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Ausgabe 3/06


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„Outreach-Program“ am US Holocaust Memorial Museum

Gedenkdienstleistende helfen bei der Suche nach Holocaustüberlebenden

 

 

Das United States Holocaust Memori­al Museum in Washington, D.C. versucht durch eine Datenbank Informationen zu den Überlebenden des Holocausts zu sammeln. Die Abteilung der „Registry of Holocaust Survivors" möchte damit Angehörigen von vermissten Personen und Überlebenden selbst die Möglichkeit bieten, Verwandte und Bekannte wiederzufinden.

 

Das Museum würdigt jene Personen jüdischer und nichtjüdischer Abstam­mung als Überlebende, die zwischen 1933 und 1945 vom NS-Regime und seinen Verbündeten aus rassischen, religiösen, ethnischen bzw. politischen Gründen vertrieben, verfolgt, gefangen genommen wurden oder unter anderen Formen der Diskriminierung zu leiden hatten. Unter den Überlebenden befin­den sich neben ehemaligen Häftlingen der Konzentrations- und Vernichtungs­lager, Ghettos und Gefängnisse auch diejenigen Personen, die dem National­sozialismus frühzeitig entkommen sind oder sich vor ihm verstecken konnten. Holocaustüberlebende können auch posthum in das Verzeichnis aufgenom­men werden.

 

Die Aufnahme in die Datenbank dient sowohl dem Gedenken an die Opfer als auch der geschichtlichen Aufarbeitung und bietet Besucherinnen des Museums die Möglichkeit, sich über individuelle Schicksale zu informieren. Das Namens­verzeichnis ist eine wichtige Quelle für Historiker und Ahnenforscher. „Die Datenbank ist eine der umfangreichsten Namenslisten zu Holocaustüberleben­den auf der Welt, sie enthält bisher Infor­mationen zu über 195.000 Überlebenden und ihren Familien und hat schon zehntausenden Menschen dabei geholfen, die Schicksale der eigenen Familienmit­glieder zu erforschen", beschreibt Jaime Monllor, Projektleiter der Survivors Re­gistry, den Erfolg dieser Initiative.

 

Selbstverständlich werden nicht alle in der Datenbank enthaltenen Informati­onen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Adresse oder Telefonnummer werden weder publiziert noch an Dritte weitergegeben. Besucher können dennoch Nach­forschungen betreiben - ein Teil des Ausstellungsbereichs im USHMM ist der Survivors Registry gewidmet. In diesem Teil des Museums, dem s.g. „Wexner Learning Center" kann man elektronische Namensrecherchen betreiben oder auch nach bestimmten Orten suchen (wenn man beispielsweise den Heimatort eines Überlebenden kennt). Man erfährt, in welchen Lagern die betreffende Person inhaftiert war oder in welche Länder sie flüchtete. Jede der von der Datenbank verzeichneten Geschichten ist auf ihre Art bemerkenswert und beeindruckend. Für die Besucherinnen macht das die die Vergangenheit besser greifbar.

 

Viele holocaustbezogene Institu­tionen verfügen über eigene, kleinere Datenbanken zu Überlebenden. Eine Vernetzung - die zweifellos sachdienlich wäre - ist aber nicht möglich, da Infor­mationen dieser Art aus datenschutz­rechtlichen Gründen nicht weitergege­ben werden dürfen. Das US Holocaust Memorial Museum kann also nicht auf die von anderen Initiativen erhobenen Daten zurückgreifen, sondern alle Infor­mationen, die ihren Weg in die Survivors Registry finden, müssen von den Über­lebenden oder ihren Angehörigen selbst stammen.

 

Auf der Suche nach neuen Regis­trierungen empfiehlt es sich daher den direkten Kontakt mit den Holocaustüber­lebenden zu suchen. Deshalb habe ich in Zusammenarbeit mit der Registry of Holocaust Survivors ein neues „Outreach-Program“ gestartet. Primäres Ziel dieses Projekts ist es mithilfe meiner Gedenkdienst-Kolleglnnen Kontakt zu Überlebenden herzustellen, die noch nicht registriert sind.

 

Inzwischen ist das „Outreach-Program“ des Jahrgangs 2006/2007 auch schon angelaufen und es haben sich bereits drei gute Kooperationen entwi­ckelt. Johann Kirchknopf, der seinen Gedenkdienst am London Jewish Cultural Centre leistet, hat sofort seine Hilfe angeboten. Die Registrierungsformulare der Survivors Registry habe ich bereits nach London gesendet und er wird sie in den nächsten Tagen an die 66 Über­lebenden in der Umgebung Londons weiterleiten, die sich auf der Adressen­liste des LJCC befinden. Eine ebenso erfreuliche Zusammenarbeit gibt es mit dem Gedenkdienstleistenden an der Fundación Memoria del Holocausto in Buenos Aires, Roman Kaiser-Mühlecker. Die Fundación steht in Kontakt mit über 160 österreichischen Emigrantinnen in Argentinien und wir werden in den näch­sten Wochen auch diese Personen kon­taktieren. Meine Kollegen Thomas und Emil Rennert am Leo Baeck Institute in New York City werden mich ebenfalls­unterstützen, da sie mit Überlebenden und österreichischen Auswanderinnen in regelmäßigem Kontakt stehen. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir diese Zu­sammenarbeit in den nächsten Monaten weiter ausbauen können.

 

Projektleiter Jaime Monllor weiß das gut funktionierende Gedenkdienst-Netzwerk sehr zu schätzen und betont den Stellenwert internationaler Zusammen­arbeit für die Arbeit der Survivors Regis­try: „Das Museum stützt sich bereits auf verschiedene Partnerschaften weltweit, die uns helfen weitere Überlebende zu erreichen. Im Moment stehen wir in Ko­operation mit Organisationen in Argen­tinien, Deutschland, Italien, Österreich und Uruguay, die uns bei unserem Pro­jekt unterstützen."

 

Auch meine Tätigkeit für das „Center for Advanced Holocaust Studies" bringt mich ständig mit Überlebenden in Kon­takt und meine Vorgänger in Washington konnten viele Freundschaften mit österreichischen Emigrantinnen in den USA schließen. So versuche ich auch diese Damen und Herren bei der Registrierung zu unterstützen oder leite ihre Kontaktin­formationen an die Registry of Holocaust Survivors weiter.

 

Für alle Interessenten bietet die Inter­netsite www.ushmm.org/registry weiterführende Informationen, zudem stehen Registrierungsformulare in 17 Sprachen zum Download bereit. Die Arbeit der Registry of Holocaust Survivors erachte ich als sehr bedeut­sam und freue mich, dass ich durch meine Mitarbeit in dieser Abteilung mein Tätigkeitsfeld am USHMM um einen äu­ßerst spannenden Teilbereich erweitern konnte. Auch weil viele Holocaustüber­lebende mittlerweile in hohem Alter sind und die Chance ergriffen werden muss, ihre bemerkenswerten Geschichten und Schicksale für die Zukunft festzuhalten.

 

Harald Edinger

 

Gedenkdienstleistender am USHMM in Washington, D.C.