AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 4/06


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

„Man ist taktisch viel klüger geworden, beherrscht die Sprachregelungen besser.“

Interview mit Robert Knight über Waldheim und die Folgen

 

 

Robert Knight wurde 1952 in Stoke-on-Trent, Großbritannien geboren. Er studierte Geschichte, machte den BA in Cambridge und das PhD an der London School of Economics. Seit 1989 unter­richtet er European Studies an der Uni-versity of Loughborough, zuvor lehrte er 1987-89 auch in Wien. Zu seinen Publikationen gehört u. a.: „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen." Die Wortprotokolle der österrei­chischen Bundesregierung von 1945 bis 1952 über die Entschädigung der Juden (1988). Robert Knight war Mitglied der öster­reichischen Historikerkommission. Das Interview wurde im Zug der Ta­gung „Herrschaft.Macht.Geschichte" ge­führt, bei der Knight einen Vortrag zum Thema „Waldheim revisited - historici-sation, hysteria or what?" hielt.

 

 

Gibt es für Sie einen persönlichen Bezug zu Österreich?

 

 

Meine Mutter ist nach dem „An­schluss" aus Österreich nach England geflohen. Aber das ist nur ein Teil meiner Situation. Es ist natürlich ein Bezug zu der ganzen Problematik, obwohl diese Geschichte für mich als Kind oder Ju­gendlicher keine Rolle gespielt hat.

 

Die Affäre Waldheim wird in Österreich heute als entscheidender Umbruch in der Gedenkkultur und Geschichtswahrnehmung betrachtet. Hat Waldheim als Bundespräsident eines demokratischen Lands mit seinen Worten über Pflichter­füllung den Krieg des NS-Regimes nicht erst legitimiert und die Opfertheorie in weiten Kreisen der Bevölkerung noch bestärkt?

 

 

Die Waldheimaffäre hat vor allem po­larisiert. Sie hat die Gegner und Kriti­ker Waldheims mobilisiert, wenn auch ebenso seine Unterstützer. Meiner Meinung nach kann man die Tragweite des Bruchs übertreiben. Es war nicht so, dass niemand vor Waldheim Kritik an der österreichischen Verstrickung in den Nationalsozialismus geübt hät­te. Aber Waldheim hat durch seine Aussage das kritische Publikum in zuvor ungekanntem Ausmaß entsetzt und gleichzeitig mobilisiert.

 

 

Es gab auch die Mobilisierung für ihn, diese Trotzhaltung gemischt mit Frem­denfeindlichkeit und Antisemitismus. Wenn man aber sagt, Waldheim bezie­hungsweise die Waldheimaffäre hätte die Opfertheorie gestärkt, so glaube ich das nicht. Denn in den letzten zehn, zwanzig Jahren ist die Darstellung von Österreich als Opfer des NS-Regimes demoliert worden. Natürlich weiß man, dass es österreichische Opfer gegeben hat, als Individuen, aber die Behauptung einer kollektiven Unschuld wird kaum aufrechterhalten, zumindest nicht vom Mainstream.

 

 

Welche vorausgehenden sozialen und kulturpolitischen Entwicklungen trugen dazu bei, dass die Affäre 1986 überhaupt öffentlichen Anstoß erregte - trotz des breiten Konsenses über Pflichterfüllung in der Wehrmacht bei­spielsweise?

 

 

Das gebildete Publikum war auch zu­vor in den Medien vertreten durch Zeit­schriften wie „Profil". Es gab ein Gesell­schaftssegment, das sensibilisiert war und deshalb auch rasch reagiert hat. Andernfalls hätte es gar keine Waldhei­maffäre gegeben. Ich glaube, der Fehler der sozialdemokratischen Führung lag darin, dass sie die Affäre ausnützen woll­te. Aber sie geriet außer Kontrolle eben wegen dieses sensibilisierten Segments der Gesellschaft.

 

 

Warum wurde dieser kritischen Hal­tung zuvor kein Forum geboten?

 

 

Ich denke, das hängt damit zusam­men, dass es in jedem Lager, bei den Schwarzen und bei den Roten, eine Art antinazistischen Flügel gab, der gele­gentlich als Repräsentant des antifa­schistischen Geists auftreten durfte und von der Führung als praktischer Hand­langer der Politik betrachtet wurde. Mit Waldheim geriet das außer Kontrolle. Plötzlich war die historische Forschung nicht mehr von den Politikern zu steu­ern.

 

 

In Ihrem Vortragstitel haben Sie das Spannungsfeld der Waldheimdebatte mit Worten wie Hysterie und Erinne­rungspolitik beschrieben. Wie weit lagen nach 1986 der Anspruch des Umdenkens und die Wirklichkeit aus­einander?

 

 

Das ist schwer zu beurteilen. Aus meiner Sicht gab es keine große Aufklärung sagen wir, einen Moment der Entlarvung oder der Wahrnehmung. Es gab riesige Kontroversen - ein Fortschritt. 1988, zum fünfzigsten Jahrestag des „Anschlusses", als Waldheim noch im Amt war, fanden heftige Diskussionen statt, und dann hat Vranitzky sich in Richtung moralische Mitverantwortung geäußert. Im Prinzip hat man erkannt, dass die Konstruktion „Österreich als überfallenes Land" vielleicht juristisch stichhaltig ist, aber dass man einfach zuviel Politik auf dieses rein juristische Argument aufgebaut hat. Von der Okku­pationsthese hat man mehr oder weni­ger eine allgemeine kollektive Unschuld konstruiert und versucht das auf Restitutions- und Entschädigungspolitik anzu­wenden. Ich glaube, seit etwa zehn Jah­ren hat man eingesehen, dass das nicht funktioniert. Die Eliten auf beiden Seiten haben, was auch reiner Pragmatismus ist, ihre Position ein bisschen verändert.

 

 

Sehen Sie konkrete erinnerungskul­turelle bzw. gesellschaftliche Konse­quenzen der Waldheimdebatte?

 

 

Es wurde wohl einigen klar, dass Ös­terreich international bei den politischen Eliten isoliert war. Es wurde teilweise zum Paria gestempelt und als rückstän­dig oder zumindest anders als die restli­che Welt wahrgenommen. Das versucht man heute auf alle Fälle zu vermeiden. Man ist taktisch viel klüger geworden, beherrscht die Sprachregelungen bes­ser. Heute würde ein Waldheim wahr­scheinlich nicht mehr über seine Pflicht­erfüllung reden. Es ist aber keine Ände­rung der Kultur.

 

Was die Geschichtskultur betrifft, ent­brannten natürlich die Debatten um die Wehrmachtsausstellung. Es gab die His­torikerkommission, an der ich beteiligt war, außerdem 50 Jahre Staatsvertrag, 60 Jahre Kriegsende, wo es einiges zu kritisieren gäbe. Aber ich sehe keinen Versuch die Uhren zurückzudrehen, auch wenn ich verschiedene Ansätze er­kenne, die österreichische Verstrickung in den Nationalsozialismus zu relativie­ren oder beiseite zu lassen, sie nicht als ein Hauptthema zu betrachten.

 

 

Ist das nicht eine erneute Verdrän­gungstaktik, ein aus dem Weg Gehen statt Konfrontation?

 

 

Ja, es ist der Versuch eine Erfolgs­story als das Hauptnarrativ darzulegen, ein Narrativ, das immer im Mai 1945 anfängt, nie weiter zurückgeht und dann im Mai 1955 mit Happy End aufhört. Das ist die positive Geschichtslinie. Ich könnte mehrere Beispiele nennen, wie man das verdreht, den Nationalsozialis­mus aus der Nachkriegszeit ausblendet und gleichzeitig den Opfermythos auch für die Nachkriegszeit weiterspinnt: Ös­terreich als Opfer des Kalten Kriegs, als Opfer der Besatzung, als Beinahe-Opfer der sowjetischen Expansionsbestrebun­gen. Das fügt sich zu einem Geschichts­bild zusammen, in dem Österreich nie oder kaum jemals für irgendetwas ver­antwortlich ist. Es fügt sich auch in das Bild der NS-Zeit: Österreich als von NS-Deutschland überfallenes Land. Das hat man letztes Jahr ein wenig gesehen.

 

 

Sehen Sie Parallelen zwischen dem Umgang der Bevölkerung und der Re­gierung mit der Affäre Waldheim und der Art, wie die schwarz-blaue Regie­rung zustande kam?

 

 

Es ist tatsächlich ein Element zu nen­nen: Dass an Haiders Aussagen kein Anstoß genommen wurde, dass er auf­grund seiner Aussagen nicht einfach als jenseits der möglichen Koalitionspartner betrachtet wurde. Das zeugt von einem gewissen moralischen Autismus und von Gleichgültigkeit. Ich sage nicht, dass alle ÖVP- und FPÖ-Wähler oder auch alle Leute, die damals die Koalition unter­stützt haben, verkappte Nazis wären. Es gibt aber nicht die Vorstellung, dass einige Dinge die Teilnahme an der Macht absolut verbieten müssten.

 

 

Wie sind die Arbeit der Historikerkom­mission bzw. die Entschädigungsge­setze in die Zeit der schwarz-blauen Regierung einzuordnen?

 

 

Die Kommission ist ungefähr ein Jahr vor Bildung der Koalition entstanden. Sie wurde von der großen Koalition initiiert und das aus verschiedenen Gründen: Sammelklagen, negatives Beispiel der Schweiz, innenpolitischer Druck, usw. Dann kam die neue Regierung, wurde international stark kritisiert, und gerade deswegen hat sie bei den Restitutions­verhandlungen Tempo gemacht. Man kann das als Paradoxie betrachten, aber es ist einfach Pragmatik. Die Re­gierung wollte beweisen, dass sie nicht so schlimm war, wie man meinte. Sie scheint viel mehr gemacht zu haben als die Große Koalition vorher. Sie hat Ver­handlungen begonnen, recht schnell ei­nen Fonds für die Zwangsarbeiter einge­richtet. 2001 gab es ein Abkommen über die rassisch Verfolgten, also innerhalb des ersten Jahres.

 

Am Anfang meinten viele, die Kom­mission wäre eine Art Verzögerungstak­tik. Dann wurden wir von der Politik über­holt und waren während der letzten zwei Jahre politisch wenig interessant.

 

 

Zurück zum Jahr 1938: Ist Österreich besetzt worden?

 

 

Verzwickte Frage. Die Völkerrechtler sind zu der Auffassung gekommen, dass der „Anschluss" illegal war, eine Invasi­on, folglich eine Besetzung. Gleichzei­tig wissen wir, dass es eine versuchte Machtübernahme durch eine Bewegung von unten gegeben hat. Man schätzt den Anteil der Nazianhänger 1938 vor dem „Anschluss" auf 20%, 25%, maxi­mal 30%. Für die Zeit danach kann man schwer von einer Besetzung sprechen, also davon, dass Österreich von einer fremden Macht beherrscht worden wäre ähnlich wie Polen oder die Tschechoslo­wakei, denn die Machthaber und die Ge­sellschaft waren miteinander verfloch­ten. Insofern trifft der Begriff Besetzung sicherlich nur einen Teil der Wahrheit.

 

 

Inwieweit sind die von der Affäre Waldheim angestoßenen Verände­rungen in der Vergangenheitspolitik in Großbritannien und von der inter­nationalen Gemeinschaft registriert worden? Welches Bild von Österreich während der NS-Zeit gibt es?

 

 

Ich würde sagen, dass das Pendel in Richtung Kritik ausschlug. Österreich kommt selten in den Medien oder in Ge­sprächen vor, und ich registriere diese Veränderung dementsprechend stärker. Wenn Geschichte oder NS-Geschichte das Thema ist, herrscht meistens die Meinung vor, dass die Österreicher erstens ziemlich gute Nazis waren und zweitens danach alles verdrängt hätten, wahrscheinlich sogar noch mehr als die Deutschen. Das entspricht ungefähr der Stereotypisierung. Ich sehe das wirklich als Stereotypisierung, denn es berück­sichtigt nicht die Fortschritte der letz­ten zwanzig, dreißig Jahre, zum Bei­spiel auch nicht solche Erscheinungen wie den Gedenkdienst. Sie werten das vermutlich eher als eine Kritik an der österreichischen Gesellschaft, aber ich meine, das ist auch ein Zeichen für eine veränderte Kultur.

 

 

Die Veränderungen, die in Österreich mit Waldheim begonnen oder sich stärker ausgeprägt haben, fanden also in der internationalen Gemein­schaft wenig Beachtung?

 

 

Weniger. Ich will das nicht überbe­werten, aber man weiß nicht viel über Österreich im Ausland. Vorher war das, was man gewusst hat, positiv und jetzt ist es eher negativ und zum Teil ein biss­chen übertrieben. Ich möchte natürlich nicht der Selbstzufriedenheit das Wort reden, aber es ist vielleicht nicht ganz so schlimm, wie einige Leute behaupten. Und das ist nicht nur meine Meinung. Ich habe ähnliches gelesen von anderen Beobachtern aus dem Ausland.

 

 

Maria Neumann,

 

EVS-Freiwillige bei Gedenkdienst