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Ausgabe 2/06


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Sind 15 Jahre genug?

Vergangenheitsbewältigung in der litauischen Geschichtswissenschaft

 

 

Vor knapp 20 Jahren läutete Gor­batschows Perestroika und die damit ausgelöste Unabhängigkeitsbewegung im Baltikum das Ende der Sowjetunion ein. Gerade die Zeit des Zweiten Weltkriegs, die Einverleibung der Baltischen Staaten in die Sowjetunion 1940, die deutsche Besatzung 1941-1944 und die darauf folgende erneute sowjetische Okkupation mit den stalinistischen Massendeportationen nach Sibirien waren wesentliche Motivationsfaktoren der bal­tischen Protestbewegung.

 

Seit nunmehr 15 Jahren gehört die UdSSR der Vergangenheit an und bal­tische Historiker können ohne politische Vorgaben, bewussten Verfälschungen und Einflussnahmen aus Moskau die Geschichte ihrer Länder erforschen. Mit dieser neu gewonnenen Freiheit umzu­gehen war indes ein schwieriger und langwieriger Prozess, der bis heute an­hält.

 

 

Kehrtwende in der litauischen Historiographie

 

Mit der Unabhängigkeitsbewegung setzte im Baltikum die Abkehr von der bisherigen sowjetischen Geschichts­schreibung ein. Plötzlich war es mög­lich über bis dahin verbotene Themen zu schreiben: den antisowjetischen Aufstand bei Ausbruch des Krieges, die Versuche zur Wiedererrichtung der Unabhängigkeit, die stalinistischen Repressionen nach dem Krieg und den be­waffneten antisowjetischen Kampf der sog. „Waldbrüder", der in Litauen fast bis Mitte der 50er-Jahre andauerte.

 

Unterstützt von der öffentlichen Mei­nung und von den neuen politischen Entscheidungsträgern schwenkten die baltischen Historiker in eine mytholo­gisierende identitätsstiftende nationale Geschichtsdarstellung ein. Dem vorherr­schenden patriotisch-nationalistischen Geist entsprechend griff man, vor allem was die Zeitgeschichte betraf, auf bereits existierende, oft wenig wissenschaft­liche, dafür übertrieben nationalistische Exil-Literatur zurück und übernahm auch deren auf die litauische Opferrolle aus­gerichtete Argumentationsmuster. Die bisher einzig gültige sowjetische Geschichtsschreibung wurde dagegen pauschal als „falsch" bzw. „gefälscht" verworfen.

 

 

Gegenseitige Vorwürfe der Kollaboration

 

Gleichzeitig zu den bewusst nationalen Argumenten fanden aber auch schwere Kollaborations-Vorwürfe in Bezug auf die Ermordung der litauischen Juden erst­mals ihren Weg in die ehemalige Sow­jetrepublik. Ein ebenfalls schon aus dem Exil bekannter Konflikt führte nun auch in Litauen zu verhärteten Fronten. Jüdische Organisationen und Wissenschafter be­schuldigten die Litauer, überspitzt for­muliert, ein Volk von Massenmördern zu sein, während von litauischer Seite die Kollaboration am Holocaust herunterge­spielt wurde und ihrerseits der Vorwurf erhoben wurde, die litauischen Juden hätten an der Errichtung des sowjetisch-stalinistischen Terrorregimes in Litauen 1940 federführend mitgewirkt. Das Ste­reotyp vom Juden als Kommunisten war in Litauen wieder weit verbreitet. Man stieß sich besonders daran, dass die neuen Helden der nationalen (bewusst antisowjetischen) Geschichtsdarstellung über den Vorwurf der Nazi-Kollaboration verunglimpft werden sollten.

 

In dieser Atmosphäre des patriotisch­nationalistischen Auflebens war kein Platz für eine rationale objektiv-selbst-kritische Analyse der historischen Er­eignisse. Nun übernahm die öffentliche Meinung, zum Teil mit offener Unter­stützung durch die Politik, die Zensur, die früher von der Kommunistischen Partei ausgegangen war. Viele nicht in das patriotische Konzept passende Fakten wurden als sowjetische Überbleibsel abgetan und aus dem histo­rischen Gedächtnis „gelöscht". Kritische Anmerkungen zur eigenen Geschichte wurden in Zeitungsrezensionen zerfetzt, die Autoren als „Un-Patrioten" verleum­det. Was sicher auch für Litauen zutrifft, drückt Mavriks Vulfsons für Lettland so aus: „Es entst[anden] bestimmte Schab­lonen: Wer die Juden (oder die Russen) verteidigt, ist ein schlechter Lette."1

 

Dieser massive gesellschaftliche Druck war für die Entwicklung einer kri­tischen Geschichtswissenschaft alles andere als förderlich und bedrohte zum Teil sogar die finanzielle Lebensgrund­lage allzu kritischer „unpatriotischer" Historiker. Dies war einer der Gründe, warum über Jahre hindurch nur wenig an diesem politisierten Geschichts-Dogma gerüttelt wurde.

 

 

Die historiographische Wende

 

Ende der 1990er kam jedoch lang­sam ein Umdenkprozess in Gang, der bis heute anhält: Es finden sich immer mehr vor allem junge litauische Histo­riker, die der eigenen Geschichte deut­lich kritischer gegenüberstehen. Auch jüdische Themen werden zusehends von Litauern erforscht. In Bezug auf die deutsche Besatzung Litauens kann man feststellen, dass auf polemisierende Rechtfertigungen und einseitige Schuld­zuweisungen immer mehr verzichtet wird, dass nicht mehr versucht wird, die Zahl der Mittäter herunterzuspielen, oder dass die Rolle des antisowjetischen Auf­stands auch auf seine Schattenseiten wie seinen zum Teil programmatischen Antisemitismus hin untersucht wird.

 

 

Was sind die Auslöser für diesen Um­denkprozess?

 

Zum einen der Druck von außen, auch verbunden mit finanzieller Förde­rung sich der dunklen Flecken der li­tauischen Vergangenheit anzunehmen. Zum anderen ein Umdenken innerhalb der Historikergemeinde selbst. Konfron­tiert mit massiver Kritik versuchte man Beweise für die eigene Argumentation zu suchen.

 

Die Resultate lassen sich sehr schön an einem Zitat des Historikers Luidas Truska zeigen. In Bezug auf die jüdische Kollaboration am Sowjetregime sagt er: „Die Ergebnisse der Untersuchungen haben mich als Litauer tief bewegt: Ich konnte während der Okkupation und An­nexion Litauens keinen Verrat der Ju­den finden, sondern musste eher ein unschönes Verhalten der Angehörigen meines eigenen Volkes feststellen"2.

 

 

Obwohl der Weg zu einer umfas­senden Aufarbeitung der deutschen Be­satzung in Litauen noch weit ist, darf man nicht vergessen, dass vor der his­torischen Wissenschaft, neben den vier Jahren deutscher Besatzung, auch noch mehr als 50 Jahre unaufgearbeiteter sowjetischer Okkupation liegen - ein The­ma, das in der litauischen Gesellschaft ungleich brisanter ist. Die menschlichen und finanziellen Ressourcen sind be­grenzt. Ein hoffnungsvoller Anfang ist jedenfalls gemacht.

 

 

Philipp Herzog

 

Gedenkdienst in Vilnius 2002/03, dissertiert zu bal­tischer Zeitgeschichte

 

1  Vulfsons, Mavriks: Das lettische Nationalgefühl und die Juden in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 43/4 (1995)8.355

 

2   Truska, Liudas: Litauische Historiographie über den Holocaust in Litauen in: Bartusevicius, Vincas; Tauber, Joachim; Wette, Wolfram (Hg.): Holocaust in Litauen. Krieg, Judenmord und Kollaboration im Jahre 1941 (Köln 2003) S. 269