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Ausgabe 2/06


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Vom ersten Gedenkdieneris zum Jubiläums-Symposium

Die Idee einer Gedenkdienst-Jubiläumsveranstaltung wurde sehr früh von Johannes Langer, dem Gedenkdienst­leistenden des Jahres 2004/2005 im Vilna Gaon Jewish State Museum, und Rachel Kostanian, unserer dortigen Ansprechperson und Vorgesetzten, ge­boren. Der Kern der Veranstaltung, die wir am 13. September dieses Jahres durchführten, stand von Beginn an fest: den österreichischen Gedenkdienstleis­tenden eine Plattform für Berichte über die von ihnen durchgeführten Projekte und gesammelten Erfahrungen zu bie­ten und auf mittlerweile 10 Jahre erfolg­reiche Kooperation zwischen dem Ver­ein Gedenkdienst und dem Vilna Gaon Jewish State Museum zurückzublicken. Für die Konkretisierung des organisato­rischen Rahmens bedurfte es allerdings noch erheblicher Anstrengungen.

 

Ideen, wie die Zusammenkunft aller „Ehemaligen" in Vilnius zu bewerkstelli­gen sei, kamen im Laufe des Planungs­prozesses einige auf. Ursprünglich war ein kleines, persönliches Treffen zwi­schen (ehemaligen) Gedenkdienstleis­tenden und ihren (ehemaligen) Kollegen angestrebt - Inhalt: das Austauschen von Neuigkeiten und gemeinsames Erinnern beim Genuss von litauischen Spezialitäten. Von der Vorstellung solch eines rein „familiären" Treffens im klei­nen Rahmen, das im „Grünen Haus", dem Arbeitsplatz von mittlerweile 11 Ge­denkdienstleistenden, stattfinden sollte, gingen wir jedoch ab, da uns das zehn­jährige Jubiläum der Gedenkdienst-Präsenz in Vilnius der ideale Anlass schien, um für die erfolgreiche Tätigkeit der Gedenkdienstleistenden in Litauen die Aufmerksamkeit einer interessierten Öf­fentlichkeit zu gewinnen.

 

Das Wissen über die Tätigkeit der österreichischen Auslandszivildiener ist nicht sehr verbreitet, teilweise aufgrund des etwas abgesonderten Tätigkeits­felds der Gedenkdienstleistenden und unserer manchmal wenig öffentlichkeits­wirksamen Projekte. Wir wollten auch keinesfalls das Gesamtprojekt Gedenk­dienst unkritisch abfeiern. Negative Aspekte der von der österreichischen Seite festgelegten Rahmenbedingungen für einen Gedenkdienst und Verbesse­rungswürdiges im Jüdischen Museum sollten zur Sprache kommen.

 

Bevor wir uns jedoch zu einem Sym­posium mit breiterer österreichischer Beteiligung entschlossen, dachten wir auch eine Filmproduktion mit Interviews über die Beweggründe, die Erfahrungen und die persönliche Entwicklung der Gedenkdienstleistenden im Laufe ihres Dienstes an. An der Entscheidung für ein Symposium hatte auch die Österrei­chische Botschaft in Vilnius ihren Anteil, die uns als Partner bei Sponsorensuche, Planung und Umsetzung unterstützte. Namentlich Botschafter Michael Schwarzinger und - als Ansprechperson in der Projektdurchführung - Frau Dalia Friedt gilt unser Dank.

 

Die Grundidee - den österreichischen Gedenkdienstleistenden eine Plattform zu bieten - wurde ergänzt durch weitere, auf das Themengebiet „Gedenkdienst" in all seinen Ausformungen Bezug neh­mende Referate namhafter litauischer und österreichischer Vortragender.

 

Mitte September 2006 hielten wir schließlich unser eintägiges Symposi­um unter dem Titel „Commemoration of Holocaust victims: 10 years of Gedenk­dienst activity in Lithuania." ab. Auf die Eröffnung durch Markas Zingeris, Direk­tor des Vilna Gaon Jewish State Muse­um und Michael Schwarzinger, österrei­chischer Botschafter in Litauen, folgten ein Vortrag von Hannah Lessing, die dem Publikum die Arbeit des National­fonds präsentierte, sowie Referate von Egidijus Aleksandravicius und Arunas Bubnys, zwei litauischen Historikern, die sich mit der Wahrnehmung der Shoah durch die litauische Gesellschaft ausein­andersetzten. Gedenkdienst war nicht nur durch Vorträge von Gregor Ribarov und John Evers präsent (die in dieser Ausgabe unserer Zeitung abgedruckt sind), sondern durch insgesamt zehn Generationen von Auslandszivildienern am Jüdischen Museum in Vilnius. Im Rahmen eines Runden Tisches spra­chen die ehemaligen Gedenkdieneris (so nennt man uns in Litauen) über persönliche Beweggründe Gedenkdienst zu leisten und ihre Erfahrungen in Vilnius. Rachel Kostanian legte die Sicht des Jüdischen Museums auf die durchge­führten Projekte und auf die Zusammen­arbeit mit den Gedenkdienstleistenden in ihrem sehr persönlichen Vortrag dar. Ein interessantes Referat wurde von Nor­bert Hinterleitner beigesteuert. Er hatte Gedenkdienst am Anne Frank Haus in Amsterdam geleistet und ist mittlerweile ein fester Mitarbeiter dieser Institution, für die er unter anderem mehrere Jahre lang mit dem Vilna Gaon Jewish State Museum bei der Umsetzung von Pro­jekten im Bereich der Holocaust-Education kooperierte.

 

Gefreut hat mich als Jubiläums-Gedenkdieneris die positive Resonanz, auf die das Gesamtprojekt Gedenkdienst ebenso wie die teilweise schon einige Zeit zurückliegenden, von den Gedenkdienstleistenden in Vilnius initiierten Projekte beim zahlreich erschienenen Publikum und bei offizieller litauischer Seite stießen. Besonders beeindruckt hat mich jedoch die tiefe und echte Herzlichkeit, mit denen die Kollegen und Kol­leginnen am Museum die ehemaligen „Gedenkdienst-Guys", deren Dienst zum Teil schon einige Jahre zurückliegt, emp­fangen haben. Für mich selbst bildete das Symposium den Abschluss meines Gedenkdiensts. Kaum zurück in Öster­reich, stellte sich das mir von meinen Vorgängern geschilderte Heimweh nach Vilnius prompt ein und wollte bislang nicht wirklich abklingen.

 

Stefan Pierer

 

Gedenkdienst in Vilnius 2005/06, studiert an der WU Wien

 

 

 

 

Liebe Leserin! Lieber Leser!

 

Die vorliegende Ausgabe steht im Zeichen eines Symposiums, das am 13. September in Vilnius stattfand und sich mit den vergangenen 10 Jahren Gedenkdienst am Vilna Gaon Jewish State Museum beschäftigte - ein in mehrerer Hinsicht beachtenswer­tes Projekt: erstens als Initiative der Gedenkdienstler in Litauen, zweitens als Ausdruck der hohen Wertschätzung, die ihrer Arbeit von der Einsatzstelle in Vilnius entgegengebracht wird, drit­tens als gelungene Kooperation mit der österreichischen Botschaft vor Ort. Stefan Pierer als einer der Hauptorganisatoren berichtet vom Werdegang und den Inhalten des Symposiumsprojekts. Zwei Beiträge sind die schriftlichen Fassungen von Vorträgen, die in Vilnius gehalten wur­den: Gregor Ribarov reflektiert über die Rolle von Gedenkdienst in der österre­ichischen Gesellschaft und bestimmt sie als kleinteiligere, aber tiefer greifende Alternative zu medialen Inszenierungen à la Jetters to the stars", in denen Analyse durch Lautstärke ersetzt wird. John Evers nimmt die Rahmenbedingungen, unter denen Gedenkdienst statt­findet, in den Blick. Einige Stichworte: Zwangsdienst, ungenügende mate­rielle und soziale Absicherung, die Gefahr der Instrumentalisierung von Gedenkdienstlern als kleine und billige Botschafter.

 

Philipp Herzog, ehemals Gedenkdienstler in Vilnius, schreibt darüber, wie sich die Geschichtswissenschaft in Litauen seit der staatlichen Unabhängigkeit mit der Shoah auseinandersetzt - ein hei­kles Thema, das sich in eine gegen die Sowjetunion gerichtete nationale Erzählung nur um den Preis enormer Verzerrungen integrieren lässt. Michael Kieber, der derzeit Gedenkdienst am Jüdischen Museum in Vilnius leistet, präsentiert seine Einsatzstelle und hat mittels eines Fragebogens Befindlichkeiten von 10 Gedenkdienst-Generationen in Litauen erhoben. Das Ergebnis ist ein kurzweilig zu lesender Einblick in unterschiedliche Zugänge zu Gedenkdienst und in die jeweils gewon­nenen Erfahrungen.

 

Oliver Kühschelm

 

Historiker