umgangs mit Juden in Österreich von offizieller Seite und auch Tendenzen in der Bevölkerung während der Ersten Republik und des Austrofaschismus nachvollziehen. Durch die von mir damit gewonnen Erkenntnisse ist mir viel über die Rolle Österreichs im Zweiten Welt­krieg und über den Opfermythos der Zweiten Republik klar geworden, durch die ich mich in meiner Arbeit als Gedenk­dienstleistender auch ständig bestätigt gefühlt habe.

 

 

Nikolaus Wildner,

 

Studiert Vergleichende Sprachwissenschaft in

 

Jerusalem, leistete Gedenkdienst

 

in Jerusalem, Yad Vashem 2004/05