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Ausgabe 4/06


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Edeltrud Posiles. Lebensretterin vor NS-Verfolgung

Edeltrud Becher, verehelichte Posiles, wurde 1916 in Wien geboren. Ihr Vater war Kaufmann und ihre Mutter Hausfrau. Edeltrud wollte sich immer mit Kunst beschäftigen, ihre Eltern hatten vor eine Innenarchitektin aus ihr zu machen.

 

Vor dem Zweiten Weltkrieg sei in Ös­terreich geradezu jede Gruppe von Men­schen beschimpft worden, erzählt sie. Deswegen habe sie den Antisemitismus für ein Relikt der Kaiserzeit gehalten. Wie ernst dieses Relikt zu nehmen war, erfuhr auch sie ab März 1938.

 

Bereits 1936 hatte sie Walter Posiles kennen gelernt und sich in ihn verliebt. 1938 steckte Walter ihr einen Ring an den Finger und sagte, er nehme sie zur Frau - soweit eine ganz gewöhnliche Liebesgeschichte; in ungewöhnliche Ge­fahr brachte das Paar aber der Umstand, dass Walter als Jude gemäß den Nürn­berger Rassengesetzen keine Bezie­hung mit einer „Arierin" eingehen durfte.

 

Walter musste Wien bald verlassen. Da er die tschechoslowakische Staats­bürgerschaft besaß, zog er zuerst nach Bratislava und dann nach Prag. Die bei­den gaben ihre Beziehung nicht auf, son­dern besuchten einander mehrere Male illegal und trotzten damit den rassisti­schen Vorgaben des NS-Regimes. 1938 wurde Edeltrud wegen „Rassenschan­de" angezeigt. Sie flüchtete mit Walters Hilfe nach Ungarn zu dessen Schwester Grete. Eine Kette von loyalen Freunden bewirkte schließlich eine günstige Wen­dung: Walter schilderte zunächst seiner guten Freundin Fritzi Buchegger, was passiert war. Diese erzählte es wieder­um Karla, einer weiteren Freundin. Karla hatte eine Bekannte, die bei der Gestapo im Büro arbeitete und sich bereit erklärte die Akte zu vernichten. Sie konnte aber ihr Versprechen, mit dem sie sich selbst großer Gefahr aussetzte, erst nach an­derthalb Jahren erfüllen. Fritzi verstän­digte Edeltrud sofort, als die Akte beseiti­gt war und so kehrte Edeltrud 1940 nach Wien zurück.

 

 

Das Überleben organisieren

 

Im Sommer 1942 erhielten Walter und seine Brüder Ludwig und Hans „Einbe­rufungen" ins KZ Theresienstadt. Statt dem Befehl Folge zu leisten, flüchteten sie nach Wien. Damit nicht nach ihnen gesucht würde, hinterließen sie Briefe, in denen sie Selbstmordabsichten offen­barten. In Wien bereitete Edeltrud inzwi­schen alles vor. Sie mietete ein Zimmer in einer Dachwohnung in der Neustift­gasse 33 und meldete sich dort auch an. Es handelte sich um die Wohnung von Friedrich Kunz, dem Verlobten ihrer Schwester Charlotte, der als Soldat an der Front kämpfte und deshalb praktisch nie in Wien zugegen war. Er durfte aber nicht erfahren, dass in seiner Wohnung Juden versteckt wurden.

 

Walter bezog mit Edeltrud das gemie­tete Zimmer, Hans und Ludwig wurden in der Wohnung von Friedrich Kunz un­tergebracht. Den Boden legten sie mit Verdunkelungspapier aus, nachdem sich die Bewohnerin unter ihnen beschwert hatte, dass sie zu laut wären. Sie durfte ja nicht wissen, dass in der Wohnung nicht bloß eine, sondern vier Personen lebten. Wenngleich Edeltrud auf ihre Fi­gur achtete und daher nur einen Teil ihrer eigenen Ration verbrauchte, konn­te die ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln für drei erwachsene Männer nur mit Unterstützung von Freunden, die ihnen Essensmarken gaben, und durch das Eingehen von Risiken gesichert wer­den. Man fälschte Bezugsscheine und suchte Orte, wo es ab und zu etwas ohne Marken zu kaufen gab.

 

Sechs Wochen nachdem die Brüder in Wien angekommen waren, erkrankte Walter. Mit der Hilfe von Charlotte Becher fanden sie einen Arzt, der mit einer Jüdin verheiratet war. Sie hofften daher auf seine Solidarität, doch als er erfuhr, dass auch Walter Jude war, konnte man ihn nur schwer von einer Anzeige abbringen. Walter ging es indes immer schlechter, und Edeltrud fürchtete schon, er würde sterben, als ihnen ein Unbekannter den jüdischen Arzt Dr. Pick vermittelte. Pick behandelte viele „U-Boote", im Unter­grund lebende Menschen, und konnte Walter kurieren. Kaum war dieser ge­sundet, erkrankte jedoch Edeltrud an Scharlach und musste ins Spital. Ihre größte Sorge war, dass sie einen der Brüder angesteckt hatte, denn diese hätten nicht adäquat behandelt werden können. Während des Spitalaufenthalts von Edeltrud nahm sich ihre Schwester Charlotte der Brüder Posiles an, obwohl sie sich auch um ihr neu geborenes Kind kümmern musste.

 

 

Aus dem sicheren Versteck vertrieben

 

Neue Verwicklungen entstanden, als unerwartet Friedrich, der Verlobte Charlottes, auf Urlaub nach Hause kam. Er rief Charlotte erst vom Bahnhof in Wien aus an, um ihr mitzuteilen, dass er unter­wegs zu seiner Wohnung sei. Charlotte rannte von ihrer Wohnung im 9. Bezirk in den 7., um Edeltrud und die Brüder zu warnen. Es gelang ihr einige Minuten vor Friedrich dort einzutreffen. Rasch schafften sie das Gewand der Brüder in Edeltruds Zimmer. Während Charlotte dann ihren Verlobten ablenkte, stiegen Ludwig und Hans über den Balkon durch das Vorzimmer ins Stiegenhaus. Walter blieb bei Edeltrud im Zimmer, wo sie ihn im Notfall in einer Kiste verstecken konnte.

 

Ludwig und Hans mussten nun eine andere Unterkunft finden. Das hieß, dass weitere Menschen eingeweiht werden mussten und die Gefahr einer Denunzi­ation stieg. Zum Glück hatte die Familie Posiles genügend Freunde, denen sich die Brüder anvertrauen konnten. Lud­wig fand zunächst bei Fritzi Buchegger Unterschlupf, bei der er aber wegen ih­res Freundes nicht bleiben konnte. Frit­zi vermittelte ihm daher ihre 80jährige Hausbesorgerin Frau Rehak, die ihn für acht Nächte aufnahm. Danach versteckte sich Ludwig bei Alois Kreiner, dem besten Freund Walters. Hans wiederum suchte Hilfe bei seinem Halbbruder Kurt, dessen Mutter ihn bei Maria Fasching, einer guten Freundin der Familie Po­siles, unterbrachte. Nach dem Ende des Fronturlaubs von Charlottes Verlobten kehrten die Brüder in die Neustiftgasse zurück.

 

 

Sich in der Stadt bewegen

 

Wenn Walter und seine Brüder auf die Straße gehen wollten, gab ihnen Edel­trud Zeichen vom Augustinplatz, ob das Haus leer war. Das traf zum Glück häufig zu, denn die Männer waren im Krieg und die Frauen leisteten Arbeitsdienst. Edeltrud selbst hatte sich auch zur Arbeit gemeldet, wurde aber nicht gleich genommen. Ein Jahr später ging sie di­rekt zu einer großen Elektrofirma, die Scheinwerfer für Panzer herstellte. Dort aufgenommen konnte sie zu ihrer Zu­friedenheit großen Schaden anrichten. Edeltrud und die drei Brüder schrieben außerdem Spottsprüche und klebten sie an Scheiben, Hydranten, etc.

 

Obwohl die Brüder Posiles „U-Boote" waren, konnten sie sich relativ frei be­wegen. Walter besaß außerdem einen gefälschten Pass, den er von Lydia Matouschek, einer von Edeltruds Tanten erhalten hatte. Es war der Pass eines alten Bekannten, den sie nach dessen Tod 1940 als Andenken an sich genom­men hatte. Der Verstorbene war eben­falls tschechoslowakischer Staatsbürger und vom Kriegsdienst befreit gewesen. Edeltrud adaptierte den Pass auf Walter, sodass dieser mit der Post sogar einige Pakete an seinen Sohn aus erster Ehe nach Auschwitz schicken konnte. Dieser und seine Mutter, die ebenfalls in Ausch­witz war, überlebten den Krieg nicht.

 

Die Wohnung zu verlassen war den­noch alles andere als gefahrlos. Eines Tages, als Edeltrud und Walter in einem Cafe saßen, fand eine Razzia gegen Kriegsdienstverweigerer statt. In dieser Situation wollte Walter nicht auf den ge­fälschten Pass vertrauen. Er nahm ein Bündel Zeitungen und ging auf die Veranda, um sie zu verteilen. Die Nazis, die ihn für den Eigentümer hielten, ließen ihn passieren und er verschwand in das gegenüber liegende Haus.

 

In den letzten Kriegswochen ver­steckten sich Walter und Edeltrud im Haus eines Freundes von Walter, der ein überzeugter Nationalsozialist, wenn auch kein Parteimitglied war. Er bat Wal­ter auf sein Haus aufzupassen, als er nach Westen flüchtete. Die Befreiung von der NS-Herrschaft brachte Walter paradoxerweise eine Verhaftung ein und seinen Bruder Hans kostete sie das Leben: Edeltrud und Walter waren zu der befreundeten Familie Kreiner unterwegs, als sie von Sowjetsoldaten aufgehalten wurden, die Walter arretierten. Nachdem er im Schutz der Dunkelheit geflohen war, erfuhr er bei den Kreiners, dass eine Bombe direkt vor Hans und Ma­ria Fasching eingeschlagen hatte. Hans starb auf der Stelle und Maria erlag zwei Tage später ihren Verletzungen. Die bei­den hatten sich auf dem Heimweg nach einem Besuch bei Hans' Halbbruder Kurt befunden. Am nächsten Tag hätte Hans zu den Sowjets überlaufen wollen.

 

 

János Böszörmányi,

 

studiert Jus und Geschichte

 

Mehr über die Posiles Brüder und ihre Retter unter: protestineurope.pr.funpic.de

 

Anmerkung:

 

1 Die Recherchen wurden unterstützt durch die Stif­tung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (http:// www.stiftung-evz.de).