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Ausgabe 4/06


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Erinnerung an Protest und Widerstand in europäischen Diktaturen

Vier junge Europäerinnen forschen in der „Geschichtswerkstatt Europa"

 

 

Seit Sommer 2005 beschäftigen sich vier junge Europäerinnen und Europä­er aus Spanien, Italien, Slowenien und Österreich mit der öffentlichen Erinne­rung an Protest, Widerstand und zivilen Ungehorsam in ihren Ländern. Leire im Baskenland, Elisabetta in Turin, Tomaz im slowenischen Zagorje (bei Ljubljana) und ich, János, in Wien. Keiner von uns vier 20 bis 22-jährigen Studenten möchte Zeithistoriker werden. Aber warum sollte man Geschichte allein den „Profis" überlassen? Geschichte geht uns alle an und in der Schule wurde über europäische Perspektiven wenig vermittelt...

 

Uns ging es um vergessene, verleug­nete oder auch einfach bislang öffentlich unbefriedigend dargestellte Proteste­reignisse in Zeiten der faschistischen Besatzung und Diktaturen in unseren Ländern. Die jeweiligen historischen Si­tuationen bieten die Chance, unsere lo­kalen Ergebnisse auf einer europäischen Ebene zu vergleichen. Denn schließlich wollen wir ja über den „nationalen Tel­lerrand" hinausschauen. Mit finanzieller Unterstützung der „Geschichtswerkstatt Europa", ein Programm des deutschen Fonds „Erinnerung und Zukunft" haben wir im November 2005 unsere Recher­chen begonnen.

 

Bei unserer Arbeit haben wir uns je­weils auf unsere Wohnorte konzentriert. Elisabetta und ich haben unsere Recher­chen sogar auf die Bezirke, in denen wir wohnen, beschränkt. Da wir Ereignisse untersuchen wollten, die der Allgemein­heit nicht bekannt sind, konnten wir kein sachliches Kriterium heranziehen, um über die Region, in der wir arbeiten, zu entscheiden.

 

Elisabetta beschäftigt sich mit den dutzenden Gedenktafeln, die 1946 im Vierten Turiner Stadtbezirk an Hauswän­de angebracht wurden, um an unter der deutschen Besatzungsmacht erschos­sene Turiner Partisanen zu erinnern. Die Architekturstudentin widmet sich in einer Broschüre den weitgehend unbekannt gebliebenen Biographien dieser als „Märtyrer" oft nur pauschal im kollek­tiven Gedächtnis verankerten Menschen. Mit einer temporären Ausstellung will sie die Aufmerksamkeit der Bewohner auf die Geschichten lenken, die sich an ver­schiedenen Orten in ihrem Wohnviertel ereigneten.

 

Im Wiener Stadtteilmuseum des Sie­benten Bezirks hieß es zu Beginn meiner eigenen Recherchen zunächst: „Rich­tigen Widerstand gab es hier nicht." Das klang einerseits überzeugend, spornte mich aber an, im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes viel­leicht doch Hinweise auf zivilen Unge­horsam oder Widerstand zu finden. Im Ergebnis entstand eine Sammlung von über 20 Fällen, in denen Wiener ge­gen die Gesetze des nationalsozialisti­schen Regimes aufbegehrten, stets im Geheimen und oft unter Todesgefahr. Im Herbst 2007 will ich zu diesem Thema ei­ne kleine Ausstellung zeigen. Außerdem interviewte ich bei meinen Recherchen Edeltrud Posiles. Die Österreicherin hat drei jüdische Brüder während des Kriegs versteckt. Von der israelischen Gedenk­stätte Yad Vashem ist sie als „Gerechte unter den Völkern" anerkannt worden. Sie bedauerte allerdings einige Feh­ler im Yad Vashemer Lexikon über die „Gerechten unter den Völkern" im Zu­sammenhang mit ihren Rettungstaten. Ich habe mich diesbezüglich mit Yad Vashem in Verbindung gesetzt, wobei Yaakov Borut, der für die Österreicher verantwortliche Mitarbeiter, erklärt hat, die Fehler in der nächsten Auflage korri­gieren zu wollen.

 

Tomaz, Student der European Studies, hat seine Recherchen in der slo­wenischen Kleinstadt Zagorje über die noch sehr lebendige Konkurrenz der Er­innerungen an den Widerstand (und die Kollaboration) unter deutscher Besat­zung mit Schulklassen diskutiert. Nach wie vor erinnern zahlreiche Denkmäler an kommunistische Partisanen, aber aufgrund der politischen Entwicklungen nach 1990 werden die Verdienste der Kommunisten in Frage gestellt und der klerikale Widerstand stärker in den Vor­dergrund geschoben.

 

Leire konzentrierte sich auf wichtige Streikereignisse im Baskenland unter der Franco-Diktatur der 1950er und 1960er Jahre. Diese Streiks haben bis heute keinen Eingang in die offizielle Erinnerung gefunden, nicht zuletzt, weil die streikenden Bergarbeiter zu einem großen Teil „Ausländer", d. h. keine Basken waren. Die rechtsnationale Re­gierung des Baskenlands hält es da­her bislang nicht für notwendig dieses Widerstands zu gedenken. Leire wird eine Lehr- und Diskussionsstunde mit Schülern veranstalten sowie „Flugblät­ter" verteilen. Auf ihnen wird die heutige Bevölkerung knapp, aber präzise an die­se historischen Protestereignisse in der Region erinnert.

 

Über unsere Rechercheergebnisse wird man sich auf unserer mehrspra­chigen Website http://protestineurope.pr.funpic.de/ ausführlich erkundigen kön­nen - noch ist sie im Aufbau begriffen. Trotz aller nationalen Unterschiede ha­ben wir auch etliche Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten in unseren Ländern herausgearbeitet. Meist wurde der Wi­derstand, den wir untersuchten, von der Arbeiterschaft getragen, unterstützt von den Gewerkschaften. Streiks waren eine besonders häufige und teilweise wirkungsvolle Protestform. Sehr wichtig für jede Art des Widerstands war die So­lidarität mit verhafteten Kameraden und deren zurückgelassenen Familien. Diese wurden so gut wie möglich - nicht zuletzt finanziell - unterstützt. In Österreich und Spanien, wo ein großer Teil der Bevölke­rung hinter der Regierung stand, stellte sich die Ausgangslage für Widerstand viel ungünstiger dar als in Slowenien, denn die Gefahr der Denunziation war sehr groß. Schwerer vergleichbar sind die Ergebnisse der Recherchen zum fa­schistischen Italien: Auch hier konnte ein diktatorisches Regime lange Zeit auf Zustimmung in der Bevölkerung bauen, doch die Recherchen Elisabettas nah­men vor allem die Endphase ab 1943 in den Blick, als die deutschen Verbünde­ten im Norden des Landes die Kontrolle übernommen hatten.. Schließlich ver­band auch der spanische Bürgerkrieg die Geschichte unserer Länder: Freiwilli­ge aus Italien, Österreich und Slowenien haben sich am Kampf gegen Franco beteiligt.

 

 

János Böszörmányi,

 

studiert Jus und Geschichte Kontakt:

 

Lerchenfelder Str. 1-3/133, 1070 Wien

 

Tel.: +43 650 3643547 | E-Mail: janos.b@gmx.at