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Ausgabe 3/06


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Der parteipolitisch unabhängige Gedenkdienst und das Politische in der Erinnerungsarbeit.

Ein Werkstattbericht mit Perspektiven

 

 

Es ist Jahre her, dass Vertreterinnen rechtsextremer Organisationen und Par­teien forderten, dass Zivildienstleistende gefälligst im Inland Behinderte pflegen sollen statt „in Jerusalem Moos von Gedenktafeln zu kratzen". Optimistinnen könnten daraus schließen, selbst die Politzusammenrottung FPBZÖ habe inzwischen einsehen müssen, dass es keine Erfolge bringt, jegliche Auseinan­dersetzung mit der österreichischen Ver­gangenheit grundsätzlich in Frage zu stellen. Nähert sich Gedenkdienst dem Ende der Reise? Haben wir unser Ziel erreicht?

 

 

Politische Erinnerung?

 

In einem Verein, der das gesamte po­litische Spektrum abseits des parlamen­tarisch organisierten Rechtsextremis­mus widerspiegelt, ist an eine einzige, allgemein verbindliche Deutung des Fa­schismus, seiner Ursachen, Handlungs­motive und Dynamiken nicht zu denken. Gleichzeitig begegneten einander bei Gedenkdienst vom Anbeginn der Ver­einszeit Menschen, für die bestimmte Dinge außer Streit standen: Die Ableh­nung jeglicher Form von Rassismus, Antisemitismus, autoritären und antidemokratischen Tendenzen und eine egali­täre, humanistische Grundhaltung bilden die gemeinsame Basis. Sie ermöglicht Diskussionen, die als befruchtend er­lebt werden und zwingen, die eigenen Wahrheiten einer kritischen Überprüfung auszusetzen. Nicht umsonst haben ei­ne ganze Reihe von Menschen im Gedenkdienst einen Politisierungsprozess durchgemacht, der sie in weiterer Folge veranlasste, sich auch nach ihrem Dienst in den verschiedensten Bereichen poli­tisch zu betätigen, von der Flüchtlings­hilfe der Caritas über das Engagement in Hochschulpolitik oder Gewerkschaften bis hin zur Arbeit in politischen Parteien. Der Grund ist evident: Schon weil das Wachhalten von Erinnerung als Wert an sich begriffen wurde, zog der Verein von vornherein am ehesten politisch Wache an, die sich und anderen Erinnerung als Basis für kritische Reflexion verordne­ten.

 

Wer ein politisches Anliegen vertritt, sollte es begründen können. Diesen Rechtfertigungsdruck erleben Gedenk­dienstleistende im Freundes- und Ver­wandtenkreis oft genug. Sie müssen er­klären, weshalb es sich eine Gesellschaft leisten soll, sie als junge Wehrpflichtige dafür abzustellen, mit Holocaustüberlebenden zu arbeiten, Dokumente zu übersetzen oder Jugendgruppen an Orten wie Auschwitz zu begleiten. Im Versuch sich zu erklären dominieren zu­nächst Allgemeinplätze: „Lehren aus der Geschichte ziehen". „Nie wieder". Und schon bald zeigt sich die Erkenntnis der Begrenztheit der eigenen Argumentati­on: Welche Lehren ziehen eigentlich? Woraus sie ziehen? Begibt man sich auf die Suche nach den heute noch spür­baren Langzeitfolgen des Faschismus, erkennt man rasch, wie bescheiden das eigene historische Wissen war, wie eingeschränkt also auch die Möglich­keit sich der Langzeitfolgen bewusst zu werden. Also noch mal zurück in die Geschichte. Nähert man sich danach wieder der Gegenwart, geschieht es jetzt wesentlich bedächtiger. Inzwischen sind da Fragen nach konkreten Parallelen, nach Herrschaftsverhältnissen und Rechtfertigungen für Vergangenes und Gegenwärtiges.

 

Mit der gesteigerten Sensibilität sinkt die Bereitschaft, vieles von dem unsäg­lich Alltäglichen widerspruchslos zu dul­den. Ganz selbstverständlich war Ge­denkdienst beteiligt an den Protesten gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ. Diese Partei verkörpert seit jeher fast idealtypisch, was wir - gerade auch als Konsequenz unserer Auseinander­setzung mit der österreichischen Ver­gangenheit - ablehnen, wogegen wir durch unseren Dienst ein Zeichen set­zen wollen.

 

 

Polische Erinnerung anno 2000 ff. - einmal anders rum

 

Nicht wenige von uns wurden deshalb recht wortkarg, als sich ausgerechnet die Koalition aus ÖVP und FPÖ unmit­telbar nach ihrer Angelobung anschickte, Lösungen im Fall der ausstehenden Zwangsarbeiterlnnenentschädigung und der offenen Restitutionsfragen zu finden. So genüsslich wie stereotyp wiederhol­ten ungezählte Presseaussendungen der Regierung die Botschaft, die SPÖ rede viel und gern von Antifaschismus, habe den Worten jedoch nie Taten folgen lassen. Nun würde hingegen gehandelt. Dem hielten wir anfangs noch der Hin­weis entgegen, nicht nur die SPÖ, auch die ÖVP habe in der Vergangenheit auf diesen Gebieten jämmerlich versagt.

 

Was aber machte das besser? Die Entschädigungszahlungen fielen zwar unhaltbar gering aus und kamen nur noch einem Bruchteil der Zwangsarbei­terinnen von einst zugute. Was änderte das jedoch am Versagen der vorange­gangenen roten Bundeskanzler? Die Marketingstrategie der Regierung war offenbar darauf ausgerichtet den rechten Rand nicht übermäßig zu provozieren und suggerierte folglich ein Mitverschul­den der Opfer (Stichwort „Versöhnungs­fonds"). So degoutant das sein moch­te, immer blieb die Frage: Ist es nicht immerhin ein Fortschritt zu früher? Die Restitution hatte wenig mit tatsächlicher Rückgabe geraubten Eigentums zu tun, dafür viel mit politischer Erpressung. Aber war nicht eine lächerliche Restitu­tion besser als gar keine? Hinzu kamen aus öffentlichen Geldern großzügig unterstützte „Zeitgeschichtsprojekte": „Letters to the Stars", die Investition von Millionen in die Gedenkstätte Mauthausen (die zwar weniger in die Erhaltung der desolaten historischen Bausubstanz als in die Errichtung eines in mehrerlei Hin­sicht problematischen Besucherinnen­zentrums gesteckt wurden) oder zuletzt die Historiengroteske „25 Peaces". Man wollte nicht offen widersprechen, wenn - endlich, endlich - vorgeblich zeitge­schichtliche Projekte nennenswerten Umfangs realisiert wurden. Daher sah man über eklatante Missstände hinweg. Unter vielen anderen hielt sich auch Gedenkdienst mit seiner Kritik vornehm zurück, nachdem wie bei „Letters to the Stars" zu Tage getreten war, dass es sich nicht um Startschwierigkeiten, son­dern um immanente Projektschwächen handelte.

 

 

Ein offenherziger Staatssekretär und die Ableitungen

 

Nicht erst seit dem mittlerweile berühmt-berüchtigten Interview mit dem freiheitlichen Staatssekretär Eduard Mainoni ist klar, dass die Potentiale von ge­zielter Erinnerungspolitik in Bezug auf den Nationalsozialismus nicht nur von links, sondern inzwischen eben auch von rechts erkannt und genutzt werden. Wer antisemitische Wahlkämpfe, permanente rassistische Hetze und regelmäßige NS-Verharmlosung betreibt oder bei seinem Koalitionspartner toleriert, hat Imagepfle­ge nötig. Wer wirkliche oder vermeint­liche Verdienste in der Erinnerungsarbeit vorzuweisen hat, kann außerdem, so die allgemeine Wahrnehmung, kein allzu schlechter Mensch sein. Das Geheimnis der anzuwendenden Strategie ist also: Je unpolitischer, je entkontextualisierter die Geschichte - vornehmlich des Holo­causts -dargestellt und mediengerecht ritualisiert wird, desto leichter lassen sich damit hässliche Flecken auf der eigenen Weste übertünchen. Das aus dem Zu­sammenhang gerissene Schicksal der Opfer fordert kein konkretes Handeln von den politischen Akteuren der Gegenwart.

 

Dabei soll gar nicht die Rede sein von den ungustiösen Versuchen, sich symbolisch in die Schar der Opfer ein­zureihen, statt sich kritisch mit dem Ver­halten des „eigenen" Kollektivs im betref­fenden Zeitraum auseinander zu setzen. Es genügt bereits, auf die fürchterlichen Missstände im Asylbereich hinzuweisen (und das sind sie: fürchterlich!), auf die stillschweigende Duldung des systema­tischen Schürens von Ressentiments, Hass und Angst gegenüber den solcher­art definierten „Randgruppen". Die zele­brierte Erschütterung vieler (keineswegs nur der Mitglieder der erfreulicherweise scheidenden Bundesregierung) ob ver­gangenen Unrechts entlarvt sich dann rasch als das, was sie ist: als Heuche­lei.

 

Erinnerung darf kein Selbstzweck sein. Sie muss Anlass geben, sich mit unangenehmen Fragen im hier und heu­te zu beschäftigen: vom Humanismus- und Demokratiedefizit über die fehlende Gleichberechtigung aller Menschen bis hin zum munteren Fortbestehen auto­ritärer Strukturen. Gelänge es uns da­rüber einen breiten gesellschaftlichen Konsens herzustellen, wären wir der eingangs angesprochenen Erfüllung des Vereinszwecks einen guten Schritt näher.

 

Florian Wenninger,

 

Obmann Gedenkdienst, studiert Politikwissenschaft und Geschichte