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Ausgabe 1/07


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„Der Holocaust wird mich mein ganzes Leben lang beschäftigen..."

Geschichte und Realität. Wie Kinder von Überlebenden damit umgehen.

 

 

Janette ist 35 und Office Manager am London Jewish Cultural Centre. Ich hatte neulich das Privileg, sie über ihre Erfah­rungen und Gedanken als Tochter eines Holocaust Überlebenden zu befragen.

 

 

Wie bzw. wann fandest Du heraus, dass Dein Vater ein Überlebender des Holocausts ist?

 

 

Während der ersten, etwa 25 Jah­re meines Lebens wusste ich nur sehr wenig über meinen Vater. Ich wusste nur, dass er ein Holocaust Überleben­der ist. Er sprach nie über das, was er durchgemacht hatte, und ich traute mich nicht zu fragen. Er ließ nur gelegent­lich Bemerkungen fallen. Wenn ich mich manchmal über Kälte beklagte, meinte er, dass er schon -60°C überstanden hat­te. Oder wenn ich mich über hartes Brot beschwerte, erwiderte er, dass er schon verschimmeltes Brot gegessen hatte.

 

Als der Film „Schindlers Liste" in die Kinos kam, änderte sich das. Ich ar­beitete damals für die Firma, die die Europa Premiere organisierte, und war eng eingebunden in die Planungen. Es mag lächerlich klingen, aber dieser Film gab mir schließlich den Anstoß, Nach­forschungen über meine eigene Familie anzustellen, und ich begann, meinem Vater Fragen zu stellen.

 

 

Was hast Du dabei erfahren?

 

 

Nicht viel. Er spricht nicht gern und nur sehr wenig über diese Zeit seines Lebens. Soweit ich weiß, lebte er in einer Stadt namens Sanok in Polen. Kurz be­vor die Deutschen diesen Ort erreichten, flohen er und einige andere in die Ber­ge. Später würden sie von russischen Soldaten aufgegriffen und nach Yakutz in Sibirien verbracht, vermutlich in ein Arbeitslager. Seine Eltern starben dort, soweit ich weiß, an Hunger. Ansonsten weiß ich nur, dass er 1955 als einer der letzten von einem DP-Camp in Salz­burg nach England gebracht wurde. D wurde vom „Jewish Refugees Commit-tee" (JRC), einer Abteilung des „Central British Fund for World Jewish Relief", organisiert, für das ich später zufällig arbeitete. Erst nach einiger Zeit fand ich heraus, dass sie es waren, die meinen Vater nach England gebracht hatten.

 

Seine Geschichte wurde vom JRC aufgezeichnet. Er wollte mir aber nicht die Erlaubnis geben, in seine Akte Ein­sicht zu nehmen.

 

 

Hatte Dein Vater Geschwister, weitere Verwandte?

 

 

Mein Vater hat einen älteren Bruder, der nach dem Krieg in die USA emigrierte. Mein Vater wollte eigentlich mit ihm gehen, da er aber keine Ausbildung hatte - er war erst 12, als er vor den Deutschen floh -wurde ihm die Einreise verweigert. Nach mehr als 25 Jahren sahen die beiden sich zum ersten Mal Anfang der 80er Jahre wieder und ich hatte die Gelegenheit mei­nen Onkel kennen zu lernen. Es war so unglaublich ergreifend, als sich die beiden erwachsenen Männer heulend wie kleine Kinder in die Arme fielen. Sie schienen aus zwei Welten zu stammen - mein Va­ter versuchte sich der neuen Umgebung anzupassen, vor allem in seinem Erschei­nungsbild, sein Bruder hingegen trug ei­nen langen Bart und schwarze Kleidung, wie sie bei den Chassidim üblich ist - auf einmal waren sie wieder eine Familie.

 

Dann waren da noch zwei Schwe­stern, vielleicht noch eine dritte, eine Zwillingsschwester einer der beiden an­deren. Die Informationen, die mein Vater mir gegeben hat, sind nur sehr vage. Eine der Schwestern überlebte in Polen und hat dort einen Katholiken geheiratet. Ich weiß nicht, ob sie je konvertiert ist, jedenfalls ist sie sehr stark assimiliert. Eine andere lebte in Israel.

 

Diese Informationen konnte ich meinem Vater immer nur Stück für Stück entlocken. Als ich 10 Jahre alt war, meldete sich ein junger Schweizer bei uns, der Ahnenfor­schung betrieb und mir von weitschichti­gen Verwandten berichtete, die verstreut auf der ganzen Welt leben. Davor habe ich mir noch gedacht, ich hätte gar keine Fa­milie. Er war es auch, der mir die Namen meiner Großeltern nannte.

 

 

Wie hat Dich diese Suche nach Dei­ner Familie und deren Vergangenheit verändert?

 

 

Zunächst muss ich sagen, dass ich heu­te sehr viel mehr Respekt vor meinem Va­ter habe. Ich war ein sehr schlimmes Kind, war ständig unzufrieden und habe sehr viel gestritten, vor allem mit meinem Vater. Heute tut mir das sehr leid und ich hoffe, dass ich es wieder gut machen kann.

 

Ich habe dann auch bald begonnen, mich mit anderen in Verbindung zu set­zen, die Nachkommen von Holocaust­überlebenden sind und auch gezielt the­rapeutische Hilfe gesucht. Das hat dazu geführt, dass ich mich heute besser ver­stehe. Jetzt verstehe ich z. B., warum ich immer Panik bekomme, bevor ich zu einer Reise aufbreche und packen muss: „Was packe ich ein von meinem Leben?"

 

 

Am 26. Jänner hatten wir ja am LJCC die Gedenkveranstaltung zum „Holo­caust Memorial Day". Wie geht es Dir bei solchen Veranstaltungen und wie ganz allgemein mit der Erinnerung an den Holocaust?

 

 

Dazu habe ich gemischte Gefühle. Als z. B. einmal zu einer Schweigeminute in Erinnerung an die Opfer des Holocausts aufgerufen wurde, dachte ich mir nur: „Sagt mir nicht, wie ich gedenken soll. Ich tue das schon mein ganzes Leben!"

 

Andererseits, die längste Zeit meines Lebens konnte ich mich gar nicht mit der Geschichte und der Erinnerung an den Holocaust beschäftigen, ich fürch­tete mich zu sehr davor. Diesbezüglich habe ich einen sehr starken Verdrän­gungsmechanismus entwickelt. Ich kann mich z. B. nicht erinnern, in der Schule darüber etwas gelernt zu haben. Und ich besuchte eine jüdische Schule.

 

Mich fasziniert der krasse Gegensatz zwischen meinem Vater, der nie über sei­ne Erfahrungen spricht und anderen Über­lebenden, die das ständig tun, indem sie an Schulen Zeitzeugenberichte geben.

 

Ich halte es für sehr wichtig, dass sie ih­re Erfahrungen den Schülern weitergeben und dass ihr Vermächtnis erhalten bleibt.

 

 

Wenn wir schon beim „Gedenken" sind - du hast als einzige am „Lon­don Jewish Cultural Centre" die Zu­sammenarbeit mit Gedenkdienst von Anfang an verfolgt. Wie waren Deine Erfahrungen?

 

 

Zunächst war ich sehr skeptisch, mit Nachfahren von potentiellen Tätern zu­sammen zu arbeiten und ich glaube, die Holocaust-Überlebenden, mit denen die Gedenkdiener zusammenarbeiten, emp­fanden so ähnlich. Ich befragte noch die ersten drei genau über die Geschichte ihrer Familie während des 2. Weltkriegs.

 

Aber das hat sich stark geändert. Die Jungs waren immer wunderbare und einzigartige Menschen, einer zählt heute sogar zu meinen besten Freunden. Ich halte Gedenkdienst für ein ganz tolles Programm, das mehr Unterstützung be­kommen sollte.

 

Meine Einstellung hat sich durch die Begegnung mit den Gedenkdienern ge­ändert. Ich habe immer gesagt, dass ich nie nach Deutschland oder Öster­reich reisen möchte. Letzten Herbst war ich in Wien, weil ich heute dort so viele Freunde habe dank Gedenkdienst. Alle waren so unglaublich gastfreundlich und ich habe jeden Augenblick der Reise genossen.

 

Der Holocaust wird mich mein ganzes Leben lang beschäftigen und ich hoffe, dass ich eines Tages damit umgehen kann.

 

 

Johann Kirchknopf,

 

GDIer am LJCC

 

 

 

 

 

Das "London Jewish Cultural Centre"

 

Das „London Jewish Cultural Centre" (LJCC) steht heute im Zentrum einer blühenden und selbstbewussten jüdischen Gemeinde. Entstan­den war es jedoch als Reaktion auf einen Iden­titätsverlust, den Robin Spiro, Oxford-Absolvent und erfolgreicher Geschäftsmann konstatierte. Er gründete 1978 das „Spiro Institute" (vor einigen Jahren in LJCC umbenannt), das sich die Vermitt­lung jüdischer Kultur in all ihren Facetten zum Ziel setzte.

 

Eine der wichtigsten Aufgaben des Zentrums ist die Bekämpfung von Antisemitismus und Ras­sismus. Deshalb wurde das „Holocaust and Antiracism Education Department" eingerichtet, in dem seit 1997 auch Gedenkdiener arbeiten. Sie sind verantwortlich für das „Speaker Programme" und vermitteln jährlich weit über hundert Zeitzeuglnnengespräche, Tendenz steigend. Die Berichte der etwa 70 Holocaust-Überlebenden, die in dem Programm tätig sind, erreichen jährlich tausende Schülerinnen und Studentinnen. Weiters werden Seminare und Konferenzen organisiert, sogar auf internationaler Ebene, z. B. in China oder Weiß­russland.

 

J.K.

 

Links:

 

http://www.somethingjewish.co.uk/articles/844_about_the_spiro_ark.htm

http://www.ljcc.org.uk