AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 4/06


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Gedenkdienst am Ukrainischen Zentrum für Holocaust Studien

Im November 2004 rückte die Ukraine wieder ins westeuropäische Blickfeld, nachdem man sich lange Zeit in EU-Europa kaum für dieses riesige Land mit fast 47 Millionen Einwohnerinnen interessiert hatte. Im Zuge der Orangen Revoluti­on unter Wiktor Juschtschenko gingen über Monate tausende Menschen für ihr Recht auf faire und demokratische Wahl­en friedlich auf die Strasse. Sie hofften auf eine neue Ukraine. Heute wächst die Unzufriedenheit wieder, die hochge­schraubten Erwartungen von einem En­de der Korruption und einer toleranten, liberalen Gesellschaft haben sich zum Großteil nicht erfüllt. Stattdessen erstarkt der Nationalismus, der von den zahl­reichen Problemen des Landes ablenken soll, Antisemitismus ist weit verbreitet, auch auf höchster staatlicher und universitärer Ebene, und das überkommene, oligarchisch strukturierte Machtsystem ist nach wie vor intakt. Auch die Aufarbei­tung des Holocausts in der Ukraine wird von staatlicher Ebene kaum gefördert.

 

Das brachte Norbert Hinterleitner, der im Zuge seiner Arbeit für das Anne Frank Haus in Amsterdam das „Ukrainische Zentrum für Holocaust Studien" kennen gelernt hatte, Anfang des vergangenen Jahres auf die Idee, diese noch relativ junge, aber sehr aktive NGO mit der Ent­sendung eines Gedenkdienstleistenden zu unterstützen. Da der Vorschlag auch bei Gedenkdienst auf Zustimmung stieß und das Innenministerium die Einsatz­stelle genehmigte, befinde ich mich seit Mitte August in Kiew.

 

Mein Dienst am Zentrum zeichnet sich durch ein weitgestecktes Betätigungsfeld aus und ist dadurch äußerst vielschichtig und interessant. Ein Schwerpunkt liegt in der wissenschaftlichen Erforschung des Holocausts auf ukrainischem Territori­um, ein weiterer im erzieherischen Be­reich. Hier ruht besonderes Augenmerk auf der Erstellung und Implementierung von Lehrmaterial an Schulen und auf die Abhaltung von Seminaren für Schü­ler, Studenten und Lehrern zur Thematik des Holocausts.

 

Seit der Gründung des Zentrums im März 2002 durch die Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur des Insti­tuts für Politische und Ethnische Studi­en der Ukrainischen Nationalakademie der Wissenschaften konnten zahlreiche internationale Kooperationen etabliert werden, unter anderem mit dem Jewish Community Development Fund (JCDF/ AJWS, New York), dem Anne Frank Haus, der Botschaft der Niederlande in der Ukraine (Matra-Kap Programm), der Jüdischen Agency für Israel „Sohnut", dem Vaad der Ukraine (Gemeinschaft der juedischen Organisationen und Ge­meinden der Ukraine), der Memorial Foundation of Jewish Culture und der OSCE-ODIHR (Organisation für Sicher­heit und Zusammenarbeit in Europa, Bü­ro für Demokratische Institutionen und Menschenrechte).

 

Arbeiten am Zentrum

 

Da das Zentrum von staatlicher Sei­te finanziell nicht gestützt wird, bin ich hauptsächlich mit der Ausarbeitung von Projekten und mit der Suche nach Fi­nanzierungsmöglichkeiten beschäftigt. Das mag auf den ersten Blick vielleicht als trockene, monotone Arbeit erschei­nen, ist es aber auf keinen Fall. In den vier Monaten meiner Dienstzeit habe ich einen umfassenden Einblick in die Struk­turen und Formen der Holocaustaufar­beitung bekommen.

 

Durch die verschiedenen Anforde­rungen, die an die Förderungen von Pro­jekten geknüpft sind, ist es notwendig, sich mit unterschiedlichsten Problema­tiken zu beschäftigen. Die Palette reicht von organisatorischen und logistischen Problemen bis hin zur Erarbeitung von regional spezifischen Problemstellungen den Holocaust betreffend. Projekte in der Holocaust-Weiterbildung verlangen ein Verständnis der in der Ukraine vorherr­schenden Lehrstruktur. Entscheidend ist es komplett ausgearbeitete Unterrichts­einheiten mit vorgegebenem Ablauf und genauer Zeiteinteilung zu präsentieren. Der Lehrplan für Geschichte ist sehr streng strukturiert, was Flexibilität in der Gestaltung des Unterrichts kaum zulässt. Interessant ist auch der Einblick in die ukrainische Gesellschaft und de­ren Umgang mit dem Holocaust, den ich durch die Teilnahme an Gedenkfei­ern und in Diskussionen mit Lehrerinnen und Schülerinnen gewonnen habe. Vor allem wenn ausländische Gäste anwe­send sind, wird kaum über Kollabora­tion und Antisemitismus in der Ukraine gesprochen. Stattdessen wird das alte sowjetische Klischee des Heldentums gegen die deutschen Okkupanten in neuer ukrainischer Verpackung wieder­gegeben. Die kritische Auseinanderset­zung mit diesen „dunklen Flecken" der eigenen ukrainischen Vergangenheit ist ein Thema, dem sich unsere Seminare besonders widmen.

 

Leben in Kiew

 

Außerhalb der Arbeit gibt es natürlich auch noch ein Leben. Es ist eine inter­essante Mischung. Einerseits Überbleib­sel aus der Sowjetzeit wie dem Portier am Eingang des Instituts, einem älteren Herrn mit einem Hang zu Stempeln und offiziellen Dokumenten, der sich erst mit einer gehörigen Portion Überzeugungs­kraft, besser aber noch mit ein paar Griwna davon überzeugen lässt, dass man tatsächlich zum zutrittsberechtigten Personenkreis gehört. Andererseits ein neuer westlicher Lebensstil, den sich allerdings nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung leisten kann. Die krassen Einkommensunterschiede zwischen Normalbürgerinnen und der Oberschicht werden durch die Zurschaustellung von Statussymbolen eindrucksvoll inszeniert. Dementsprechend ist die hohe Luxuswagendichte eines der ersten Din­ge, die dem unbedarften Westeuropäer ins Auge stechen. Trotz des anfänglich oft abweisend erscheinenden Verhal­tens haben sich die Ukrainerinnen, die ich näher kennen lernte, als offene und gastfreundliche Leute erwiesen, die es verstehen Feste zu feiern und auch dem einen oder anderen Gläschen nicht ab­geneigt sind.

 

Abschließend möchte ich noch er­wähnen, wie begeistert ich von der Of­fenheit und Flexibilität der Leute hier am Zentrum bin. Sie arbeiten trotz nicht immer optimaler Rahmenbedingungen produktiv und mit der Hoffnung, positive Veränderungen in der Gesellschaft vor­antreiben zu können.

 

Wolfgang Wurth,

 

Gedenkdienstleistender in Kiew