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Ausgabe 4/06


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Erinnerungskultur und Antisemitismus in der Ukraine

Interview mit Anatoly Podolsky

 

 

Anatoli Podolsky ist Direktor des Uk­rainischen Zentrums für Holocaust Stu­dien. 1986-1993 Studium der Geschich­te am Kiewer Staatspädagogischen Ins­titut. 1996 Dissertation unter dem Titel „Nazigenozid der Juden in der Ukraine".

 

Publikationen: mehr als 50 Artikel über die Geschichte der Juden in der Uk­raine, über Geschichte des Holocausts in der Ukraine und in Europa und über die Didaktik der Holocaust-Education in Fachzeitschriften in der Ukraine, in Rus­sland und in Israel.

 

 

Am 29. September jährte sich das tra­gische Ereignis von Babi Yar zum 65. Mal, bei der Gedenkfeier waren zahl­reiche in- und ausländische Politiker zugegen. Angesichts dessen meine Frage an Sie, welchen Stellenwert nimmt die Erinnerung an den Holocaust in der Ukrainische Gesellschaft ein?

 

 

In der heutigen Ukraine existiert die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, das Land bewegt sich Schritt für Schritt in die Richtung eines demokratischen Staates und vor allem auf nicht staatlicher Ebene, in Univer­sitäten, an Schulen und von Seiten der NGO's gibt es den großen Wunsch mehr über den Holocaust zu erfahren und das Gedenken aufrecht zu erhalten. Auf der anderen Seite besteht von Seiten der Regierung aber kein Interesse, Holocaust-bezogene Forschung, Lehre und Erinnerung offiziell zu unterstützen. Ein gutes Beispiel sind die Holocaust Denk­mäler in der Ukraine, die größtenteils durch Mittel aus dem Ausland und mit Hilfe von NGO's aufgebaut wurden. Es ist nicht verboten über den Holocaust zu sprechen, aber es gibt auch keine Unterstützung. Ein wichtiger Schritt wä­re der Beitritt der Ukraine zur ITF (Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research), da ein großer Teil der ukrainischen Gesellschaft immer noch sehr wenig über die Geschichte des Ho­locausts weiß.

 

 

Welche Unterschiede sehen Sie in der Erinnerungskultur während der Sow­jetzeit und in der heutigen Ukraine?

 

 

Seit 1991, anders als während des sozialistischen Regimes, steht es uns frei über den Holocaust zu forschen und zu unterrichten. In der Sowjetunion, die ethnische und religiöse Unterschiede zu unterdrücken suchte, war das Interesse, dem speziellen Leiden der ukrainischen Juden zu gedenken, relativ gering. An Plätzen, wo Juden ermordet wurden, ge­dachte man der faschistischen Verbre­chen an sowjetischen Bürgern.

 

 

Wie geht man in der Ukraine mit dem Thema Kollaboration während des zwei­ten Weltkrieges um? Stichwort Stepan Bandera oder SS- Division Galizien.

 

 

Zuerst ist es wichtig zu klären, was ich unter Kollaboration verstehe. Von 1941-1944 war die Ukraine von den Deut­schen besetzt. Einige Millionen Leute lebten, schliefen, arbeiteten im okku­pierten Territorium. Diese Leute waren für die Sowjets Kollaborateure, Feinde. Dem kann ich mich natürlich nicht anschließen. Jene Teile der Bevölkerung, die mit den Ideen der Nazis sympathi­sierten, sich der SS, der Hilfspolizei oder der Wehrmacht anschlossen und an der Vernichtung der Juden und anderer „Volksfeinde" teilnahmen, sind für mich als Kollaborateure zu bewerten.

 

Das Thema der Kollaboration wäh­rend des zweiten Weltkriegs nimmt innerhalb des wissenschaftlichen Dis­kurses auf Forschungssymposien und in Diskussion zwischen Historikern ei­ne wichtige Stelle ein, wenngleich sich auch in diesen Reihen Leute befinden, die die aktive Mittäterschaft von Ukrai­nern am Holocaust in Frage stellen. In der Lehre an den Universitäten wird es manchmal angeschnitten, im Lehrplan der Mittelschulen jedoch existiert diese Problematik nicht, was auch auf die all­gemeine Sicht der Dinge in Bevölkerung und Regierung rückschließen lässt. Die Beteiligung von Ukrainern am Holocaust ist auf jeden Fall noch immer ein äußerst schwieriger Aspekt der ukrainischen Geschichtsaufarbeitung.

 

 

Auch vor der Shoa hat es in der Ukra­ine Pogrome in großem Ausmaß ge­geben, so in den Revolutionsjahren 1917- 1921, wo tausende Juden um­gebracht wurden. Wird in der Ukraine zu dieser Thematik ein öffentlicher Diskurs geführt?

 

 

Von öffentlichem Diskurs kann man eher nicht sprechen. Momentan domi­niert eher eine Diskussion über den Holodomor, die Hungerskatastrophe in den Jahren 1931 bis 1932 und über den Ho­locaust. Als Staatspräsident W. Juschtschenko bei seinem Frankreichbesuch am Grab von Symon Petlura, dessen Armee in den Revolutionsjahren für eine von den Sowjets unabhängige Ukraine gekämpft und dabei Schätzungen zufol­ge bis zu hunderttausend Juden umge­bracht hatte, einen Kranz niederlegte, gab es vereinzelt kritische Reaktionen von Wissenschaftlern wie Prof. Miroslav Popovich, dem Direktor der Philoso­phischen Akademie, und von der Kom­munistischen Partei. In der Öffentlichkeit blieben sie aber unbeachtet.

 

 

 

Welche Tendenzen bezüglich des Antise­mitismus gibt es heute in der Ukraine?

 

 

Leider ist während der letzten Jahre ein Ansteigen des Antisemitismus und antisemitischer Publikationen zu beob­achten. In direktem Zusammenhang da­mit steht die Interregionale Akademie für Personalmanagement (IRAPM), die größte private Hochschule im Land, die als Herausgeber zahlreicher Bücher und Journale („Personal", „Für eine freie Uk­raine", „Für eine ukrainische Ukraine", „Ukrainischer Führer" und viele mehr) rund 85% der in der Ukraine publizierten antisemitischen Schriften produziert. Die IRAPM unterhält intensive Kontakte mit Antisemiten in Russland, dem Mittleren Osten, Europa und Amerika. Dem US-amerikanischen Rassisten David Du­ke wurde im September 2005 für sein Machwerk „Zionismus als eine Form der ethnischen Überlegenheit" das Doktorat verliehen. Thematisch sind die Artikel eine Mischung aus neuem europäischen Antisemitismus, arabischem Antiisraelismus und traditioneller ultranationalisti­scher Judophobie. Durch die Publikation derartiger Texte begibt sich die Ukra­ine in die Reihe der Länder, in denen antizionistische Rhetorik legitim scheint und somit in den öffentlichen Diskurs als akzeptierter Bestandteil einfließt. Das ist meiner Meinung nach nicht zu unter­schätzen. Neben diesem „intellektuellen" Antisemitismus existiert auch noch der Antisemitismus der „normalen" Bevöl­kerung. Hier herrschen die traditionellen Stereotypen vor: Juden sind reich, sie kontrollieren unsere Medien, sie stehlen unser Geld, sie sind gegen uns und ge­gen die Ukraine.

 

 

Wird von politischer Seite etwas ge­gen den zunehmenden Antisemitis­mus getan?

 

 

Nach der „Orangen Revolution" haben sich die neuen politischen Kräfte eindeu­tig zu den europäischen Werten, zu einer Anerkennung der Gleichberechtigung von Minderheiten und der Ahndung von Xenophobie bekannt. W. Juschtschenko betonte oftmals die Notwendigkeit das Phänomen des Antisemitismus zu bekämpfen. Trotzdem wurden in diese Richtung keine konkreten Schritte unternommen.

 

 

Welchen Einfluss hat antisemitistische Rhetorik in der Politik?

 

 

Die Wahlkampagne 2006 war schwie­rig und angespannt, aber auch eine der fairsten und demokratischsten der letz­ten Jahre. Das Bestreben der Behörden gleiche Bedingungen für alle politischen Themen zu schaffen zog allerdings auch einige negative Konsequenzen nach sich. Parteien mit extrem antise­mitischem Wahlprogramm konnten ihre Ideen frei bewerben. Das Wahlergeb­nis zeigte aber, dass die Bevölkerung, nicht bereit ist, antisemitische und ultra­radikale Parteien zu unterstützen. Je­de dieser Parteien blieb unter 0,4% der Wählerstimmen. Trotzdem sitzen einige Abgeordnete, die während der Wahl­kampagne antisemitische Aussagen getätigt haben, jedoch den gemäßigten Parteien angehören, im Parlament. Auch Antisemitismusvorwürfe an das jeweils konkurrierende Lager waren an der Tagesordnung. Die Partei der Regionen von W. Janukowytsch, dem derzeitigen Premierminister, warf ihrem Widersacher W. Juschtschenko, dem Vorsitzenden der Partei "Unsere Ukraine", eine starke Bindung an die westukrainischen Ultra­nationalisten vor, was man aber eher als politisches Geplänkel denn als zutref­fend werten muss.

 

Abschließend möchte ich noch ver­söhnliche Worte finden. Heute, nach dem Zusammenbruch der UdSSR exis­tiert in der Ukraine wieder eine aktive, funktionierende jüdische Gemeinde, wir haben die Möglichkeit zum Thema des Holocausts zu forschen. Für mich als Historiker liegen die Antworten gegen den Antisemitismus darin, unseren Ju­gendlichen Toleranz und ein neues Mit­einander zu vermitteln, indem wir die ukrainische und jüdische Kultur und Ge­schichte sowie den Holocaust lehren.

 

 

Wolfgang Wurth,

 

Gedenkdienstleistender in Kiew

 

 

 

 

 

Der Holocaust in der Ukraine

 

Um die Ausprägung und den Verlauf des Holocausts in der Ukraine zu verste­hen, muss man auch auf die machtpolitischen Umstände in dieser Region während der Zwischenkriegszeit blicken. 1920 wurden die östlichen Gebiete der heutigen Ukraine nach den Unabhängigkeitsbestrebungen der Jahre 1917 bis 1920 der Sowjetunion einverleibt, die westlichen Gebiete Wolhynien und Ost-Galizien hin­gegen von Polen und die Bukowina von Rumänien annektiert. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten laut sowjetischem Zensus von 1939 1,5 Millionen Juden in der SSR Ukraine. Das entsprach einem Bevölkerungsanteil von 5%.

 

Im September 1939, nach dem Ausbruch des Kriegs, annektierte die Sowje­tunion dem Hitler-Stalin Pakt entsprechend den westlichen, polnischen Teil der Ukraine. Im Juni 1940 folgten noch die Bukowina und Bessarabien. Innerhalb der Ukraine mit ihren erweiterten Grenzen lebten jetzt 2,4 Millionen Juden.

 

Am 22. Juni 1941 begann das Unternehmen Barbarossa. Viele Ukrainer hießen die deutschen Invasoren, die sie als Befreier von der Sowjetokkupation sahen, willkommen. Sie versprachen sich einen unabhängigen ukrainischen Staat unter der Schutzherrschaft Deutschlands. Dementsprechend groß war der Zulauf an Freiwilligen zur Waffen-SS, Polizei und Wehrmacht. Schon kurz nach dem Rück­zug der Sowjetarmee und des NKWD kam es zu ersten „spontanen" Pogromen in Lwow/Lviv/Lemberg, Zolochiv und vielen anderen westukrainischen Städten, die, als Racheaktionen gegen die von den „jüdischen Bolschewiken" begangenen Gräueltaten getarnt, die antijüdische Haltung von großen Teilen der Bevölkerung widerspiegelten. Unmittelbar nach Eroberung und Besetzung durch die Wehr­macht folgten die Sonderkommandos der Einsatzgruppen. Sie konnten anfänglich die Ahnungslosigkeit ihrer Opfer ausnützen, die sie durch Plakatanschlag und Auf­ruf zur Versammlung an einem zentralen Ort oder Gebäude veranlassten. Von dort wurden die Juden dann in der Regel unter dem Vorwand der Umsiedlung oder des Arbeitseinsatzes zum Ort ihrer Tötung transportiert. Das größte Massaker dieser Art fand am 29. und 30. September 1941 in der Schlucht Babi Jar bei Kiew statt, wo das Einsatzkommando 4a 33.771 Kiewer Juden erschoss. In der Bukowina und Bessarabien, die dem mit den Deutschen verbündeten Rumänien zufielen, wurde die jüdische Bevölkerung nach anfänglichem „wilden Holocaust" in Ghettos oder Auffanglager gepfercht, um sie 1941/42 mit Todesmärschen in das rumänisch okkupierte Transnistrien zu deportieren, wo zehntausende umkamen. Ingesamt fielen dem Holocaust in der Ukraine 1,6 Millionen Juden zum Opfer.            W. W.