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Ausgabe 2/06


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GEDENKDIENST als „Avantgarde“ der österreichischen Gedächtniskultur

Der Untergang der Sowjetunion und die damit verbundenen Umwälzungen in Osteuropa hatten unübersehbare Auswirkungen auf Litauen, das seine staatliche Unabhängigkeit erlangte, die Annäherung an Westeuropa forcierte und schließlich der Europäischen Union beitrat. Derartige Entwicklungen eröff­nen unter Umständen die Chance an überkommenen Vergangenheitsbildern zu rütteln und sich dunkler Flecken der eigenen Geschichte zu stellen. Im Fall von Litauen ist die Verfolgung und Er­mordung tausender Juden in Zeiten der Besetzung durch NS-Deutschland, aber mit tatkräftiger Unterstützung durch die litauische Bevölkerung ein solcher Fleck, der erst langsam ins öffentliche Bewusst­sein dringt. Seitens der Veranstalter lag es daher nahe einen vergleichenden Blick auf Österreich zu werfen, wo man ebenfalls erst sehr spät begann, sich der jüngeren Vergangenheit abseits beschö­nigender Formeln und der Behauptung eines Opferstatus, der die Beteiligung an den Gräueln des NS-Regimes zudeckt, zu stellen. Das Symposium sollte Ähn­lichkeiten auszuloten bzw. Unterschiede verdeutlichen.

 

Ein solcher Blick entspricht den Kernanliegen von Gedenkdienst. Un­ser Augenmerk gilt ja insbesondere der Rolle von Österreicherinnen als Täter, Mitläufer und Zuschauer. Zugleich geht es uns auch um die oft vergessenen Ge­schichten jener Menschen, die vom NS-Regime verfolgt, vertrieben, ermordet wurden. Diese persönlichen Schicksale und Lebensgeschichten werden wie ein Mosaik aus unzähligen Details geformt und sind derart vielschichtig, dass sie sich einfachen Schemata der Bewer­tung oder Klassifizierung entziehen.1 Aus diesen Gründen ist aktives Erinnern ein Prozess, der hohe Anforderungen an jene stellt, die sich entschließen das „Meer an Geschichten"2 zu befahren. Sich mit ihnen zu beschäftigen braucht vor allem Zeit und einen entsprechenden Rah­men. Nur so ist das Erkennen von grö­ßeren historischen und gesellschaftspo­litischen Zusammenhängen möglich, um auch Orientierung für die Gegenwart zu gewinnen. Um die Bereitstellung dieses Rahmens bemüht sich Gedenkdienst in Kooperation mit unseren Einsatzstellen wie eben dem Jüdischen Museum Vilna Gaon. Gedenkdienst ermöglicht es jungen Erwachsenen nicht nur einen ei­genen Zugang zum Thema Holocaust zu finden, sondern auch als dritte und vierte Generation aufzuzeigen, dass es wichtig ist, einen differenzierten Standpunkt zu Österreich und seiner nationalsozialisti­schen Vergangenheit zu vertreten.

 

Nicht hoch genug bewertet kann je­ner Dialog werden, den Gedenkdienst­leistende mit österreichischen Überle­benden suchen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten. Schließlich war die Skepsis und Ablehnung gegenüber dem ehemaligen Heimatland, das sich nach dem Krieg als Opfer verstehen wollte, begreiflicherweise groß. Zu präsent ist der laute Jubel, mit dem tausende Österreicherinnen den „Anschluss" und damit die Initialzündung zur Ver­folgung ihrer jüdischen Mitbürgerinnen begrüßten. Das langjährige Schweigen der österreichischen Gesellschaft zu den nationalsozialistischen Verbrechen trug ebenso wenig zur Vertrauensbildung bei. Vor diesem Hintergrund ist das positive Feedback, dass die Gedenkdienstleis­tenden von den Überlebenden erhalten, alles andere als eine Selbstverständlich­keit. Viele nehmen aber die Arbeit der Gedenkdienstleistenden als eines der wenigen späten Zeichen von Anerken­nung wahr und sehen darin nicht zuletzt Ausdruck eines Gesinnungswandels zu­mindest unter jungen Österreicherinnen der dritten und vierten Generation.

 

Während GEDENKDIENST zum Zeit­punkt seiner Entstehung 1992 in der Auseinandersetzung mit Österreichs Gesellschaft noch zu einer „Avantgar­de" gehörte, für deren Ziele große Teile der Öffentlichkeit wenig erübrigen konn­ten, so hat sich seither auf den ersten Blick viel geändert. „Holocaust-Education" erfreut sich heute breiter Akzep­tanz, die allerdings mit einer gewissen Gleichgültigkeit vermischt ist. Jedenfalls mag man in den letzten Jahren verstärkt eine öffentlich-politische Auseinandersetzung mit der Geschichte Österreichs zwischen 1938 und 1945 wahrgenom­men haben. Dazu gehören medienwirk­same Inszenierungen wie Jetter to the stars". Zwar erreichen solche Projekte einen Großteil der Bevölkerung, jedoch kratzen sie höchstens an der Oberfläche des „Meeres an Geschichten". Gerade das „Gedankenjahr" 2005 hat gezeigt, wie einfach es Politik und Öffentlichkeit fällt in unreflektierte Bauchpinselei zu verfallen, anstatt eine produktiv-kritische Diskussion zum Thema zu führen.

 

Dem hält Gedenkdienst eine weniger spektakuläre, dafür kontinuierliche und in die Tiefe gehende Tätigkeit entgegen. Seit 1992 haben an die zweihundert Mit­glieder unseres Vereins - Zivilersatzdienstleistende wie EVS-Freiwillige -trotz teils widriger Rahmenbedingungen an zahlreichen Einrichtungen in 13 Ländern, an Archiven, Gedenkstätten, Museen, in Jugendarbeit und Altenbe­treuung, einen Gedenkdienst geleistet. Auch nach ihrem Dienst engagieren sich viele weiterhin für einen verantwortungs­vollen Umgang mit der nationalsozialisti­schen Vergangenheit und treten in der Konsequenz für die Gegenwart gegen Antisemitismus, Rassismus und Frem­denfeindlichkeit auf. Ehemalige Gedenk­dienstleistende sind ehrenamtlich oder beruflich in zahlreiche zeitgeschichtliche Projekte involviert, nicht zuletzt im Verein selbst, der eine Plattform für inhaltliche Diskussion bietet - unter anderem durch die Veranstaltung von Tagungen und Studienfahrten sowie die Vortragsreihe „Ge-Denken", aber auch durch unsere Zeitschrift, die du liebe/r Leser/in gerade in Händen hältst. Dabei stehen auch brisante aktuelle Themen im Mittelpunkt wie die Situation der slowenischen Min­derheit in Kärnten3 oder die Debatte um das Verbotsgesetz anlässlich der Verur­teilung von David Irving.

 

Insofern ist es legitim immer noch von „Avantgarde" zu sprechen, denn GEDENKDIENST leistet, was die er­wähnten Inszenierungen nicht leisten können: nachhaltige Aufklärungsarbeit! Die für diese Aufgabe notwendige Über­zeugung lässt sich mit folgendem Zitat der US-amerikanischen Kulturanthropo­login Margaret Mead auf den Punkt brin­gen: „Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe von nachdenklichen, engagier­ten Menschen die Welt verändern kann; das ist der einzig mögliche Weg."

 

Gregor Ribarov

 

Obmann Verein GEDENKDIENST

 

1  Niko Wahl, Clubsessel für alle, in: Vom Großvater vertrieben, vom Enkel erforscht? Katalog zur gleichna­migen Ausstellung im Jüdischen Museum Wien, 2002, 16.

 

2 So der von Josef Teichmann gewählte Begriff in seinem gleichnamigen Artikel für das Buch „Jenseits des Schlussstrichs", das anlässlich des 10-jährigen Jubi­läums des Vereins Gedenkdienst im Locker Verlag erschienen ist, 2002, 81.

 

3 Im Rahmen unsere Studienfahrt nach Kärnten auf den Spuren des antifaschistischen Widerstands der Parti­sanen und den Wurzeln des Volksgruppenkonflikts, so­wie unserer Veranstaltungsreihe Ge-denken anlässlich der Präsentation zweier Filme: Artikel 7 - Unser Recht! Von Thomas Korschil und Eva Simmler, www.artikel7.at; FAQ, von Stefan Hafner und Alexander Binder.