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Ausgabe 3/06


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Der Lateinamerikanische Kongress für Holocaust-Education

Von 25. bis 27. Oktober fand in Bue­nos Aires ein von der Fundación Memoria del Holocausto (FMH) organisierter und von der AMIA (Asociación Mutual Israelita Argentina) mitgetragener Kon­gress statt, der sich dem Status quo und den Perspektiven der Holocaust-Educa­tion in Lateinamerika widmete. Eingeladen waren mehr als 250 Forscherinnen, Professorinnen und Dozentinnen aus aller Welt, um über soziale,   politische und kulturelle Aspekte der Holocaust-Education zu diskutieren. Ort der Veran­staltung war das Museo del Holocausto, das stiftungseigene Gebäude der FMH. Als Ziele des Kongresses wurden un­ter anderem formuliert:

 

  • Konzeptuelle   und   pädagogische Werkzeuge für Holocaust-Education zur Verfügung zu stellen.
  • Engagement für ein multikulturelles Zusammenleben fernab von Xeno­phobie und Rassismus zu stimulie­ren.
  • Das Kommunikationsnetz zwischen den einzelnen (nicht nur lateiname­rikanischen) Institutionen dichter zu spinnen.

 

Dem Kongress war ein Jahr inten­siver Vorbereitung eines eigens dafür eingerichteten Komitees vorangegan­gen. Langfristiges Ziel ist es gemäß der Presseaussendung zum Kongress, eine offene Plattform für Holocaust-Education in Lateinamerika zu installieren.

 

Tatsächlich spielt das Holocaustmu­seum in Buenos Aires im regionalen Kontext eine herausragende Rolle. Es ist nicht nur das größte, sondern auch das bei weitem aktivste Museum seiner Art. Hinter ähnlichen Projekten in anderen Ländern Südamerikas stehen in den we­nigsten Fällen gefestigte Institutionen. Es mangelt an der nötigen Infrastruktur und an verlässlichen Einnahmequellen, um konstant und nachhaltig Unterneh­mungen realisieren zu können.

 

 

Die Shoa - primär ein Thema für Juden?

 

Ein weiteres Problem der Holocaust-Education in Lateinamerika ist, dass so gut wie alle Projekte, die sich mit der Shoa beschäftigen, von der jüdischen Community selbst initiiert werden und sich die Zahl der interessierten Personen ohne jüdischen Hintergrund oft in Gren­zen hält. Die FMH versteht sich zwar auch als ein Zentrum für Holocaustüber­lebende, versucht aber durch eine ver­stärkte Ausrichtung auf nicht-jüdisches Publikum eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Man treibt den Ausbau der Bibliothek voran und hat gleichzeitig ei­ne Mediathek angelegt. Die Säle des Museums werden verstärkt für Vorträ­ge und Präsentationen genutzt, jeden Donnerstag werden Filme gezeigt, die sich mit der Thematik befassen. Gene­rell versucht man in allen Aktivitäten ei­nen Bezug zu aktuellen antisemitischen, rassisistischen und fremdenfeindlichen Tendenzen herzustellen. Trotz allem, die Mehrheit der argentinischen Bevölke­rung sieht den Holocaust als rein eu­ropäische Angelegenheit. Man ist weit weg von den Schauplätzen der Shoa, und es fällt schon schwer genug die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Viele Verbrecher der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 sind nach wie vor auf freiem Fuß. Mitte September ist ein Kronzeu­ge der Prozesse gegen die damaligen Machthaber auf mysteriöse Weise ver­schwunden. Wenn man so weit von der Lösung seiner eigenen geschichtlichen Konflikte entfernt ist, warum sollte man sich dann ausgerechnet mit der Vernich­tung des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkriegs beschäftigen? Das Wissen um die Beziehung Argentiniens zu NS-Deutschland sowie um die Asyl­politik des peronistischen Regimes nach Kriegsende (Stichwort „Eichmann") ist durchaus vorhanden, aber man versucht keine Verbindungen zwischen diesen Tatsachen und antisemitischen und pro­faschistischen Strömungen in der dama­ligen argentinischen Gesellschaft her­zustellen. Antisemitismus ist auch heu­te nichts Unbekanntes in Argentinien. Immer wieder werden Meldungen über offensichtliche Akte der Diskriminierung gegenüber Juden und Jüdinnen bekannt gegeben Jüdische Einrichtungen erhal­ten Drohbriefe, und Hakenkreuze an Hausmauern sind keine Seltenheit. Die Gründe für die Aversionen sind die altbe­kannten: Juden hätten zu viel Einfluss in der Gesellschaft (sagen immerhin 25% der Argentinier)1, wären zu reich, würden als Kriegstreiber agieren, etc.

 

Die AMIA verzeichnet in ihrem der­zeitigen Antisemitismusbericht einen Anstieg von 174 gemeldeten antisemi­tischen Delikten im Jahr 2004 auf 373 im Jahr 2005. Die Reaktionen der Re­gierung auf diese Entwicklung sind ambivalent. Zwar treibt sie die lange ver­schleppte Aufklärung der verheerenden Anschläge auf die Israelische Botschaft (1992) und auf die AMIA (1994) voran, negiert jedoch andererseits den offen­sichtlichen Antisemitismus in Argenti­nien. Staatspräsident Nestor Kirchner meinte unlängst, dass die diversen Ak­te von Judenfeindlichkeit das Werk von Einzelpersonen seien. Die Argentinier seien „Menschen des Friedens und der Liebe, die alle Rassen lieben und vertei­digen"2. (Das Wort „Rasse" ist übrigens auch in Argentinien keineswegs politisch korrekt!) Antisemitismus sei ein Verbre­chen und man würde alles gegen die Verbreitung dieses Gedankenguts unter­nehmen. Kurz darauf wurde tatsächlich die pronazistische Partei „Partido Nuevo Triunfo" eines gewissen Alejandro Car­los Biondini verboten.

 

In diesem Sinne entschloss sich die Regierung auch dazu, den Kongress für Holocaust-Education symbolisch zu unterstützen. Mit dem Minister für Au­ßenbeziehungen Jörge Taiana und dem Bildungsminister Daniel Filmus waren zwei hochrangige Vertreter der natio­nalen Regierung bei der Eröffnungs­feier vertreten. Sie ließen verkünden, dass man die (seit Kirchner verplichtende) Einbeziehung des Holocausts in die Lehrpläne der Schulen als einen wesentlichen Punkt in der Politik des Menschenrechtsschutzes ansehe und dass man die Bemühungen des Museo del Holocausto um einen internationa­len, wissenschaftlichen Austausch über dieses Thema begrüße.

 

Die ersten Schritte eines langen Weges sind gesetzt, eine Neuauflage des Kongresses im nächsten Jahr ist im Gespräch ...

 

Roman Kaiser-Mühlecker,

 

derzeit Gedenkdienstleistender an der FMH, Buenos Aires

 

1   "Los  prejuicios que todavla sufre la comunidad judia", in: Pägina/12, 22.8.00

 

2   "El gobierno dice que no hay un re­brote antisemita en Argentina", in: darin, 16.9.06