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Ausgabe 3/06


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Eine Inventur des Volkskörpers

Die „erbbiologische Bestandsaufnahme" des Wiener Gesundheitsamtes*

 

 

Die „erbbiologische Bestandsaufnah­me" stellte eine der grundlegenden Vo­raussetzungen für die praktische Durch­führung der nationalsozialistischen Rassenhygiene dar. In akribischer Erfassungstätigkeit trugen die Gesund­heitsämter alle verfügbaren gesundheit­lich und sozial relevanten Informationen über die Bevölkerung zusammen und registrierten sie in einer zentralen Kartei, um den „Erbwert" jeder einzelnen Per­son jederzeit feststellen und Maßnah­men im Gesundheits- und Sozialwesen daran ausrichten zu können. Alleine in Wien kamen auf diese Weise mehr als 700.000 Karteikarten zusammen, womit sich die Wiener Gesundheitsbeamten rühmen konnten, über eine der größten Erbkarteien des Dritten Reichs zu ver­fügen.

 

Ein wesentliches Element der nati­onalsozialistischen Biopolitik bestand somit in der Konstituierung eines Archi­vs, das die bürokratischen Spuren ver­gangener Normabweichungen registrier­te, kumulierte, zuordnete und in Zeichen der erbbiologischen „Minderwertigkeit" übersetzte. Dieser vorelektronische Erfassungsapparat arbeitete mit erstaun­licher Effizienz, denn er band das ge­samte biopolitische System (Wohlfahrt, Gesundheitswesen, Schulwesen) in die Produktion jenes Wissens ein, das in der Zentralkartei seinen konzentrierten Niederschlag finden sollte. Neben exi­stierenden Archiven, die systematisch ausgewertet wurden, spielten vor allem medizinische Reihenuntersuchungen ei­ne Rolle, die ständig große Zahlen von Menschen erfassten. Darüber hinaus trug jeder Vorgang im weit verzweigten System des öffentlichen Gesundheits­dienstes zur Ergänzung der Kartei bei, die eine vollständige Inventarisierung der einzelnen Glieder der „Volksgemein­schaff anstrebte, ihrer Schwächen und ihres „Erbwertes". Vielfältige Untersu­chungstechniken rangen den individu­ellen Körpern Zeichen ihres Wertes oder Minderwertes ab, registrierten sie in dem ausgreifenden System der Gesund­heitsbürokratie und trugen so zur Kon­struktion der Kategorie „erbbiologisch minderwertig" bei. Die Sippenkartei organisierte die Informationen entlang von Verwandtschaftslinien, wodurch die biologistischen Grundannahmen der NS-Rassenhygiene in die Struktur der Kartei eingeschrieben waren. Diese wur­den zu ihrem inhärenten Prinzip, das zunehmend unabhängig vom Zutun der diversen Zuträgerinnen seine stigmati­sierende Wirksamkeit entfaltete.

 

 

Die Durchführung in Wien

 

Die Abteilung „Erb- und Rassenpfle­ge" des Wiener Hauptgesundheitsamtes nahm im Februar 1939 unter der Leitung des SS-Arztes Dr. Arend Lang die Ar­beit an der „erbbiologischen Bestands­aufnahme" auf. Zahlreiche Institutionen kamen als Quellen in Betracht: Heil- und Pflegeanstalten, Trinkerheilstätten, Blin­den- und Taubstummenanstalten, Krüp­pelheime, Hilfsschulen, Erziehungsan­stalten, Arbeitshäuser, Zuchthäuser, Fürsorgeheime, karitative Verbände und Kliniken. Darüber hinaus wollte Lang Entmündigungsakten, „Akten der Wohl­fahrtsämter über Asoziale" und Meldeun­terlagen über Häftlinge auswerten.

 

Die Liste der ausgewerteten Akten­bestände zeigt deutlich, wer in erster Li­nie ins Visier der NS-Erbfahnder geriet. Durch die systematische Verarbeitung der Aufzeichnungen von Gesundheits-, Wohlfahrts- und Polizeibehörden wa­ren gerade jene Personen besonders gefährdet, die bereits vor 1938 als ge­sellschaftliche Außenseiter stigmatisiert waren: „Polizei Sanitäts-Department (ca. 60.000 Geisteskranke und Psy­chopathen), Trinkerkataster (40.000), Prostituiertenkataster (ca. 60.000), Zentral-Kinderübernahmsstelle (40.000 vorwiegend schwer erziehbare und psy­chopathische Kinder aus asozialen Familien), Steinhof (120.000 Einzelfälle), l. und II. Hautklinik (8.000 Gonorrhoetiker und Ljetiker), Hilfsschulen und Sonder­schulen (etwa 12.000 Einzelfälle) - Alle Schüler, die jemals in Wien eine Hilfs- oder Sonderschule besucht haben, sind erfasst und zwar zum Teil zurückreichend bis zum Jahre 1804 -, Polizei-Passamt (Juden und andere Fremdrassige und Mischlinge ca. 3.000), Gauleitung der NSDAP (Juden und Juden-Mischlinge ca. 3.000)".

 

In den folgenden Monaten trieb das Gesundheitsamt die Erweiterung der Kartei durch Erschließung immer neuer Unterlagen und durch die Einarbeitung der laufenden Untersuchungsergebnisse der Bezirksgesundheitsämter und Für­sorgestellen rasch voran. Hier sind zum Beispiel die Untersuchungen im Rahmen der Vergabe von Ehestandsdarlehen zu nennen, denen sich 1938 allein in der Ostmark fast 22.000 Paare unterzogen. In einem Dokument vom März 1941, also rund zwei Jahre nach Beginn der Arbeit, ist bereits von 500.000 Karten in der Zentralkartei am Schottenring die Rede. Im März 1944 erreichte die Erfas­sungstätigkeit mit 767.000 den höchsten dokumentierten Stand.

 

In einem Brief an Heinrich Himmler strich Reichsärzteführer Leonardo Conti 1942 die Erfolge der „erbbiologischen Bestandsaufnahme" im Deutschen Reich heraus: Die Gesundheitsämter hätten bereits zehn Millionen erbbiologischer Karteikarten angelegt, in denen „schon heute ein großer Teil der negativen und belastenden Dinge über jeden Deut­schen" niedergelegt sei. Der Reichsgau Wien mit rund 770.000 registrierten Per­sonen lag bei der Durchführung der „erb­biologischen Bestandsaufnahme" zwar mit an der Spitze, die erreichte hohe Erfassungsdichte der Bevölkerung im Deutschen Reich stellte aber durchaus keine Ausnahme dar. Eine Besonderheit ist jedenfalls darin zu sehen, dass dieser enorme Arbeitsaufwand innerhalb we­niger Jahre (zu zwei Dritteln zwischen 1939 und 1941) bewältigt wurde - ein deutliches Zeichen für die hohe Priorität des Projekts in den Augen der Wiener Gesundheitspolitiker.

 

Die Bedeutung dieser globalen Zahlen wird jedoch erst anhand einer qualitativen Analyse der „Erbgesund­heitspolitik" sichtbar. Die medizinische Registrierungswut stellte schließlich kei­nen Selbstzweck dar, sondern fand in einem breiten Spektrum konkreter Maß­nahmen gegen die Betroffenen ihren Niederschlag. Dieses reichte von der Diskriminierung bei der Vergabe von So­zialleistungen (Fürsorgeunterstützung, Ehestandsdarlehen, Kinderbeihilfen etc.) über Eheverbote, Einleitung eines Sterilisationsverfahrens, Einweisung von „Asozialen" in ein Arbeitslager bis hin zu Meldungen an das Gutachtergremium der „Kindereuthanasie".

 

 

Zur quantitativen Dimension der „Erbgesundheitspolitik" in Wien

 

Der Diskurs der „Rassenhygiene" war geeignet, umfassende Definitions- und Interventionsansprüche der erbbiolo­gischen Experten zu legitimieren. Durch die Einbeziehung naturwissenschaftlich nicht fassbarer sozialer Kriterien war po­tenziell ein großer Teil der Bevölkerung in Gefahr, als „erbbiologisch minderwertig" definiert und entsprechend verfolgt und diskriminiert zu werden.

 

Der Leiter des Wiener Gesundheits­amtes Hermann Vellguth äußerte sich 1943 allerdings eher zurückhaltend zur Frage der Zahl der „Erbuntauglichen" in Wien. Er verwahrte sich ausdrücklich ge­gen eine ihm zugeschriebene Schätzung von 300.000 Wiener „Asozialen", die er auf eine Fehlinterpretation der Zahl der in der „Erbkartei" erfassten Personen zurückführte. Vellguth selbst wollte sich zwar auf keine genaue Zahl festlegen, verwies aber auf eine eigene Studie in Berlin, wo er einen Anteil von 3 bis 4 Prozent „erblich Minderwertiger" an der Gesamtbevölkerung festgestellt hatte. Die Zahl hielt er zwar für wesentlich zu niedrig, wollte sie aber doch als „größen­ordnungsmäßigen Anhaltspunkt" gelten lassen. Gleichzeitig betonte er, dass die in der Wiener „Erbkartei" erfassten Personen (zu diesem Zeitpunkt bereits annähernd 700.000) „zum weitaus größ­ten Teil Personen minderen erblichen Wertes sind". Die Schwierigkeit einer genauen Schätzung bestand u. a. da­rin, dass sich die erfassten Personen nur zum Teil mit der Wohnbevölkerung Wiens deckten - die Kartei enthielt An­gaben über Verstorbene und Verzogene ebenso wie über Verwandte von in Wien lebenden Personen, die im Rahmen der „Sippenforschung" in die Kartei aufge­nommen worden waren.

 

Diese enorme Schwankungsbreite bei den Angaben zur Zahl der „Minder­wertigen" ist kein Zufall. Einerseits ging es den Praktikern der „Rassenhygiene" darum, sich einen möglichst großen Spielraum für ihre biopolitischen Inter­ventionen zu sichern. Andererseits hing die Durchsetzbarkeit der „Erbgesundheitspolitik" auch immer davon ab, be­stimmte Zielgruppen für konkrete Maß­nahmen möglichst genau zu definieren, wobei medizinische Diagnosen - in die regelmäßig soziale Werturteile und ras­sistische Zuschreibungen einflossen - die Definitionen absicherten. Giorgio Agamben hat darauf hingewiesen, dass die biopolitischen Grenzen, die zwischen erwünschtem und unerwünschtem Le­ben gezogen werden, immer beweglich sind. Aus dem Kontinuum des Lebens wird ein lebensunwerter Rest heraus­geschnitten, dem menschliche Eigen­schaften abgesprochen werden. Durch die Vernichtung dieses residuellen Le­bens verschiebt sich die Grenze und immer neue Personengruppen verfallen dem biologischen Vernichtungsurteil. Andreas Heinz hat diese Dynamik fol­gendermaßen beschrieben:

 

„Die negative Konstitution der Volks­gemeinschaft ist also vom ständigen Zerfall bedroht. [...] Da sich die Wertzuschreibung der Volksgenossen aus der Entwertung der Gesellschaftsfeinde ergibt, ist sie auf die Existenz dieser Feinde angewiesen. Deshalb darf die Entlarvung und Bekämpfung der Ge­sellschaftsfeinde auch gar nicht an ihr Ende kommen. [...] Die Konstruktion der Volksgemeinschaft bedarf der Differenz zu den Minderwertigen. Ihre Ausmerze schafft ein Vakuum, das durch neue For­men minderwertigen Lebens gefüllt wer­den muss, um die brüchige Identität der Volksgenossen nicht zu gefährden. Je effektiver die Vernichtungsmaschinerie arbeitet, desto größer wird ihr Bedarf."

 

Die nationalsozialistische „Erbge­sundheitspolitik" verfügte also über ein erhebliches Radikalisierungspotenzi­al, das über die tatsächlich realisierten Maßnahmen hinausweist. Das Projekt lässt sich mit folgenden Stichwörtern um­reißen: panoptische Transparenz, Zen­tralisierung, kumulative Stigmatisierung, Individualisierung und Regulierung.

 

Die erbbiologische Kartei bildete ein biopolitisches Pendant zum Panoptikum der klassischen Disziplinargeseilschaft. Das Panoptikum ist eine optische Ma­schine, die die ihr unterworfenen Indi­viduen voneinander isoliert und gleich­zeitig dem Blick einer zentralen Macht aussetzt, die selbst für sie unsichtbar ist. Die Erbkartei hatte einen ähnlichen Effekt: Sie garantierte die permanente Sichtbarkeit der stigmatisierenden Mar­kierungen der Individuen von einem zen­tralen Ort aus und sicherte durch die Geheimhaltung, der das gesamte Unter­nehmen unterlag, das für Interventionen nötige Machtgefälle ab: Der Amtsarzt, der einem Klienten/einer Klientin gegen­übersaß, hatte sämtliche Spuren, die die Vorfahren in den Archiven hinterlassen hatten, zu seiner Verfügung.

 

Auf der Seite der Macht führte die Kartei zu einer Konzentration und Zen­tralisierung des für konkrete rassen­hygienische Interventionen relevanten Wissens. In der Folge kam die Abtei­lung „Erb- und Rassenpflege" mit einer äußerst geringen Zahl von Ärzten aus. Diese konnten sich auf die Ausübung der erbbiologischen Definitionsmacht und die Steuerung von Maßnahmen beschränken, deren Ausführung in den Händen des weit verzweigten Apparates der Gesundheitsbehörden lag. Die Not­wendigkeit dazu ergab sich wohl nicht zuletzt aus dem Mangel an ärztlichem Personal, der nach der Vertreibung der jüdischen Ärztinnen und Ärzte zu den strukturellen Merkmalen des NS-Gesundheitswesens gehörte und sich durch den Krieg laufend verschärfte. Die einheitliche Durchsetzung einer Politik, die durchaus nicht bei allen Amtsärzten oberste Priorität genoss, dürfte ein wei­terer Faktor gewesen sein.

 

Die Erbbestandsaufnahme beruhte wesentlich auf einem Mechanismus der kumulativen Stigmatisierung, die über den „Sippenzusammenhang" konstruiert wurde. Durch die systematische Auswer­tung vorhandener Aufzeichnungen aus allen möglichen Bereichen der Wohl­fahrt und der Polizei erzeugte die Erbbe­standsaufnahme ein wesentliches Ele­ment der Kontinuität über den Regime- und Paradigmenwechsel 1938 hinweg. Die bürokratischen Niederschläge aus Jahrzehnten der polizeilichen und fürsorgerischen Kontrollarbeit wurde auf diese Weise in die Dienste der Erb- und Ras­senpflege gestellt. Indem vergangene Markierungen aktualisiert und neu ein­geschrieben wurden, entfaltete die Stig­matisierung ihre Wirkung über mehrere Generationen hinweg.

 

Paradoxerweise führt die auf das „Volksganze" orientierte Erbgesund­heitspolitik zu einem Regime der Indi­vidualisierung. An der Erbbestandsauf­nahme tritt diese Tendenz deutlich zu Tage. Hier wird eine „Wahrheit" über jedes Individuum produziert, indem verschiedenste Mechanismen der me­dizinischen Stigmatisierung (Diagnose) koordiniert und zusammengefasst wer­den. Vereinzelte Individuen standen einer Bürokratie gegenüber, die über die Definitionsmacht bezüglich ihres „Wer­tes" für den organisch und ganzheitlich gedachten „Volkskörper" verfügte und ihnen einen genau definierten Ort in der rassistisch und eugenisch definierten Werthierarchie zuschrieb. Das Ziel war eine Individualisierung von (positiven und negativen) Maßnahmen und eine Effizienzsteigerung im Sinne des rassenhygienischen Paradigmas. Es galt die Bevölkerung transparent zu machen und der biopolitischen Intervention am Volkskörper konkrete Angriffspunkte zu schaffen. Die Erbkartei wurde so zum bürokratischen Bindeglied zwischen individuell-physischem und gesellschaftlich-symbolischem Körper.

 

Die Dichotomie von Förderung/Aus­merze allein wird der komplexen Pra­xis der „Erb- und Rassenpflege" nicht gerecht. Tatsächlich ging es um eine permanente Modulierung und Regu­lierung von Interventionen, die auf ein breites Spektrum von Verhaltensweisen - nicht nur die Fortpflanzung betreffend - zielten. In dieser Hinsicht weist die Erbbestandsaufnahme durchaus in die Gegenwart biopolitischer Regulierungs­mechanismen (Stichwort: „liberale Eu­genik"), auch wenn die Vorzeichen, unter denen diese stattfinden, radikal andere sind.

 

 

Herwig Czech,

 

Historiker

 

Literaturhinweise

 

CZECH, Herwig: Erfassung, Selektion und „Ausmerze". Das Wiener Gesund­heitsamt und die Umsetzung der natio­nalsozialistischen „Erbgesundheitspoli­tik" 1938 bis 1945. Wien 2003

 

HEINZ, Andreas: Psychopathen und Volksgenossen. Zur Konstruktion von Rasse und Gesellschaftsfeinden, in: KOPKE, Christoph (Hg.): Medizin und Verbrechen. Ulm 2001, S. 22-43

 

ROTH, Karl Heinz: „Erbbiologische Be­standsaufnahme". Ein Aspekt „ausmer­zender" Erfassung vor der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges, in: ROTH, Karl Heinz (Hg.): Erfassung zur Vernichtung. Von der Sozialhygiene zum „Gesetz über Sterbehilfe". Berlin 1984, S. 57-100

 

SELIGER, Mären: Die Verfolgung norm­abweichenden Verhaltens im NS-Sy-stem. Am Beispiel der Politik gegenüber „Asozialen" in Wien, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 1991, S. 409-429

 

*Gekürzte Fassung eines Vortrags vom 18. Oktober 2006 im Wiener Depot im Rahmen der von Gedenkdienst veranstalteten Reihe Ge-Denken. Eine ungekürzte und überarbeitete Fassung wird im Frühjahr in dem Band Eugenik in Österreich. Biopolitische Methoden und Strukturen von 1900-1945 (herausgegeben von Thomas Mayer, Veronika Hofer und Gerhard Baader) bei Czernin erscheinen.