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Ausgabe 4/06


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Herrschaft.Macht.Geschichte

Die Gedenkdienst-Tagung 2006 zur Bedeutung historischer Deutungshoheit in der politischen Arena

 

 

Schon seit längerem schwelte die Idee eines österreichischen National­museums, als im März 2006 die ÖVP überraschend Anstalten machte, das Vorhaben vor den anstehenden Natio­nalratswahlen auf Schiene zu bringen. Auffällig war neben der plötzlichen Eile und dem wütenden Protest, den das Vorgehen in der historischen Zunft ern­tete, vor allem eines: das Desinteresse sowohl in den Reihen der Opposition als auch in jenen des Koalitionspartners BZÖ. Warum aber scheut ein Teil der politischen Akteure die Mühe, Einfluss auf die Interpretation zentraler zeitge­schichtlicher Ereignisse zu nehmen? Oder hat sich bloß die Form der Einfluss­nahme geändert? Ist am Ende - anders als Hegemonialtheoretikerlnnen anneh­men - die historische Deutungshoheit im gesellschaftlichen Aushandlungspro­zess der Informationsgesellschaft nicht mehr von Belang? Wenn dem aber nicht so ist - wie wurden und werden Deu­tungshoheiten errungen? Wie werden sie zweckgerichtet eingesetzt, verteidigt, modifiziert oder überwunden?

 

Diesen Fragen ging von 7. bis 9. No­vember eine Tagung an der Universität Wien nach, die Gedenkdienst gemein­sam mit der Österreichischen Hochschülerlnnenschaft, den Instituten für Staatswissenschaft und Zeitgeschichte sowie der Stadtzeitung „Falter" veran­staltete.

 

Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz widmete sich im Eröffungsvortrag den patriachalen Unterdrückungsmechanismen in der Sozialisation von Mäd­chen innerhalb der bürgerlichen Gesell­schaft („Die Sehnsucht nach dem hohen Ton"). Das nachfolgende Programm gliederte sich über drei Tage verteilt in sieben Panels, zwei Key Lectures und zwei Abenddiskussionen.

 

In der ersten Key Lecture zeichne­te der Historiker Wolfgang Wippermann (Berlin) die Geschichte der Totalitarismuskonzeption in Deutschland nach. Wippermann argumentierte, die Totalitarismusthese, u. a. vertreten von Carl Friedrich oder Hannah Arendt, habe sich nicht zufällig nach dem Zweiten Welt­krieg als westdeutsche „Staatsideolo­gie" etabliert. Sie leistete dem deutschen Bürgertum als Abgrenzungsstrategie zur nationalsozialistischen Vergangenheit ebenso gute Dienste wie sie der BRD insgesamt eine negative Legitimation gegenüber der realsozialistischen (und in dieser Lesart totalitären) DDR verschaffte. Daneben fungierte sie als ideo­logischer Knüppel im Sack, wenn es um den Rückbau von Bürgerrechten und die Disziplinierung von Oppositionsgruppen im Inneren zu tun war. Wippermanns Resümee: Da die Totalitarismusthese die Unterschiede zwischen (dem Anspruch nach) linken und faschistischen Dikta­turen systematisch zudeckte, erschwerte sie die Bekämpfung von grassierendem Rassismus und Antisemitismus.

 

Der in Tel Aviv und Luzern lehrende Soziologe Moshe Zuckermann setzte sich in der zweiten Key Lecture mit der „Anatomie kollektiver Erinnerung" an­hand der Haltung der israelischen Gesell­schaft zum Holocaust, der. In den ersten Jahren der Staatsgründung wurde über das Thema geschwiegen. Der Massen­mord wurde meist nur als Negativexempel des Judentums in der Diaspora. Das änderte sich in den 1960er Jahren mit dem Eichmannprozess und dem Sechs­tagekrieg. Von nun an wurde der Holo­caust zu einem integralen Bestandteil des israelischen Selbstverständnisses. In der nationalen Holocaustgedenkstät­te Yad Vashem materialisierte sich die Deutung der zionistischen Historiografie. Sie sah den Holocaust als beinahe logischen Schlusspunkt der Diaspora als zentrales Ereignis in der Staatswer­dung Israels und als historischen Beweis für die Notwendigkeit eines jüdischen Staats. Seit den späten 1980ern wird diese Sicht der Dinge kontroversiell dis­kutiert. Als Beispiel nannte Zuckermann einen Disput zwischen dem Direktor von Yad Vashem, Avner Shalev, und der is­raelischen Unterrichtsministerin Limor Livnat, nachdem ersterer gemeint hatte, er sehe im Zionismus nicht die einzige legitime Konsequenz des Holocausts.

 

Das erste Panel fragte, wie die Zweite Republik mit dem Austrofaschismus um­ging. Während sich Emmerich Tálos mit dem Ständestaat-Paradigma auseinan­dersetzte, bezog sich Siegfried Mattl auf die Rolle der Erinnerung an Engelbert Dollfuß. Das zweite Panel thematisierte europäische Identitätskonstruktionen: Marcel Fink unterzog das Europäische Sozialmodell einer kritischen Revision - und kam zu dem Schluss, ein solches existiere nicht. Oliver Rathkolb spürte dem „erodierenden Erinnerungsort ,Frie­densprojekt Europa'" nach. Diese Meis­tererzählung verliere zunehmend an Bedeutung, so sein Resümee.

 

Brigitte Entner und Mirko Messner erörterten dem (überwiegend Wiener) Publikum das „Paralleluniversum Kärnten". Entner dekonstruierte die deutsch-kärntnerische, Messner die slowenisch-kärntnerische Rezeption des Kärntner Partisanenkampfes. Dieser musste zwar zur Legitimation der österreichischen An­sprüche nach der Moskauer Deklaration herhalten, war und ist aber einer ständi­gen Diskreditierungskampagne seitens der „Heimat"-Verbände ausgesetzt.

 

Den historiographischen Hegemonialstrategien im zerfallenden Jugoslawien, insbesondere der Legitimierung der sich neu formierenden Nationalstaaten, galt das Interesse der Balkan-Expertin Sabine Riedel (Berlin). Sie bestritt mit Walter Manoschek den Panel „Kriegsgeschichte(n). Die Gedächtnisse des Jugoslawien­krieges". Manoschek seinerseits wand­te sich der manipulativen Verwendung von Filmdokumenten im Zusammenhang mit dem Prozess gegen den ehemaligen jugoslawischen Staatschef Slobodan Milosevic zu und illustrierte seine Kritik mit dem Video einer Hinrichtung, das im Milosevic-Prozess als Szene des Mas­sakers von Srebrenica eingeführt wurde, obwohl es dafür keine konkreten Anhalts­punkte gegeben habe.

 

Einem weiteren Panel ging es um die "Erfindung der Familie". Reinhard Sieder beleuchtete, wie in der Neuzeit die Kern­familie als bürgerliches Ideal konstruiert und schließlich naturalisiert wurde. Ilse Reiter-Zatloukal illustrierte diese Ent­wicklung anhand von Beispielen aus der Geschichte des Familienrechts.

 

Der sechste Panel untersuchte die Mechanismen des nationalen Schulter­schlusses in Österreich: Robert Knight befasste sich mit Initiativen des dama­ligen Außenministers Peter Jankowitsch (SPÖ), während der Waldheim-Debatte österreichische Historikerinnen im natio­nalen Interesse zu mobilisieren, um den „ausländischen Verleumdungen" Paroli bieten zu können. Christian Klösch führte aus, wie es der Regierung angesichts der Maßnahmen der EU 14 gegen das blau­schwarze Österreich gelang Kritikerinnen als Landesverräter zu stigmatisieren.

 

Das letzte Panel nahm neoliberale Narrative im Hinblick auf die Wirtschafts­krise der 1970er Jahre in den Blick. Herbert Schui, ehemals in Hamburg lehrender Volkswirtschafter und mitt­lerweile Bundestagsabgeordneter der WASG, befasste sich mit dem Versuch, die Wirtschaftsflaute als Versagen des keynesianischen Modells zu erklären. Der Berliner Sozialwissenschaftler Dieter Plehwe erläuterte die institutionellen Hintergründe der neoliberalen Diskurs­hegemonie anhand der Mont-Pelerin-Society, die als Dachverband unzähliger neoliberaler Thinktanks fungiert.

 

Während die Panels und Key-Lectures zum Teil kontroversiell verliefen, konnte man selbiges ausgerechnet von den abendlichen Podiumsdiskussionen weniger behaupten. Die Historikerinnen Doron Rabinovici, Eva Blimlinger, Hei­demarie Uhl, Dieter Binder und Gün­ther Burkert-Dottolo widmeten sich dem angedachten „Haus der Geschichte". Blimlinger mühte sich redlich, durch Kri­tik am Projekt eine Diskussion in Gang zu bringen, zur allgemeinen Verblüffung erntete sie damit am Podium jedoch nur freundliche Zustimmung.

 

Als am nächsten Tag Eva Sburny (Grüne), Caspar Einem (SPÖ), Walter Tancsits (ÖVP), der katholische Publizist Hubert Feichtlbauer und die Philosophin Isolde Charim den Versuchen politischer Parteien nachgingen, mit Geschichte Po­litik zu machen, war es vor allem Tanc­sits und Charim zu danken, dass Wider­sprüche thematisiert wurden. Besonders Tancsits vertrat ein prononciert konser­vatives Geschichtsbild (inklusive dem „Nationalsozialismus als linker Bewe­gung") und erntete damit harsche Kritik aus dem Publikum. Fast schon merkwür­dig zurückhaltend verhielten sich dem­gegenüber Caspar Einem und Michaela Sburny - und bestätigten den Eindruck, die Opposition habe wichtigeres zu tun, als sich um solch akademische Themen wie geschichtliche Deutungshoheiten zu kümmern. Man darf gespannt sein, was das für die Zukunft des Hauses der Ge­schichte bedeutet.

 

Als stolzes Resümee der Tagung darf auch der Hinweis auf den Publikum­sandrang nicht fehlen: Insgesamt knapp 1.200 Menschen nahmen einen oder mehrere Programmpunkte zum Anlass, die Veranstaltung zu besuchen, für Ge­denkdienst ein Rekord und eine Bestäti­gung, auch in Zukunft bei Veranstaltun­gen Kooperationen zu suchen.

 

 

Florian Wenninger

 

Mitorganisator der Tagung, Student der Politikwissenschaft und Geschichte

 

 

Buchtipp!

 

Im Frühjahr 2007 wird im Verlag Braumül­ler ein Tagungsband erscheinen. Vor­merkungen sind bereits jetzt unter der e-mail-adresse office@braumueller.at möglich.