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Ausgabe 1/07


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„Der 'Anschluss' - how could it ever, ever happen!?!!“

Erinnerungen an den März 1938: Eine Projektbeschreibung

 

 

Seit ihrer Gründung 1996 ist die „Austrian Heritage Collection" zu einem beeindruckenden Quellenkorpus an autobiographischen Zeugnissen von österreichisch-jüdischen Immigrantin­nen in den USA gewachsen. Das For­schungsprojekt „ ,Die Austrian Heritage Collection': Schriftliche und Mündliche Erinnerungen von österreichisch-jüdi­schen Immigrantinnen in den USA"1 hat sowohl eine erste quantitative als auch qualitative Analyse der gesammelten Quellen zum Ziel. Ein spezieller Fokus liegt auf der detaillierten Auswertung der Erinnerungen an den „Anschluss" im März 1938.

 

Der quantitativ wichtigste Bestand­teil der „Austrian Heritage Collection" sind die questionnaires, die mittels 34 offener Fragen die Lebensgeschichten und Erfahrungen von österreichisch-jü­dischen Immigrantinnen erkunden. Für das laufende Forschungsprojekt ist eine dieser Fragen von besonderem Interes­se, nämlich jene nach den Erfahrungen der „Anschluss"-Tage.2 Bei der Auswer­tung geht es nun nicht nur darum, einen detaillierten Blick darauf zu werfen, wel­che Erfahrungen erwähnt werden (z.B. physische und psychische Gewaltakte, Hilfe von Nachbarn, ...), sondern auch darauf, wie darüber erzählt wird. Die nicht weniger als 1211 „Anschluss"-Erinnerungen, die bisher gesammelt worden sind, bieten eine einzigartige quantitative Quellenbasis, um neben der inhaltlichen Ebene methodische Einblicke in etwaige geschlechts-, Schicht- und altersspezifi­sche Unterschiede des Erinnerns und Erzählens zu gewinnen.

 

Die Antworten in den Fragebögen geben eine große Bandbreite an Erfah­rungen wieder und vermitteln einen Ein­druck, wie die österreichische jüdische Bevölkerung den Abend, an dem „die Hölle ausbrach"3 (und die Tage danach) erlebt hat. Oder, anders ausgedrückt: Wie ein Teil der österreichischen jüdi­schen Bevölkerung diese Tage erinnert.

 

Schon ein paar ausgewählte Beispiele zeigen, wie sehr die Antworten in Inhalt, Länge, und Struktur variieren, und las­sen so das weite Spektrum an gesam­melten Erinnerungen erahnen. Heien Andis etwa berichtet zunächst ausführ­lich über das Schicksal ihres Verlobten Jura Soyfer, bevor sie auf ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen kommt: „I facilitated my father's emigration to England together with a half sister aged 6. Both my mother and later my step mother died before Hitler. The 'impact person-ally' was devastating and l have never recovered and never feit that l belonged even though l suppose l should consider myself lucky. It broke my heart." Völ­lig anders die Darstellung von Edward Greif, den der sachliche Charakter des Fragebogens eine ebenso nüchterne Antwort entlockt: „Unable to work. Father lost Job. l was arrested. Father arrested - killed at Buchenwald." Immer wieder wird in den Antworten auch das Ringen um Worte in dem Versuch, das Geschehene zu begreifen, deutlich. Das manifestiert sich sprachlich auf unter­schiedliche Weise - im ersten Satz der ausführlichen Antwort von Paula Will­mann zum Beispiel in folgender Form: "Der 'Anschluss' - how could it ever, ever happen!?!!"

 

 

Maria Ecker,

 

Historikerin

 

Kontakt für nähere Informationen zu dem Projekt: Maria.Ecker@sbg.ac.at, 0662/8044-4189

 

Projektträger ist das Zentrum für Jüdische Kultur­geschichte (Universität Salzburg), Projektleiter Ao. Univ. Prof. Dr. Albert Lichtblau, Projektbearbeiterin Dr. Maria Ecker. Laufzeit: Juni 2006 - Mai 2008. AHC Questionnaire II, Frage 2.1.: How was your time spent during and after the „Anschluss"? What was the impact of the "Anschluss" on you perso-nally? (Were you expelled from school? Did you or somebody in your family lose your /their Jobs? Were your apartments/houses looted? Were you (or members of your family) persecuted? Were you/they forced to scrub the streets?). Zuckmayer, Carl: Als war's ein Stück von mir. Erin­nerungen. Hören der Freundschaft. Hamburg, 1972, S. 61.