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Ausgabe 3/06


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Gedenkdienst, Skateboard, Jurisprudenz. Ein Porträt von Gregor Ribarov

Die Eckdaten: Zweieinhalb Jahre, von März 2004 bis vergangenen Oktober, übte Gregor die Funktion des Obmanns aus, nachdem er gerade ein halbes Jahr zuvor, frisch zurückgekehrt von seinem Gedenkdienst in Berlin, begonnen hatte im Vorstand mitzuarbeiten. Angst davor Verantwortung zu übernehmen kann man ihm also nicht nachsagen.

 

Für die Gestaltung eines Porträts des verflossenen Obmanns gibt es verschie­dene Möglichkeiten. Im Vorstand kursier­te zuweilen die Bezeichnung „Nachruf für den Artikel. Sie suggeriert, dass es um etwas ganz Ernstes zu gehen habe. Daraus würde wohl eine Verpflichtung zur Objektivität folgen, ausgedrückt in der Aufzählung von Großtaten des Ob­manns. Ich möchte mir aber einen deut­lich subjektiveren Zugang erlauben.

 

Gregor und ich hatten immerhin eini­ge Zeit Wesentliches gemeinsam: Wir wohnten beide in der niederösterrei­chischen Provinz, einige hundert Meter Luftlinie voneinander entfernt, er in Ba­den, ich im kleinen Nachbarort Pfaffstät­ten. Nach den montagabendlichen Vor­standssitzungen kehrten wir oft gemein­sam in die blaugelbe Heimat zurück. Freilich ist er längst abtrünnig geworden und in die Metropole verzogen. Mit Bo­denständigkeit hat er es nicht sonderlich. Definitiv kein „Dekorbadener", wie sie die gehobene Mittelschicht dieser Klein­stadt serienmäßig erzeugt, konnte er in diesem Biotop vermutlich nur schwer Wurzeln schlagen. Ihn zog es bereits als Schüler in die Ferne. Er ging für ein Austauschjahr nach Panama, das er bis zu diesem Zeitpunkt primär dank des Kinderbuchs „Oh, wie schön ist Panama", einem Klassiker seiner Gattung, kannte. Das Bild wurde jedoch rasch dif­ferenzierter, gehört er doch zu den auf­geschlossenen Charakteren. Zudem ist er eindeutig ein Kommunikationstalent.

 

Die Faszination Lateinamerika hatte einiges damit zu tun, dass er sich bei Gedenkdienst für die Fundación Memoria del Holocausto in Buenos Aires bewarb. Als ehemaliger GDler an eben dieser Einsatzstelle war ich Teil der Aus­wahlkommission, die ihm den Weg nach Buenos Aires versperrte. Der Grund lag auf der Hand: Gregor machte sehr plausibel, dass ihm die Arbeit mit Ju­gendlichen ein Anliegen war und er dafür Ideen und Engagement mitbrachte. Nur hatte das mit den Tätigkeitsfeldern der GDler an der Fundación wenig zu tun. Eine Zurückweisung einzustecken ge­hört zu den schwierigsten Dingen, auch wenn sie mit einer Einladung gekoppelt ist - in diesem Fall jene, sich für eine Stelle zu bewerben, wo die Arbeit mit Jugendlichen im Vordergrund steht. Wer an den Auswahlgesprächen bei Gedenk­dienst teilgenommen hat, weiß, dass sich bei allem Bemühen um faire und transparente Entscheidungen ein enor­mer Druck aufbaut, mit dem umzuge­hen vielen schwer fällt. Gregor nahm die Kritik ohne Spur von Beleidigtheit auf. Seine Reaktion sprach für eine schnelle Auffassungsgabe und die Fähigkeit auch mit Rückschlägen konstruktiv umzuge­hen. Statt Südamerika wurde es schließ­lich der deutsche Norden. Im Sommer 2002 begann er seinen Gedenkdienst am Anne Frank Zentrum in Berlin. Hier ging es um den Versuch, Jugendliche über die Biographie eines Opfers, eben Anne Frank, für eine komplexe Thematik zu interessieren und mit Blick auf die Gegenwart für Rassismus und Antisemi­tismus zu sensibilisieren.

 

Gregor, damals 21 Jahre alt, verfügte bereits über einige Erfahrung in der Ar­beit mit Jugendlichen. Vor und neben Gedenkdienst engagierte er sich bei AFS, kurz für American Field Service, je­ner Organisation, über die er auch selbst sein Jahr in Panama organisiert hatte. Die Vorbereitung von Jugendlichen auf ihren ersten langen Auslandsaufenthalt war ein Kernelement seiner Mitarbeit bei AFS. Es ist so besehen vielleicht kein Zufall, dass die Umstrukturierung des Vorbereitungsangebots an die zukünf­tigen Gedenkdienstleistenden zu den markantesten Veränderungen gehört, die wir im Vorstand während seiner Zeit als Obmann in Angriff nahmen. Seit je­her hielt es sich unser Verein zugute, die GDIer sorgfältig auf ihre Tätigkeit vorzu­bereiten. Durch veränderte gesetzliche Rahmenbedingungen werden die GDIer im Durchschnitt zunehmend jünger, die meisten schließen mittlerweile ihren Ge­denkdienst direkt an die Schule an. Die Erfahrungshorizonte von 18-, 19-jährigen sind - nicht in jedem Einzelfall, aber tendenziell - anders als die von Studenten Mitte zwanzig. Wir versuchten mit einem stringenteren Aufbau der Vorbereitung, gestaffelt in drei Seminaren, zu reagie­ren. Das bisherige Feedback lässt ver­muten, dass die Richtung stimmt.

 

Entwickelt wurden diese Vorstellungen auf einer Klausur im Frühjahr 2004, für die wir uns auf Vorschlag von Gregor in eine kleine Gemeinde im nordwestlichen Waldviertel begaben. Die Fahrt kam uns einigermaßen lang vor, aber in ruhiger Atmosphäre spricht und denkt es sich eben doch am besten. Und das Essen war auch vorzüglich. Jedenfalls geriet die Klausur zur produktivsten Veranstal­tung, an der ich als Vorstandsmitglied teilnahm. Andere empfanden es, wenn ich mich nicht täusche, ebenso. Zu Gre­gors schätzenswerten Eigenschaften zählt, dass er eine gute Hand dafür hat, ein angenehmes Klima und eine positive Stimmung zu schaffen. Wenn Gregor einmal schlecht drauf ist, so bewegt er sich auf einem Freundlichkeitslevel, den der Durchschnittsösterreicher an seinen besten Tagen nicht erreicht. Das erleichterte es einem ungemein, gerne zu den Vorstandssitzungen zu kommen.

 

Seit Mai 2005 ist Gregor an einem Rechtsinstitut der Wirtschaftsuniversi­tät Wien beschäftigt. Doktoratsstudium, Lehre, wissenschaftliche und organisa­torische Mitarbeit an einem Uni-lnstitut musste er von nun an mit der Tätigkeit als Obmann unter einen Hut bringen. Das stresste, und schließlich entschied er, dass es ihm die Kombination in kei­nem der beiden Felder erlauben wür­de, seinen eigenen Anforderungen zu entsprechen. Als nächstes Ziel steuert er an: ein guter Jurist zu werden. Ich vermute, dass er das schon ist. Ein breit gestreutes Interesse an der Welt und die Freude am Umgang mit Menschen scheinen mir jedenfalls gute Vorausset­zungen für ein tieferes Verständnis des Wirkens von Recht in Wirtschaft und Gesellschaft.

 

Was sollte man noch unbedingt über Gregor sagen? Erstens einmal, dass Skateboardfahren zu seinen großen Lei­denschaften gehört. Musik ist ebenfalls eine wichtige Dimension seiner Existenz. Er legt im Übrigen gerne und mit treff­sicherem Stil bei Veranstaltungen auf, bevorzugt gegenüber CDs das ältere Medium LP. Ein weiteres Detail: Gre­gor liest gerne Autojournale, nicht primär aus technischem Interesse, sondern in Ausübung einer seit früher Kindheit ge­pflegten Begeisterung für die Ästhetik von Automobilen. Solche Fragmente ei­ner Persönlichkeit, die sich für den Be­trachter nicht bruchlos zusammenfügen lassen, ohne dass sie deshalb zueinan­der in Widerspruch stehen müssten, in­dizieren eine Vielschichtigkeit, die für den Betrachteten spricht.

 

Es steht zu hoffen, dass man Gregor bei Gedenkdienst auch nach Ende sei­ner Obmannsfunktion weiter zu sehen bekommen wird.

 

Oliver Kühschelm

 

Historiker, ehemals Vorstandsmitglied von Gedenkdienst