AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 1/07


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

„Was wir wussten, bekamen wir eher über das Schweigen vermittelt.“

Post-Nazi-Österreich ist für die Kin­der von Holocaust-Überlebenden ein kompliziertes und emotionales Thema. Der Umgang mit der eigenen Familien­geschichte sieht deshalb mitunter sehr unterschiedlich aus. Die Bandbreite an Zugängen reicht von keinem Interesse an post-Nazi-Österreich bis hin zur aktiven Teilnahme am österreichischen gesell­schaftlichen Diskurs. Yossi Gutmann und Eva Grudin gehören zu jenen, die aktiv ih­re eigene Vergangenheit aufarbeiten. Sie gründeten die Künstlerlnnen-Kooperative "To Counter Act". die sich gegen Rassis­mus und Antisemitismus in Österreich einsetzt. Für GEDENKDIENST sprachen sie über ihre Erfahrungen in Österreich, über ihre Familiengeschichte und über den Zustand des Landes heute.

 

 

Emigration

 

 

Eva Grudin: Ich wurde in Shanghai geboren. Meine Eltern waren aus Nazi-Österreich nach Shanghai geflohen und nach dem zweiten Weltkrieg nach Wien zurückgekehrt. So verbrachte ich einige meiner ersten Lebensjahre im Nachkriegs-Wien. Ich persönlich habe sehr schöne Kindheitserinnerungen an diese Nachkriegsjahre in Wien. Natürlich erzählte mir niemand, was davor in Nazi­österreich geschehen war. Ich erinnere mich, dass wir Kinder viel Spaß dabei hatten in den ausgebombten Ruinen zu spielen. Unter dem Displaced-Persons-Act konnten wir dann Anfang der 50er Jahre in die USA emigrieren.

 

In den USA angekommen, erlebte ich einen großen Schock. Plötzlich veränderte sich meine ganze Umgebung, ich musste Englisch lernen etc. Lange Zeit behielt ich also diese schönen frühkindlichen Erinnerungen an Österreich. Als ich dann mit 21 Jahren nach Österreich reiste, identifi­zierte ich mich sehr mit Österreich und so trug ich dann am Land sogar ein Dirndl.

 

Yossi Gutmann: Ich wurde in Israel geboren. Mein Vater stammte aus Litau­en, nur wenige Verwandte von ihm über­lebten die Shoah. Meine Mutter wurde in Israel geboren, ihre Familie stammte aus der Bukowina. Ich selbst lebe seit den späten 80er Jahren in Österreich. Meine Tochter wurde in Österreich geboren.

 

 

Schweigen

 

 

Eva Grudin: Das Dilemma der zwei­ten Generation ist, dass fast niemand Eltern hatte, die wirklich darüber spre­chen konnten. Alles, was wir wussten, bekamen wir eher über das Schweigen vermittelt als über das Gesprochene. Langsam begann ich eine unausgespro­chene Geschichte zu begreifen. Niemand sprach über den Holocaust, wenn dann sprach man über den „Krieg". Ich hörte dann vielleicht von meinen Eltern: „Un­sere Eltern wurden von Hitler ermordet", als hätte er persönlich sie ermordet. Das wurde dann vielleicht mal erwähnt und dann wurde wieder für Jahre über dieses Thema geschwiegen. Ja, ich habe die Geschichte über das Schweigen vermit­telt bekommen. Ich wusste nur, dass viele Verwandte einfach fehlten. Ich wusste, dass es da diesen riesigen Abgrund gab, dass ich keine Großeltern hatte.

 

 

Zurückkommen

 

 

Eva Grudin: Bei Reisen nach Wien begann ich zunehmend die Tragödie mei­ner Familie zu begreifen. Ich interessierte mich, wo meine Eltern gelebt hatten, und fragte mich, was passieren würde, wenn ich zu ihrer ehemaligen Wohnung ge­hen würde. Gibt es dort vielleicht noch Sachen von ihnen? Wenn man einmal beginnt sich mit der Vergangenheit von Nazi-Österreich zu beschäftigen, dann lässt es einen einfach nicht mehr los. Man fragt sich in jeder Gasse, in jeder Straße in Wien, wer hier wohl wohnte, wer von hier wohl deportiert wurde und auch wer wohl jetzt dort wohnt.

 

Nachdem meine Tante Ida in Wien gestorben war, konnte ich für mehrere Jahre nicht mehr nach Wien zurückkeh­ren. Tante Ida war Zahnärztin gewesen. Sie überlebte den Holocaust in England, wo sie wie viele, viele andere jüdische Flüchtlinge als Putzfrau arbeiten muss­te. Sie sprach fast nie über diese Zeit in England. Es muss sehr demütigend für sie gewesen sein Toiletten putzen zu müssen. Doch gleichzeitig konnten die Flüchtlinge diese Wunden nicht ver­arbeiten, man konnte nicht wirklich dar­über sprechen, da das selbst erlittene Leid in keinem Fall vergleichbar war mit dem, was den ermordeten Verwandten angetan worden war. In Shanghai ha­ben wir jüdischen Flüchtlinge ja auch in extremer Armut gelebt. Das kleine jü­dische Ghetto, die bittere Armut, all das war aber kein Thema, denn wir hatten ja zumindest überlebt.

 

 

Sprachidentität

 

 

Eva Grudin: Als ich in den USA an­kam, musste ich ja erst einmal Englisch lernen. Weiters musste ich sehr hart dar­an arbeiten meinen deutschen Akzent zu verlieren. Es ist eigenartig, wenn ich daran denke, dass ich heutzutage in meiner Mut­tersprache einen englischen Akzent habe Der Klang des Wienerischen hingegen geht mir bis heute noch sehr nahe.

 

 

Erster Eindruck

 

 

Yossi Gutmann: Am Anfang hatte es mir gefallen oder ich wollte zumindest dass es mir gefällt. Ich bin Musiker und deshalb hat Österreich viel für mich be­deutet. Nach und nach aber bemerkte ich, dass die große musikalische Ver­gangenheit von Österreich Vergangen­heit ist - ein billiges Klischee, das dafür herhält Mozartkostüme zu verkaufen Vor den Nazis war Wien ein sehr wich­tiges Zentrum für die Musik, aber Nazi-Österreich vernichtete diese Kreativität nachhaltig.

 

Ein verstörendes Erlebnis von mei­ner ersten Zeit in Österreich (Ende der 80er Jahre) bleibt mir stark in Erinne­rung: Meine Frau und ich saßen in einem Lokal, in einem Beisl, als wir bemerk­ten, dass eine Gruppe älterer Männer sich am Nachbartisch lautstark über ihre Kriegsvergangenheit unterhielt. Sie er­zählten von Erschießungen von Zivilis­ten in verschiedenen Dörfern und von ihren „Abenteuern" bei der SS. Beson­ders schockierend war, wie stolz diese österreichischen Mörder auf Ihre Verbre­chen waren.

 

 

Rassistische Propaganda

 

 

Yossi Gutmann: Rassistische Schmierereien, die man überall in Wien antrifft, erinnern in ihrer Sprache an die Nazis. Heute liest man „Neger raus", frü­her „Juden raus". Besonders schockie­rend ist aber auch der ignorante Umgang der Behörden mit diesen überall aufzu­findenden Schmierereien. Am Bahnhof in Eisenstadt habe ich monatelang in­tervenieren müssen, bis endlich einige Hakenkreuze übermalt wurden. In Öster­reich ist zwar Nazi-Propaganda verboten, trotzdem bleiben rassistische und neona­zistische Parolen einfach stehen.

 

Eva Grudin: Zu meiner Second Ge­neration Identity gehört als zentraler Teil, gegen Antisemitismus und Rassismus in Österreich aufzustehen. Es ist wichtig sich zu äußern, es ist wichtig Position zu bezie­hen. Das ist, was wir mit unserem Kunst­projekt erreichen wollen: To Counter Act!

 

 

Antisemitismus

 

 

Yossi Gutmann: Antisemitismus ist sehr weit verbreitet in Österreich und kommt sowohl von rechts wie von links. Man findet ihn bei allen politischen Par­teien und in den Medien. Wenn man sich zum Beispiel die Nachrichten im Fernsehen ansieht, merkt man, wie weit verbreitet der Antisemitismus in Öster­reich ist. Einen latenten Antisemitismus beobachte ich auch in den Radionach­richten. Ich denke, es sollte inakzeptabel sein, dass Leute in den Medien über Juden in dieser vorwurfsvollen oder gar hasserfüllten Stimme sprechen, welche die Zuhörer unbewusst manipuliert. Be­sonders eindeutig wird der antijüdische Konsens, wenn man den vollkommen verzerrten Blick auf den arabisch-israelischen Konflikt in der post-Nazi Gesell­schaft Österreichs betrachtet. Jeden Tag werden Raketen von Gaza auf Israel ab­geschossen und in den österreichischen Medien gibt es niemanden, der darüber berichtet. Die Nachrichten in Österreich berichten hochgradig manipulativ, so-dass die Menschen glauben, Israel sei der „Agressor".

 

 

Neuer Antisemitismus

 

 

Yossi Gutmann: Es ist sehr beängs­tigend zu sehen, wie der arabische An­tisemitismus und Hass auf Israel in der Linken Fuß gefasst hat. Die Linke war einige Zeit die Hoffnung für jüdische Menschen. Doch heute erleben wir, wie weite Teile der Linken Vorurteile und Pro­paganda gegen Juden und Israel aus der arabischen Welt übernommen haben. In der arabischen Welt ist antisemitischer Hass leider weit verbreitet. Das ist sehr traurig, denn traditionell gesehen haben Araber und Juden lange Zeit friedlich miteinander gelebt. Heute hingegen ver­wenden arabische Antisemiten dieselben Bilder und dieselbe Sprache wie zuvor Hitler. Da der arabische Antisemitismus aber großteils ein Import des europä­ischen Nazi-Antisemitismus war, schließt sich nun der Kreis wieder. Über den Weg durch die arabische Welt hat der alte Hass auf Juden heute wieder Platz in der europäischen Mitte gefunden.

 

 

Hoffnungen

 

 

Yossi Gutmann: Meine Hoffnung für Österreich sind die Menschen, die ich über meine kulturelle Arbeit kennen lerne - Menschen die gegen Rassismus und Antisemitismus auftreten und unser Projekt unterstützen.

 

 

Emil Rennert,

 

GDIer am Leo Baeck Institute, NY

 

 

 

 

Flucht nach New York

 

Als "Land der unbegrenzten Möglich­keiten" waren die Vereinigten Staaten für viele Juden und Jüdinnen schon lange vor der Machtübernahme der Na­zis in Deutschland ein begehrtes Rei­seziel. Die erste jüdische Gemeinde wurde 1654 in New York gegründet. Vor allem diese Stadt mit ihrer multikultu­rellen Gesellschaft galt als Zufluchtsort, an dem bessere Jobs und mehr Chan­cen winkten.

 

Hunderttausende Verfolgte machten sich vor, während und nach dem zwei­ten Weltkrieg auf den Weg über den Atlantik, den Reichsfluchtsteuer, Aus­reisegenehmigungen, aber auch strik­te Einreisequoten erschwerten. In der neuen Welt angekommen, mussten sie - meist noch ohne jegliche Englischkenntnisse - beginnen, sich eine neue Existenz aufbauen. Sie versuchten sich möglichst schnell an die amerikanische Gesellschaft und Sprache anzupassen. Sie nahmen auch einen starken US-Patriotismus an, unterstützten vor allem Roosevelt und die Demokraten. Um als "echte" Amerikanerinnen, keinesfalls als „enemy aliens", wahrgenommen zu werden, sprachen sie Deutsch nur mehr in Hinterzimmern. Das führte zwar zu einer schnellen Integration, aber auch dazu, dass kulturelles Erbe verloren ging - die zweite Generation beherrschte bei­spielsweise häufig nur noch Englisch.

 

Das Leben der Flüchtlinge wurde zu­sätzlich durch einen ausgeprägten Anti­semitismus erschwert. In New York zwar kaum vorhanden, reichte er jedoch vor allem in ländlichen Gebieten während der 1930er Jahre von der Bildung anti­semitischer und nationalsozialistischer Organisationen bis hin zu gewaltsamen Übergriffen auf die jüdische Bevölke­rung. Nach dem Kriegseintritt der USA wurden diese Gruppen zwar schnell verboten, Jüdinnen und Juden hatten allerdings zum Beispiel noch bis in die 1950er Jahre nur beschränkten Zutritt zu manchen Hotels und Universitäten.

 

Heute ist New York mit knapp unter zwei Millionen Jüdinnen und Juden nach Tel Aviv die zweitgrößte "jüdische" Stadt der Welt. Trotz der Gräuel der Shoah, die bei den Vertriebenen tiefe Wunden hinterlassen haben, floriert in den fol­genden Generationen ein selbstbewuss­tes Judentum.

 

E.R./T.R.

 

 

 

Austrian Heritage Collection

 

Seit 1996 befasst sich die Austrian Heritage Collection (AHC) mit der österreichisch-jüdischen Emigration in die Vereinigten Staaten. Die Idee zu dem Projekt geht auf Matthias Krön zurück, den ersten Gedenkdienstleistenden am Leo Baeck Institute (LBI) in New York. Das Herzstück der am LBI angesiedel­ten Sammlung sind Oral-History Inter­views, die von den Gedenkdienstleis­tenden mit jüdischen Exil-Österreicherlnnen geführt werden. Neben den oft traumatischen Erlebnissen in Österreich liegt dabei das Augenmerk auf Immig­ration und Integration der Exilantlnnen in den USA. Während die Interviews den Schwerpunkt der Arbeit an der AHC darstellen, machen Fragebögen, die mit Hilfe des Nationalfonds der Republik Ös­terreich verschickt werden, den Großteil der Sammlung aus. Bisher umfasst sie über 5300 ausgefüllte Fragebögen von Personen aus allen Bundesstaaten. Zu­sätzlich bearbeiten und archivieren die Gedenkdiener am Leo Baeck Institute von Emigrantinnen gespendete Samm­lungen von Dokumenten, Fotos und per­sönlichen Erinnerungsstücken.

 

E.R./T.R.

 

 

 

 

 

 

Liebe Leserin! Lieber Leser!

 

Wie gehen die Kinder von Überleben­den mit der Shoah und der Geschichte ihrer Eltern um? Die Frage verlangt nach einer Vielzahl von Antworten, so diffe­renziert, wie die Biographien - auch ab­seits der unterschiedlichen Erfahrungen von Verfolgung - eben sind. Die große Zahl aber ist schon angesichts des uns zur Verfügung stehenden Platzes ein Problem. Um so mehr schien es sinn­voll, Kinder von Überlebenden selbst zu Wort kommen zu lassen. Drei Interviews, geführt von Gedenkdienstleistenden in London, New York und Buenos Aires, eröffnen Perspektiven auf die „Zweite Generation".

 

Die übliche Tätigkeit der GDIer an den genannten Orten fokussiert sich al­lerdings auf die Angehörigen der "Ersten Generation", sei es durch Organisation von Zeitzeuginnenprogrammen, durch lebensgeschichtliche Interviews, Unter­stützung bei Behördenwegen oder als Teil des Betreuungsteams in einem Al­tersheim. So haben die Gedenkdienst­leistenden am Leo Baeck Institute in New York seit 1996 die Austrian Heri-tage Collection, eine bedeutende bio­graphische Sammlung, aufgebaut. Die Salzburger Historikerin Maria Ecker berichtet über ein Forschungsprojekt, das sich auf dieses Material stützt. Auch in Buenos Aires steht der Kontakt mit Emigrantinnen im Zentrum des Gedenk-diensts an zwei verschiedenen Einsatz­stellen. Georg Sommerbauer präsentiert in einem ausführlichen Beitrag den „ho-gar Adolfo Hirsch".

 

Seite 6 und 7 folgen dann anderen Pfaden: In Gedenkdienst 1/06 hat sich Florian Wenninger mit den „New Histo-rians" in Israel und ihrer Dekonstrukti-on der nationalen Geschichte befasst. Dieses Thema wird nun mit einer durch den Redakteurswechsel bei „Gedenk­dienst" induzierten Verzögerung wieder aufgenommen. Der Journalist und Autor Karl Pfeifer reagiert auf Florian Wen-ningers Artikel und bezieht eine Gegen­position.

 

Zuletzt ein Blick nach Kärnten — Lisa Rettl schreibt über Oskar Kraus, Abwehr­kämpfer und Bürgermeister von Villach in der NS-Zeit.

 

Oliver Kühschelm

 

Chefredakteur GEDENKDIENST